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Film

„Midsommar”. Die sonnendurchfluteten Abgründe des Ari Aster

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Freitag, den 20. September 2019 um 09:42 Uhr
„Midsommar”. Die sonnendurchfluteten Abgründe des Ari Aster 4.5 out of 5 based on 462 votes.
midsommar

Mit ästhetischer Akribie inszeniert Ari Aster seinen Film „Midsommar” als makabres heidnisches Bacchanal mitten im digitalen Zeitalter. Der anspruchsvolle blutige Horrortrip ist eine Meditation über Macht und Dominanz, das Rollenspiel der Geschlechter, gibt der Darstellung von Leiden eine neue schmerzhafte Dimension und entwickelt sich zur triumphalen Oper des okkulten Grauens.
Während Krisenzeiten lechzt das Kino-Publikum nach Schauder und Schrecken besonderer Art, der 33jährige amerikanische Regisseur versteht sich darauf wie kaum ein anderer, mehr noch, er hat das Mystery-Horror-Genre verinnerlicht: Verlust, Furcht, Ekel, Gewalt, Tod. Sein surreales Familien-Drama „Hereditary” begeisterte 2018 Presse und Publikum.

In der Beziehung kriselt es schon seit geraumer Zeit. Anthropologie-Student Christan (Jack Reynor) ist genervt, seine Freundin Dani (beeindruckend Florence Pugh) klammert, es fühlt sich für ihn an wie ein immerwährender Katastrophenalarm, er würde sich gerne still und leise davon machen, bitte ohne enervierende Grundsatzdiskussionen. Aber dann ist sie wirklich da eines Nachts im Winter, die absolute Katastrophe: Danis depressive Schwester tötet die Eltern und sich selbst. Der Schmerz ist wie ein verzweifelter gellender Schrei, der nicht enden will. Schuldgefühle, Trauer, Versagensängste. Wie reagieren auf das Unfassbare. Auch in „Hereditary” war der auslösende Moment der Tod.

Unmöglich sich zu verdrücken in einer Situation wie dieser, das ist Christian durchaus bewusst, auch wenn seine Kumpel nörgeln. Dani klammert sich noch mehr an ihn als sonst, aber hier versagen Worte genau wie Nähe, zelebriert lediglich als erzwungene Zärtlichkeit. „Midsommar” ist auch ein Film über gegenseitige Abhängigkeiten. Das hübsche blonde Mädchen verspricht Freiraum und meint eigentlich: Bitte lass mich keine Minute allein. Sie hat herausgefunden, dass Christian plant, mit den Studienkollegen nach Schweden zu fliegen, aufs Land in die abgelegenen Kommune, wo Pelle (Vilhelm Blomgren) aufgewachsen ist. Der Austauschstudent hat die Freunde eingeladen, dort Mittsommer zu feiern, neun Tage soll das Fest dauern und findet nur alle 90 Jahre statt. Die Jungs spekulieren auf phantastisches wissenschaftliches Material für ihre Abschlussarbeiten, insgeheim hoffen sie auf eine wilde Sause. Wild wird es.

Christian bringt es nicht übers Herz, Dani zu verletzen, oder ist er vielleicht nur zu feige, nein zu sagen, auf jeden Fall lädt er sie ein mitzukommen. Keiner der Kommilitonen scheint begeistert, obwohl Pelle sich im Gegensatz zu den lässigen US-Machos sehr viel verständnisvoller und höflicher gegenüber dem Mädchen verhält. Die unausgesprochene Rivalität zwischen den Youngstern ist trotz rüpelhafter Fröhlichkeit spürbar, da ist Mark (Will Poulter), ein chauvinistischer Dummkopf mit geringer Hemmschwelle, Josh (William Jackson Harper), ein geborener Wissenschaftler, der die Reise nutzt, um für seine Doktorarbeit über Pelles Vorfahren, die Hårga zu erforschen und Christian, der keine echte Leidenschaft fürs Akademische zu haben scheint. Als er dann vor Ort sich entscheidet, seine Dissertation ebenfalls über die Bräuche und Rituale der Hårga zu schreiben, kommt es zum emotionalen Crash.

