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Film

„Die Spur”. William Blake und die Rache der Eigenbrötler

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(281 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Montag, den 01. Januar 2018 um 12:53 Uhr
„Die Spur”. William Blake und die Rache der Eigenbrötler 4.5 out of 5 based on 281 votes.
Die Spur

Jäger werden zu Gejagten, wenn Agnieszka Holland in dem wundervoll skurrilen Öko-Epos “Die Spur” ästhetisch virtuos die Genres sprengt: Feministisch-anarchistischer Mystery-Thriller oder klassische Crime-Story? Proben die Tiere des Waldes den Aufstand?
Die 69jährie polnische Regisseurin und Drehbuchautorin versteht sich darauf, uns auf falsche Fährten zu locken. Ihre subversive Killer-Chronik mit schwarzem Humor entwickelt sich bald schon zur bildgewaltigen Allegorie der heutigen Gesellschaft und deren Verachtung für die ältere Generation.

Die pensionierte Brückenbau-Ingenieurin Janina Duszejko (Agnieszka Mandat-Grabka) lebt zurückgezogen nahe einem Bergdorf an der polnisch-tschechischen Grenze. Als Aushilfslehrerin unterrichtet sie Englisch, die Kinder hängen an der exzentrischen, charismatischen Frau. Für die Erwachsenen hingegen ist sie eine verrückte alte Querulantin, die auch noch darauf beharrt, nur mit dem Nachnamen angeredet zu werden. Die große Leidenschaft der überzeugten Einzelgängerin sind Tiere, Astrologie und William Blake. Mit einem ehemaligen Schüler liest und übersetzt sie die Gedichte des britischen Mystikers.

Früh morgens, wenn Duszejko mit ihren beiden Hunden das Haus verlässt, ist die Natur jedes Mal gleich in welcher Jahreszeit wie eine Offenbarung für sie, ihr Blick bekommt plötzlich etwas Strahlendes, es scheint, als ob sie die Welt umarmen wolle, doch der Moment des Glücks ist trügerisch. Die Landschaft von überwältigender, majestätischer Schönheit kann nicht hinwegtäuschen über Korruption, Grausamkeit und die Ignoranz ihrer Bewohner. Hier haben die Jäger das Sagen. Selbst der Priester verkündet von der Kanzel, dass die Pirsch Gottes Wille ist. Duszejko glaubt an die Bestimmung der Sterne und nicht den Allmächtigen im Himmel. Sie taucht im Polizeirevier auf und will einen Mord anzeigen. Ein junges Wildschwein sei umgebracht worden. Es mag absurd klingen, doch der Zuschauer, auch wenn er kein radikaler Vegetarier wie die Protagonistin ist, hat längst begriffen, dass in diesem patriarchalischen Mikrokosmos jeder Schuss auf ein Tier Ausdruck puren Sadismus ist, Wilderei ein Kavaliersdelikt. Der Schwächere wird verachtet, unterjocht, Frauen inbegriffen, sie sind nicht mehr als eine leichte Beute wie die Füchse, denen das Fell bei lebendigem Leib abgezogen wird, die Kadaver landen im Dreck.

Olga Tokarczuks Roman „Der Gesang der Fledermäuse” bildete die literarische Vorlage für den Film, das Drehbuch schrieb Agnieszka Holland (Oscar-Nominierung für „Hitlerjunge Salomon”, „House of Cards") zusammen mit der polnischen Autorin. Eine abgründige raue Poesie und Verzweiflung durchzieht anfangs den sonderbaren Thriller, die höchst eigenwillige bizarre Philosophie der militanten Tierschützerin erinnert immer wieder an den Dichter William Blake, der ihr Denken prägt. Dann verschwinden die beiden Hunde der Protagonistin spurlos, es waren ihre einzigen Kameraden und Weggefährten, es zerreißt ihr (und uns) das Herz. Die Schuldigen glaubt Duszejko zu kennen. Eines Nachts entdeckt sie in der winterlichen Dunkelheit ihren toten Nachbarn, der griesgrämige Wilderer ist auf rätselhafte Weise an einem Tierknochen erstickt. Wenig später findet sie den eingeschneiten Leichnam des Polizeichefs, die einzigen Spuren, die zum Tatort führen, stammen von Rehen. Jene mysteriöse groteske Mord-Serie setzt sich fort, immer sind passionierte Jäger das Opfer. Die einstige Brückenbau-Ingenieurin gerät natürlich als Erste in Verdacht, sie beginnt selber zu ermitteln, vermutet hinter dem Verbrechen die Tiere des Waldes und empfiehlt den Beamten zu überprüfen, ob eins der Opfer „im Moment seines Todes den Mars im Transit der Venus hatte, was nach Erkenntnissen der Astrologie viele Analogien zu Pelztieren hat”.

