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Film

„Border”. Der magisch düstere Realismus des Ali Abbasi

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Montag, den 08. April 2019 um 07:55 Uhr
„Border”. Der magisch düstere Realismus des Ali Abbasi 4.5 out of 5 based on 369 votes.
Border

Ali Abbasis Film „Border” ähnelt einem eigenwilligen scheinbar unberechenbaren Wesen, das die Genres abstreift wie lästige Kokons. Es wächst, gewinnt an poetischer Kraft und absurder Komik, entzieht sich immer mehr der Realität, und lässt sie doch nie außer Acht. So wird aus dem Nordic Noir bald eine beklemmende Love Story, die zum Horror-Mystery-Drama mutiert mit der finsteren Entschlossenheit skandinavischer Sagen.
Das Phantastische verbirgt sich hinter dem fälschlich Vertrauten. Protagonistin ist Tina (grandios Eva Melander), die schwedische Grenzbeamtin besitzt eine außerordentliche Gabe, sie kann Gefühle wie Scham, Schuld, Wut und Angst riechen, entlarvt Täter ob Drogenschmuggler oder Pädophile.

Als Kind hatte Tina geglaubt, etwas Besonderes zu sein, doch dann wurde ihr klar, sie war einfach nur grauenvoll hässlich. Die Heldin mit der seltsamen animalischen Ausstrahlung weiß, wie abstoßend ihre Physiognomie auf Menschen wirkt, diese aufgedunsenen Fleischwülste ihres Gesichts. Der Zuschauer fühlt sich ertappt, ist verunsichert, als könnte die vierschrötige Zöllnerin seine demütigende Reaktion spüren. Tinas bohrender starrer Blick geht ins Leere, was sie denkt, empfindet, versucht sie hinter unbeweglicher Mimik zu verstecken, und doch spiegelt jeder Zentimeter der abweisenden Maske die Abgründe ihres Schmerzes wider, die Einsamkeit und vielleicht auch ihren heimlichen Zorn.

Tina lebt am Waldrand in einem abgelegenen leicht verwahrlosten Häuschen zusammen mit dem tumben Roland (Jorgen Thorsson), der froh ist, hier für sich und seine aggressiven Kampfhunde Unterschlupf gefunden zu haben, er will nur in Ruhe saufen und möglichst kein Geld verdienen müssen. Sexuelle Annäherungen wehrt die Protagonistin kategorisch ab, draußen in der unberührten Natur (Kamera: Nadim Carlsen) verwandelt sich die schweigsame Außenseiterin, es ist, als würde die Grenzbeamtin Teil des Waldes. Vorsichtig streift sie barfuß durch das Moos, darauf bedacht, keine Kreatur zu verletzen, taucht gedankenverloren im See unter, lauscht am Ufer den fernen Vogelstimmen, ob Fuchs oder Elch, die Tiere suchen ihre Nähe, wie selbstverständlich verbindet sie gegenseitiges Vertrauen. Fürsorglich kümmert sich Tina um ihren alten dementen Vater im Pflegeheim, aber handelt es sich bei dem verwirrten liebevollen Mann wirklich um ihren Vater? Niemand ist in diesem Film, was er vorgibt zu sein, aber vielleicht liegt es an uns, die vorschnell urteilen und alles zu wissen glauben. Mit jeder unerwarteten Wendung verstärken sich Ungewissheit und Suspense. Das Drehbuch zu „Border” entstand nach der gleichnamigen Kurzgeschichte des schwedischen Autors John Ajvide Lindqvist, („So finster die Nacht”).

