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Film

„Loving Vincent”. Post-Impressionismus als Psychothriller

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(312 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Donnerstag, den 21. Dezember 2017 um 09:50 Uhr
„Loving Vincent”. Post-Impressionismus als Psychothriller 4.5 out of 5 based on 312 votes.
Loving Vincent

Völlig aufgehen in der Welt des Malers Vincent van Gogh. Es klingt wie eine Utopie, aber die Regisseure Dorota Kobiela und Hugh Welchman lassen sie Wirklichkeit werden. Die beiden entschieden sich für die vielleicht einzig mögliche Annäherung an den Meister: durch sein eigenes Werk.
„Loving Vincent” erzählt von den letzten Monaten im Leben des niederländischen Malers und dem Geheimnis um seinen Tod. Ein visuell spektakuläres Wagnis: 125 Künstler kreierten mehr als 65.000 Einzelbilder für den ersten aus Ölgemälden erschaffenen Animationsfilm. Publikum und Kritiker waren meist hingerissen, doch einige Rezensenten sehen hier van Gogh reduziert zum Popkultur-Klischee, einer kitschigen Parodie seiner selbst.

Frankreich, Sommer 1891. Ein Jahr ist vergangen seit dem Selbstmord Vincent van Goghs, da taucht plötzlich ein Brief des Künstler an seinen Bruder Theo auf. Der Postmeister von Arles, Joseph Rolin (Chris O’Dowd) beauftragt seinen Sohn Armand (Douglas Booth), nach Paris zu fahren und den Brief persönlich zu überbringen. Armand ist wenig begeistert. Die Freundschaft des Vaters mit dem ausländischen Maler, der sich selbst ein Ohr abgeschnitten haben soll und in die Nervenheilanstalt eingewiesen wurde, ist ihm höchst peinlich. Widerwillig macht er sich auf den Weg, doch in Paris kann er Theo nicht finden. Von dem Farbenhändler, Galeristen und Sammler Père Tanguy (John Sessions) erfährt er, dass Theo, am Boden zerstört durch den Verlust seines Bruders, nur wenige Monate nach Vincents Tod verstorben ist.

Tanguy schildert dem Jungen, wie Theo seinen Bruder verständnisvoll, geduldig unterstützte, den entscheidenden Durchbruch auch finanziell ermöglichte: Von dem 28-jährigen Versager, der an drei Berufen gescheitert war und wie ein Ausgestoßener in einer Scheune in Borinage, dem belgischen Steinkohlerevier, hauste mit nur ein paar Büchern und keiner Ahnung, was er als nächstes tun sollte, entwickelte sich Vincent zur neuen Kunstsensation von Paris. Nach diesem Gespräch ist Armand überzeugt, den Freund des Vaters falsch eingeschätzt zu haben, und will unbedingt wissen, warum der Maler, nach all den Kämpfen und Niederlagen, ausgerechnet den Moment seines bevorstehenden Erfolgs wählte, um sich das Leben zu nehmen. Tanguy hat darauf keine Antwort. Hier verwandelt sich das Biopic behutsam in einen wundervoll bedächtigen Psychothriller und der junge Armand mit seinem kanariengelben Jackett zu einem eifrigen Ermittler auf den Spuren des Künstlers und den Abgründen der Seele.

