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Film

„The Happy Prince”. Rupert Everett und die Ästhetik der Melancholie

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Donnerstag, den 24. Mai 2018 um 08:59 Uhr
„The Happy Prince”. Rupert Everett und die Ästhetik der Melancholie 4.3 out of 5 based on 250 votes.
The Happy Prince

Paris, 1898, der Regen prasselt auf die Tische des Straßencafés, nur ein älterer, etwas verwahrloster Mann sitzt draußen, geduldig darauf hoffend, dass noch jemand vorbeikommt, ihm einen Drink spendiert. Es ist Oscar Wilde (Rupert Everett). Vorbei die Zeit grandioser Triumphe und grenzenloser Bewunderung, der einst umjubelte irische Schriftsteller ist nach Zuchthaus und Zwangsarbeit ein innerlich gebrochener Mann, auch wenn er es hinter seinem Zynismus zu verstecken versucht.
Wo die Filme anderer Regisseure über den Liebling des viktorianischen Bürgertums enden, genau dort setzt Rupert Everett mit „The Happy Prince” an. Lange und oft verzweifelt hat er für die Realisierung dieses Projekts gekämpft, inszeniert nun die letzten Lebensjahre des schwulen Künstlers als leidenschaftliches Porträt eines verfemten Außenseiters auf der Suche nach Erlösung.

Vor der gesellschaftlichen Ächtung flieht Oscar Wilde 1897 nach Frankreich ins Exil. Dort empfangen ihn seine drei treusten Freunde und Weggefährten. Von jetzt an nennt er sich Sebastian Melmoth nach dem Protagonisten in „Melmoth der Wanderer“, dem berühmten Gothic Horror Roman seines Großonkels Charles Robert Maturin. Das 800-Seiten Werk ineinander verschachtelten Erzählungen handelt von Melmoth, der dazu verdammt ist, 150 Jahre durch die Welt zu irren. Er hat in bester faustischer Manier einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, um die eigene Wissensgier zu befriedigen. Auf sein Gespür für ironische Anspielungen kann der frühere Star der Londoner Theater-Szene sich selbst in Momenten größten Schmerzes verlassen. Mit der ihm typischen Nonchalance verprasst Wilde das letzte Geld, aber schlimmer noch, er ist unfähig zu schreiben: „Ich schrieb, als ich noch nichts über das Leben wusste, jetzt wo ich es kenne, gibt es nichts mehr zu schreiben.“ Und doch, der Champagner muss fließen, nur so lassen sich die Demütigungen, der Schwulenhass und die Verleumdungen wenigstens manchmal vergessen.

Zum Verhängnis wird dem Künstler wieder seine Amour fou für den eiskalten berechnenden Lord Alfred ‚Bosie’ Douglas (Colin Morgan). Die Liebschaft mit dem um vieles jüngeren Spross aus Adelskreisen hatte zu dem Urteil wegen schwerer Unzucht geführt. Nach einem trügerischen Intermezzo in Neapel ist der Absturz unausweichlich: Halluzinationen und Erinnerungen an die turbulent glamouröse Vergangenheit überschneiden sich mit der Realität, es entsteht ein schillerndes ästhetisch virtuoses Kaleidoskop. Trotz Absinth und Kokain, Zorn, Enttäuschung, Tränen, Erniedrigung, Reue, der vagen Hoffnung auf Erlösung, als Meister der Komödie verliert der Protagonist nie ganz jenen unverwechselbaren sardonischen Humor, Zynismus dient als Schutzschild gegen das eigene Selbstmitleid. Die sanfte Seite seines Charakters zeigt sich in dem lyrischen Märchen „The Happy Prince“, hier im Film nicht nur melancholisches Leitmotiv sondern auch Metapher für eine rein materialistische Werteordnung.

In dieser, unserer Welt dreht sich alles unaufhörlich um Geld, Macht, Ruhm, dessen ist sich Wilde in jedem Moment bewusst. Lange bevor ihn die Gesellschaft ins soziale Abseits verbannte, schrieb er „The Happy Prince and Other Stories“ veröffentlicht im Mai 1888. Am Bett der Söhne erzählt er ihnen als Gute-Nacht-Geschichte von jenem Prinz, der (ähnlich wie er) in einem Palast lebte, wo Schmerz nie Einlass gewährt worden war. London lag dem kapriziösen eleganten Dandy zu Füßen nach „Das Bildnis des Dorian Gray“ (1891), er blieb sein einziger Roman, hatte weniger autobiographischen als prophetischen Charakter. Es folgten Komödien wie „Lady Windermere’s Fan“ (1892), „A Woman of No Importance“ (1893), „An Ideal Husband“ (1895) und „The Importance of Being Earnest“ (1895), keiner charakterisierte Gehässigkeit, Gier und Dünkel der Oberschicht so virtuos wie Wilde. Und doch amüsierte seine Gesellschaftskritik die bigotte High Society. Everetts Film zeigt nur kurze Erinnerungssplitter, der Protagonist auf der Bühne, seiner Überlegenheit gewiss, es ist als kokettiere er mit der eigenen Eitelkeit.

