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Film

„The Favorite – Intrigen und Irrsinn”. Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo

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Mittwoch, den 23. Januar 2019 um 08:19 Uhr
„The Favorite – Intrigen und Irrsinn”. Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo 4.5 out of 5 based on 250 votes.
The Favorite

Auf absurde menschliche Abgründe versteht sich Yorgos Lanthimos wie kaum ein anderer. Dieses Mal entsagt der griechische Regisseur seinem surrealistisch distanzierten kühlen Stil, entführt uns stattdessen in einen betörenden wie klaustrophobischen barocken Kosmos der Dekadenz.
„The Favorite – Intrigen und Irrsinn” ist eine bitterböse brillante Satire über drei Frauen im Kampf um Macht und Gunst am britischen Hof Anfang des 18. Jahrhunderts. Wundervoll maliziös inszeniert, opulent, raffiniert der Spott wie der Dekor. Das Schloss wird zur Bühne, ein hochemotionales Schlachtfeld, hier sind Männer lediglich Mittel zum Zweck, sie spielen nur noch eine klägliche Nebenrolle. Belohnt wurde die bild- und wortgewaltige Groteske dafür mit zehn Oscar-Nominierungen.

England liegt im Krieg mit Frankreich, doch in den prachtvollen Gemächern zwischen gigantischen Blumenbouquets und exquisiten Brokattapisserien ist von der Not des Volkes nichts zu spüren. Stolz präsentiert die gebrechliche unansehnliche Queen Anne (Olivia Colman) ihr grade vollendete Make-up der Freundin und Vertrauten, Lady Sarah Churchill Duchess of Marlborough (Rachel Weisz). „Ihr seht aus wie ein Dachs,” erklärt die mit leichtem Ekel, zugegeben, die Beschreibung trifft ins Schwarze. Neben dem königlichen Himmelbett haust ein Heer weißer Häschen, die Regentin mault, Sarah soll die Babys begrüßen. „Liebe hat ihre Grenzen”, entgegnet die attraktive Edeldame süffisant. In solchen kurzen Wortwechseln entlarvt sich die Machtkonstellation der beiden, sie kennen einander seit früher Kindheit.

Die alternde Königin ist eine tragisch komische Figur, Gicht und Arthritis quälen sie, die Beine von scheußlichen Ekzemen bedeckt, der Körper unförmig aufgedunsen, die Einsamkeit unerträglich. Sie ist impulsiv, herrisch, hilflos, einfältig, ungeduldig fordernd, hasst Rollstuhl und Krücken, ein wehleidiges lüstern-trotziges Kind, dann plötzlich ganz Majestät und einen Augenblick später wieder nur jener ungezogene Vielfraß, der gegen die ärztlichen Verbote alles in sich hineinstopft, um es gleich wieder zu erbrechen. Sie schimpft, klagt, bettelt. Unbändiger Zorn packt sie, wenn Musik erklingt, andere tanzen. Für die Ausritte mit Sarah wird sie in eine Art Panzer nach Ritter-Manier gesteckt, Haltung bewahren ist Pflicht, welche Qual, ihr ganzes Dasein gleicht einem grausamen schmerzhaften Korsett.

Erstaunt vernimmt die Monarchin, dass der Krieg weder vorbei noch gewonnen ist. Sie wird systematisch von ihrer Freundin kontrolliert, manipuliert, belogen. Sarah lenkt als persönliche Beraterin nach eigenem Gutdünken die Geschicke des Landes, missbraucht die Schwäche und das Vertrauen des Schützlings, nutzt die politische Situation zu ihrem Vorteil und dem ihres Gatten, Lord Marlborough, Oberbefehlshaber der Britischen Armee. Mit unglaublichem Einfühlungsvermögen gibt Olivia Colman dieser ja eigentlich lächerlichen Figur noch Würde, nicht ob der Machtposition sondern jener Fähigkeit zum Leiden, dem Empfinden von Schmerz und Sehnsucht. Sie winselt, wimmert, die sexuelle Abhängigkeit von Sarah macht sie zur Marionette, doch aus clownesker Einfalt wird am Ende erschreckende Hellsichtigkeit. Eine komische Tragödie nennt Drehbuchautor Tony McNamara „The Favorite”, letztendlich aber ist es eine Lovestory: „Es geht darum, wie schwierig die Liebe ist und wie man als Mensch von ihr pervertiert und verformt werden kann.”