Die polnische Regisseurin und Drehbuchautorin Dorota Kobiela hatte beschlossen, ihre zwei Leidenschaften, Malerei und Film, miteinander zu verbinden. Sie war 30, als die Idee zu „Loving Vincent” entstand, etwa im gleichen Alter wie van Gogh, als er zu malen begann: „Noch mehr als seine Gemälde, die ich liebe, war es die Art, wie Vincent lebte, die mich inspirierte. Ich habe mein ganzes Leben mit Depressionen gekämpft und ich war beeindruckt davon, wie viel Kraft er als junger Mann aufbrachte, um sich selbst von furchtbaren Rückschlägen wieder aufzurichten und durch Kunst einen Weg fand, Schönheit in diese Welt zu bringen. Seine Briefe (insgesamt 800, Anm. d. Red.) halfen mir an einen Tiefpunkt meines Daseins und inspirierten mich, diesen Film zu machen.” Van Goghs Popularität ist eine ganz besondere, sein Einfluss größer denn je zuvor und seine Bilder sprechen auch Menschen an, die nur geringes oder gar kein Interesse an Malerei haben, erklärt der britische Produzent, Autor und Regisseur Hugh Welchman: „Wir hatten das Gefühl, dass Vincents Geschichte auf emotionaler Ebene nur richtig erzählt werden kann, wenn sie eng mit seinen Gemälden verbunden ist.” 125 davon sind in die Handlung eingeflochten mit spielerisch sinnlicher Beiläufigkeit und frappierender Logik.

Während Armand weiter reist zu van Goghs letzten Aufenthaltsort, Auvers-sur-Oise, jenem nur scheinbar idyllischen Dorf, eine Stunde entfernt von Paris, beginnt der Zuschauer die Welt mit den Augen des Malers zu sehen. Ob Experte oder Newcomer, es ist ein unvergleichliches Erlebnis, anfangs noch ein wenig befremdlich, wenn der Post-Impressionismus flirrt, glitzert, wabert, aber vielleicht ist es nur die innere, fiebrige Unruhe des Künstlers, die sich auf uns überträgt. Wir kennen sie, die Farben, Stimmungen, die Porträts wie auch die wogenden Weizenfelder mit den Krähen, die wilden Wolkenberge, die rötlich flackernde Sonnenbälle. Und doch ist nun alles plötzlich anders, der Zug rattert als Vorbote der Industrialisierung durch die noch verwunschene Landschaft. Es ist wie ein Puzzle, Stück für Stück fügt es sich zu einem atemberaubenden Gesamtbild. Die Gesetze von Zeit und Raum scheinen aufgehoben, Stillleben erwachen zu Leben. Vincent van Gogh, das ist hier und jetzt oder wir als Teil der Vergangenheit. Armand, trotz seiner Vorliebe für Alkohol und Raufereien, macht sich gut in der Rolle des Erzählers und Detektivs auf der Suche nach der Wahrheit, diese Reise verändert ihn und auch irgendwann uns. „Loving Vincent” wurde als bester Animationsfilm mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet.

Ob Gerücht und Fakt, im Erdreich unter dem Amsterdamer Van Gogh Museum soll eine time capsule (Kassette mit Zeitdokumenten) vergraben sein, darin ein Satz Pinsel des Künstlers und die Noten von Don McLean’s Komposition zu „Vincent”. Der bittersüße Song stieg 1972 auf zur Nummer 1 in den britischen Charts, später sang ihn auch Julie Andrew, die Metal Punks NOFX, er ist Teil des Mythos um den Maler. Gangsta Rapper Tupac Shakur liebte „Starry, Starry Nights”, als der 25jährige 1996 niedergeschossen wurde, schob seine Freundin den Song in den Kassettenrecorder neben dem Krankenhausbett, es sollte das Letzte sein, was Tupac hört, bevor er stirbt. So zumindest erzählt man es sich. Es gibt viele Perspektiven, Interpretationsansätze für einen Film wie „Loving Vincent”, vielleicht kommt Mc Leans Folk-Pop jener Spannung zwischen Ekstase und Melancholie näher, als mancher Filmkritiker oder Kunstexperten es wahr haben will. Van Goghs Ölgemälde „Sternennacht” entstand, nachdem der Maler sich in die Nervenheilanstalt von Saint-Rémy-de-Provence hatte einweisen lassen.

