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Film

„Climax”. Die unwiderstehlichen Abgründe des Gaspar Noé

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(97 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Donnerstag, den 06. Dezember 2018 um 08:58 Uhr
„Climax”. Die unwiderstehlichen Abgründe des Gaspar Noé 4.4 out of 5 based on 97 votes.
Climax

Höchste tänzerische Disziplin explodiert unvermittelt in einem mitreißenden anarchistischen Rausch aus Begierde, Schmerz, Geltungssucht, Gewalt, Trance, schwindelerregenden Bewegungen. Gaspar Noés visueller Kosmos ist überwältigend schön und zutiefst verstörend.
Dieses Mal schwärmen die Kritiker von dem sonst als Enfant terrible gefürchteten Regisseur. Eine Sternstunde des französischen Kinos. Der gebürtige Argentinier reagiert eher befremdet über das Ausmaß solch euphorischen Lobes, nur wenige Zuschauer verließen in Cannes die Premiere, für den erfahrenen Meister der Provokation ein ungewohntes Phänomen, hat er an Biss verloren? Wahrlich nicht.

Ein Blick aus der Vogelperspektive. Alles ist weiß. Durch den frisch gefallenen Schnee stolpert eine fragile blutüberströmte Frau. Sie stürzt, kriecht weiter, bleibt liegen. Gaspar Noé beginnt den Film mit der letzten Einstellung des Leinwand-Epos’, dann folgt der Abspann, leicht beschleunigt. Die Welt hier wird oft auf den Kopf gestellt, umgedreht, das Innere dringt nach außen. 21 junge Tänzer stehen Rede und Antwort, aufgezeichnet auf Video-Kassette. Emmanuelle (Claude Gajan Maull) bereitet eine Tournee vor durch Frankreich und die USA. Die Künstler erzählen, warum sie dabei sein wollen, über ihre Erfahrungen, Philosophie und Träume, wie sie zu Tanz, Drogen oder Liebe stehen. Was würden Sie tun, wenn sie nicht tanzen dürften? Das Mädchen mit den weißblond gefärbten Locken verzieht die grell geschminkten Lippen zum Flunsch: „Selbstmord?” Die Youngster könnten nicht unterschiedlicher sein: schwul, lesbisch, hetero, aus den verschiedensten Ländern und Kulturen, kokett, witzig, ironisch, ernst, arrogant, verschlossen, offen. In einem Punkt aber sind sie ohne Ausnahme d’accord: Was Sie tun würden für die Karriere? Alles.

Die Casting-Interviews laufen auf einem veralteten Röhrenfernseher. Daneben stapeln sich die Werke von Nietzsche, Bataille, VHS Kassetten, David Lynchs „Eraserhead“, Kargels „Schizophrenie“, der österreichische Kultfilm „Angst“, Cronenbergs „Videodrome“, Argentos „Suspiria“, Fassbinders „Querelle“, „Ein andalusischer Hund“ von Luis Buñuel und Salvador Dalí. Der Regisseur eröffnet uns das kreative Beziehungsgeflecht seiner Inspirationen. „Climax” beruht auf realen Ereignissen, spielt 1996. Das Jahr hat grade begonnen, noch sind Mobiltelefone nicht omnipräsent, die beste Musik dieses Morgens gab es bereits. In Frankreich brachten Daft Punk ihre erste Platte auf den Markt. Mathieu Kassovitz’ „La Haine“ war grade in die Kinos gekommen.

In der Turnhalle einer ehemaligen Schule außerhalb der Stadt feiert die Truppe das Ende der Proben, den nächsten Tag soll die Tour starten. Unter einer gigantischen französischen Fahne hat DJ Daddy (Kiddy Smile) seine Plattenspieler aufgebaut. Die Tänzer formieren sich, als wären sie ein gezähmtes wildes Biest, das seine sinnlichen Geheimnisse fauchend und kraftstrotzend genießt im Rhythmus der Dancefloor Hits. Die konträren Stile der Performer verschmelzen harmonisch wie auch akrobatisch miteinander zu einem utopischen subversiven Kollektiv. Die Choreographie von Nina McNeely ist atemberaubend, der Zuschauer spürt hinter dem wahnwitzigen Tempo und Wechsel der Posen die pulsierende Energie, die frei gesetzt wird, aber auch den inneren Zusammenhalt: jeder inszeniert sich selbst, opfert nichts von seiner ureigenen Identität ob Voguing, Krumping oder Waacking. Es sind die tänzerischen Ausdrucksformen der sexuellen und sozialen Minderheiten, ihre Rebellion, das trotzige Aufbegehren gegenüber Mainstream und Konvention, entstanden in den Ballrooms von Paris und New York.