Aster Ari begann das Script für „Midsommar” lange vor den Dreharbeiten zu „Hereditary”, als er grade eine dreijährige Beziehung hinter sich hatte. Er litt, konnte nicht loslassen und wollte seine eigenen Erfahrungen mit Treue und Trauer deshalb aus der Perspektive eines halluzinatorischen verstörenden Märchens neu erkunden und reflektieren. Um den eigenen Liebeskummer zu überwinden, widmete er sich ganz dem Trennungsschmerz seiner Protagonistin. Doch das apokalyptische Abenteuer ins Hälsingland geht weit über das Grauen des Genres hinaus, die persönlichen Tragödie mutiert zur weiblichen Rache-Vision und kulturhistorischen Parabel. Kaum angekommen spürt Dani eine seltsame Erleichterung. Umgeben von sanften grünen Hügellandschaften, Feldern und weißgekleideten Menschen wird sie, die verschmähte Außenseiterin, einbezogen in das Zentrum der Gemeinschaft, ist Gefangene wie Auserwählte. Pelle hat seine Freunde wohlweislich nicht gewarnt, was sie hier erwartet, die jungen Amerikaner verstoßen in ihrer tumben Überheblichkeit gegen die Regeln und Gesetze einer ihnen völlig fremden Welt. Es ist die koloniale Gleichgültigkeit von Touristen oder Eroberern vergangener Jahrhunderte, der Untergang ist ihnen sicher.

Ein radikaler Bruch zwischen jener dunklen Winternacht am Anfang des Films und der unerbittlichen Helligkeit dieses schwedischen Sommers: Horror ist hier finster, aber nicht dunkel, sondern sonnendurchflutet oder lähmend weiß, er beginnt mit leicht beklommenen Gefühlen des Ausgeliefertseins, die sinnliche Kapitulation steigert sich zu atemberaubender existenzieller Angst. ‚Magic Mushrooms‘ lösen die Protagonisten aus der Realität, nehmen ihnen (und auch uns) die gewohnte Selbstsicherheit, Gras wächst durch Danis Hände. Die folkloristischen Wand- und Deckengemälde im Haupthaus sind wie ein warnendes Fanal, erinnern an schicksalhafte Tarockkarten und heidnische Rituale. Der riesiger hohe Raum mit vielen Betten ist kein Ort des privaten Rückzugs oder heimlicher Intimität. Man hört nur das durchdringende Weinen eines Babys. Familie im herkömmlichen Sinne gibt es nicht, nur die allmächtige Gemeinschaft. Sie bestimmt über die Lebensdauer ihrer Mitglieder, die Alten stürzen sich vom Felsen, machen den Jüngeren Platz. In geometrischen Formen gestalteten sich Tänze und selbst die Mahlzeiten an den langen Tischen. Einer nach dem anderen greift zum Besteck, es ist wie eine organische Welle der Bewegung.

„Midsommar” steht für den Schrecken des Unerklärlichen, des Fremden, das droht uns zu verschlingen. Der Subtext ist voller politischer Anspielungen und nicht ohne Komik. Auf der Fahrt zur Kommune steht die Welt für einen Moment Kopf, die Bäume wachsen von oben nach unten, die Gesetze der Schwerkraft sind aufgehoben. Immer neue unheilvolle Warnungen aber keine Rettung in Sicht. Das Matriarchat regiert, das einst starke Geschlecht ist längst entmannt. Jede neue Szene verstärkt unsere Beklommenheit. Der Regisseur heizt obsessiv die Spannung an. Ein Grizzly im engen Holzkäfig erinnert an das Bild daheim in Danis Wohnung: ein kleines Mädchen mit Blumenkrone steht vor einem mächtigen Bären, fixiert dessenwinzige runde Augen. Tränenüberströmt schreit die Protagonistin ihren Schmerz hinaus, der Freund hat fremden weiblichen Verlockungen nicht widerstehen können, war es der Kuchen mit den Schamhaaren, der ihn verhexte und den endgültigen Bruch herbeiführt? Die Trennung ist Befreiung, ein erotisch anmutender Akt, Teil des nie mehr enden wollenden Schauders. Ästhetik bedeutet Ari Aster mehr als die Erzählung selbst, Ästhetik ist in jeder Fiber des sinisteren Films, ob Runen, Rituale, Folter, sie alle sind Teile seines mörderischen albtraumhaften Puzzles über das Unbehagen westlicher Zivilisation (Kamera: Pawel Pogorzelski). In den 145 Minuten begegnet uns niemand, mit dem wir uns identifizieren könnten, wir sind hoffnungslos verloren in diesem Kosmos und lächeln trotzdem.