Abigal (Emma Stone) war einst selbst Hofdame, ihr Vater aber hat Anwesen und gesellschaftliche Stellung verspielt, sie hofft, dass Cousine Sarah, ihr Arbeit verschafft. Die Kutsche hält vor dem Palast, ein Tritt, und die junge Schönheit landet im tiefen Morast und Kot, dem Boden der Realität, Hohn ist ihr sicher beim Adel wie auch dem Küchenpersonal, wo sie die Böden schrubben muss. Brutalität und Gehässigkeit sind erschreckend, Sex ein Synonym für Macht. Entschlossen und trickreich kämpft sich Abigal aus Morast und sozialem Abseits hoch ins Bett der Königin. Schmeichelt sich ein mit Komplimenten und scheinbarer Fürsorge, gibt der Regentin das Gefühl begehrenswert zu sein, unwiderstehlich. Anfangs sind da noch die Spuren von Unschuld, Verletzbarkeit, Abigal verzaubert auch uns, die Zuschauer, für einen Moment. Natürlich streichelt und herzt sie die weißen Hasen, ein jeder von ihnen Ersatz für die durch Fehlgeburten und Tod verlorenen 17 Kinder. Für die Kammerzofe hat Liebe keine Grenzen. Und so enden Lust und Ehrgeiz im Wahnsinn.

Vieles, was völlig überzogen wirkt, ist der Wirklichkeit näher als vermutet und historisch verbürgt. Zum ersten Mal arbeitet der 45jährige Lanthimos mit Kameramann Robbie Ryan („American Honey”). Gedreht wurde auf 35 mm, hinreißend, die verwirrenden Weitwinkel und verzerrten Blickachsen, die nie enden wollenden dunklen Gänge, Orientierung ist schnell verloren. Vorbei die Zeiten formaler Strenge von „Lobster” und „Dogtooth”, vorbei die Künstlichkeit und Distanz zwischen Zuschauer und Akteur, mussten die Darsteller früher betont emotionslos spielen, prallen hier Gefühle und drastische Gesten, Traumata und Schmerz aufeinander, ob Tränen oder Erbrochenes, dies ist Realität pur und doch herrlich überhöht. Der Regisseur schwelgt skrupellos und meisterhaft in extremen Perspektiven, die Kamera gleitet durch die riesige Hallen, was hier im Geheimen an Intrigen und Schachzügen geplant, scheint unmöglich, entlarvt zu werden, ein überbordendes Schlangennest.

Verführerisch mehr die Ästhetik als der Adel, das flackernde Kerzenlicht entwickelt Eigenleben auf den Gesichtern, die Schatten lassen den Schrecken ahnen hinter den glänzenden Fassaden, ein Leben wie auf der Bühne, doch auch hier gibt es ein Hinter den Kulissen, dort lauern die Protagonisten einander auf. In Nischen oder auf Emporen verborgen, beobachten sie Gegner und Konkurrentin, deren lustvolle heimliche Seufzer durch die Dunkelheit dringen. Eine Treppe knarrt, das Echo der Schritte unterstreicht Einsamkeit und Angst. Sarah ist klug, ausgesprochen sexy, eigentlich eine Meisterstrategin, aber Abigal hat sie unterschätzt, sah ihn nur das Opfer, wollte ihr Mut machen, sie unterstützen. Die Cousine brauchte keine Hilfe, sie trickst alle aus,

