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Film
The Salesman

Ein Meisterwerk neorealistischer Suspense, eindringlich, verstörend, suggestiv. Thriller oder politische Parabel, der iranische Regisseur und Autor Asghar Farhadi will „The Salesman” nicht auf Genre-Definitionen reduzieren.
Jeder Zuschauer wird das metaphorisch vielschichtige Beziehungsdrama anders empfinden, abhängig von den eigenen Erfahrungen und Überzeugungen. Es geht um sexuelle Tabus, verletzte Ehre, selbstzerstörerische Rache, die Verunsicherung der Menschen in Zeiten radikalen gesellschaftlichen Wandels. „The Salesman” brach im eigenen Land alle Kassenrekorde und ist für einen Oscar als bester ausländischer Film nominiert.

Noch bevor US-Präsident Donald Trump die Executive Order zum Einreise-Stop für Bürger aus sieben mehrheitlich muslimischen Ländern unterschrieb, hatte Hauptdarstellerin Taraneh Alidoosti ihre Absage bei der Verleihung der Academy Awards bekanntgegeben. Grund: die geplante Verschärfung von Visa-Bestimmungen für Iraner. Asghar Farhadi machte unmissverständlich klar, dass er selbst bei einer Ausnahmegenehmigung, nicht erscheinen würde. Erschütternd und besonders grotesk Trumps Verdikt in diesem Fall, denn „The Salesman” basiert zum Teil auf Arthur Millers Theaterstück „Tod eines Handlungsreisenden”, uraufgeführt am Broadway im Februar 1949. Regisseur war der legendäre Elia Kazan. Protagonist Willy Loman zerbricht innerlich, weil der ‚Amerikanische Traum’ sich als Illusion entlarvt, ein unerreichbarer Mythos.

Nächtlicher Alarm im Zentrum von Teheran, ein Mietshaus droht einzustürzen. Krachen, Schreien, Panik, alle drängen die Treppen hinunter, flüchten ins Freie. Durch eine Baugrube auf dem Nachbargrundstück ist das Fundament abgesackt.  Die Bewohner müssen evakuiert werden. Emad (Shahab Hosseini) und Rana (Taraneh Alidoosti) waren glücklich hier in ihrem neuen schönen Apartment, doch nun klaffen in den Wänden gigantische Risse, strömt Gas aus. Das junge Paar weiß nicht wohin, in der dicht besiedelten Hauptstadt ist die Wohnungsnot groß. Die beiden führen eine moderne gleichberechtigte Ehe. Sie sind gebildet, kulturell interessiert, nutzen die Freiräume, die ihnen öffentliche Moral und Gesetze lassen. Emad ist Professor für Literatur, unterrichtet tagsüber an einer Schule. Er wird von den Jungen als Pädagoge geschätzt und respektiert. Abends probt er mit Freunden und seiner Frau das Drama „Death of a Salesman”, in wenigen Tagen soll Premiere sein. Manche Szenen sind der iranischen Zensurbehörde ein Dorn im Auge. Kompromisse lassen sich nicht vermeiden. Wenn in Millers Stück die Prostituierte fast unbekleidet aus dem Badezimmer kommt, erscheint sie nun im hochgeschlossenen roten Mantel und Hut.

Ensemblekollege Babak (Babak Karimi) bietet dem jungen Paar spontan ein leerstehendes Apartment an, das ihm gehört. Es ist heruntergekommen, schäbig, aber zumindest geräumig. Ein Zimmer ist abgesperrt, hier lagern noch die Habseligkeiten der Vormieterin. An diesem Abend haben sich im Theater Vertreter der Behörde angekündigt, Emad bleibt dort, Rana geht heim, will Umzugskartons auspacken und saubermachen. Am Telefon bittet sie ihren Mann, auf dem Rückweg ein paar Lebensmittel einzukaufen. Grade als sie unter die Dusche will, klingelt es. Rana drückt den Öffner, lässt die Wohnungstür angelehnt, damit sie zurück ins Bad kann, während Emad die Treppe hochkommt. Wir sehen, wie die Tür langsam einen Spalt aufgeht. Dann wird abgeblendet. Als eine Weile später Emad eintrifft, entdeckt er im Treppenhaus Blutspuren, in der Dusche Scherben und noch mehr Blut, aber keine Rana. Er rennt zum nahegelegenen Krankenhaus, seine Frau ist im OP, ihre Kopfwunde wird grade genäht. Mieter, alarmiert von Schreien und Poltern, haben sie bewusstlos in der Dusche gefunden. Diebstahl sei unwahrscheinlich, der Unbekannte muss ein Kunde der Vormieterin gewesen, mutmaßt ein Nachbar. Niemand hatte das junge Paar darauf hingewiesen, welch zwielichtigem Gewerbe die alleinerziehende Mutter nachging. Das Wort Prostitution wagt niemand auszusprechen.

Das Drehbuch ist virtuos konstruiert, Asghar Farhadi beherrscht die Kunst des Verschleierns, Hinauszögerns, vieles wird nur angedeutet, bleibt unausgesprochen. Seine Bachelorarbeit hatte der Regisseur einst über die Pausen und Stille in den Theaterstücken von Harold Pinter geschrieben. Rana ist traumatisiert, liegt apathisch im Bett, Anzeige bei der Polizei will sie nicht erstatten. Sie schweigt sich aus über das, was geschehen ist. Emad wird misstrauisch, was ist so schrecklich, dass sie es ihm nicht erzählen kann. Wurde sie vergewaltigt, der Zuschauer vermutet es. Der Eindringling strich ihr übers Haar, mehr erinnert sie angeblich nicht. „Ich dachte, Du wärst es,“ jedes Wort ist voller Vorwurf. Ihr Mann hat versagt, sie nicht beschützt. So sieht er selbst es auch, fühlt sich als Versager, erniedrigt, gedemütigt, der Hass auf den Täter wächst, aber auch die Ungeduld mit Rana. Sie fürchtet sich allein in der Wohnung, wirft ihm vor, er hätte keine Ahnung, was sie durchmachen würde und will es doch auch nicht teilen. Warum nur warnte sie keiner, diese Wohnung ist wie eine Falle, in die sie beide getappt sind. „The Salesman” wirkt kühler, distanzierter als Farhadis Film „Nader und Simin – Eine Trennung“, aber Entfremdung ist auch das Thema. Die Gestalt Ranas wird verschwommener oder an den Rand des Bildes gedrängt.

