Neue Kommentare

Ada Rompf zu „The Rider”. Die zärtlich-raue Poesie der Chloé Zhao : Besser kann man meinen Lieblingsfilm dieses Früh...
yolo 456 zu Die Juden vom Altrhein: man sollte einen artikel erst einmal lesen bevor ...
yolo123 zu Die Juden vom Altrhein: Das jüdische Leben in Deutschland ist vorbei und...
Achenar Myst zu Nils Landgren with Janis Siegel: some other time: Die CD ist ein absoluter Genuss, tolle Auswahl de...
Achim zu Golnar & Mahan – Derakht: Musik, die glücklich macht - Danke !!!...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2015


Film

„Safari” – Tötungsakt als menschliche Nähe

Drucken
(287 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Freitag, den 09. Dezember 2016 um 12:28 Uhr
„Safari” – Tötungsakt als menschliche Nähe 4.4 out of 5 based on 287 votes.
Safari Film

Das Geschäft mit dem Jagdtourismus boomt. Obsession oder barbarische Eitelkeit? Regisseur Ulrich Seidl will wissen, was treibt Menschen an, in Urlaub zu fahren, um Gnus oder Zebras zu erlegen. Der österreichische Provokateur tritt seinen Protagonisten wieder mit jener radikalen Aufgeschlossenheit gegenüber, die ihn zum viel gepriesenen Ausnahmekünstler machte. Die Kamera konzentriert sich auf die Jäger und nicht die gejagten Tiere. „Safari” ist ein atemberaubender vielschichtiger Dokumentarfilm mit erschreckend verstörenden Bildern, ästhetisch aufreizend komponiert. Ein Meisterwerk stilisierter Wirklichkeit.

„Ich wollte nicht die Reichen und Schönen, Scheichs, Oligarchen oder Mitglieder irgendwelcher Könighäuser und ihre Großwildjägerei zeigen, sondern das Normale”, erklärt Ulrich Seidl („Hundstage”, „Import-Export”). „Die Jagd in Afrika ist heutzutage für Durchschittsmenschen erschwinglich. Und es ist in einem gewissen Sinne für so manchen Jäger aus der westlichen Welt, Russland oder China selbstverständlich geworden, einmal oder mehrmals im Jahr nach Afrika zu fahren, um dort täglich zu jagen. Das bedeutet in der Regel pro Tag zwei Tiere zu erlegen, eines am Vormittag, eines am Nachmittag. Ich wollte zeigen, wie das Jagen überhaupt vor sich geht und herausfinden, was Menschen, die jagen, dabei innerlich empfinden.

In Seidls Film „Tierische Liebe” (1996) waren die Tiere Projektionsfläche der Sehnsüchte, Emotionen, Ekstasen und Triebe, avancierten zum Stellvertreter für Partner, Kinder, Freunde. Alles im Leben drehte sich nur um sie. „Das Haustier dient häufig dazu, die Vereinsamung aufgrund fehlender menschlicher Beziehungen... zu kompensieren”, so der Regisseur. „Bei den Jägern ist es genau umgekehrt: Da wird tunlichst vermieden, eine Beziehung herzustellen. Dazu gehört auch, dass man das Tier, das es zu erlegen gilt, nicht beim Namen nennt, nicht Gnu oder Zebra, sondern es als „Stück” bezeichnet.” Seidl fragt sich, warum beim Foto mit der Jagdbeute, das Blut am Körper des erlegten Tieres weggewaschen wird. Ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Opfer? „Oder ist es der Versuch eines voreiligen Gehorsams, das Getane...abzuschwächen, weil Blut und Tötung in unserer Gesellschaft so tabuisiert sind.” Gemeinsam ist beidem die Macht des Menschen über die Kreatur. „Die einen unterwerfen das Tier ihren seelischen Nöten und menschlichen Bedürfnissen, die anderen leben mit der Jagdleidenschaft ihre Machtgelüste aus.”

