Neue Kommentare

Ada Rompf zu „The Rider”. Die zärtlich-raue Poesie der Chloé Zhao : Besser kann man meinen Lieblingsfilm dieses Früh...
yolo 456 zu Die Juden vom Altrhein: man sollte einen artikel erst einmal lesen bevor ...
yolo123 zu Die Juden vom Altrhein: Das jüdische Leben in Deutschland ist vorbei und...
Achenar Myst zu Nils Landgren with Janis Siegel: some other time: Die CD ist ein absoluter Genuss, tolle Auswahl de...
Achim zu Golnar & Mahan – Derakht: Musik, die glücklich macht - Danke !!!...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2015


Film

Im Gespräch: Claus Friede mit Regisseur Eike Besuden über seinen neuen Film: „Deckname Cor – Die dramatische Geschichte des Max Windmüller“

Drucken
(143 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Dienstag, den 08. Juni 2010 um 13:51 Uhr
Im Gespräch: Claus Friede mit Regisseur Eike Besuden über seinen neuen Film: „Deckname Cor – Die dramatische Geschichte des Max Windmüller“ 4.7 out of 5 based on 143 votes.

CF: Max Windmüller stammt aus einer jüdischen Familie aus Emden, und da in der Stadt die Nationalsozialisten genauso gewütet haben wie anderenorts auch, war es möglicherweise ein Glück, so grenznah zu sein. Hatte das irgendeinen Einfluss auf die frühe Flucht?

EB: Max Windmüllers Mutter hatte eine Schwester in Groningen, die Familie lebte also in Ost- und Westfriesland. Das war die altevidenteste Möglichkeit, Deutschland zu verlassen. Die ganze Familie konnte ins Ausland und blieb aber in der Familie. Wenig später zogen Windmüllers nach Assen und die Kinder gingen wie erwähnt auf die Bauernhöfe. Auch noch nach 1939 und nach dem deutschen Einmarsch im Mai 1940 blieb die Familie in Holland, wurde dann aber verhaftet. Max’ Eltern und der älteste Bruder Salomon wurden in Auschwitz ermordet, Isaak schaffte es nach Palästina und Max selbst ging in den Widerstand. Aber auch er war ein paar Tage im Durchgangslager Westerbork, konnte aber fliehen, was symptomatisch für ihn war, denn er kam wohl öfters in Situationen, in denen er schnell reagieren musste. Ich glaube alle sind da eher in den Widerstand reingerutscht, als das sie dies strategisch geplant hätten. Und entsprechend unprofessionell bis naiv haben die auch angefangen – und nicht nur angefangen, eigentlich auch im weiteren Verlauf so naiv weitergeführt. Das zeigt sich auch in der Tatsache, und das ist nicht im Film zu sehen, dass sie sich nach der Verhaftung von Joop Westerweel zu Ostern 1944 alle getroffen haben. Ein Verräter, und alle wären sofort verhaftet worden, auf einen Schlag. Doch sie haben sich getroffen, geredet und getanzt und ein wenig Palästina gespielt, in einer fast unglaublichen Naivität.

CF: Vielleicht verständlich, fast alle waren noch Jugendliche oder junge Erwachsene und Widerstand hatte sicherlich auch mit Angst, Flucht und Herzklopfen zu tun und da ist die Sehnsucht nach ein wenig normalen Leben in manchen Momenten übergroß...

EB: Viele bescheinigen Max Windmüller, dass er ein cooler Typ gewesen ist. Allein, dass er sich in Verkleidung und mit Ausweispapieren eines deutschen Sicherheitsdienst-Mannes durch Holland, Belgien und Frankreich bewegt. Ihm halfen seine Statur und sein nicht-jüdisches Aussehen, sein fast blondes Haar. Und im Ledermantel erweckte er dann einen Eindruck, dass er gar nicht nach seinem Ausweis gefragt wird.
Wenn Windmüller nicht in Paris an das Doppelagenten-Ehepaar geraten wäre, hätte alles gut ausgehen können.

CF: Sie haben für den Film, wie anfangs erwähnt, Interviews mit Überlebenden und Mitstreitern von Max Windmüller in ganz Israel geführt. War es einfach, mit denen über deren Erinnerungen zu sprechen?

