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Film

„Nocturama”. Wenn Anarchie zu unwiderstehlicher Ästhetik mutiert

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Mittwoch, den 17. Mai 2017 um 10:03 Uhr
„Nocturama”. Wenn Anarchie zu unwiderstehlicher Ästhetik mutiert 4.5 out of 5 based on 366 votes.
Nocturama

Bertrand Bonellos Leinwand-Epos „Nocturama” ist überwältigend schön und zutiefst verstörend. Die Reaktion bei Kritikern wie Publikum reicht von purem Entsetzen bis absoluter Bewunderung. Warum?
Der französische Regisseur bricht ein Tabu, nähert sich dem Phänomen Terrorismus mit rein filmischen Mitteln. Das klingt unspektakulär, doch dieses Oeuvre fühlt sich in seiner kühlen Entschlossenheit an wie ein gefährliches hochinfektiöses Gedankenspiel: suggestiv, packend, sinnlich mit einer seltsam magischen Suspense abseits von Thriller und Mystery. Nicht die tödlichen Schüsse oder Explosionen lassen den Zuschauer erstarren, sondern die Normalität der jugendlichen Protagonisten. Sie entsprechen so gar nicht unserem Feindbild von Attentätern.

Paris, die Sonne scheint. Ein Zwanzigjähriger in Trainingsjacke starrt aus dem Fenster der Metro, er steigt aus, checkt sein Handy, wirft es in den Müll, nimmt einen anderen Zug. Szenenwechsel. Das Mädchen vor dem Spiegel zögert, welchen Armreifen es wählen soll. Die Kamera folgt sieben jungen Leuten durch die Stadt und das Labyrinth der U-Bahnschächte. Sie sind allein oder zu zweit unterwegs, holen Pakete ab, tauschen verstohlen Zärtlichkeiten aus, deponieren den Inhalt von Plastiktüten in parkenden Autos vor der Börse. Wenn sich ihre Wege kreuzen, geben sie kein Zeichen des Erkennens, ihr Gesichtsausdruck ist ernst, angespannt. Nervös murmelt eine von ihnen auf der Straße vor sich hin, was sie gleich an der Hotelrezeption des Régina sagen soll. Der Jüngste scheint fast noch ein Kind. Die Akteure verschaffen sich Zutritt zu den leerstehenden Etagen eines Hochhauses im Viertel La Défense. „Grüßen Sie Ihren Vater von mir”, heißt es im Innenministerium, der Sohn dankt. Am Place des Pyramides fährt ein Kran hoch zur golden glänzenden Statue der Freiheitskämpferin Jeanne d’Arc. Die Uhrzeit wird eingeblendet. Der erste Schuss ist bereits gefallen. 

Der minutiöse zielstrebige Plan jener Youngster wird bei Regisseur und Drehbuchautor Bertrand Bonnello („Haus der Sünde”), der auch die Musik komponierte, zur grandios orchestrierten opernhaften Performance, die den Zuschauer immer stärker in ihren Bann zieht. Das Alltägliche gerät unter Generalverdacht. „Nocturama” versteht sich nicht als Aufarbeitung realer Ereignisse wie den Terroranschlägen in der Seine-Metropole vom Januar und November 2015. Der erste schnell heruntergeschriebene Entwurf 2010 war eine Reaktion auf das seit langem spürbare politische Klima. „Es köchelt und brodelt,” so Bonello, „und ich fragte mich: Warum explodiert es nicht? Sicher liegt es in der Natur der Menschen, sich anzupassen, sich zu integrieren und Dinge zuzulassen, die im Grunde inakzeptabel sind. Hin und wieder gibt es in der Geschichte dann einen Aufstand, eine Revolution. Eine Zeit, in der die Menschen ‚Halt’ sagen, sich verweigern.” Dem 48jährigen Filmemacher sind die Taten wichtiger als Worte. Er stigmatisiert keine Gruppe, Ideologie oder Religion, will nicht rationalisieren, was nicht zu erklären oder rechtfertigen ist. Und so dominiert eine unheilvolle rätselhafte Atmosphäre das hypnotische Thriller-Drama, ohne dass es an Wahrhaftigkeit einbüßt.

