Neue Kommentare

Patrick Dissinger zu „Foxtrot”. Samuel Moaz und das Konzept des Zufalls: Ein exzellenter, sehr kluger Film. Danke für den...
erlenmeier zu Historische Tankstellen – auf Spurensuche in Hamburg : Ich arbeite seit vielen Jahren beim Forum geschic...
Bartholomay zu Berliner Mauer 57. Jahrestag: Gedenkfeier ? Um von ihren Taten gegen die ehemal...
Herby Neubacher zu Eindringlicher Holocaust-Roman von Affinity Konar: „Mischling“ – keine leichte, aber lohnende Lektüre: Das hat uns jetzt eigentlich noch gefehlt - Erinn...
Ada Rompf zu „The Rider”. Die zärtlich-raue Poesie der Chloé Zhao : Besser kann man meinen Lieblingsfilm dieses Früh...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2015


Film

Dschungelkind

Drucken
(91 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Freitag, den 04. Februar 2011 um 10:00 Uhr
Dschungelkind 4.6 out of 5 based on 91 votes.
Dschungelkind Stella Kunkat, Thomas Kretschmann, Nadja Uhl, Sina Tkotsch

Der Titel klingt wie ein Märchen, ein Roman, harmlos wie ein Zeichentrickfilm aus der eigenen Kindheit. „Dschungelkind“ ist jedoch ganz dicht an der Realität, einer Wirklichkeit, die man heute kaum noch finden kann und basiert auf einer erlebten Geschichte.
Es ist die Lebensgeschichte von Sabine Kuegler, die mit ihrer gleichnamigen autobiographischen Erzählung nicht nur im Jahr 2005 das Leseinteresse zur Höchstform auflaufen ließ, sondern auch Talkshow-Quoten brachte.

Ihre Erzählung beginnt 1978, da ist sie acht. Vater Klaus Kuegler arbeitet als Linguist und möchte eine bis dahin unbekannte Sprache studieren: Es ist die des Stammes der Fayu, einer Gruppe von Menschen, die im Urwald von West-Papua lebt. Die Zivilisation ist weit, weit weg. Nah sind dafür der Fluss, die üppigen Bäume und das schier undurchdringbare Dickicht, das Fayu-Dorf und der tägliche Überlebenskampf der Menschen, die dort leben.
Eigentlich kein Ort für eine Familie, die aus Deutschland kommt und Kinder mitbringt, schon gar nicht auf Jahre hinweg. Kueglers überleben, manchmal gut, manchmal irgendwie und manchmal gerade eben. Das Umfeld ist archaisch, der Kulturschock immens und das gegenseitige anfängliche Misstrauen und Unbehagen ist groß. Man arrangiert sich und die Kinder merken schnell, dies ist kein Abenteuerspielplatz. Diese Welt dort im Dschungel ist zwar wild, aber doch auch längst berührt und sie berührt uns als Zuschauer, weil sie menschlich und unmenschlich zugleich ist. Verstörend darwinistisch und mit un(miss)verständlichen sozialen Kompetenzen. Der Tod spielt im Film seine eigene Rolle.

Dem gegenüber stehen die gigantisch schönen Landschaftsaufnahmen von Kameramann Holly Fink. Sie zeigen das geradezu unberührte Bild einer urwüchsig entfesselten Natur, oft aus der Vogelperspektive, aus einem Helikopter gefilmt. Jene Bilder werden die Eingeborenen niemals zu Gesicht bekommen, sie bleiben der Leinwand vorbehalten.

