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Synonymes Film

Nadav Lapid inszeniert „Synonymes”, den wahnwitzigen Selbstfindungstrip eines israelischen Ex-Soldaten, als fulminante politische Farce von ungebändigter Kraft: Obszön, provokant, hyperintelligent, ästhetisch virtuos, verstörend in der Tradition von Jean-Luc Godard.
Der in Tel Aviv geborene Regisseur spielt Klischees gekonnt gegeneinander aus, konzentriert die Kamera ganz auf die Empfindungen seines Protagonisten, ignoriert genau wie er die Pracht der französischen Metropole. Dieses surreale, grausam-komische Film-Puzzle wird polarisieren: Juden mit Heugabeln machen Jagd auf Nazis mit Schäferhunden, und die Marseillaise entpuppt sich blutrünstiger als erwartet.

Ein athletischer junger Mann mit Rucksack bezieht Quartier in einer riesigen leeren ungeheizten Pariser Altbauwohnung. Er duscht, onaniert, währenddessen verschwinden seine wenigen Habseligkeiten. Verzweifelt und zitternd vor Kälte rennt er nackt durch das Treppenhaus, hämmert gegen die Türen, keiner öffnet. Den nächsten Tag entdecken ihn Hausbewohner bewusstlos und halb erfroren in der Badewanne. Émile (Quentin Dolmaire) und Caroline (Louise Chevillotte) schleppen unseren seltsamen Helden in ihr gemeinsames Schlafzimmer. Mit Blick auf dessen Genitalen konstatieren sie: „Beschnitten”, verhüllen eilig die wahrlich atemberaubende Blöße. Rührend umsorgen die beiden ihn, begierig zu erfahren, wer der Fremde mit diesem fast provozierend schönen Körper sein mag.

Yoav (grandios Tom Mercier) ist Israeli, seit dem Wehrdienst empfindet der hochdekorierte Kämpfer seine Nationalität als bösartigen Tumor, den er um jeden Preis loswerden muss. In der Stadt der Liebe und des Lichts hofft er auf Erlösung, sich als Franzose neu zu erfinden. Nie mehr soll ein hebräisches Wort über seine Lippen kommen. Von seinen wohlhabenden Gönnern mit Geld, iPhone und senfgelbem Hipster-Mäntelchen ausgestattet, beginnt das neue Leben und eine zerbrechliche Dreiecksbeziehung aus Generosität und Ausbeutung: der sanfte Möchte-Gern-Schriftsteller Émile ist scharf auf die skurril schrecklichen Erlebnisse seines Schützlings, er braucht dringend Inspirationen für den Roman, die ehrgeizige Oboistin Caroline interessiert mehr der rein sexuelle Aspekt.

Rastlos streift Yoav durch die Straßen, sein ständiger Begleiter wird ein kleines französisches Wörterbuch, fortwährend murmelt er Synonyme vor sich hin, die antiquierten Wortkaskaden klingen wie beschwörende Gebete. Die Augen hält er gesenkt, starrt aufs regennasse Pflaster und schlanke Frauenbeine, verweigert den Anblick der Seine und die touristischen Sehenswürdigkeiten, er will sein eigenes authentisches Paris kreieren, um so mit der Stadt eins zu werden (Kamera: Shaï Goldman). Doch die Gespenster der Vergangenheit lassen ihn nicht los, Erinnerungsfetzen durchkreuzen die Gegenwart, im Rhythmus des französischen Chansons „Je ne veux pas travailler” feuert er, der Soldat im Sand liegend mit dem Maschinengewehr auf die Zielscheibe vor ihm, trifft immer ins Schwarze.

In „Synonymes”, dem diesjährigen Berlinale-Gewinner, verarbeitet Nadav Lapid zum Teil seine eigenen Erfahrungen, auch er wollte plötzlich auf Grund der Traumata des Militärdienstes nie mehr hebräisch sprechen, selbst bei den Telefonaten mit den Eltern antwortete er auf Englisch. Ihm war wie durch eine Offenbarung klar geworden, er musste Israel verlassen. Frankreich, so erklärt der Regisseur in einem Interview, wählte er aus Bewunderung für Napoleon, der Leidenschaft für Zidane und ein paar Filmen von Godard, die er zwei Monate zuvor gesehen hatte. Mit geringen Sprachkenntnissen, ohne Visa oder Aufenthaltsgenehmigung landete der Philosophie-Student mit Erfahrungen als Sportjournalist einer hippen Wochenzeitschrift auf dem Flughafen Charles de Gaulle. Lapid kannte niemanden in Paris, aber sein Entschluss, niemals zurückzukehren, stand fest. Obsessiv widmete er sich der Lektüre des französischen Wörterbuchs. Sprache ist, seiner Überzeugung nach, ein Teil von uns, das wir dennoch verändern können, einfacher als unseren Körper, der die Vergangenheit und die Grundzüge unseres Wesens in sich aufgesogen hat.