Während der Pause wird geflirtet, gelästert, besonders manche der Männer verstehen sich auf bösen toxischen Smalltalk, gleichgültig um welches Geschlecht es dabei geht. In wenigen Minuten schon offenbaren sich dem Zuschauer die Konstellationen innerhalb der Gruppe. Gaspar Noé zeigt den Menschen wieder einmal als genusssüchtiges und zugleich paranoides Wesen, nur darum bemüht, die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Im Hintergrund läuft weiter unablässig die Musik von DJ Daddy. Fast alle trinken begeistert den selbst gemachten Sangria. Noch beherrschen Rottöne die Szene, der Alkohol löst die Zungen, die Atmosphäre wird aggressiver. Der Raum fühle sich verboten an, als ginge etwas Unheimliches von ihm aus, sagt eine der Anwesenden. Zwischen den Tänzern irrt der kleine Sohn von Emmanuelle herum, schlafen kann und will er nicht. Die Youngster kehren auf den Dancefloor zurück, dieses Mal tanzen sie nicht zusammen, sondern einzeln, umringt von den Anderen. Dann plötzlich wird einigen schlecht, andere beginnen zu halluzinieren, jemand muss Drogen in den Sangria gemischt haben. Die Stimmung kippt, Panik macht sich breit. Der Schuldige wird gesucht. Ein Höllentrip beginnt.

Situationen, in denen völlig unvermittelt Chaos ausbricht, haben Gaspar Noé schon immer fasziniert. „Sie können unterschiedlichster Natur sein“, schreibt er in seinen Director’s Notes. „Straßenkeilereien. Schamanistische Sitzungen, die von psychodelischen Pilzen verstärkt werden. Partys, bei denen die Feiernden kollektiv die Kontrolle verlieren, weil sie exzessiv Alkohol konsumiert haben. Das gilt auch für die Herstellung meiner Filme. Nichts bereitet mir größeres Vergnügen, als vor dem ersten Drehtag nichts geschrieben zu haben und völlig unvorbereitet zu sein.... Wenn dann zusätzlich Chaos ausbricht, macht mich das noch glücklicher. Weil ich weiß, dass jetzt Bilder entstehen, die voller Kraft sind, die näher an der Realität sind als am Theater. Deshalb habe ich auf ein traditionelles Drehbuch verzichtet. Ich habe mich entschieden, diese fiese und verwunschene Geschichte ganz simpel und gradlinig zu erzählen... Was das Tanzen betrifft, war nur die erste Szene choreographiert. Ansonsten hatten die Tänzer alle Freiheit, sich in ihrer eigenen Sprache auszudrücken, die sich oft ganz nah am Unterbewusstsein bewegt.“

Der Film wurde chronologisch gedreht. „Ich wollte ein allgemeines Vertrauen aufbauen“, erklärt Noé. „Und ich wollte einen Wettbewerbsgeist kultivieren, der die Tänzer zu immer noch psychotischeren Darstellungen antreibt. Anders als bei konventionelleren Darstellungen von Tanz, wo jeder Schritt geplant und festgelegt ist, versuchte ich meine Protagonisten dazu anzutreiben, Stadien der Besessenheit zu simulieren, wie man es bei rituellem Trance erlebt. Obwohl Drogen durchaus eine Rolle spielen in der Geschichte, hatte ich diesmal nicht die Absicht, veränderte Stadien der Wahrnehmung subjektiv mit Hilfe visueller Effekte und Sound darzustellen. Im Gegenteil. Ich wollte den Figuren immer von außen zusehen. Eine andere Regel war, so schnell wie möglich und in langen Einstellungen zu drehen.“ Warum dieser Film? „Manchmal gibt es Ereignisse, die sind symptomatisch für eine Ära,“ schreibt der Regisseur. „Diese Ereignisse explodieren, ob aus eigenem Antrieb oder gesteuert, bis sie die Strafverfolgungsbehörden erreichen. Manche von ihnen gelangen dann an die Öffentlichkeit. Sie werden vergrößert, reduziert, falsch dargestellt verdaut oder auch nicht. Gelebtes Leben, ob nun glorreich oder schadhaft, wird auf Papier festgehalten und verschwindet dann schnell im kollektiven Vergessen. Existenz ist nicht nur eine flüchtige Illusion, die jeder von uns mit ins Grab nimmt...