Die jungen Protagonisten kommen aus den unterschiedlichsten Milieus, Schichten, Rassen, einige aus den verarmten Vororten, der Banlieue, aber manche auch aus wohlhabenden bürgerlichen Quartiers. Ihr Zorn hat nicht den gleichen Ursprung und wahrscheinlich auch nicht die gleiche Wucht, aber er führt sie zu der gleichen Überzeugung. Selbst wenn die auslösenden Ursachen für diese Terrorakte nie formuliert werden, vom ersten Moment an ist das Unbehagen an der Gesellschaft überall unterschwellig greifbar. Massenentlassungen, die Übermacht der Banken, Arbeitslosigkeit, unüberwindbare Klassenschranken, die Tristesse der Peripherie. „Lost Generation” nannte Gertrude Stein ihre Freunde in Hemingways Roman „Paris, ein Fest fürs Leben”. Das war auch der ursprüngliche Titel des Films, doch durch die Anschläge in der französischen Hauptstadt wurde er undenkbar. „Nocturama heißt eins von Nick Caves Alben. Dem Regisseur gefiel die Idee einer Mischung aus Latein und Griechisch, in der die Bedeutung Nachtsicht mitschwingt. Der Musiker war einverstanden und erklärte Bonello, dieser Begriff verweise eigentlich auf das Noctarium, jenen Teil im Zoo, wo die nachtaktiven Tiere leben.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich zu so etwas fähig wäre,” sagt einer der Akteure. Er sagt es beiläufig, wie etwas scheinbar Selbstverständliches, suggeriert, es war unvermeidbar, gab keine Alternative zu dieser Entscheidung. Fast zeitgleich detonieren die Sprengsätze im Justizministerium, vor der Börse, am Denkmal der Jeanne d’Arc und in La Défense. Die Aufnahmen von den Feuerballartigen Explosionen werden sich immer wiederholen, jedes Mal aus anderen Perspektiven wie damals bei 9/11, wo sie vom jenem Augenblick an unlösbar mit unserem eigenen privaten Schicksal verbunden sein sollten. Das dystopische Konstrukt hat einen wundervoll unberechenbaren Rhythmus, wechselt grade am Anfang ständig das Tempo. “Nocturama” erinnert an das Aufbegehren, die verspielte Leichtigkeit der Nouvelle Vague in den späten 1950er-Jahren. Das Komplott gegen Staat und Wirtschaft, die Verbrüderung der Protagonisten vollzieht sich in einem tranceartigen Tanz, wo Utopie und Realität verschmelzen. Der erste Teil des Films zersplittert in unzählige ästhetisch virtuose Einzelteile, die Bilder überlagern sich, die Schauplätze wechseln ständig. Es wird wenig gesprochen, allein die Kraft der Montage und der pulsierende elektronische Soundtrack treiben die Handlung voran. Kamerafahrten werden mit Flashbacks unterschnitten, Momente aus dem vorangegangenen Leben, Begegnungen, Alltagssituationen, absichtlich ohne Zusammenhang zum Verlauf der Geschichte. 

Abends, nach dem Anschlag verschanzen sich die Jugendlichen mit ihrem Komplizen vom Sicherheitsdienst in einem Nobelkaufhaus mitten im Zentrum der Stadt. Manchem wird erst jetzt die Tragweite seiner Tat bewusst. Sie hielten sich in ihrer Naivität für unverwundbar. Die Akteure haben keine Handys, durch die Wände der in sich geschlossenen fensterlosen Räume dringen weder die infernalischen Polizeisirenen noch der Motorenlärm, der über Paris kreisenden Hubschrauber. Die nächtliche Gefechtspause, jene unwirkliche Phase nach dem Attentat vergleicht Bonello mit einem Western im Stillstand, er trennt sich vom Ultra-Realismus, kreiert eine phantastisch opulente Welt des Konsums als Mikrokosmos der unbegrenzten Möglichkeiten, wenn auch nur für ein paar Stunden. Die Protagonisten geben sich hemmungslos ihren heimlichen Sehnsüchten hin, den schillernden Verlockungen des Luxus’ können sie, die Terroristen, nicht widerstehen. Ein gigantischer Gabentisch, mit all dem, was der Kapitalismus ihnen bis heute verwehrt hat. Sie werden wieder zu Kindern, rasen mit dem Go-Kart durch die Gänge oder genießen das Bad in der Wanne eines renommierten Designers. Zwischen den Markenklamotten begegnen die Youngster ihren Doppelgängern, da steht eine Schaufensterpuppe mit gleichem T-Shirt und Basecap. Individualität ist längst auf der Strecke geblieben, nur ihr grausamer Bombenanschlag unterscheidet sie von der Masse.

