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Hamburger Architektur Sommer 2019


Film

„Der Distelfink“. Kühle Eleganz als Metapher für Schmerz

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Montag, den 30. September 2019 um 09:16 Uhr
„Der Distelfink“. Kühle Eleganz als Metapher für Schmerz 4.3 out of 5 based on 262 votes.
der distelfink goldfinch

Donna Tartt erhielt für ihren Roman „Der Distelfink“ 2014 den Pulitzer Preis. Der Bestseller galt ob seiner literarischen Opulenz als unverfilmbar. Manche Kritiker priesen jene emotionale Odyssee eines Dreizehnjährigen als Meisterwerk in der Tradition von Charles Dickens, andere dagegen erinnerte die detailverliebte Cominig-of-Age-Fabel eher an Harry Potter.
Regisseur John Crowley inszeniert das Schuld-und-Sühne-Epos in verstörend schönen, suggestiven Bildern. Auf der Leinwand entwickelt sich „Der Distelfink“ zum gigantischen wundervoll choreographierten Puzzle, eine manchmal fast surrealistisch anmutende Crime Story, die ihre ganz eigenen Gesetze hat und der Fantasie wohltuend mehr Spielraum lässt.

Atmosphärisch starker Einstieg Schon die Kamerafahrt entlang des altmodischen engen Hotelflurs signalisiert emotionale Bedrohung. Ein junger Mann (überzeugend Ansel Elgort) mit Brille, in Krawatte, dunklem Anzug und weißem Hemd liegt auf dem Hotelbett, er starrt an die Decke. -Ungeduldig durchblättert der Zwanzigjährige die holländischen Tageszeitungen, Fotos zeigen den Tatort eines tödlichen Schusswechsels.- Blick aus dem Fenster auf die mit Lichtern geschmückten Brücken des verschneiten weihnachtlichen Amsterdams. Minimalistische Impressionen voller Verzweiflung, Angst, Schmerz. Noch haben wir keine Idee, um wenn oder was es sich handelt. Die Szenen, manchmal ohne Dialog, sind keine klassischen Rückblenden, eher Erinnerungsfetzen. Wir sind gezwungen während der nächsten zweieinhalb Stunden, uns auf jedes Detail zu konzentrieren, langsam beginnen wir die Zusammenhänge zu erahnen, Verbindungen Stück für Stück herzustellen. Filmemacher John Crowley („Brooklyn”) und Drehbuchautor Peter Straughan („Tinker Tailor Soldier Spy”) unterlaufen so die Opulenz des amerikanischen Romans, kreieren einen radikal konträren Spannungsbogen. Die Gefühlsausbrüche sind kurz, flammen auf, verschwinden, es ist, als hätten sie nie existiert.

Eine Bombe explodiert im New Yorker Museum auf Modern Art, aus dem Ausstellungsraum quillt eine riesige dunkelgraue Wolke. Eben noch haben dort der dreizehnjährige Theo Decker (Oakes Fegley) und seine Mutter vor deren Lieblingsbild gestanden: „Der Distelfink“ von Carel Fabritius (1654). Er ist weitergegangen, sie blieb. Die Polizei trifft ein, unbemerkt verschwindet der Junge im Gewirr von Menschen, daheim wartet er auf die Rückkehr der Mutter. Sie ist tot und der Schmerz wie ein gellender lautloser nie enden wollender Schrei, Theo liegt zusammengekrümmt am Boden. Die Eltern seines Schulkameraden Andys nehmen ihn auf, es ist anfangs nicht unbedingt ein warmherziger Empfang, eher frostig, höflich distanziert. Die Barbours sind eine wohlhabende Upperclass Familie, ihre Wohnung eingerichtet mit exquisiten Antiquitäten der verschiedenen Perioden. Am ersten Abend stochert Theo in seinem Essen herum, sagt kein Wort, aber bald schon, fast beängstigend schnell, hat er sich integriert, ähnelt einem perfekten Sohn im Gegensatz zu dem aggressiven Platt, der grade vom Elite College geflogen ist oder dem unsicheren kleinen Andy. Beim Aufräumen im Kinderzimmer rollt ein Ring auf den Boden, Mrs. Barbour (Nicole Kidman) fragt den Jungen: „Ein Erbstück?” Theo bejaht.