Die Gedanken Emads drehen sich nur noch um den Täter. Der soll sich offensichtlich am Bein verletzt haben, berichten die Nachbarn und fuhr einen hellen Lieferwagen. Schlüsselbund, Geld und Handy hat er in der Wohnung zurückgelassen, letzteres ist längst abgemeldet, aber der Schlüssel wird zur heißen Spur. “Was wirst Du tun” fragt Rana. – „Ich muss diesen Kerl finden.” – „Du willst Dich an ihm rächen”. – „Ich weiß schon, was ich tue.” Scham und Schuldzuweisungen, sie ersticken alles, Glück, Liebe, Vertrauen, Nähe. Phantastisch Shahab Hosseini als Emad. Er war jemand, der als das Mietshaus einzustürzen drohte, sein Leben auf Spiel setzte und noch einmal zurücklief, um ein kranken Kind zu retten. Er war der Inbegriff des zärtlicheren, verständnisvolleren Partners. Doch immer mehr ähnelt er nun jenem Willy Loman, der seinen Wert nur an dem Ansehen in der Öffentlichkeit misst, der Protagonist ist sicher, dass alle ihn verachten, weil er seine Frau nicht hatte verteidigen können. Ihre Schande wurde zu seiner, er antwortet auf Gewalt mit Gewalt. Rana will trotz ihres Zustands auf der Bühne stehen, aber sie hat einen Blackout, der Text ist vergessen, sie bricht in Tränen aus, die Vorstellung muss vorzeitig beendet werden. Ihre Rolle übernimmt eine andere Schauspielerin. Wütend wirft sie dem Ehemann vor, sich nicht für sie einzusetzen.

Auf der Suche nach der Wahrheit, beginnt Emad die Briefe der mysteriösen Vormieterin zu lesen und ihren Anrufbeantworter abzuhören. Darauf ist auch eine sehr intime Nachricht von Babak. Was hat er zu verheimlichen? Abends auf der Bühne, redet der Protagonist sich derart in Rage, dass er vom Text abweicht und aus der Rolle fällt. Er greift Babak an. Fiktion und Realität verschmelzen. Ganz am Anfang des Films fragt ein Schüler: „Wie verwandelt man sich vom Menschen in ein Tier?” „Nach und nach”, lautet die Antwort. Kameramann Hossein Jafarian zeigt Haus und Bühne aus den verschiedensten Blickwinkeln und Ebenen, hinreißende geometrische Kompositionen, puristisch elegant inmitten schäbiger Tristesse. Fensterflügel, Gitter, Jalousien, Mauervorsprünge verstellen den Blick, die Akteure sind Gefangene ihrer selbst, verbarrikadieren sich hinter Ängsten und Aggressionen. Die Distanz wächst, immer neue Abgründe tun sich auf. „The Salesman” ist mehr als ein Whodunit, es führt das klassische Schuld und Sühne Drama ad absurdum. Die Genugtuung, den Täter gefunden zu haben, weicht Scham und Reue. Das Ende des Films ist atemberaubend und zutiefst anrührend. Diese moralische Fabel könnte überall spielen, sie zeigt mehr, was Iran und Amerika verbindet, als was es trennt.

Asghar Farhadi hat „Tod eines Handlungsreisenden” als Student gelesen: „Es hat mich sehr beeindruckt, vor allem wie es die menschlichen Beziehungen verhandelt”, erklärt der 44jährige Regisseur und Oscarpreisträger. „Die wichtigste Dimension ist die kritische Auseinandersetzung mit einer historischen Phase, als die plötzliche Veränderung des urbanen Amerikas den Zusammenbruch einer bestimmten sozialen Schicht verursachte. Menschen, die sich der rasenden Modernisierung nicht anpassen konnten, kamen unter die Räder. In diesem Sinn reflektiert das Stück sehr stark die derzeitige Situation in meiner Heimat. Dinge ändern sich in atemberaubender Geschwindigkeit, und entweder kommt man mit oder man geht drauf. Diese Sozialkritik im Kern des Stücks ist für mein Land noch heute relevant.” Irans Wirtschaft boomt. Teheran gilt als Start-Up-Hochburg im Nahen Osten, auf den Straßen gehören teure westliche Wagen längst zum Erscheinungsbild, Kliniken für Schönheitsoperationen florieren. Und auch die Baubranche wächst, ganze Stadtteile werden luxussaniert und damit gentrifiziert. Die Apartments dort sind Spekulationsobjekte der wenigen Superreichen, es herrscht Wohnungsknappheit, viele Menschen können sich die hohen Mieten im Zentrum Teherans nicht mehr leisten. Mit der Modernisierung ändern sich auch Werte und Moralvorstellungen.


Originaltitel: Forushande  
Regie / Drehbuch: Asghar Farhadi  
Darsteller: Shahab Hosseini, Taraneh Alidoosti, Babak Karimi   
Produktionsland: Iran, Frankreich, 2016 
Länge: 123 Minuten 
Verleih: Prokino Filmverleih  
Kinostart: 2. Februar 2017

Fotos & Trailer: Copyright Prokino Filmverleih  

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