Yoav findet ein winziges heruntergekommenes Apartment, errechnet sich die billigste Mahlzeit, Nudeln mit Tomatensauce, Tag für Tag die gleichen Zutaten vom Billigdiscounter, und das in Paris, dem Paradies köstlich verlockender Speisen aller Art. Er leidet und heuert als Sicherheitsmitarbeiter beim israelischen Konsulat an. Sein Kollege Yaron ist das genaue Gegenteil von ihm, er empfindet Europa nicht als Traumziel der Freiheit sondern Hornissennest des Antisemitismus, und Frankreich insbesondere. Auf der Straße oder in der Metro versucht er bewusst Passanten mit seiner jüdischen Herkunft zu ausländerfeindlichen Reaktionen zu provozieren. Vergebens, keiner reagiert, lässt sich etwas anmerken, außer leichter Besorgnis um eine verirrte Seele. Der masochistische Zionist sucht die Verfolgung, die Diskriminierung als Identität. Lapid bricht mit den Sehgewohnten, zerlegt Begriffe in ihre Bestandteile, dreht sie um, vertauscht die Rollen, wenn Juden Jagd auf Nazis machen. Ein anderer Mitarbeiter Yoavs trällert auf dem Moped fröhlich: „Mohammed ist tot.” Gewalt geht hier scheinbar allein von Juden aus: riskante Allegorien, falsche Schlussfolgerungen sind vorprogrammiert.

Mit seiner Weigerung, hebräisch zu sprechen war Yoav kaum der ideale Mitarbeiter, allein seine Fähigkeit im Nahkampf überzeugt, doch als er an einem regnerischen Tag die vor dem israelischen Konsulat Wartenden ohne Kontrolle zum Eintreten auffordert („Es gibt keine Grenzen”), ist er den Job los. Lapids Alter Ego vermarktet sich als Aktmodell oder besser degradiert sich zum Objekt der obskuren Begierde. Der Schauspieler Tom Mercier ist eine phantastische Neuentdeckung mit unglaublicher Leinwandpräsenz, er erinnert in seiner unterdrückten Macho-Wildheit an den jungen Tom Hardy. Sein verschlossenes Gesicht signalisiert Melancholie, Verletzbarkeit, und den lang verdrängten Zorn eines Hypersensiblen. Er ist unberechenbar, nie weiß der Zuschauer, was im nächsten Moment aus ihm hervorbrechen wird. Eine verbale Kanonade oder ein Faustschlag. Selbst eine demütigende Pose im Pornofilm spielt er mit kühler Würde. Dieser Mann ist nicht zu erniedrigen, die Frage ist nur, wann er die Geduld verliert. Dass Yoav es tut, ist gewiss und doch er bleibt ein Enigma, ein Wanderer zwischen den Welten, während er sein senfgelbes Hipster-Mäntelchen mit dem mürrischen Charme eines Models auf dem Catwalk trägt.

Die Spannung innerhalb der fragilen Dreiecks-Beziehung wächst, unser ungewöhnlicher Held fordert von Émile seine Geschichten zurück, der willigt ein. Anziehung und Abstoßung ist das Prinzip auf dem hier alle Konflikte basieren. „Yoavs Körper ist auch wie eine Bühne”, so Lapid, „für den Kampf zwischen den zentralen Werten Israels und Frankreichs. Er ist umgeben von Menschen, die entweder die eine oder die andere Seite repräsentieren.” Um schneller an einen französischen Pass zu gelangen, empfiehlt der durch Papas Zuwendungen arg verwöhnte Industriellensohn Émile eine Heirat mit Caroline. Die nächste Hürde ist der Integrationskurs, es gilt die technischen Grundbegriffe der Demokratie zu erlernen. Mit Überzeugung schmettert Yoav die französische Nationalhymne: „Unreines Blut, tränke unsere Furchen!”. Nicht die Heimat ist der bösartige Tumor, sondern der Nationalismus, gleich ob in Israel oder Frankreich. Nach einem Konzert von Caroline rastet er aus. Es kommt zum Eklat. Die Vergangenheit lässt einen nie los, begreift der einsame Protagonist, die Romanze wie auch Frankreich waren nur eine Fantasie. Unsere Wurzeln negieren ist nutzlos, mit dem eigenen Vater Englisch sprechen, höchstens lächerlich, es schützt uns nicht vor der Konfrontation mit den eigenen Dämonen. Nach sieben Monaten entschließt sich Yoav zur Rückkehr.

Als er sich verabschieden will von Émile, steht Yoav vor verschlossenen Türen. Paris bedeutet auch für Nadav Lapid Armut, Grenzerfahrungen, Monotonie, Einsamkeit, dann aber lernte er jemanden kennen, einen französischen Freund, „den besten Freund, den ich je hatte. Zwischen uns entstand eine starke Verbindung, trotz oder vielleicht grade wegen der Unterschiede, sozial, kulturell und geistig. In meinen Augen war er der ultimative Franzose, dem ich von ganzem Herzen nacheifern wollte, während ich mit meiner napoleonischen und adoleszenten Megalomanie außerdem versuchte ihn zu übertrumpfen. Dank meines Freundes und dank Paris, fing ich an, Kino als essentiell und sehr lebendig zu begreifen. Er brachte mir bei, was eine Aufnahme, eine Szene und ein Single Shot sind. Er lehrte mich, dass Kino ein Gegenstand des Nachdenkens und der Debatte sein konnte. Er zeigte mir, dass das Einzige, das genauso schön ist wie ein schöner Film, die Möglichkeit ist, über diesen Film zu reden, ihn gedanklich zu zerlegen und darüber zu schreiben.”


Originaltitel: Synonymes

Regie: Nadav Lapid
Drehbuch: Nadav Lapid, Haïm Lapid
Darsteller: Tom Mercier, Quentin Dolmaire, Louise Chevillotte, Uri Hayik, Léa Drucker
Produktionsland: Israel, Frankreich, Deutschland, 2019
Länge: 123 Minuten
Kinostart: 05. September 2019
Verleih:
GRANDFILM

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright GRANDFILM

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