Im Jahr 1996 sorgten mehr als eine Million Geschichten für Schlagzeilen. Geschichten, die heute längst vergessen sind. Und morgen erst recht... Wenn sie besonders intensiv sind, erlauben uns die Genüsse der Gegenwart, die endlose Leere zu verdrängen. Freude, Ekstase- ob nun konstruktiv oder destruktiv- sind wie ein Gegenmittel für diese Leere. Liebe, Kunst, Tanz, Krieg, Sport scheinen unsere kurze Zeit auf Erden zu rechtfertigen. Von diesen Ablenkungen hat mich Tanz immer schon am glücklichsten gemacht. Als ich nun also einen neuen Film machen wollte, schien es mir besonders aufregend, ihn auf einer Schlagzeile von damals basieren zu lassen und mit Tänzern zu besetzen, deren Talent mich fasziniert. Mit diesem Projekt war es mir möglich, abermals meine Träume und Albträume auf der Leinwand zu Leben zu erwecken.“ Benoît Debies Kamera ist genau wie die Akteure in ständiger Bewegung. Manchmal blickt sie von Oben auf das Geschehen, lauert wie eine Spinne im Netz und dreht sich um die eigene Achse. Sie folgt den Protagonisten durch die Korridore, lässt sie nicht mehr los. War vorher Bewegung Ausdruck von Freiheit, ist sie nun klaustrophobisch, es gibt kein Entkommen, die Türen sind verschlossen. Manche der Protagonisten werden zu willenlosen aufgedrehten Marionetten von unsichtbarer Hand gelenkt, ihr Anblick ist abstoßend, fast unerträglich.

Noé wählte fast ausschließlich Tanzmusik, die es zu jener Zeit bereits gab, Cerrone und Giorgio Moroder, die Pioniere des europäischen Disco-Sounds, popkulturelle Referenz für die schwule Minderheit. „Electron“ von Wild Planet, „French Kiss“ von Lil Louis oder „Voices“ sind allesamt Dancefloor-Tracks aus den späten Achtzigern und frühen Neunziger, als der moderne Rave zur treibenden Kraft der Jugendkultur wird. Und schließlich Experimentelles von der Avantgarde-Künstlerin Cosey Fan Tutti, die in den Siebziger Jahren zu der transgressiven Band Throbbing Gristle gehört hatte. Auf einem Werbeplakat heißt es: Sie haben „I Stand Alone“ verachtet. Sie haben „Irreversible“ gehasst. Sie haben „Enter the Void“ verabscheut. Sie haben „Love“ verflucht. Versuchen Sie nun „Climax“. Der Regisseur erhebt das Glas, prostet uns zu. Wir nehmen die Herausforderung dankend an, bewundern den Wagemut der Akteure, ihr schauspielerisches Geschick und unglaubliche tänzerische Bravour bei dieser apokalyptischen suggestiven Grenzüberschreitung. Herausragend Sofia Boutella als Choreographin Selva und Souheila Yacoub als Lu.

Unterschwellige Abneigung eskaliert in makabren Gewaltausbrüchen harmlose Zuneigung in monströser Lust. Schmutzige Grüntöne signalisieren Gefahr. Wahnsinn und Angst haben das Gemeinschaftsgefühl vernichtet. Furcht, Hysterie, Wahnsinn regieren. Jeder misstraut jedem. Emmanuelle will den kleinen Sohn beschützen, in Sicherheit bringen, schließt ihn ein in dem winzigen elektrischen Betriebsraum, jenes gelbe Warnschild an der Tür lässt uns erstarren. Das Kind will raus, weint, schreit gellend, etwas Grauenvolles ist passiert, das fühlen wir, doch Emmanuelle kann den Schlüssel nicht mehr finden, ist wie von Sinnen, die schwere Metalltür lässt sich nicht öffnen. Horror pur. Eine Schwangere wird von ihrer Freundin körperlich attackiert. Diese Art mörderischen Grauens erinnert an das Finale in Darren Aronofskys „Mother!“ Aus dieser Hölle führt kein Weg hinaus. „Das Leben ist eine kollektive Unmöglichkeit“ erscheint am Anfang des Films in riesigen Lettern auf der Leinwand, Mutterschaft wird so auch hier zum Martyrium. Im Morgengrauen erst verstummt die Musik, Polizei rückt an, bricht die Türen auf, befreit die Eingeschlossenen aus dem blutigem Labyrinth, aber das Trauma bleibt.


Originaltitel: Climax

Regie & Drehbuch: Gaspar Noé
Darsteller: Sofia Boutella, Romain Guillermic, Souheila Yacoub, Giselle Palmer, Taylor Kastle, Kiddy Smile
Produktionsland: Frankreich, 2018
Länge: 95 Minuten
Kinostart: 06. Dezember 2018
Verleih: Alamode

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright Alamode Filmverleih

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Zeit, Bild und KulturPort sind sich alle einig? Dann werde ich mir das Werk wohl tatsächlich mal anschauen müssen. Ob der Film im Holi läuft? Na ja, sonst einfach ein paar Schritte weiter durch den Regen ins Abaton...
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