Dani wird Mai-Königin, in einem wilden tranceartigen Tanz dreht sie blumenbekränzt unzählige Runden, ihre Konkurrentinnen sind längst zusammengebrochen, das blutrünstige opernhafte Finale kann beginnen. Dieser Film in seiner überbordeten Phantasie strahlt erschreckende Kälte aus, und nicht nur weil er vom Untergang der Empathie handelt. Wahrlich schauerlich die Deflorations-Szene. Der Soundtrack von Bobby Krlic verstärkt jede Empfindung und Reaktion auf das fast Unerträgliche. Ari Aster nennt sein Leinwand-Epos „eine perverse Geschichte der Wunscherfüllung.” Die Hårga geben Dani, was sie in ihrem Leben vermisste und befreien sie von den Zwängen, wofür ihr der Mut fehlte. „Die Bösewichter sind”, so der Regisseur, „nicht die Dorfbewohner, die Rituale ausführen, wie sie es seit Jahrhunderten tun, sondern eher ihre Ideen, Werte und Bräuche, die in Dani ein neues Zuhause finden.... Wir spüren oft nicht, dass giftige Ideen in der Welt zirkulieren, bis sie dann bereits in uns eingepflanzt sind. Sobald sie Wurzeln schlagen, kann es zu spät sein.”

Ari Aster und Produktionsdesigner Henrik Svensson kreierten für „Midsommar” eine fiktive archaische Welt mit eigener Sprache, Geschichte, Mythologie, Architektur und Tradition. Sie bezogen die anthropologischen Studien von James George Frazer mit ein ebenso wie die Anschauungen Rudolf Steiners. Für die aufwendig gestalteten Innenräume mit den detailreichen Wandmalereien und Piktogrammen, die die Historie und den Glauben der Hårga darstellten, wandte sich der Regisseur an den Künstler Ragnar Person, der die Designs von Hand malte, bevor sie zu Tapeten verarbeitet worden. „In diesen Gemälden ist alles verborgen, was im Film passieren wird, ohne den Zuschauern offensichtliche Zeichen zu geben.” Persson entwarf sie im Stil von mittelalterlichen Darstellungen, die Aster und Svensson während ihrer Recherchereisen durch Hälsingland entdeckten- mit symbolischem Detailreichtum, der an die Puppenhäuser und deren Figuren in „Hereditary” erinnern, die ebenfalls die Schlüsselszenen widerspiegeln. Gedreht wurde in Ungarn, wenige Kilometer von Budapest entfernt.


„Midsommar“

Regie / Drehbuch: Ari Aster
Darsteller: Florence Pugh, Jack Reynor, William Jackson Harper, Will Poulter, Vilhelm Blomgren, Isabelle Grill, Gunnell Fred
Produktionsland: USA 2019
Länge: 145 Minuten
Kinostart: 26. September 2019
Verleih: Weltkino Filmverleih GmbH

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright Csaba Aknay, Gabor Kotschy Courtesy of A24 / Weltkino Filmverleih GmbH

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avatar Michaela
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Einer der magnetisierendsten Filme, die ich seit langem gesehen habe. Nichts für schwache Nerven – auch wenn sich der Regisseur sehr viel Zeit nimmt, um seine Geschichte zu erzählen.
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