Immer wieder beschleicht den Zuschauer das unbehagliche Gefühl, dass über den Tötungsakt menschliche Nähe entsteht. Eine Giraffe stirbt qualvoll. Wenig später fallen sich Vater und Sohn tief bewegt in die Arme, gratulieren einander zu dem gelungenen Abschuss, vor Rührung werden Tränen vergossen, Küsse verteilt. Dergleichen Szenen wiederholen sich in verschiedenen Variationen. Jagd als Tradition oder ultimativer Kick ist vorstellbar, aber dieses kitschig heimelige Glück verblüffte denn auch Seidl. „Der Akt des Tötens scheint für sie eine Art emotionale Befreiung zu sein... Töten als Lust, ohne dabei selbst in Gefahr zu geraten.” Nichts erinnert an Ernest Hemingways „Die grünen Hügel Afrikas” oder „Die Wahrheit im Morgenlicht”. Da sitzt ein österreichisches Ehepaar beim gemütlichen Plausch, beide älter, übergewichtig, passionierte Großwildjäger. Er: „Ein Kudu ist eigentlich immer recht preisgünstig, also der bewegt sich zwischen 780 und 800.” Sie: „Und ein Weißschwanzgnu?” – Er: „Weißschwanzgnu ist ein bisschen teurer, kostet um die 800 oder was.” In solchen Szenen entwickelt „Safari” eine bizarre unfreiwillige Komik, die uns zugleich erschaudern lässt. Die kurzen Ausflüge in die Savanne dagegen haben etwas von einem mobilen Exekutionskommando.

„Schon in der Finanzierungsphase gab es Fernsehredakteure, die ernsthaft der Meinung waren, dass man das Töten von Tieren einem Fernsehpublikum nicht zumuten kann”, berichtet Seidl. „Da muss man sich ja zwangsläufig fragen, in welcher verlogenen Welt wir eigentlich leben? Woher kommt dieses Drängen nach Vertuschung, um „zum Wohle der Zuschauer” zu zensurieren und tabuisieren. Um Tierschutz kann es sich dabei wohl nicht handeln, eher um die Angst vor den Tierschützern. Tierschutz kann nicht heißen, das Töten von Tieren nicht zu zeigen, sondern umgekehrt: Tierschutz heißt für mich wohl gerade, das Töten zu zeigen, damit sich der Zuschauer mit dem Thema Jagd auseinandersetzen kann.” Der Autorenfilmer vermeidet auch deshalb ganz bewusst jene verklärende Ästhetik der Naturfilme, wo in Großaufnahme und Zeitlupe die erschossenen Tiere zusammenbrechen. Seidl tritt seinen Darstellern ohne vorgefasste Meinung gegenüber, er überrumpelt sie nicht. Jeder von ihnen handelt aus vollster Überzeugung und ist auch bereit, seine Entscheidungen zu begründen.

Ein deutscher Jagdtourist: „Solange man die Jagd unter kontrollierten Bedingungen ausübt, ist das alles zulässig und machbar. Insbesondere, wenn es in einem Endwicklungsland wie hier den Leuten Geld bringt. Ein Jagdtourist gibt hier in einer Woche mehr aus als ein normaler Tourist in zwei Monaten.” Das österreichische Ehepaar schwärmt vom Lungenbraten der Elenantilope, zwölf Kilo wiegt der und ist „ein Traumfleisch”. „Einen Lungenbraten mit 12 Kilo hat bei uns ja nicht einmal eine Kuh.” Seidl hat oft die Hässlichen und Einsamen, Deformierten und Außenseiter der Gesellschaft porträtiert. Die besondere Wirkung dieses Filmes liegt darin, dass die Protagonisten alles andere sind als Außenseiter der Gesellschaft.
Die sympathische Familie mit Sohn und Tochter ist wie aus einem Werbespot. Das Mädchen: „Jagd bedeutet ja nicht, dass man wahllos, ziellos irgendwelche Tiere erlegt”. Der Junge: „Eigentlich erlöst man nur die Tiere”. Das Mädchen: „Genau. Die Älteren zum Beispiel. Der Junge: „Genau. Oder Kranke.” Das Mädchen: „Oder Verletzte”. Ein Lodge-Besitzer: „Das Grundübel ist der Mensch selber, in seiner Überzahl. Weil wir, die Menschen, sind eigentlich die Spitze der Pyramide und sind überflüssig. Wenn wir verschwinden, würde es der Welt wahrscheinlich bessergehen.”

Seidl kehrt das Innerste nach außen. Es fließt viel Blut, aber erst beim Abhäuten und Ausschlachten, das übernehmen die Einheimischen. Sie bleiben stumm, es symbolisiert ihre soziale Stellung. Sie kommen mit auf die Pirsch, liegen auf der Lauer, erspähen die Zebras oder Löwen immer früher und schneller als jeder weiße Jagdführer. Nachdem die stolzen Touristen mit ihrer Beute fürs Foto posiert haben, werden die toten Tiere aufs Trucks geladen. Das sind die grausamsten wie anrührendsten Momente des Films. Danach beginnt die Verarbeitung der Tiere. Erst in diesem Moment wird dem Zuschauer wirklich bewusst, was der tödliche Schuss bedeutet. Die Gedärme quellen hervor, die Arbeiter verschwinden fast in den riesigen Kadavern. Schon in „Paradies: Liebe“ war Afrika Schauplatz von Ausbeutungsszenarios. Das Raubtier Mensch hat seine eigenen Lebensgrundlagen zerstört. „Safari” bezeichnet Seidl als „einen Urlaubsfilm über das Töten und die Natur des Menschen.”



