Werbung

Neue Kommentare

Claus Friede zu „The Irishman”. Martin Scorsese und die Demaskierung des Gangsterfilms : Danke für Ihren Kommentar, Herr Zurch.
We...

Bernd Zurch zu „The Irishman”. Martin Scorsese und die Demaskierung des Gangsterfilms : Vielen Dank. Warum gibt es keine Sternchen mehr? ...
Martin Zopick zu „Nocturnal Animals” – Rachethriller als bittere Selbsterkenntnis : Der zweite Film von Tom Ford und der ist gar nich...
Michaela zu „Midsommar”. Die sonnendurchfluteten Abgründe des Ari Aster: Einer der magnetisierendsten Filme, die ich seit ...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Film

„Tolkien”. Schlachtfelder zwischen Realität und Phantasie

Drucken
(298 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Montag, den 24. Juni 2019 um 07:43 Uhr
„Tolkien”. Schlachtfelder zwischen Realität und Phantasie 4.3 out of 5 based on 298 votes.


Frankreich, Juli 1916. Durch Nebelschwaden von Giftgas taumelt ein junger englischer Offizier auf der verzweifelten Suche nach seinem vermissten Freund. Im Fieberwahn glaubt sich J.J.R. Tolkien (Nicholas Hoult) einem feuerspeienden Drachen gegenüber – es sind die Flammenwerfer der Deutschen.
Die Bäume erstarrt zu schwarz verbrannten Skeletten, die Schützengräben ein tödliches Labyrinth: Ästhetisch virtuos und doch behutsam inszeniert der finnische Regisseur Dome Karukoski das Biopic über den Autor jener Fantasy-Saga mit Kult-Status: „Herr der Ringe”. Die dunkle Kraterlandschaft verrenkter Leichen und blutroter Lachen erinnert an die fiktive Welt von Mittelerde, Mordor, das Reich des Schurken Sauron. „Tolkien” ist mehr als literarische Spurensuche, Porträt einer Gesellschaft im Umbruch und berührender Antikriegsfilm.

Was prägte John Ronald Reuel Tolkien? 1892 in Südafrika geboren, verlor er früh den Vater. Mabel, die Mutter zieht mit den beiden Söhnen ins ländliche Sarehole nahe Worcestershire. Die Idylle der britischen Midlands gilt als Inspiration für die Auenlandschaft in „Der Hobbit”. Unser Protagonist verbrachte viel Zeit auf der Farm von Verwandten, Bag End. So heißt später die heimatliche Höhle von Bilbo Baggins, doch der Zuschauer muss kein Kenner des tolkienschen Kosmos sein, kann ungestört weiter ein leidenschaftlicher Verächter von Fantasy bleiben, aber vielleicht wird er seine Einstellung zum Autor revidieren. In „Tolkien” geht es um die Kunst des Erzählens, die Magie der Sprache ähnlich Peter Weirs „Dead Poets Society” (1989). In oft nur schlaglichtartigen Rückblenden greift Dome Karukoski („Kaffee mit Milch und Stress”, „Tom of Finland“) einzelne Momente der Kindheit heraus, Jungen in kurzen Hosen als Ritter auf dem Kriegspfad, ineinander verschlungene Bäume von unglaublicher Schönheit und abends, wenn die Dunkelheit hereinbricht, dreht sich im Wohnzimmer der Lampenschirm wie eine Bühne aus Scherenschnitten, die Wände werden zur Leinwand für das Schattenspiel der Zauberwesen.

Die Familie verfügt kaum noch über finanzielle Mittel, ist immer auf die Hilfe anderer angewiesen, muss notgedrungen umziehen nach King’s Heath, Birmingham, ein rauchgeschwärzte Industriestadtteil, die Wohnung liegt neben den Bahngleisen. Tolkien ist entsetzt, für ihn bedeutet es die Vertreibung aus dem Paradies, die Sehnsucht nach der Natur spürt man später in allen seinen Romanen. Mabel vermittelt den Kindern ihre Liebe zu fremden Sprachen, Märchen, Mythologien, der Nibelungen-Sage, sie liest ihnen vor, Edda und Sigurd lehren ihre Söhne, sich abzuseilen aus einer tristen Realität. Der Drache wird zum Symbol des täglichen Überlebenskampfes. Tolkien ist zwölf, als die Mutter an akutem Diabetes stirbt. Ihr religiöser Berater, Pater Francis Morgan ist von nun an Vormund der beiden Brüder. Für den späteren Schriftsteller entwickelt sich die Schule bald zu einer Art Familienersatz. Zusammen mit seinen Freunden Robert Gilson, Geoffrey Smith und Christopher Wisemann gründet er die TCBS (Tea Club and Barrovian Society). Benannt zu Ehren von Barrow’s, ein herrlich plüschiger Tea-Room in der Nähe ihrer Schule, wo sie sich in den Sesseln fläzen und höchst anspruchsvolle Debatten führen.