Jeder nützt die vermeintliche Freiheit auf seine Art. Aus den Lautsprechern dröhnen Schlager. Ein Junge schreitet in glamourösem Anzug mit Perücke und geschminkt wie eine Frau die Treppe hinunter zu den Klängen von Paul Ankas „I did it my Way”. Selbstinszenierung kurz vor der Apokalypse. Das Ende ist nah, der letzte Vorhang fällt. Welcher Popsong könnte trotz aller Sentimentalität diesen Moment besser in Worte fassen, es ist die heimliche Message des Films. Und während der Jüngste unter den Attentätern sich hinter einer goldenen Maske versteckt, müssen wir zugeben, versagt zu haben. Aus Europa wurde ein Ort, der wenig unseren früheren Idealen entspricht. Nur warum hatte Cannes abgelehnt, „Nocturama” ins Programm zu nehmen? Nichts gegen Realitätsflucht und „La La Land”, aber für das französische Festival wäre dieser Film eigentlich Pflicht gewesen. Terrorismus wird nicht glorifiziert oder stylish aufgepeppt, er wird nur vorübergehend vom ideologischen Ballast der Attentäter und seiner Gegner entschlackt. Der Thriller zeigt auf künstlerisch radikale Weise, dass eigentlich jeder von uns zum Töten fähig ist, und die gegenwärtige politische Situation jederzeit eskalieren kann. (Bei einem Überangebot von Action- und Kriminalfilmen, in denen Terroristen sich profilieren, verblüfft die Entscheidung besonders, kritischer Anspruch wie bei „Mad Max” bleibt eine Rarität.) Der Vorwurf in Cannes war damals angeblich, Bonello vermische modernen Dschihadismus mit den historischen Strategien der Anarchisten. Es ist, als würde die Verzweiflung der jungen Leute ein weiteres Mal ignoriert.

Die aktuellen Ereignisse überschatteten immer wieder die Arbeit an dem Filmprojekt. Im Sommer 2011 hatte Bonelli die erste Fassung des Drehbuchs fast beendet, als innerhalb von nur 14 Tagen bei den Anschlägen des rechtsextremen Anders Brevik am 22. Juli in Norwegen 77 Menschen getötet wurden, im August kam es zu den gewalttätigen Ausschreitungen in Großbritannien. Während der blutigen Krawalle starben fünf Menschen, wurden zahlreiche verletzt. Es gab zwischen den beiden Ereignissen keinerlei Verbindung, aber der Regisseur zitiert einen Satz von J.G. Ballard, dessen Science-Fiction-Romane den Schrecken der technologischen Postmoderne vorwegnahmen: „Die irrationalen Bereiche des menschlichen Denkens werden den Platz von Ideologien einnehmen.“ Bonello ist sich durchaus bewusst, dass sein dystopischer Thriller missverstanden werden kann. Über den ursprünglichen Titel „Paris est une fête” schrieb der Franzose, er sei „alles außer spielerisch” gemeint. “Meine Lesart ist eher verzweifelt als locker, eher dramatisch als zynisch, eher direkt als ironisch. Der Titel ist für mich vor allem ein Anti-Satz, der dieses Paradox von utopischer Revolution und Barbarei widerspiegelt...Man darf sich diesen Film nur an dem Ort, an dem er spielt, vorstellen und verstehen. Das heißt im Kino. An diesem Ort liegt meine Verantwortung.”

„Das Casting dauerte fast neun Monate”, erklärt Bonello in seinen Produktionsnotizen,” ich lernte alle möglichen jungen Leute kennen. Beim Schreiben war ich in der Geschichte, einer Fantasiewelt. Als ich sie dann traf, war ich überrascht, dass das, was ich ihnen von der Geschichte erzählte, für sie nichts Außergewöhnliches zu haben schien. Sie meinten: „Das ist doch normal, ich finde das logisch, wird müssten nur etwas mutiger ein, etwas besser organisiert... Ich bin kein gewalttätiger Mensch, aber ich könnte so was auch tun...” Von den Schauspielern hatte ungefähr die Hälfte schon Filmerfahrung, die übrigen gar keine. Noch während das Drehbuch entstand, hatte sich der Regisseur entschieden, dass er die Figuren nur zu 50 Prozent festlegen wollte, den Rest sollten die Schauspieler beisteuern, mit ihren Persönlichkeiten, ihrer Wesensart.


Originaltitel: Nocturama  
Regie / Drehbuch: Bertrand Bonello  
Darsteller: Finnegan Oldfield, Vincent Rottiers, Hamza Meziani, Laure Valentinelli, Jamil McCraven, Manal Issa, Martin Guyot, Ilias Le Doré, Rabah Naït Oufella
Produktionsland: Frankreich, Belgien, Deutschland, 2016 
Länge: 130 Minuten 
Kinostart: 18. Mai 2017 
Verleih: RealFiction

Fotos & Trailer: Copyright RealFiction

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