Neue Kommentare

Lydia zu 19. Lange Nacht der Museen in Hamburg. Meine Reise durch die Nacht: Durch die persönliche Darstellung ist der Artike...
Hans Maschek zu 19. Lange Nacht der Museen in Hamburg. Meine Reise durch die Nacht: Wunderbar atmosphärische Beschreibung. Ich habe ...
Matthijs van de Beek zu „Stan & Ollie”. Oder die schmerzliche Seite der Komik : Das klingt wunderbar und wird ganz sicher angesch...
Dr. Frank-Peter Hansen zu Die Wittgenstein-Dekomposition: Frank-Peter Hansens Antwort auf Martin A. Hainz...
NN zu Das Chimei – ein Museum für eine einmalige Privatsammlung in Taiwan: Lasst Euch nicht blenden! Es gibt nichts Gutes, a...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Film

„Die Augen des Engels”. Abschied von der Wahrheit

Drucken
(276 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Donnerstag, den 21. Mai 2015 um 10:25 Uhr
„Die Augen des Engels”. Abschied von der Wahrheit 4.8 out of 5 based on 276 votes.
Die Augen des Engels

Ein Regisseur verzweifelt – das Drehbuch gerät zum bedrohlichen Labyrinth.
Michael Winterbottom inszeniert „Die Augen des Engels” als perfid kunstvolle Demontage eines Justizthrillers. Entstanden ist ein Hybrid aus Filmessay und Neo-Noir. Poetisch und ästhetisch virtuos.

Er basiert auf dem spektakulären italienischen Mordprozess gegen Amanda Knox. Erst Ende März 2015 war die 27jährige Amerikanerin in letzter Instanz von dem Vorwurf freigesprochen worden, im November 2007 gemeinsam mit ihrem damaligen Freund Raffaele Sollecito die Mitbewohnerin Meredith Kercher ermordet zu haben.

Damit bleibt die Frage nach den Tätern weiter ungeklärt. Bei Winterbottom ist die Gerichtsverhandlung noch in vollem Gange. Die Namen der Angeklagten und des Opfers hat er geändert, den Schauplatz des bestialischen Verbrechens von Perugia nach Siena verlegt. Sein Protagonist ist ein deutscher Regisseur, Thomas Lang (Daniel Brühl). Der braucht dringend ein Erfolgserlebnis. Privat wie beruflich läuft vieles schief, die geschiedene Ehefrau lebt mit der kleinen Tochter in den Staaten, er scheint auch als Vater plötzlich überflüssig. Sein letzter internationaler Spielfilm liegt lange zurück.

Der aufsehenerregende Kriminalfall fasziniert Thomas, die perfekte Story für seine nächste Produktion? Vor Ort will er die Hintergründe recherchieren. Nur um Missverständnissen vorzubeugen, dies wird kein Thriller, auch wenn die Auftraggeber von Thomas bestimmt darauf hoffen. Eine Frauenleiche, vergewaltigt, halbnackt, von Messerstichen entstellt. Die Medien berichten täglich mehrmals. Sexspiele, Eifersucht, Satanismus, Verleumdungen, Lügen, Gerüchte. Krass muss es sein, schmierig, nur so steigen Auflagen und Einschaltquoten. Das Opfer, die britische Studentin Elizabeth Pryce (Sai Bennett) ist bald vergessen. Im Rampenlicht steht die wegen Mordes angeklagte attraktive Amerikanerin Jessica Fuller (Genevieve Gaunt). Bald schon stilisiert die lokale Presse sie zum „Engel mit den Eisaugen” (l’angelo dagli occhi di ghiaccio). Das morbide Vergnügen am Verbrechen avanciert zum Zeitgeist. Hier geht es weniger um Schuld oder Schuldzuweisungen, es ist der Versuch, sich mit den Folgen einer schockierenden wie gewalttätigen Tat auseinanderzusetzen. Regisseur Michael Winterbottom verweigert sich erfolgreich dem Whodunit-Genre.

