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Film

„Goodbye Christopher Robin”. Die Einsamkeit des A.A. Milne

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Freitag, den 08. Juni 2018 um 08:42 Uhr
„Goodbye Christopher Robin”. Die Einsamkeit des A.A. Milne 4.5 out of 5 based on 219 votes.
Goodbye Christopher Robin

Wie die legendären Abenteuer von Winnie-the-Pooh und dem Hundert-Morgen-Wald entstanden, schildert Simon Curtis ästhetisch virtuos in seinem Biopic über den Schriftsteller Alan Alexander Milne.
Der britische Regisseur („My Week With Marilyn“) versteht sich auf filigrane spannungsreiche Beziehungen. Er inszeniert das melancholische Familien-Epos „Goodbye Christopher Robin” als trügerische Idylle und schillerndes Gesellschaftsporträt: Der Bär von geringem Verstand, das ängstliche Ferkel und der permanent missmutige I-Ah verzaubertenMillionen von Lesern, tun es heute noch, nur das Leben eines Kindes zerstörten sie.

Schwer traumatisiert kehrt der Schriftsteller A.A. Milne (Domhnall Gleeson) aus dem Ersten Weltkrieg zurück. Ob auf den elegant glamourösen Festen der Londoner Bohème oder nachts in seinen grauenvollen Albträumen, die Feuergefechte der Schützengräben verfolgen ihn überall hin. Er kann und will nicht mehr amüsante Satiren oder seichte Salonkomödien schreiben wie früher, kennt nur noch ein Thema: die Massaker des Krieges. Ehefrau Daphne (Margot Robbie) ist grenzenlos enttäuscht, sie erwartet Erfolg von dem Mann an ihrer Seite, möchte tanzen, ausgehen, lachen.

1920 kommt Christopher Robin zur Welt – alle in der Familie aber werden ihn nur Billy Moon nennen. Daphne hatte sich ein Mädchen gewünscht, sie lässt es den Sohn spüren. Enttäuschung entwickelt sich zu einer Art Leitmotiv in diesem Film. Die Milnes ziehen nach Ost-Sussex in ein märchenhaft verwunschenes Landhaus, Cotchford Farm. Um den achtjährigen Jungen (Will Tilston) kümmert sich liebevoll Olive, die Nanny (Kelly Macdonald), doch die einzigen wirklichen Spielgefährten bleiben seine Plüschtiere. Daphne hasst die Abgeschiedenheit, kehrt zurück in die Stadt. A.A. Milne, für Freunde kurz Blue, quält sich mit dem Schreiben, nichts will gelingen. Dann durch einen Zufall sind plötzlich Vater und Sohn für längere Zeit allein, lernen einander zum ersten Mal wirklich kennen.

Die beiden machen lange Spaziergänge, mit von der Partie immer auch Billys Stofftiere. Der verbitterte Künstler und das einsame Kind begegnen sich wie Erwachsene auf Augenhöhe, haben zärtliches Verständnis für die Schwächen des Anderen. Das Summen der Bienen oder ein zerplatzender Luftballon, schon glaubt der Schriftsteller sich wieder auf dem Schlachtfeld unter Beschuss. Und während die zwei mit dem ernsthaften Enthusiasmus von Entdeckern ferner Länder, die Geheimnisse der Flüsse, Tannen, Hügeln und Wiesen zu ergründen versuchen, erfinden sie gemeinsam Stück für Stück den imaginären Kosmos von „Pu der Bär”, jenem hinreißenden Kinderbuch-Klassiker, dessen hintergründige Philosophie und weisen Nonsense wir erst später im Alter richtig zu würdigen wissen. Fantasie und Wirklichkeit verschmelzen in Simon Curtis’ schwermütigen magischen Realismus, die Diskrepanz zwischen Tragik und Idylle rührt zu Tränen.

Zusammen bauen Vater und Sohn aus Ästen jenes Haus für den chronisch deprimierten I-Ah, das wir nur zu gut kennen genau wie die Brücke und das Stöckchenspiel. Subtext des Films sind unsere eigenen Erinnerungen, Dialoge, die unkontrolliert dazwischenfunken. Ferkel fragt Pooh: „Wenn du morgens aufstehst, was sagst du dann als erstes?" Pooh spontan: „Was gibt es zum Frühstück?" Ferkel: „Ich sag, ich möchte gerne wissen, ob heute etwas Aufregendes passiert." Und Pooh nach kurzem Nachdenken: „Das ist ja dasselbe." So geben wir die Zuschauer, dem Film vorübergehend jene unbeschwerte Ironie, die er selbst nicht besitzen darf, fast wünscht man sich, A.A. Milne hätte das Drehbuch geschrieben und nicht Frank Cottrell-Boyce und Simon Vaughan. Aber die Tableaus von Kameramann Ben Smithard verzaubern mit ihrer betörenden Schönheit, wenn der Schnee mitten im Sommer gen Himmel schneit, so und nicht anders sollte die Heimat von Christopher Robin sein. Will Tilston ist äußerlich sein Ebenbild mit dem Pagenkopf, den komischen mädchenhaften Blusen, kurzen Hosen und den wohl bekannten Gummistiefeln.