Was wirklich passierte an jenem Tag im Museum, erzählt der Protagonist niemanden. Er weiß seine Geheimnisse zu verbergen, auch den Schmerz, der so unerträglich, so unfassbar scheint, dass Theo einfach die Rolle wechselt, ein anderer wird. Erinnerung bleibt hier ein Privileg, das er sich nicht gönnen darf, ist er doch der Schuldige am Tod des geliebten Menschen. Wegen einem banalen Verstoß gegen die Schulordnung waren Mutter und Sohn zum Direktor bestellt worden, es regnete, da sind die zwei kurz rein ins MoMA und dann... Auch hier muss der Zuschauer die einzelnen Puzzle-Teile aufspüren, um das Ausmaß von Theos Verzweiflung zu begreifen, eine Verzweiflung so tief, so unentrinnbar, dass er sie betäuben muss. Seine Welt hat etwas Unwirkliches seit dem Terroranschlag, dieses Gefühl versteht Kameramann Roger Deakins („Blade Runner 2049”) virtuos in leicht überhöhte kühle, ästhetisch elegante Bilder umzusetzen, die an Patricia Highsmith und die Tom- Ripley-Verfilmungen erinnern. Hier sind Begriffe wie Moral und Wahrheit außer Kraft gesetzt. Welche Ironie, die Zigaretten waren nicht die von Theo, sondern die eines älteren Mitschülers. Welch grauenvoller Preis für Loyalität, und doch bedeutet sie dem Dreizehnjährigen noch immer unendlich viel.

Die Polizei vernimmt den Jungen, nein, er hat nichts gesehen, er war im Souvenirshop, die Mutter im angrenzenden Raum. Und doch, er weiß mehr, als er zugibt, aber vieles mag auch für ihn unerreichbar sein im Unterbewusstsein verschüttet. Zwischen den Trümmern gab ein sterbender älterer Mann Theo den Ring für seinen Geschäftspartner, er fleht den Jungen an, das Gemälde von Fabritius in Sicherheit zu bringen, der Junge gehorcht wie im Trance. Verbirgt das Bild unter seiner Jacke, es wird sein großes Geheimnis, die letzte wirkliche Verbindung zur Mutter. Sorgsam versteckt er das Porträt des Steglitz, wagt es kaum anzusehen. Wenn er sich auf dem Boden vor Verzweiflung krümmt, hält er das in Zeitungspapier eingewickelt Kleinod fest umarmt. Im Museum war jener grauhaarige unscheinbare Mann, Welton Blackwell, in Begleitung eines rothaarigen Mädchens, nur für sie hatte Theo Augen nicht für die Mutter neben ihm. Die Schuld erdrückt ihn, und doch lernt er wieder zu lächeln, ein seltsames etwas vages unentschlossenes Lächeln. Auffallen tut das keinem. Der 1022-Seiten-Roman ist eine Ich-Erzählung, jede Empfindung, jedes Ornament wird überbordend wortreich geschildert, völlig unabhängig von dessen Bedeutung. John Crowley erreicht ähnliche Intensität durch die Magie seiner visuellen Kompositionen, die Perspektive des Protagonisten wird die unsrige.

An diesem Tag geht Theo zu dem Antiquitätenladen Hobart & Blackwell, alles scheint verlassen, doch unten im Keller öffnet ihm „Hobie" Hobart (Jeffrey Wright). Weltons rothaarige Nichte wurde bei der Bombenexplosion schwer verletzt, auch sie hat keine Eltern, Klavier spielen war Pippas Leidenschaft, den Traum einer großen Karriere muss sie nun begraben. Sie hört auf dem iPod ihr Lieblingsstück von Glenn Gould. Zwischen den beiden Kinder entsteht durch das gemeinsam Erlebte ene besondere Beziehung, auch als sie nach Texas zur Tante geschickt wird, schreibt ihr Theo. Er kommt nach wie vor in den Laden, fegt den Boden, der gutmütige Hobie weiht ihn ein in die Kunst des Restaurieren oder besser des Fälschens. Der dunkle riesige Keller mit all seinen Schätzen aus den verschiedensten Epochen wird der Zufluchtsort des Jungen, Vergangenheit und Gegenwart lösen sich auf, Verlust ist hier leichter zu ertragen. Die Liebe zu Kunst und Antiquitäten verbindet Theo und Mrs. Barbour, und Andy vertraut dem Freund an, dass die Eltern ihn adoptieren wollen. Doch jene Annäherung an das Glück ist trügerisch. Larry Decker (Luke Wilson), Theos Vater, taucht unerwartet bei den Barbours auf, er hatte in den Jahren zuvor nie Interesse an Sohn noch Ehefrau gezeigt, nur für Drogen und Sportwetten. Wo er steckte, wusste keiner, nun beharrt auf seine Recht als Erziehungsberechtigter. Für den Dreizehnjährigen bricht wieder eine Welt zusammen.