Die Journalistin Simone Ford (Kate Beckinsale) führt Thomas in den Kreis ihrer Kollegen ein. Sie selbst verfolgt den Fall seit den ersten Tagen, hat ein Buch darüber geschrieben. Die meisten Berichterstatter verhökern weltweit skrupellos Spekulatives wie Nichtssagendes, selbst das Offensichtliche gilt im Fall Jessica Fuller als Sensation. Der Journalismus ist zum sinnentleerten Ritual erstarrt. Es zählt allein Angebot und Nachfrage. Simone rät dem unentschlossenen Filmemacher: „Du kannst die Wahrheit nur durch die Fiktion erzählen”. Daniel Brühl als Thomas wirkt ein wenig fad, das mag vielleicht Grund genug sein für ihn, an sich selbst zu zweifeln. Er stellt alles in Frage, auch seine eigenen Motive, ist wahrlich nicht der Prototyp des klassischen Helden: Ein Außenseiter, verschlossen, etwas verbittert, zu viel Koks, zu wenig Beziehung zur Realität. Er sei das Alter Ego von Michael Winterbottom, behaupten manche Kritiker, der britische Regisseur bestreitet es vehement, verständlich. Thomas heißt er genau wie der Protagonist in Michelangelo Antonionis Film „Blow Up” (1966). Auch dort ging es um die vermeintliche Wirklichkeit, war nicht der geheimnisvolle Mord das Thema sondern der Fotograf und seine Aufnahmen.

Thomas, der ewiger Zweifler, kann sich nicht entscheiden, Dokumentar- oder Spielfilm. Er findet keinen Zugang zum Sujet, also macht er die Suche danach zum Sujet. Es folgt eine Affäre mit Simone, aber erst als er in Siena auf die Studentin Melanie (Cara Delevingne) trifft, erwacht der Protagonist aus seiner Erstarrung, nehmen Film und Fall wieder Konturen an. Der Regisseur hat bisher als Chronist versagt, Melanie bringt ihn endlich auf eine heiße Spur. Eduardo (Valerio Mastandrea), der mysteriöse furchteinflößende Blogger, soll wichtige Informationen über das Verbrechen und dessen Hintergründe haben. Simone vermutet, dass er selbst darin verwickelt ist. Sympathisch amateurhaft durchsucht Thomas heimlich das Zimmer seines diabolischen neuen Bekannten und entdeckt ein verdächtiges Messer. Die Mordwaffe? Der Protagonist sabotiert unverhofft die eigenen Theorien, ist mehr philosophierender Angsthase als ein Philipp Marlowe. Blutige Gewaltfantasien machen ihn für Momente zum surrealen Komplizen der Täter. Das Drehbuch verselbstständigt sich. Die labyrinthischen schwach erleuchteten Seitengassen Sienas werden zur Metapher für die aussichtslose Suche nach der Wahrheit. Riesige Reptilien tauchen kurz auf wie einem Mysterythriller entflohen. Die tote Elizabeth erscheint als leicht verschwommene Figur in der Ferne. Derweil halten die kunstvoll verflochtenen Handlungsstränge der Fülle widersprüchlicher Indizien kaum stand.

Was einmal das Leben des Protagonisten war, verblasst zur vagen Erinnerung. Die kleine Tochter Bea (Ava Acres) ist nur noch ein ungeduldiges zappeliges Wesen auf Skype, der neue Partner der Mutter längst ein attraktiver vollwertiger Vaterersatz. Hier in Thomas düstrer Wohnung dreht sich alles allein um den künstlerischen Schaffungsprozess, die Wirklichkeit scheint unvorstellbar, der Begriff der Wahrheit verliert so jede Berechtigung. Das mittelalterliche Siena ist voller dunkler Geheimnisse. Am Ende will Thomas sein Drehbuch nach dem Vorbild von Dante Alighieris „Göttlicher Komödie” strukturieren. Das ist genau, was Michael Winterbottom schon tut. Hölle, Fegefeuer, Paradies. Protagonist und Regisseur, die Rollen werden austauschbar. Der Zuschauer verirrt sich zwischen den Spiegelungen von Fiktion und Realität. Verschwörungstheorien sind irgendwann überzeugender als die schlampig ermittelten Fakten beim Prozess. „Die Augen des Engels” ist mehr als ein selbstreflektierender Essay als Noir maskiert, er schildert den Verlust einer Tochter. Die Eltern des Mordopfers fühlen sich um die Gerechtigkeit betrogen, die Eltern der vermeintlichen Täterin verunglimpft. Thomas verspürt nur noch Leere, vielleicht hätte er sich selbst und seine Pläne schon aufgegeben, wäre da nicht Melanie, die Muse mit ihrer unerschöpflichen Energie. Eine platonische Beziehung als Ideal in einer korrupten Welt. Der Prozess fungiert bis zuletzt als Projektionsfläche, reflektiert Vorurteile, geheime Sehnsüchte, Hass und Rache. Die Grenze zwischen Beobachter und Täter wird durchlässig.