Wenn die Reisenden im Terminal der Ostseefähre sich Tina nähern, beginnt ihre Nase wie die Nüstern eines Pferdes leicht zu zittern. Einem Spürhund gleich nimmt sie die Fährte auf, bleibt aber auf Distanz. Bis jetzt hat ihr Instinkt sie nie in Stich gelassen, wenn ihre Kollegen auch im Gepäck nichts entdecken, spätestens die Frage nach dem Handy löst Panik aus, der eben noch so smarte Geschäftsmann versucht die SIM-Karte zu verschlucken, er ist enttarnt: Kinderpornographie. Doch dann steht die Protagonistin plötzlich einem ungeschlachten Hünen (Eero Milonoff) gegenüber, ihr unfehlbarer Geruchssinn signalisiert höchste Alarmstufe. Der Mann ähnelt unserer Heldin auf groteske Weise, er heißt Vore, nicht ein Hinweis auf kriminelle Aktivitäten, doch die Zöllnerin beharrt auf Leibesvisitation. Erfolglos und den Beamten besonders peinlich, da die betreffende Person keinerlei männlichen Geschlechtsmerkmale aufweist. Tina entschuldigt sich, Vores unbefangene wilde Art erweckt ihre Neugier, er züchtet Larven, wirkt genauso fremd in menschlicher Gesellschaft wie sie selbst.

Vom ersten Moment an konfrontiert uns der im Iran aufgewachsene und nun in Dänemark lebende Regisseur und Autor behutsam mit unseren eigenen Grenzen, eröffnet neue, völlig ungewohnte Perspektiven. Babys verschwinden spurlos. Während die Protagonistin verstärkt im Auftrag der Polizei gegen den Pädophilen-Ring ermittelt, fühlt sie sich magisch angezogen von Vore, sie spürt ein ihr unbekanntes Begehren aber auch tiefes Vertrauen. Der Wald wird für einen Augenblick zur romantischen Idylle, die beiden planschen nackt und ausgelassen im See. Tina bietet das Gartenhäuschen auf ihrem Anwesen als Bleibe an. Roland ist wenig begeistert von dem neuen Mitbewohner und auch uns kommen erste Zweifel, wenn der ungestüme barsche Hüne die keifenden Kampfhunde anfletscht, prompt verstummen die Tiere, ziehen den Schwanz ein. Hässlichkeit war bis dahin das Stigma eines Chromosomenfehlers für Tina, nun wird ihr offenbart, dass sie perfekt ist, nur einer anderen mythischen Spezies angehört. Die eigenartigen Narben an ihrem Körper lassen sich so erklären genau wie ihre übernatürlichen Kräfte. Der alte verwirrte Mann gesteht, sie damals adoptiert zu haben. Ihre Identität ist grundsätzlich in Frage gestellt, sie muss sich zwischen zwei Welten entscheiden.

„Border”, Festival-Liebling in Cannes und ausgezeichnet mit dem Hauptpreis der Sektion „Un Certain Regard”, kann sich des vielleicht ungewöhnlichsten Paarungsaktes der Kinogeschichte rühmen. Das Phantastische hat hier nichts Schwelgerisch-Opulentes wie in Guillermo del Toros betörender Fantasy-Burleske „Shape of Water”, dem Oscar-Sieger von 2018. Es ist von magisch realistischer Kälte und Dringlichkeit, eine Parabel der Transgression und Selbstbestimmung, dem Ende der herkömmlichen Geschlechterrollen. Das Fremde wird nicht wie so oft auf der Leinwand idealisiert, Böses steckt in jeder dieser Kreaturen, gleich ob Mensch oder Fabelwesen. Vore ist erfüllt von Hass, Machtphantasien und düsteren Obsessionen. Im Waisenhaus hat er nur Verachtung kennengelernt, sie verinnerlicht, seine Rache könnte perverser kaum sein. Im Kühlschrank des Gartenhäuschens macht Tina eine grausame Entdeckung. Ali Abbasi weiß seit seiner Kindheit, wie es sich anfühlt, eine Minderheit zu sein: „Ich bin im Iran ebenso eine Minderheit wie in Kopenhagen. Dennoch gibt es bei mir bestimmte Dinge, die der iranischen Kultur entspringen. Wir sind mehr an Dingen interessiert, die wir nicht sehen. Wir sind besessen vom Tod und dem Jenseits. Wir sehen ständig versteckte Muster und Motive. Manchmal mag es ein wenig paranoid wirken, aber es kann auch poetisch sein.”