Der Autor kontaktiert den befreundeten Illustrator E.H. Shepard, die ersten Zeichnungen liegen bald vor. Wundervoll zu sehen, wie der immer hungrige Pooh langsam seine unverwechselbare Gestalt annimmt. Billy ist perplex, enttäuscht, „Du schreibst ein Buch? Ich dachte, wir haben einfach nur Spaß,” er begreift, die gemeinsamen Erlebnisse gehören nun jedermann, sein Alter Ego, Christopher Robin, wird ihm schnell lästig. Das Buch ist ein ungeheurer Erfolg. Der androgyne Junge wird von den Eltern skrupellos als Star zu Werbezwecken eingesetzt, Säcke mit Fanpost treffen für ihn ein. Fotografen lauern überall auf, der Hundert-Morgen-Wald ist kein unschuldiges Paradies mehr. Billy lächelt tapfer, Tag für Tag, bis seine Kindheit endgültig zerstört ist. Er fühlt sich missbraucht, verraten, im Internat verprügeln und hänseln ihn die Mitschüler. Vieles wird nur kurz angerissen, einige Kritiker sind nicht unbedingt begeistert, unerwartet wird „Goodbye Christopher Robin” ein Film, der polarisiert, das opulent Schöne missfällt, obwohl es doch genau den Zeitgeist trifft. Eine Oberschicht, die vergessen will, Ablenkung sucht, der Zweite Weltkrieg schien unvorstellbar. Wer das Geld besaß, hatte Kindermädchen oder Gouvernante. Die Kleinen wurden herausgeputzt, Gehorsam war selbstverständlich.

Wie viele Kinder mögen Billy um sein Leben beneidet haben, er selbst verabscheute es: Posieren neben den Wachen des Buckingham Palace, im Zoo oder in Buchhandlungen, das Beisammensein mit den Eltern endet als PR-Aktion. Sein Plüschbär war längst kein Vertrauter mehr, nur ein ausgestopfter Akteur, der ebenso vermarktet wird wie der Junge. Was den Vater und Billy verband, entzweit sie für immer. Mit Winnie-the-Pooh gewann A.A. Milne kurzfristig seine Frau zurück, aber verlor den Sohn. Grandios, wie Domhnall Gleeson („Ex Machina”) den sensiblen Künstler verkörpert, der selbst doch so wenig Gespür für die Gefühle seines Kindes hat. Jene Wochen im Hundert-Morgen-Wald befreiten ihn aus der Isolation der posttraumatischen Belastungsstörung, er tauscht aber nur eine Einsamkeit gegen eine andere. Es ist das Frankenstein’sche Schicksal von seiner eigenen Kreation verschlungen zu werden. Nie hatte der Dramatiker und Essayist als Kinderbuchautor in die Geschichte eingehen wollen, fühlt sich missverstanden von Freunden, Familie und eigentlich auch seinen Lesern. Margot Robbie („I, Tonya”) lächelt hinreißend als kühle Daphne, wenn sie dem Sohn bei ihren kurzen Stippvisiten wieder ein neues Plüschtier mitbringt oder ihn im Zoo für die Kameras neben dem riesigen Braunbär platziert, sie wird Billy nicht an ihr Sterbebett lassen und der wird nie einen Cent von den Tantiemen der „Winnie-the-Pooh”-Erzählungen anrühren.

Christopher Robin ist oft abwesend bei den Abenteuern im Hundert-Morgen-Wald, doch er weiß um seine Verantwortung für Pu den Bären, Ferkel, Eule und Tiger, sie brauchen ihn als väterlichen Freund und Mentor, er wirkt seltsam erwachsen. Der 18jährige Billy (Alex Lawther) aber fühlt sich verdammt für immer ein achtjähriger Junge zu sein, ein lächerliches Show-Pony, wie soll er je eine eigene Persönlichkeit entwickeln, Momente fragilen Glücks wurden für ihn zur Falle. Er wählt jenen Fluchtweg, den A.A. Milne, der Kriegs-Gegner, am meisten fürchtet, er meldet sich freiwillig zum Militär, wird abgelehnt, setzt den Vater unter Druck, sich für ihn einzusetzen, dass er trotzdem zugelassen wird. Erst als Soldat an der Front beginnt er zu erahnen, warum die Menschen „Winnie the Pooh” so bedingungslos lieben.


Originaltitel: Goodbye Christopher Robin

Regie: Simon Curtis
Darsteller: Domhnall Gleeson, Margot Robbie, Kelly Macdonald
Länge: 107 Minuten
Produktionsland: USA, 2017
Gestartet: 7. Juni 2018
Verleih: 20th Century Fox Germany

Fotos, Pressematerial & Trailer: 20th Century Fox Germany

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