„Die Spur” drehte Agnieszka Holland zusammen mit ihrer Tochter und Kollegin Kasia Adamik („Bark”). Es ist ein ungebärdiges intellektuelles Märchen, anarchistisch kauzig wie seine Protagonistin, eine Traumrolle für Agnieszka Mandat-Grabka („Sanctuary“). Die Regisseurin sagt über Duszejko: „Solche Frauen werden nur selten in Filmen gezeigt. Aber der Charakter meiner Heldin ist extrem, sie ist keine gewöhnliche Frau. Doch zugleich ist ihre Situation für Frauen ihres Alters ziemlich typisch (...) Die Männer um sie herum behandeln sie nicht als gleichwertigen Menschen.” Dabei ist sie den machthungrigen Barbaren des Provinz-Establishments geistig weit überlegen. Eitel ist unsere esoterische Brückenbau-Ingenieurin keinesfalls, zumindest nicht was ihr Äußeres betrifft. Als sie noch mit den Hunden durch die Wiesen tobte, entwickelte Duszejko eine ganz besondere Art von Schönheit, unwiderstehlich als wäre sie Teil des geheimnisvollen nebligen Waldes. Für die meisten Dorfbewohner aber ist die korpulente Frau im hässlichen Anorak und einer Plastiktüte in der Hand unsichtbar, die perfekte Voraussetzung für eine erfolgreiche Detektivin. Bei ihrer Spurensuche trifft sie auf andere Eigenbrötler, auch die kämpfen mit Problemen, Dobra Nowina (Patricia Volny), das junge hübsche Mädchen aus dem Secondhand-Laden und Geliebte eines Gauners, Dyzio (Jakub Gierszal), der an Epilepsie leidende Computerfreak und Boros (Miroslav Krobot), der ernste tschechische Insektenkundler, in den sich die Heldin verliebt.

Duszejko verkörpert die desillusionierten Frauen ihrer Generation und Heimat, ihre Stärken wie ihre Schwächen. Ob Ausbildung und Qualifikation fühlten sie sich früher gleichberechtigt, wuchsen in einer Zeit auf, die, die Welt noch verändern wollte, doch der neue glitzernde Kapitalismus verlangt nach Anmut, langen Beinen und einem Puppengesicht. Die Achtung vor dem Alter war längst überholt, der Sozialismus ging samt seinen Idealen unter. Sie warten noch immer vergeblich auf den versprochenen Fortschritt und die Freiheit. Wo können sie noch andocken, die Kirche ist ihnen suspekt, der autoritäre Macho-Populismus lehrt sie das Fürchten, sie flüchten aus der Isolation in Astrologie, Yoga oder Zen. Die Systemkritik bleibt unterschwellig, wird nie zum lästigen Ballast, Agnieszka Holland wollte keine politischen Film drehen, wie sie sagt, und doch tat sie es. Einige polnische Journalisten kritisierten „Pokot” als feindlich ihrem Land gegenüber eingestellt, antichristlich und als Werbung für Öko-Terrorismus. Ungeachtet dessen wurde „Die Spur” als polnischer Beitrag für den Oscar ausgewählt.

Die Verzweiflung verwandelt sich langsam wieder in Kraft, Duszejko schlüpft auf dem Karnevalsfest der Pilzsammler in einen Wolfspelz. Die Welt wird sie nicht verändern, aber für sich selbst und ihre neuen Freunde findet sie einen Ausweg. Das scheinbar glückliche Finale, signalisiert es Hoffnung oder ist es nur pure Ironie? „Plötzlich war mir klar, warum die Hochsitze, die doch mehr an die Wachtürme eines Konzentrationslagers erinnern, Kanzeln genannt werden. Auf einer Kanzel stellt sich ein Mensch über die anderen Lebewesen und erteilt sich selbst die Macht über ihr Leben und ihren Tod,“ heißt es im Roman. Olga Tokarczuk wurde oft mit Umberto Eco verglichen oder Gabriel Garcia Márquez, die Präzision der Sprache, ihr Wagemut zur kühner Assoziation, im Film finden Agnieszka Holland und Kamerafrau Jolanta Dylewska („Louder than Bombs”) betörende Bilder, sie umzusetzen. Aus dem Nebel tauchen nur für einen Augenblick die Geweihe dreier Hirsche auf, dann verschwinden die Tiere wieder im schützenden Dunkel, ein unvergesslicher Moment genau wie in anderen Szenen die Augen der gequälten Kreaturen. Mit Sorge betrachte die Regisseurin den politischen Wandel in Polen, autoritäre Strukturen und Nationalismus stellen demokratische Werte in Frage. Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzung, Angst bestimmen den Alltag. Agnieszka Holland hat drei Filme über den Holocaust gedreht, sie ist mit den historischen Umständen vertraut und sagt: „Ich erkenne deutliche Parallelen zwischen der geistigen und politischen Situation in den 30er-Jahren und heute.”


Originaltitel: Pokot
Regie: Agnieszka Holland
Darsteller: Agnieszka Mandat-Grabka, Wiktor Zborowski, Miroslav Krobot
Produktionsländer: Polen, Deutschland, Tschechische Republik, Schweden, Slowakei
Länge: 128 Minuten
Kinostart: 4. Januar 2018
Verleih: Film Kino Text

Literaturvorlage: Der Gesang der Fledermäuse
Schöffling und Co. Verlag, Frankfurt am Main 2011
Aus dem Polnischen von Doreen Daume
Gebunden, 352 Seiten
ISBN: 978-3-89561-466-8

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright
Film Kino Text

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avatar Giulio
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Prost Neujahr! Und danke für die vielen schönen Kinotipps in 2017.
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