Diese Kids wollen ihre Träume realisieren, komponieren, zeichnen und Tolkien? „Ich möchte etwas schreiben”, sagt er bescheiden. Ihre Pläne passen so gar nicht in das Konzept der Upper-Class-Eltern und auch nicht in das von Pater Morgan. Die TCBS ist mehr als nur das Symbol von Freundschaft, es ist eine Bruderschaft, haben die Jungen beschlossen, ein Bündnis, ein unzerstörbares. Sie haben nicht wie in „Dead Poets Society” einen Robin Williams als John Keating, der sie fördert, provoziert, ermutigt, ihr Leben selber zu bestimmen. Die vier kämpfen zusammen hart um jeden Quadratzentimeter Freiraum und sind alle stolz, wenn einer von ihnen den Mut findet, der Bedienung im Barrow’s seine Liebe zu gestehen oder dem autoritären Vater das erste Mal die Stirn zu bieten. Es sind kleine Etappensiege, auf der Straße feuern sie sich triumphierend an mit dem Ruf „Helheimr”, die nordische Mythologie der Edda ist ihre Maxime. Der Film begann in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, immer wieder kehrt die Kamera von Lasse Frank Johannessen dorthin zurück. Mit über einer Million getöteter, verwundeter und vermisster Soldaten war jene Schlacht an der Somme die verlustreichste der Westfront. Das verändert jede der folgenden Szenen, Hoffnung, Zuversicht, das Glück des Augenblicks schmerzt unwillkürlich, weil das Ende so nah ist, unabwendbar. Im Gegensatz zu László Nemes’ „Sunset” scheint diese Zivilisation nicht in Auflösung begriffen, trotz ihrer sozialen Widersprüche und Unzulänglichkeiten wirkt sie stabil, intakt. Eine Welt, die sich verändern ließe, ohne Waffengewalt, und das wollen die vier. Durch die Macht der Kunst, die Macht der Musik. Der Poesie.

Eine wohlhabende Gönnerin nimmt auf Drängen des Paters die Tolkien-Brüder auf, der eigenen Großzügigkeit ist sich die ältere strenge Dame durchaus bewusst, in ihrer Obhut befindet sich schon eine Pflegetochter, Edith (Lily Collins), ebenfalls Waise. Heimlich beobachtet unser Protagonist das Mädchen, während sie Klavier spielt. Wir wissen, Edith wird seine Muse und Ehefrau, die Mutter seiner Kinder. Und doch ist die Lovestory voller Suspense, Romantik, Bewährungsproben und beinah für immer gebrochener Herzen. Rührend, wenn Tolkien seinen Schwarm vom mühsam zusammengesparten Geld in ein luxuriöses, für ihn sündhaft teures Café einlädt. Er weiß, wie Edith es hasst, arm zu sein, sie schämt sich, hier als Einzige keinen Hut zu tragen. Zum ersten Mal gesteht er ihr seine Faszination mit Sprachen, berichtet von den Geschichten, Legenden, die er schreibt. Sie ist tief beeindruckt: Du hast eine vollständige Sprache erfunden? Erzähl mir eine Geschichte, in welcher Sprache Du möchtest. Wundervoll der Diskurs über den Begriff „cellar door” (Kellertür), der schüchterne Tolkien lebt auf, hier ist jemand, der es versteht, sich auf sein fiktives Universum einzulassen, ihm sogar den Weg weist für die Zukunft. „Meine Geschichte handelt von Reisen, von solchen die wir unternehmen, um uns zu beweisen. Von Abenteuern, von einer mächtigen Magie, mächtiger als ein Mensch, sie je verspürt hat. Davon wie es ist zu lieben und geliebt zu werden. Von Mut, Freundschaft, Krieg.”