Originaltitel: Safari 
Regie / Drehbuch: Ulrich Seidl 
Produktionsland: Österreich, 2016  
Länge: 91 Minuten 
Verleih: Neue Visionen Filmverleih 
Kinostart: 8. Dezember 2016

Fotos & Trailer: Copyright Neue Visionen Filmverleih

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

avatar Herby Neubacher
+3
 
 
Ich finde das allerhoechste Zeit das solche Dinge mal thematisiert werden. Wir blenden alles aus was mit dem Tod, der Jagd, den menschlichen Ur-instinkten zu tun hat und halten das fuer Zivilisation.

Dabei verdraengen wir nur die tagtaegliche Toetungs Maschinerie die uns die Wurst auf Brot garantiert.

Ich finde Tierschutz wie er bei uns betrieben wird einfach laecherlich - Katzen aus Baeumen zu retten und gleichzeitig genuesslich einen Burger bei Donalds zu verspeisen.

Ich erlebe das gerade beim spanischen Stierkampf der Corrida de Toros zu dem ich eine grosse Affinitaet habe.

Was da an sogenanntem Tierschutz ablaeuft ist so etwas von laecherlich.

Da ziehen sich Zehntklaessler in Pamplona bis auf die Unterwaesche aus und kippen sich kuenstliches Blut ueber die Figur und die Spanier schuetteln zu recht den Kopf.

Alles wird verdraengt un zu einem Selfie stilisiert - also Applaus fuer diesen Film.
Die Wirklichkeit ist immer noch das beste Argument.

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Meinen Kommentar abschicken
Abbrechen
Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Film > „Safari” – Tötungsakt als menschliche ...

Mehr auf KulturPort.De

Inge Dick: „licht weiss“ – Konzeptfotografie
 Inge Dick: „licht weiss“ – Konzeptfotografie



Jahrzehntelang hat sich die aus Wien stammende Fotokünstlerin Inge Dick (*1941) mit den Themen Licht, Zeit, Raum und deren permanente Veränderung auseinanderge [ ... ]



„Thietmars Welt. Ein Merseburger Bischof schreibt Geschichte“ – Eine Zeitreise in das Mittelalter
 „Thietmars Welt. Ein Merseburger Bischof schreibt Geschichte“ – Eine Zeitreise in das Mittelalter



Einer der berühmtesten Chronisten des Mittelalters war Thietmar von Merseburg (975-1018). Unter den römisch-deutschen Kaisern Otto III. bis zu Heinrich II. war [ ... ]



Elisabeth Weinek: „Was Sie sah“ – Andalusien, Marokko, Iran
 Elisabeth Weinek: „Was Sie sah“ – Andalusien, Marokko, Iran



Passend zur Festspielzeit werden in der Margarethenkapelle von St. Peter, eine der ältesten Kirchen Salzburgs, Fotografien gezeigt, die sich als „interkulture [ ... ]



Ilse Helbich: Kluge Chronistin des Alters – „Im Gehen“ gefundene Gedichte
 Ilse Helbich: Kluge Chronistin des Alters – „Im Gehen“ gefundene Gedichte



Auch heute noch geschehen beglückende Wunder: Mit 80 Jahren veröffentlichte die 1923 in Wien geborene Ilse Helbich ihren ersten Roman unter dem Titel „Schwal [ ... ]



Thierry van Werveke: Schauspieler, Rockstar, Troublemaker, Thierry National
 Thierry van Werveke: Schauspieler, Rockstar, Troublemaker, Thierry National



Thierry! – allein sein Vorname löst in Luxemburg schon entzücken aus und wird mit der Addition von „National“ zum Kult. In Deutschland und Österreich fr [ ... ]



„Foxtrot”. Samuel Moaz und das Konzept des Zufalls
 „Foxtrot”. Samuel Moaz und das Konzept des Zufalls



Samuel Moaz kreiert mit dem Antikriegsdrama „Foxtrot” einen atemberaubenden ästhetischen Kosmos: zornig, visuell kühn, emotional hochexplosiv, oft grausam, [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.