Der alternde Schriftsteller kann oft grausam sein, gefühllos, die wirklichen Freunde hat er enttäuscht ähnlich wie seine Frau Constance (Emily Watson), er weiß es und vermisst die Söhne, sehnt sich nach Liebe: „Ich bin mein eigener Judas“, gesteht er und taumelt betrunken einem Vagabund gleich die Pariser Boulevards entlang. Verwirrt, erschreckt tappst der Zuschauer hinterdrein. Zum Gaudi der Gäste in einer Spelunke klettert Wilde auf den Tisch, sein Körper ist aufgedunsen, das Gesicht eingefallen, auf Lippen und Wangen clownesk verschmiertes Rouge. Mit dem Varieté-Song „The Boy I Love Is Up in the Gallery“ denunziert er die eigene Kläglichkeit, ein Nachruf auf den exzentrischen eitlen Dandy, der er einst war. Es ist die Traumrolle schlechthin für Rupert Everett und ein beeindruckendes Debüt als Regisseur und Autor. Unverständlich, warum ihm Filmkritiker vorwerfen, er wäre eitel ähnlich seinem Protagonisten. Im Gegenteil, es gehört ungeheuer viel Mut dazu, eine schwule Ikone, sich so selbst demontieren zu lassen fern jeder Glorifizierung.

Der 58-jährige Rupert Everett hat nicht die bissige Bösartigkeit eines Oscar Wilde, überall schimmert die eigene Schwermut durch, verhaltene Enttäuschung, seine Melancholie infiziert uns, ist aber nur scheinbar ein Weichzeichner. Sie macht das Unerträgliche um so grotesker, barbarischer. Wenn eine Horde englischer Jugendlicher mit Knüppeln bewaffnet Wilde und seine beiden Freunde durch die Gassen jagt, höhnisch, ordinär: „Wo haben Sie denn ihre Seidenstrümpfe gelassen, Oscar?“ Die Kirche biete keine Zuflucht, nirgends ist Schutz vor solchen, die Schwule hassen. Der Schriftsteller verliert plötzlich jede Angst, tritt unter dem Kreuz Christi den arroganten brutalen Jungen mit verzweifelter Unerschrockenheit entgegen, er ist oft genug geflüchtet, schreit sie an: „Was wollt Ihr denn von mir? Da ist nichts mehr zu holen. – Mich töten? ich bin schon tot.“ Genau diese Unerschrockenheit zeichnet „The Happy Prince” als eine Chronik des Widerstands aus. Die Flucht nach vorn verbunden mit einer verzweifelten Melancholie: „Welch große Hoffnungen wir hegten“, seufzt Wilde, und so empfinden mit ihm unzählige Menschen heute. Homophobie und Rassismus nehmen in erschreckendem Ausmaß zu. Für Everett ist der schwule Schriftsteller ein Märtyrer und die Zukunft dunkel. Einen professionellen Romantiker nennen ihn die Kunstkritiker.

Geschickt verkürzt der Regisseur Oscar Wildes geistreich ausufernde Eloquenz auf wenige brillante Bonmots. „The Happy Prince” ist eine Hommage an die Freundschaft: Reggie Turner (Colin Firth) und Robbie Ross (Edwin Thomas) sind wie Felsen in der Brandung, die Verkörperung von Loyalität, Altruismus, eine stoische verlässliche Zuneigung und Zärtlichkeit zeichnet beide Männer aus. Auf den Festen präsenteren sich Künstler und Schwule laut, ungestüm, genießen es die Bürgerlichen zu provozieren, ein wenig Rache für viel Ächtung. Die Umgebung in Frankreich und Italien ist anfangs noch idyllisch, doch Everett charakterisiert die schwule Society mit allen ihren Schwächen und Stärken, für Sex wird oft bezahlt, die Nachfrage bestimmt den Preis, es ist ein Spiel der Abhängigkeiten und Erniedrigungen. Wilde akzeptiert es als Schicksal, an der Liebe zu zerbrechen. Ein misstrauischer minderjährige Stricher und dessen trotziger kleiner Bruder sind in Paris zu einer Art Ersatz für die eigenen Söhne geworden. Ihnen erzählt er nun von der kleinen Schwalbe und dem Denkmal des goldenen Prinzen, der sich opfert, um die Armut zu lindern. Die Haft hat die Gesundheit des Schriftstellers ruiniert, er verfällt zusehends. Das opulent elegische Drama einer Zeit im Umbruch scheint unwirklich, überhöht, doch grade der Zynismus Oscar Wildes erzwingt die Verbindung zu Realität und Gegenwart. Seine letzten Worte: „Ich kämpfe auf Leben und Tod mit dieser Tapete, einer von uns muss weichen.“


Originaltitel: The Happy Prince

Regie / Drehbuch: Rupert Everett
Darsteller: Rupert Everett, Colin Firth, Colin Morgan (II) Edwin Thomas, Emily Watson
Produktionsländer: Großbritannien, Deutschland, Belgien, Italien
Länge: 105 Minuten
Kinostart: 24. Mai 2018
Verleih: Concorde Filmverleih GmbH

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright
Concorde Filmverleih GmbH

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