Von ihrem Tisch auf der Galerie aus bombardieren die zwei jene verrückten Hut-Kreationen der reichen Damen mit Zuckerstücken. Sie rennen lachend davon, es ist eine Art Jean-Luc-Godard-Moment, ein Hauch von Anarchie im Stil der „Bande à part”. Tolkien schreibt immer, selbst Nachts im Schützengraben bei Kerzenlicht, aber viel später erst entstand „Der Herr der Ringe” (1954), er wird zum Klassiker der Fantasy Literatur und einem der kommerziell erfolgreichsten Romane des 20. Jahrhunderts. Tolkien ist Kult, hatte Millionen von Fans, aber auch erbitterte Gegner. Sie brandmarkten die ihrer Ansicht nach ausufernden bombastischen Schlachtbeschreibungen als Kriegsverherrlichung. Der Autor reagierte enerviert auf die Interpretationsversuche übereifriger Sprachwissenschaftler und Feuilletonisten. Sie sahen in dem Epos um den Kontinent Mittelerde eine verschlüsselte, dennoch allegorische Erzählung, in der Sauron Stalin verkörpert, Saruman Hitler und die freien Völker die Alliierten des Zweiten Weltkriegs. Manche Theorien verstiegen sich sogar darauf, den Ring, zentrales Artefakt der dreibändigen Saga mit der Atombombe gleichzusetzen. Den Autor aber prägte der Erste Weltkrieg, vielleicht re-kreierte er Schlachten, um wenigsten hier den Ausgang zu bestimmen, Kämpfen einen Sinn zu geben, den sie in der Wirklichkeit verloren hatten. An der Front kamen außer einem, alle seine Freunde um, doch der Geist von TBCS lebt weiter in den imaginären Welten. Auf den Vorwurf des Eskapismus entgegnete der Schriftsteller kühl, dass Märchen einen besonderen Fluchtweg aufzeigen: „die Flucht des Gefangenen, nicht des Deserteurs”.

Bewusst haben die Drehbuchautoren David Gleeson und Stephen Beresford dem Protagonisten seine schüchterne Normalität, fern jeder Exzentrik gelassen. Nicholas Hoult („Mad Max- Fury Road”) beherrscht die feinen Nuancen der Gefühle, Tolkien umgibt, selbst wenn er lächelt, immer eine Spur von Schwermut. Der Tod ist früh Teil seines Lebens und bleibt es nach dem Krieg für immer. 1925 wird er Professor für Angelsächsisch am Pembroke College in Oxford. Er hatte begonnen den Söhnen und seiner Tochter phantasievolle Geschichten zu erzählen, der Film endet, als er am Schreibtisch sitzend die ersten Worte des legendären Kinderbuchs „Der Hobbit” schreibt. Es erschien 1937.


Originaltitel: Tolkien

Regie: Dome Karukoski
Drehbuch: David Gleeson, Stephen Beresford
Darsteller: Nicholas Hoult, Lily Collins, Colm Meaney
Produktionsland: USA 2019
Länge: 110 Minuten
Kinostart: 20. Juni 2019
Verleih: Twentieth Century Fox

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright Twentieth Century Fox

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Film > „Tolkien”. Schlachtfelder zwischen Realit...

Mehr auf KulturPort.De

Katrin Bethge: Lichtdurchflutet
 Katrin Bethge: Lichtdurchflutet



Seit Ende der 1990er Jahre inszeniert die in Hamburg lebende Künstlerin Katrin Bethge mit Licht – Innen- und Außenräume.
Seit dem Wochenende und noch bis z [ ... ]



„The Irishman”. Martin Scorsese und die Demaskierung des Gangsterfilms
 „The Irishman”. Martin Scorsese und die Demaskierung des Gangsterfilms



Vorbei der fiebrige Glamour und die trügerische Romantisierung von „Goodfellas”, Verbrechen ist in „The Irishman” ein eher eintönig sorgenvolles Metier [ ... ]



Still in the Woods: Flying Waves
 Still in the Woods: Flying Waves



Schon in einer vorangegangenen KulturPort.De-Besprechung zum ersten Album (Rootless Tree) von „Still in the Woods“ kam das bemerkenswerte Potential der Band  [ ... ]



„Halloween“-Opern-Slam im Opernloft Altona
 „Halloween“-Opern-Slam im Opernloft Altona



Ein ungewöhnlich schönes Ambiente, ganz erstaunliche Stimmen und ein Spaßfaktor, wie er in der klassischen Musik wohl einmalig ist: Der „Halloween“-Sänge [ ... ]



Gottes Wort oder Menschenwerk? Zwei Bücher über die Geschichte der Bibel
 Gottes Wort oder Menschenwerk? Zwei Bücher über die Geschichte der Bibel



Die Bibel, sagt Arno Schmidt, sei „ein unordentliches Buch mit 50.000 Textvarianten“. Auch wenn diese Zahl groß klingt – damit hat er gewiss noch heftig u [ ... ]



Die jungen Jahre der Alten Meister – Baselitz, Richter, Polke, Kiefer
 Die jungen Jahre der Alten Meister – Baselitz, Richter, Polke, Kiefer



Es war die Zeit, in der die Malerei totgesagt war. Jeder, der sich zur Avantgarde zählte, suchte den Ausstieg aus dem Bild. Jeder? Nein. Vier junge Maler dachte [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.