„Paradoxerweise kann Film der beste Weg sein, um die Dinge, die man nicht sieht zu behandeln, sich ihnen zu nähern und das Unsichtbare zu zeigen”, erklärt der 38jährige Regisseur. „Filme sind einzigartig, weil sie Spiegelbilder sind, die eine täuschend echte Simulation des menschlichen Lebens sein können. Ich sehe Menschen als gut entwickelte Tiere und interessiere mich für die Situationen, in denen unser tierischer Instinkt mit der gesellschaftlichen Struktur kollidiert. Wenn die dünne Schicht der Zivilisation, unter der wir leben, zu brechen beginnt und die Protagonisten ins Extreme gedrängt werden. Nicht nur weil das Extreme interessant ist, ihre Antwort interessiert mich. Die Komplexität dieser Situation ist ihre Schönheit, nicht ihre Traurigkeit.” Gegen Ende von „Border” greift Ali Abbasi die rätselhaften Puzzle-Stücke der verschiedenen Genres wieder auf und fügt sie zusammen in einem raffiniert konstruierten verstörenden Finale. Der Regisseur hat einen literarischen Hintergrund und er sagt über sich: „Mein Gehirn funktioniert noch immer wie das eines Schriftstellers. Zumindest habe ich auf diese Weise gelernt, Geschichten zu erzählen.”

Es dauerte eine Weile, bis Abbasi das Kino für sich entdeckte. Als er jünger und auch arroganter war, hielt er Film „für den Zeitvertreib von Leuten, die nichts Besseres zu tun hatten”. Beim Film fasziniert ihn heute weniger die Story sondern das grenzüberschreitende Ende des Spektrums. „Was mich interessiert, ist die Gesellschaft durch die Linse eines Paralleluniversums zu betrachten, und ein Genre-Film ist dafür perfekt.... Statt als persönliches Drama meiner eigenen Probleme erlebe ich meine Gedanken und Impulse lieber durch einen anderen Körper in einer anderen Welt als meiner eigenen.” Er zieht es vor, die Verbindung zum Persönlichen zu durchtrennen und etwas völlig Künstliches zu erschaffen. „Border” war nominiert bei den Oscars für das Beste Make-up und Hairstyling. Jeden Tag vor Drehbeginn verbrachten Eva Melander und Eero Milonoff vier Stunden in der Maske, für ihre Rollen mussten sie zwanzig Kilo zunehmen. Selbst unter der dicken Silikonschicht ist Eva Melander unglaublich ausdrucksstark, ihre Empfindungen äußern sich in winzigsten Abweichungen, so gibt es ein wütendes Schnüffeln, ein trauriges Schnüffeln und ein verächtliches. Als melancholischer Freak steht sie an der Grenze zweier Länder, zwischen Wirklichkeit und der für Menschen unzugänglichen Fabelwelt, vor allem aber ist es eine moralische Grenze, „Ich sehe keinen Sinn im Bösen” erklärt Tina dem Geliebten, wo ihre Loyalitäten liegen, ist damit entschieden. Ihre überwältigende schauspielerische Intensität erinnert an Charlize Theron in „Monster”, nur dass die Protagonistin hier trotz ihrer Liebe zu Vore sich gegen das Verbrechen entscheidet.


Border / Originaltitel Film: Gräns

Regie: Ali Abbasi
Drehbuch: John Ajvide Lindqvist, Ali Abbasi, Isabella Eklöf
Darsteller: Eva Melander, Eero Milonoff, Jörgen Thorsson, Viktor Akerblom, Matti Boustedt
Produktionsland: Dänemark, Schweden 2018
Filmlänge: 108 Minuten
Kinostart: 11. April 2019
Verleih: Wild Bunch Germany

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright Wild Bunch Germany

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