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„Willkommen in Marwen”. Robert Zemeckis’ weibliche Empathie

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Donnerstag, den 28. März 2019 um 09:39 Uhr
„Willkommen in Marwen”. Robert Zemeckis’ weibliche Empathie 4.9 out of 5 based on 329 votes.
Willkommen in Marwen

US-Regisseur Robert Zemeckis durchbricht seit Jahrzehnten immer wieder gezielt die Grenzen zwischen den Genres, zwischen Spielfilm, Animation und Cartoon, revolutionierte so behutsam den Mainstream. Mit „Forrest Gump” kreierte er einen neuen Heldentypus fern protzender Supermann-Qualitäten, mit „Zurück in die Zukunft” setzte er die Zeit außer Kraft.
Der Oscar-Preisträger lehrte uns Macht und Tücken der Fantasie. „Willkommen in Marwen” ist eine Suche nach Identität, signalisiert das Ende traditioneller Geschlechterrollen. Hier marschieren kämpferische Barbie-Puppen im Stechschritt zu den Klängen von „Addicted to Love”, greifen zu den Gewehren, um ihren Captain gegen seine Nazi-Verfolger zu schützen. Der Film basiert auf wahren Begebenheiten, schildert, wie der schwer traumatisierte Mark Hogancamp (Steve Carell) nach einer fast tödlichen Prügelattacke, sich eine imaginäre Welt als Refugium schafft: Kunst als Form des Überlebens.

„Willkommen in Marwen” beginnt als scheinbar antiquiertes Zweite-Weltkriegs-Epos, ein Flugzeug der American Air Force gerät unter feindlichen Beschuss, der Pilot kann sich in letzter Minute retten und der Zuschauer begreift plötzlich, wir befinden uns im Motion-Capture-Kosmos, die Akteure sind nicht aus Fleisch und Blut. Der Plastik-G.I. irrt durch ihm unbekannte Landschaften, seine Stiefel haben sich aufgelöst. In der Einöde steht ein Koffer, wie auf der Flucht zurückgelassen. Zwischen Dessous ein paar hochhackige Pumps, der Pilot schlüpft hinein und da tauchen auch schon die deutschen Soldaten auf. Was nun folgt, ähnelt den Ereignissen am Abend des 8. April 2000.

Der Zeichner Mark Hogancamp wollte sich mit Freunden in einer Bar Upstate New York treffen, doch er verpasst sie, kommt ins Gespräch mit einem Fremden, erzählt ihm von seiner Leidenschaft für High Heels. Nach Mitternacht will er heim, draußen vor der Bar, wird er von jenem Fremden und dessen vier Freunden brutal attackiert. Unter hämischen Schmähungen schlagen die jungen Männer ihn zusammen, treten mit ihren schweren Stiefeln auf Kopf und Brust. Sie halten ihn für tot, lassen den Körper mitten auf der Fahrbahn liegen. Eine Anwohnerin reagiert geistesgegenwärtig, parkt ihren Wagen auf der Straße, um so den Schwerverletzten vor dem Verkehr zu schützen.

Neun Tage später kommt Mark wieder zu Bewusstsein, jetzt zeigt sich das volle Ausmaß der Hirnschädigung, er hat sein Gedächtnis verloren, keine Erinnerung an die Zeit vor der Attacke. Mühsam müssen die einfachsten motorischen Fähigkeiten wieder erlernt werden, essen, gehen, lesen. 43 Tage blieb er im Krankenhaus, seine Versicherung zahlt nur anfangs für die Therapie, dann ist Mark sich selbst überlassen. Was er bald wieder entdeckt, ist sein Interesse an Militärminiaturen und dem Zweiten Weltkrieg, der Großvater mütterlicherseits hatte ihm viel davon erzählt, Mark war Anfang der Achtziger zur Navy gegangen, seine Illustrationen schilderten den Alltag an Bord und an Land. Jetzt kann er kaum seinen Namen schreiben, noch zittern die Hände, vor den Menschen draußen hat er Angst, aber er schafft sich akribisch Stück für Stück sein eigenes Miniatur Universum namens Marwen, ein fiktives belgisches Dorf während des Zweiten Weltkriegs. Wie er in einem Interview sagte, hoffte er so seine Fantasie, seine Vorstellungskraft wieder zu erlangen.

Diese Vorgeschichte taucht im Film nur während seiner Panikattacken als kurze flashartige Erinnerungsfetzen auf. Tritte, Gewalt, Agonie, es ist als würde eine Bombe explodieren, Mark wirfst sich auf den Boden seines Wohnzimmers, sucht Deckung für sich und seine Kreaturen. „Umarme den Schmerz,” schärfte ihm seine Physiotherapeutin Julie ein, als er am Barren die ersten Schritte versucht. Schmerz als Ursprung und Motor der Kreativität, Singer Songwriter Janelle Monáe („Moonlight”) spielt Julie, die farbige Veteranin hat im Krieg ein Bein verloren. Mark bewundert sie für ihre Weigerung, sich unterkriegen zu lassen, Selbstmitleid duldet sie nicht. Jeder seiner 30 Zentimeter großen Akteure hat eine Entsprechung in der Realität, einzige Ausnahme: Deja Thoris (Diane Kruger, „Aus dem Nichts”). Die verführerische bösartige Hexe verkörpert Chaos und Gefahr, Mark fühlt sich ständig von ihr beobachtet, belauert, ihre mysteriösen unberechenbaren dunklen Kräfte dulden weder Glück noch Heilung. Robert Zemeckis schrieb das Drehbuch zusammen mit Caroline Thompson basierend auf Jeff Malmbergs Doku „Marwencol”.

