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Klimawandel als Filmthema: There Once Was An Island

Drei Jahre lang hat die Dokumentarfilmerin Briar March aus Neuseeland an ihrem Filmprojekt über das entlegene Pazifikatoll Takuu (Carterets Islands) und dessen prekäre Zukunft gearbeitet.
Nun ist das Ergebnis nicht nur auf vielen Festivals gezeigt und mit dem 1. Preis der Stiftung Friedliche Revolution des Dokumentarfestivals in Leipzig ausgezeichnet worden, sondern auch als DVD erhältlich. Zwei Mal hat March das nur 2,5 km kurze Atoll Takuu, 250 km östlich von Bougainville in Papua Neu Guinea, besucht und gefilmt. Das kleine Eiland zählte bereits 2007 nur noch 400 Einwohner polynesischer Herkunft, die sich eine eigene Sprache sowie eine vom Rest der Welt fast unbeeinflusste Kultur erhalten haben.

Den Bewohnern von Takuu, dem Atoll im Südpazifik, steht das Wasser buchstäblich bis zum Hals. Kommentarlos fängt die Kamera ein, wie sie sich notdürftig und fast hilflos mit Holzpfählen, Kalksteinen, Netzen und Bastmatten gegen die immer höher steigenden Flutmarken schützen. Warum das Meer verrückt spielt? Die Insulaner wissen es nicht. Zwei Wissenschaftler werden geschickt, um es ihnen zu erklären. Sie raten zum Umzug auf die große Verwaltungsinsel Bougainville. Doch die Gemeinschaft ist sich uneins. Viele fürchten, mit ihrer Heimat auch ihre kulturelle Identität zu verlieren. Derweil türmt sich draußen das Meer zu riesigen Wellen auf und überschwemmt einen großen Teil der Insel. Haben die Menschen von Takuu zu lange gezögert?

Das Problem ist seit langem bekannt und das Inselatoll sinkt nachweislich seit 1987 durch die Verschiebung der Erdplatten ins Meer. Hinzu kommt, wie man heute weiß, das Ansteigen des Meeresspiegels durch die globale Erwärmung - das macht im Ganzen eine Erhöhung um zwei Meter pro Jahr aus!
Bereits 2001 berichtete der US-amerikanische Nachrichtensender CNN in dem Artikel "Locals face starvation as their Island home sinks" über die drohende Katastrophe und den nahenden Exodus.

Die Probleme sind aber nicht nur globaler Natur. Wegen Reparaturarbeiten des einzigen Versorgungsschiffes „Sankamap“ in Australien, welches drei bis viermal im Jahr von Kieta, dem Haupthafen auf Bougainville, die lange Reise antritt, um die Menschen dort zu versorgen, fiel der Schiffsverkehr für ganze anderthalb Jahre komplett aus. Die Menschen hungerten und mussten mit ansehen, wie ihre Inseln von Monat zu Monat immer kleiner wurden. Von ursprünglich 2.000 Menschen zur Jahrtausendwende lebten zur Zeit der Dreharbeiten von Briar March ab Dezember 2006 nur noch knapp 400 Inselbewohner dort. Die Versalzung des Bodens sorgt für das Absterben der Pflanzenwelt und führt zur Versumpfung der Taroanpflanzungen: Tarowurzeln waren einst das Hauptnahrungsmittel der Bewohner. Briar March begleitete einen der letzten Taroanbauer auf die ehemals fruchtbare Nachbarinsel. Sie dreht gelbe Blätter, absterbende Gewächse, Sulfat haltiges Wasser – keine Grundlage mehr für jegliche Ernährung. Frustriert und von Mückenschwärmen geplagt filmt sie wenig später auf dem letzten bewohnbaren Flecken, wie Wohnhütten und die Schule des Atolls von einer hohen Flut unbrauchbar gemacht werden. Die eigens angereisten australischen Wissenschaftler plädieren für das Verlassen der Insel und geben jenen, die nicht fort wollen, den Rat, sich auf die drei Punkte, die noch etwas länger über dem Meeresspiegel liegen werden, anzusiedeln. Wie lange sie dort aber bleiben können...? Der Film von Briar March vermittelt Fakten nur mittels direkter Rede anderer. Er zeigt die menschliche, schmerzliche Sicht des Problems auf zurückhaltende, stille, fast poetische Art auf. Die Filmerin fokussiert drei bis vier Familien und deren Ungewissheit, Zerrissenheit, Unentschiedenheit und Zukunftsangst. Symbolisch für die prekäre Lebenslage der Insulaner steht der hochbetagte Vater zweier Schwestern, der zwischen den ersten und zweiten Dreharbeiten verstirbt. Sollte er der letzte Vertreter der Takuu-Dörfler gewesen sein, der auf dem Atoll geboren und gestorben ist? Auch die Schwestern sind sich uneins. Die eine will auf der Insel bleiben, die andere hat das Eiland längst verlassen und versucht, ihre Schwester umzustimmen.

Das Dilemma und die Ratlosigkeit der Menschen zeigen sich auch daran, dass weder die Regierung Papua Neuguineas noch die Regierung der autonomen Region Bougainville in der Lage sind zu helfen. Es fehlt an allem – auch an Organisation und Ressourcen. Die Umsiedlung nach Bougainville-Buka auf eine ehemalige und verlassene Plantage will gut vorbereitet werden. Zwar bilden Bougainville und Takuu politisch eine Einheit, aber weder geographisch (Bougainville gehört zum Archipel der Salomonen) noch ethnisch (Takuu ist polynesisch, Bougainville austronesisch und papua) sind sie in irgendeiner Weise verbunden. Das birgt die große Gefahr des Kulturverlusts. Sind die Takuu-Bewohner bisher ohne Geldverkehr ausgekommen und konnten sowohl ihre Sprache sprechen als auch ihre Religion ausüben, so wird die Umsiedlung nun dafür sorgen, dass sie sich in Bougainville vollkommen integrieren müssen, um zu überleben.

Takuu ist weder mythisches Atlantis noch reales Rungholt, die durch ein Erd- oder Seebeben, Landmassenverschiebung oder in einer einzigen Sturmflutnacht verschwanden. Der Untergang zieht sich schon über Jahrzehnte schleichend hin, ist aber dadurch nicht minder fatal. Wissenschaftler geben dem Atoll noch fünf Jahre und die Bewohner werden endgültig zu Migranten des Klimawandels.

{flv width="445" height="250";img="videos/island.jpg"}island{/flv}

 

(Trailer ca. 2.01 Min.) Briar March: „There Once was an Island: Te Henua e Nnoho. Climate Change in the Pacific“, PAL DVD, Neuseeland/USA, 2010, 80 min., OmeU, Produktion: Lyn Collie, On the Level Productions, Schnitt: Prisca Bouchet, Briar March, Kamera: Briar March. Sprache: englisch, takuu, tok pisin mit englischen Untertiteln.
Farbe, www.thereoncewasanisland.com.

Briar March ist eine Dokumentarfilmerin aus Bethells Beach, Te Henga, West Auckland/Neuseeland. Sie studierte zunächst an der ELAM, der University of Auckland’s School of Fine Arts, und arbeitet derzeit an ihrem Filmstudienabschluss Master of Fine Art an der Stanford University im kalifornischen Palo Alto/USA, wo sie u.a. bei Werner Herzog studiert hat.

Filmstills 1-6: Briar March, „There Once was an Island“
Foto 7: NASA (Quelle: Wikipedia)
Foto 8: Briar March während der Dreharbeiten auf Takuu
 

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