EB: Mit fast allen war es einfach, ins Gespräch zu kommen und an die, die gar nicht sprechen wollten kommt man auch gar nicht ran. Fast alle sprechen gerne über die Zeit und da ich die meisten schon vor zehn Jahren getroffen hatte, waren die Interviews kein Problem. Ein wenig heikel waren die Gespräche mit Windmüllers damaliger Freundin Metta Lande. Sie stellte mir schließlich ihre Tagebücher zur Verfügung und das war dann die geöffnete Tür. Für mich war es nicht ganz einfach damit umzugehen. Ich wollte niemanden verletzen, vielmehr respektvoll mit dem Material umgehen. Keiner meiner Interviewpartner hat allerdings den Film vorweg gesehen.

CF: Und alle haben deutsch im Interview gesprochen!

EB: Sie sprechen noch viel deutsch miteinander, es sei denn, die Kinder und Enkel sind dabei, dann sprechen sie hebräisch. Bei den Gedenktreffen, in einem Wäldchen südlich von Haifa, wird althebräisch gesprochen – viele der Widerständler hatten nach ihrer Emigration nach Israel zunächst dort in einem Kibbuz gearbeitet und bereits in den 1950er Jahren einen Gedenkort im angrenzenden Wäldchen eingerichtet, den es bis heute gibt. Dort steht ein Gedenkstein mit den eingravierten Namen der Westerweel-Gruppe.



"Deckname Cor – Die dramatische Geschichte des Max Windmüller". D 2010. Regie, Buch: Eike Besuden. Kamera: André Krüger. Musik: Fabian Teichmann. Redaktion: Angela Sonntag (NDR).
Mit: Marcus Seuß, Pegah Kazemi, Sonja Dengler, Lena Klinder, Christoph Jacobi u.a. Farbe 90 Min. DigiBeta. Prod.: Pinguin Film in Ko-Produktion mit NDR und arte. / Eike Besuden, Rolf Wappenschmitt. DF/GermV.

Eike Besuden wurde 1948 in Wildeshausen bei Bremen geboren. Als Kleinkind kam er gemeinsam mit seinen Eltern nach Ostfriesland. Er machte sein Abitur in Emden und studierte anschließend Soziologie und Germanistik.

Fotonachweis: Alle Headerfotos Rieko Bordeaux, (c) Pinguin Film sowie Gedenkstätte bei Haifa
Portraitfoto Max Windmüller, Quelle: Archiv Arbeitskreis Juden in Emden

alt

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken


 
Home > Blog > Film > Im Gespräch: Claus Friede mit Regisseur Eike...

Mehr auf KulturPort.De

Ilse Helbich: Kluge Chronistin des Alters – „Im Gehen“ gefundene Gedichte
 Ilse Helbich: Kluge Chronistin des Alters – „Im Gehen“ gefundene Gedichte



Auch heute noch geschehen beglückende Wunder: Mit 80 Jahren veröffentlichte die 1923 in Wien geborene Ilse Helbich ihren ersten Roman unter dem Titel „Schwal [ ... ]



Thierry van Werveke: Schauspieler, Rockstar, Troublemaker, Thierry National
 Thierry van Werveke: Schauspieler, Rockstar, Troublemaker, Thierry National



Thierry! – allein sein Vorname löst in Luxemburg schon entzücken aus und wird mit der Addition von „National“ zum Kult. In Deutschland und Österreich fr [ ... ]



„Foxtrot”. Samuel Moaz und das Konzept des Zufalls
 „Foxtrot”. Samuel Moaz und das Konzept des Zufalls



Samuel Moaz kreiert mit dem Antikriegsdrama „Foxtrot” einen atemberaubenden ästhetischen Kosmos: zornig, visuell kühn, emotional hochexplosiv, oft grausam, [ ... ]



Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte: „Der Vorname“
 Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte: „Der Vorname“



Das Stück brillant, die Schauspieler große Klasse, die Inszenierung rundum gelungen und der kleine Saal der Komödie Winterhuder Fährhaus restlos ausverkauft. [ ... ]



Vergessen und wiederentdeckt: „Ludwig Meidner – Im Nacken das Sternemeer“
 Vergessen und wiederentdeckt: „Ludwig Meidner – Im Nacken das Sternemeer“



Der Titel der Ausstellung „Im Nacken das Sternemeer“ verweist auf das Buch mit Texten von Ludwig Meidner, das 1918 in Leipzig erschien. Meidner (1884-1966),  [ ... ]



Trio Elf & Marco Lobo – und die „Música Popular Brasileira“
 Trio Elf & Marco Lobo – und die „Música Popular Brasileira“



Die brasilianische Liedkunst – die dort den Status von Popmusik hat – nennt sich pragmatisch „Música Popular Brasileira“. Den Musikern des Trio Elf, Wal [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.