In der ungewöhnlichen Charakterstudie vermischen sich imaginäre, reale und inszenierte Welten zu einem multimedialen Kunstwerk. Die verschiedenen Ebenen sind durchlässig, die Kreationen verselbstständigen sich. „Ich bin nicht schlecht, ich bin nur so gezeichnet worden”, behauptet die untreue Ehefrau Jessica in „Falsches Spiel mit Roger Rabbit”, 1988, jener gelungenen Verbindung von Cartoon, Realfilm und Zeichentrick, von Chinatown und Disneyland, Industrie und Magie. Mark Hogancamp spielt nicht mit Puppen, wie manche Kritiker schreiben, er ist ein genialer Geschichtenerzähler, jede Figur der Installation grandios gestaltet, Bar, Marktplatz, die Kirche mit einem Glockenturm, der an Alfred Hitchcocks „Vertigo” erinnert. Die blutigen Szenen von Kämpfen, Rache, Niederlagen, Loyalität und Triumphen nimmt er mit einer 35mm Kamera auf. Irrtümlich wurden manchmal diese Fotographien für echte Kriegsporträts gehalten. In „Welcome to Marwen” entwickeln sich aus den Stills kleine grelle Miniaturinszenierungen. Manche Kritiker vergleichen sie mit Quentin Tarantino, doch Marks Pulp Fiction ist nicht zynisch, sondern von tödlichem Ernst. Die deutschen Soldaten, die ihn quälen und erniedrigen sind Avatars der Männer, die ihn damals angriffen.

Mit heroischem Ehrgeiz arbeitet sich der Protagonist durch seine Ängste, transformiert Agonie in Kunst. Die Vergangenheit muss in Marwen jeden Tag von Neuem bewältigt werden. Mark ist ein ungewollt charmanter Exzentriker, wie er auf der Straße seinen winzigen Militär Jeep mit den kampfbereiten Barbies hinter sich herzieht. Er jobbt als Küchenhilfe, seine Fotographien werden bald in New York ausgestellt. Der Termin für die Gerichtsverhandlung seiner Peiniger rückt näher, die innere Unruhe wächst. Er schluckt mehr Tabletten als erlaubt. In diesem Moment taucht im Haus gegenüber eine neue Nachbarin auf, die rothaarige Nicole (Leslie Mann). Sie symbolisiert die unerreichbare Fantasiegestalt, mit männlich skurriler Selbstüberschätzung hält der Künstler ihre Freundlichkeit für Liebe, wagt sich aus seiner selbst gewählten Isolation heraus, träumt von einer Zukunft zu zweit, sein Heiratsantrag wird zum kläglich-tragischen Tiefpunkt des Films. Durch die verlorenen Erinnerungen fehlt es ihm an Erfahrung, er begreift nicht, dass es Roberta (Merritt Wever) ist, die seine kreativen Passionen teilt. Sie zwingt ihn auch, seine Angreifer vor Gericht zu konfrontieren, denn irgendwann muss er aufhören vor der Realität zu flüchten.

Captain Hogie, Marks Alter Ego in Marwen, ist ein Action-Hero in der Tradition von Steve McQueen, er bleibt eine Wunschvorstellung.Carell („Vice – Der zweite Mann”, 2018 und „Beautiful Boy”, 2018) offenbart grandios die Fragilität des Protagonisten, die Tiefe seiner Verwundung und Einsamkeit. Eine geringe Abweichung von der Norm genügt schon, um einen Menschen zur Zielscheibe von Hass und Häme zu machen, auch wenn Künstler scheinbar über einen größeren Freiraum verfügen. Marks Leidenschaft für High Heels ist weniger Fetisch als individuelle Eigenheit. Männer haben ihn verjagt, Frauen rächen ihn. Es geht hier nicht um Cross-Dressing, sondern um das Aufbrechen von Gender-Konventionen, also eine Art Cross-Thinking. Dass gerade Barbie sich als radikale Kämpferin gegen Rollenklischees entpuppt, scheint nur auf den ersten Blick von besonderer Ironie. Barbie, die Ikone aus dem Kinderzimmer, feierte am 9. März ihren sechzigsten Geburtstag als begehrter Stereotyp erotischer Weiblichkeit, hier aber stellt sie den Facettenreichtum ihrer Talente unter Beweis unabhängig von Physiognomie, Bildung oder Ethnien. Ob Milchmädchen oder Widerstandskämpferin, sie staksen unerschrocken durch jede Gefahr auch in den Tod, verzaubern den Protagonisten mit ihrem Mut, den er verloren hat. Im Tal der Puppen wird unspektakulär gestorben, der Körper zerbricht in der Mitte, enthüllt erschreckende Leere.


Originaltitel: Welcome to Marwen

Regie: Robert Zemeckis
Drehbuch: Caroline Thompson Robert Zemeckis Basierend auf Jeff Malmbergs Doku Marwencol
Darsteller: Steve Carell, Leslie Mann, Diane Kruger, Eiza González, Gwendoline Christie
Produktionsland: USA , 2018
Länge: 116 Minuten
Kinostart: 28. März 2019
Verleih: Universal Pictures Germany

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright Universal Pictures Germany
 

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