Theo ist verzweifelt, aber er sagt nichts. Er landet in einer unbewohnten Neubausiedlung am Stadtrand von Las Vegas. Dort ist der Vater untergetaucht mitsamt Freundin und hässlichem Pudel. Er schmiedet große Pläne, gibt sich freundlich. Wieder integriert sich der Protagonist ohne Widerstand in dem ihm völlig ungewohnten Milieu. Das Verhalten ähnelt einem Chamäleon, die einzige Verbindung zu seinem früheren Dasein bleibt das in Zeitungspapier eingepackte Gemälde. Sein Freund wird Boris (grandios Finn Wolfhard), Ukrainer, etwas älter als Theo und Halbwaise wie er, ein faszinierende sinnlicher Junge, Alkohol, Drogen, er macht vor nichts Halt, liebt jede Art der Grenzüberschreitung. Hier am Rande der Wüste entstehen die schönsten, fast surrealen Bilder, wenn Boris bei strahlendem Sonnenschein seinen großen schwarzen Regenschirm aufspannt und die beiden durch das Niemandsland schlendern. Oder wenn sie nachts in die riesigen Pools der Villen eintauchen wie in einen anderen Kosmos. Theos Vater trinkt wieder, für seine windigen Geschäfte versucht der glücklose Spieler an das Erbe des Sohnes heranzukommen, er scheut nicht vor brutaler Gewalt zurück, der Coup scheitert, die Fassade des vermeintlich freundlichen Vaters zerstört, Larry stirbt noch in derselben Nacht. Aus Furcht in ein staatliches Heim abgeschoben zu werden, tritt der Dreizehnjährige die Flucht Richtung New York an, Boris verspricht in wenigen Tagen nachzukommen. Er wird es nicht tun, warum begreifen wir erst viel später. Nach langen Busfahrten steht Theo klitschnass nachts vor der Tür des Antiquitätenladen. Sieben Jahre später ist er ein erfolgreicher Geschäftsmann und Partner von Hobie, hat aber ein ernstes Drogenproblem. Der einst so marode Laden floriert phantastisch, wir sollten misstrauisch sein. Dies ist kein Happy End sondern der Beginn des Schreckens. Nur einem Menschen hatte der Protagonist sein Geheimnis anvertraut: Boris

„Alles ist davor und danach. Dazwischen ist das Gemälde”, sagt Theo. „Der Distelfink“ ist die Geschichte von Betrug und Verrat, Fälschung und Wahrheit, es ist ein Tanz auf dem Vulkan einer Gesellschaft im Umbruch, alles dreht sich im Kreis. Die einzige Konstante im Leben von Theo war das entwendete kleine Vogelporträt gewesen. Das Trompe-l’oeil-Gemälde zeigt einen Stieglitz, angekettet auf einer von zwei Sitzstangen vor seinem Futternapf. Verlust und Trauma sind oft wie ein jenes fast unsichtbare Kettchen, es verbindet mit der Vergangenheit, lässt Schmerz und Leere nie vergessen. Am 12. Oktober 1654 explodierte das Pulvermagazin der Stadt Delft, zu diesem Zeitpunkt arbeitet Carel Fabritius in seinem Atelier. Er gilt als der begabteste Rembrandt-Schüler. Schwer verletzt wurde der Maler unter den Trümmern seines Hauses geborgen. Am nächsten Tag starb er im Alter von nur 32 Jahren.


Originaltitel: The Goldfinch

Regie: John Crowley
Drehbuch: Peter Straughan
Darsteller: Ansel Elgort, Finn Wolfhard, Nicole Kidman
Produktionsland: USA. 2019
Länge: 150 Minuten
Kinostart: 26. September 2019
Verleih: Warner Bros.

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. AND AMAZON CONTENT SERVICES LLC / Nicole Rivelli

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avatar Hampus Jeppsson
+2
 
 
Interessant. Ein sehr guter Roman, dessen Verfilmung ich mir gern ansehen werde. Bitte auch Deutschstunde nach Siegfried Lenz vorstellen. Danke.
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