Der sarkastische Dandy Harely (Nicholas Hoult), repräsentiert die Landbesitzer, er kämpft gegen die Steuererhöhungen, mit denen ein aussichtsloser Krieg finanziert werden soll und die das Volk ins Elend treiben, so avanciert er zum gefährlichen Gegner von Lady Sarah. Masham (Joe Alwyn), ein hohlköpfige Adonis umwirbt Abigal leidenschaftlich, für sie ist er nur eine Stufe der Erfolgsleiter, spätestens in der Hochzeitsnacht begreift auch er es. Die Männer rücken in den Hintergrund, müssen sich mit dürftigen Nebenrollen begnügen, nichtsdestotrotz höchst amüsant, wenn sie juchzend einen nackten dicklichen Jungen mit Blutorangen bombardieren oder Entenrennen veranstalten. (Im Abspann des Films taucht auch Horatio II auf, the fastest duck in the city.) Hinter den höfischen Ritualen steckt viel Boshaftigkeit, eine hierarchische Gesellschaft, man musste sich beugen oder Leute umgarnen, um so aufzusteigen, sagt Mc Namara, Sarah und Abigal sind Edeldamen mit Finesse und kapriziösem Killerinstinkt ob beim Taubenschießen oder amourösen Eroberungen, Sie sind mit Hingabe autoritär und eifersüchtig. Gewalt bleibt hier nicht leere Drohgebärde, bewusst ohne feministische Aureole aber mit unterschwelliger Warnung.

Atmosphäre und Ton wechseln, wenn sich die Machtkonstellationen verschieben. Schubert, Händel, Bach, Purcell, Vivaldi, gemischt mit experimentellen oder elektronischen Kompositionen von Olivier Messiaen, Luc Ferrari und Anne Meredith, Abigal sprengt ihre Rolle, entledigt sich während eines Menuetts mit Masham, den Zwänge von Gesellschaft und Gefühlen, eine herrlich anarchische Explosion der Sinne. Die Dialoge mit ihrer pointiert eisigen Eloquenz ähneln oft Duellen, Bildung und Häme lassen selbst Obszönes noch edel klingen. Der ironisch prunkvolle Detailreichtum erinnert mehr an Peter Greenaway als an Stanley Kubricks „Barry Lyndon”, daneben verblassen Stephan Frears „Dangerous Liaisons”. Ein besseres Beispiel für Power Frauen im Clinch: Bette Davis und Anne Baxter in „All About Eve”, Regie Joseph L. Mankiewicz Der Film über den Kampf zweier Theaterschauspielerinnen untereinander war mit sechs Academy Awards und 14 Nominierungen der große Gewinner bei der Oscarverleihung 1951.

Lanthimos interessierte primär, wie das Verhalten der drei weiblichen Figuren den Lauf des Krieges beeinflusste, welche Auswirkungen hatte es auf das Schicksal des Landes. Queen Anne ist vielleicht Englands unbekannteste Monarchin. Und doch führte sie einen Krieg, der heute als der erste der modernen Zeiten gilt und vereinte England mit Schottland zu Großbritannien. Eine neue Ära begann, in der sich Whigs und Tories erbittert bekämpften, das neue Zweiparteiensystem war geboren. Der Regisseur über „The Favorite”: „Wenn man einen Film dreht, der in einer anderen Zeit spielt, ist es immer spannend zu sehen, wie er sich zu unserer Zeit verhält. Man merkt, wie wenig sich die Dinge verändert haben, sieht man einmal von der Kleidung ab und das ir heute Strom und Internet haben. Die Ähnlichkeit in Sachen menschliches Verhalten, Gesellschaft und Macht sind verblüffend.”


Originaltitel: The Favorite

Regie: Yorgos Lanthimos
Drehbuch: Deborah Dean Davis, Tony McNamara
Darsteller: Olivia Colman, Rachel Weisz, Emma Stone, Nicholas Hoult, Joe Alwyn, James Smith, Mark Gatiss.
Produktionsland: Großbritannien 2018
Länge: 120 Minuten
Kinostart: 24. Januar 2019
Verleih: 20th Century Fox Deutschland

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright 20th Century Fox Deutschland

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avatar Morten Hansen
+5
 
 
Zehn Oscar-Nominierungen? Da habt Ihr uns ja genau den richtigen Film empfohlen. Danke für den Tip! Den werde ich mir ganz bestimmt anschauen.
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