Michael Winterbottom suchte immer schon Filmstoffe, die sich durch Unmittelbarkeit und Aktualität auszeichnen wie „The Road to Guantanamo” (2006), „In This World”(2002) oder „Welcome to Sarajevo”(1997). Der Regisseur scheute nie die Umsetzung kontroverser Themen wie Jim Thompsons Pulp Klassiker „The Killer Inside me” (2010), manche Zuschauer waren angewidert von der Brutalität der Bilder. Ganz mag er selbst hier nicht von der Avantgarde-Gewalt lassen. Es ist nicht das erste Mal, dass er sich mit dem Horror von realen Mordfällen auseinandersetzt: „Ein mutiger Weg” (2007) handelt von der Entführung und Ermordung des amerikanisch-israelischen Journalisten Daniel Pearl. Es ist auch nicht das erste Mal, dass er die Schwierigkeiten bei der Entstehung eines Drehbuchs und Films thematisiert: „A Cock and Bull Story” (2005) erzählt von dem Versuch eines Regisseurs, Lawrence Sternes als unverfilmbar geltenden Roman „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“ in den Griff zu bekommen.


Originaltitel: The Face of an Angel
Regie: Michael Winterbottom
Darsteller: Daniel Brühl, Kate Beckinsale, Cara Delevingne, Valerio Mastandrea,
Großbritannien, Italien, Spanien, 2014
Länge: 102 Minuten
Verleih: Concorde Filmverleih GmbH
Kinostart: 21. Mai 2015 “Die Augen des Engels”. Abschied von der Wahrheit

Fotos & Trailer: Copyright Concorde Filmverleih GmbH

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

avatar Phil
+2
 
 
Der schlechteste, weil fahrigste und konzeptlos zusammengestöpselte Film, den ich seit langem gesehen habe. Und das von einem Regisseur, den ich eiegntlich schätze.
Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Meinen Kommentar abschicken
Abbrechen
avatar Anna Grillet
+2
 
 
Mit dieser Meinung stehen Sie nicht allein da. Ich lebte damals in Italien, die gespenstische Situation, das Makabre des Gerichtsverfahrens spiegelte der Film aber gekonnt wieder. Und der Prozess in seiner Absurdität ist kein Einzelfall. Ich habe Jura studiert, lieber ab und zu mit einer Rezension falsch liegen als mit einem Urteil.
Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Meinen Kommentar abschicken
Abbrechen
Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Film > „Die Augen des Engels”. Abschied von der ...

Mehr auf KulturPort.De

Frau Architekt
 Frau Architekt



Architektur ist immer noch eine Männerdomäne, selbst heute, im 21. Jahrhundert.
Wie sich Frauen diesen Beruf erkämpft haben, was sie an hervorragenden Bauwe [ ... ]



Daniel Fuhrhop: Verbietet das Bauen! Eine Streitschrift.
 Daniel Fuhrhop: Verbietet das Bauen! Eine Streitschrift.



In diesen Tagen ist die Wohnungsnot eines der wichtigsten Themen der Politik. Sonst kann man sich ja auf überhaupt nichts einigen, aber hier kennt man über all [ ... ]



Giving Art a Face von Michael Knepper in der Galerie Kunstraum Hamburg
 Giving Art a Face von Michael Knepper in der Galerie Kunstraum Hamburg



Wie schreibt man eine Kunstkritik, wenn man mit dem Künstler seit Kindertagen befreundet ist? Vielleicht lieber gar nicht!? Gerade auch, weil sich die Kunst ein [ ... ]



Dimitri Monstein Ensemble: Landscape
 Dimitri Monstein Ensemble: Landscape



Das Schlagzeug als Solo-Instrument ist nicht unbedingt das, was man auf einer Jazz-Platte erwartet. Denn eigentlich ist es nichts selbstverständlicher, beweist  [ ... ]



Privattheatertage 2019: „Die Schulz-Story“. Oder wie „verzwerge“ ich mich selbst
 Privattheatertage 2019: „Die Schulz-Story“. Oder wie „verzwerge“ ich mich selbst



Keine andere Partei zelebriert die Selbstzerfleischung so exzessiv wie die SPD! Nun hat ein Kapitel Leidensgeschichte jüngster Zeit sogar Bühnenreife erlangt:  [ ... ]



„Sunset”. László Nemes’ Metaphorik des Abgrunds
 „Sunset”. László Nemes’ Metaphorik des Abgrunds



„Sunset” ist eine atemberaubende verstörende Vision, hinter deren unfassbar exquisiter Schönheit sich der Horror selbstzerstörerischer Zivilisationen verb [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.