Roland Suso Richter („Mogadischu“, „Dresden“ und „Buby Scholz Story“) ist mit „Dschungelkind“ ein sehenswertes Kinowerk gelungen. Gedreht wurde der Film in Malaysia mit extra eingeflogenen eingeborenen Darstellern aus West-Papua und natürlich und gut agierenden Schauspielern aus Deutschland.
Dramatisch, spannungsreich, bildgewaltig und gleichzeitig feinfühlig schaffen es Bilder und Geschichte, Text und Darstellung den Besucher in jenen Bann zu ziehen, der ihn noch über das Kinoerlebnis hinaus festhält. Dabei – und dies ist ein nachvollziehbares Element – verändert sich die Erzählperspektive; mal definiert sie die kindliche, teils naive und romantische Sicht und mal wechselt sie zu der der Eltern. Die Perspektive ist aber stringent und eindeutig westlich und versucht erst gar nicht etwas zu wollen, das von einer derartigen Kinoproduktion nicht erzählt werden kann.

Schwappte bei Kueglers Buch teilweise zu Recht Kritik in die Feuilletons über die verharmlosende und verklärte Darstellung von Ureinwohnern, so hat Richter den Spagat besser gemeistert. Im Film wirkt kaum etwas unangenehm verklärt – stattdessen erklärt er, wo es notwendig ist – auch wenn nicht alles bildlich gezeigt wird. Die persönlich erzählte Geschichte nähert sich dem Dschungel und den Menschen dort an und entfernt sich auch wieder, um näher beim Publikum zu sein. Über die persönlichen Empfindungen der Filmprotagonisten und des Publikums ist nichts zu sagen, man muss sie erleben.
Der Film folgt einer literarischen Form oder besser gesagt der Struktur eines Buches in sofern, dass er Abschnitte und Kapitel aufweist. Diese textlichen Einblendungen wirken insbesondere für jene Kinogänger nicht künstlich, störend und unplatziert, die nicht an formalen Setzungen wie: „So darf man das aber nicht machen“, kleben, sondern vielmehr dies als sinnvollen Teil der dramaturgischen und erzählerischen Mittel deuten können.

Eine außerordentliche Geschichte, mit außerordentlichen Mitteln, in einer außerordentlichen Welt.

 (Trailer ca. 2.05 Min.) „Dschungelkind“, D 2010, 131 Min.



 
Home > Blog > Film > Dschungelkind

Mehr auf KulturPort.De

Die Stunde der Matrosen – Kiel und die deutsche Revolution 1918
 Die Stunde der Matrosen – Kiel und die deutsche Revolution 1918



Zehn Tage dauerte der Aufstand. Gemeint ist der Matrosenaufstand in Kiel. Der Aufstand brach Ende Oktober 1918 auf den Schiffen der Hochseeflotte vor Wilhelmshav [ ... ]



Heiße Ecke 15 Jahre
 Heiße Ecke 15 Jahre



Von solchen Zahlen kann man nicht einmal träumen. Rund 42000 Kondome, 25 000 Würstchen, 16800 Waschmaschinenladungen und 12600 Bierdosen wurden in sage und sch [ ... ]



Ludwig und Benyamin Nuss: Songs & Ballads
 Ludwig und Benyamin Nuss: Songs & Ballads



Zwei Instrumente, zwei Musiker – Vater und Sohn – ein Duo-Debüt-Album mit Liedern und Balladen. Zwei die sich verstehen und sich offensichtlich mit musikali [ ... ]



„Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm”. Dialektik für Genießer
 „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm”. Dialektik für Genießer



In „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm” schildert Regisseur Joachim A. Lang die Querelen um jenes nie gedrehte Leinwand-Epos, während er es zugleich [ ... ]



Lana Cenčić: Sama
 Lana Cenčić: Sama



Ein Soloalbum, dass vom ersten Song an besticht. Die Kroatin Lana Cenčić, mit Wohnsitz in New York und beeindruckender Stimme nennt ihre neue Platte „Sama“ [ ... ]



Die Liebe stirbt zuletzt. „Orpheus – eine musische Bastardtragödie“ begeistert im Hamburger Thalia Theater
 Die Liebe stirbt zuletzt. „Orpheus – eine musische Bastardtragödie“ begeistert im Hamburger Thalia Theater



Mit einem berauschend sinnlichen, wunderbar poetischen und philosophischen, dabei total abgedrehten Pop-Techno-Bühnenmärchen begeistert Theatermagier Antú Rom [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.