Während Armand einige Tage auf die Rückkehr von Dr. Paul Gachet (Jerome Flnn), Vincents damaligen Arzt wartet, lauscht er mit Befremden den verschiedenen widersprüchlichen Theorien der Dorfbewohner über den Selbstmord des Malers. Da ist der Bootsmann vom Fluss, die mitteilsame Adèle, Tochter des Besitzers der Auberge Ravoux, wo Vincent die letzten zehn Wochen seines Lebens ein Zimmer hatte, außerdem Louise, Dr. Gachets gehässige Haushälterin, die mysteriöse Mademoiselle Marguerite (Saoirse Ronand) und Tochter des Arztes, dreimal hatte der Künstler sie gemalt, ihr Gesicht bleibt immer verborgen. Armand spürt, dass man ihn täuscht, die Wahrheit vorenthält, immer mehr wird der Ermittler zum Opfer von Intrigen, gerät zwischen die Fronten eines bösartigen dörflichen Kleinkriegs. Van Gogh litt unter der Häme seiner Mitbürger, wurde geächtet, gequält. Die unerwartete Begegnung mit einem anderen Arzt bringt für Armands Nachforschungen die entscheidende Wende. Plötzlich deutet nichts mehr auf einen Suizid hin und wo überhaupt war die Waffe? Nur warum hatte Vincent seinem Bruder gesagt, es sei Selbstmord?

„Loving Vincent”, so unterschrieb der Maler die Briefe an seinen Bruder. Van Gogh wird verkörpert von dem polnischen Theaterschauspieler Robert Gulaczyk. Alle Rückblenden, die den Künstler zeigen, sind Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Die Regisseure hatten sich dafür entschieden, weil sie keine Van-Gogh-Gemälde erfinden wollte, die Schwarz-Weiß-Sequenzen sind detaillierter, naturalistischer weniger expressiv aber entwickeln deutlich mehr Tempo. Grundlage aller Bilder war die Technik der Rotoskopie, wie sie schon bei Richard Linklaters „Waking Life” oder Ali Soozandehs „Teheran Tabu” zum Einsatz kam, Szenen mit echten Schauspielern werden anschließend übermalt. Das Team für das Gemälde-Design verbrachte vor und während der Dreharbeiten ein Jahr damit, Vincent van Goghs Gemälde für das Medium Film neu zu kreieren. 94 der Werke sind in ihrer Form sehr nah am Original, 31 weitere stimmen im Wesentlichen oder in Teilen mit dem Original überein. Da van Goghs Gemälde unterschiedliche Größen und Formen hatten, mussten die Designer einen Weg finden, diese Bilder im vorgegebenen Rahmen der Kinoleinwand darzustellen. Ein weiteres Problem waren so genannte „Invasionen”, wenn eine Figur, die in einem bestimmten Stil gemalt wurde, ein Gemälde mit einem anderen Malstil betrat. Manchmal wurde es auch nötig, die Tageszeit der Gemälde von Tag auf Nacht zu ändern oder Gemälde, die im Herbst oder Winter entstanden waren, als Sommerbild zu kreieren. Insgesamt dauerten die Arbeiten zu dem Film sieben Jahre.


Originaltitel: Loving Vincent
Regie / Drehbuch: Dorota Kobiela, Hugh Welchman
Darsteller: Douglas Booth, Chris O'Dowd, Saoirse Ronan
Produktionsländer Großbritannien, Polen, 2017
Länge: 95 Minuten
Kinostart: 28. Dezember 2017
Verleih: Weltkino Filmverleih

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright Weltkino Filmverleih

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avatar Herby Neubacher
-5
 
 
Nichts kommt an die Darstellung Vincent van Goghs durch Kirk Douglas im 1956 gedrehten Film von Vincente Minelli 'Lust of Life' heran. Man sollte sich solche Geschmacklosigkeiten im Cartoon Niveau mit den Bildern des Malers schenken. Das ist nur peinlich. Ich habe den Streifen (leider) gesehen und bin selber ein grosser Bewunderer van Goghs. Wer einmal im grossartigen Amsterdamer van Gogh Museum seine Bilder im richtigen Licht gesehen hat der braucht so eine bunt-scheckige Micky Mouse Veranstaltung wie diesen Film nicht.
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