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Film

„Ex_Machina”. Wittgenstein, krass!

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Donnerstag, den 23. April 2015 um 09:21 Uhr
„Ex_Machina”. Wittgenstein, krass! 4.9 out of 5 based on 299 votes.
Ex_Machina Film & Trailer

Seine surreale Roboter-Romanze „Ex_Machina” inszeniert Alex Garland vor atemberaubender Naturkulisse ästhetisch virtuos als minimalistischen Thriller mit großem Anspruch. Ein wahrlich geniales Regiedebüt. Unwiderstehlich: Alicia Vikander.
Der junge schüchterne Programmierer Caleb (Domhnall Gleeson) hat in einem internen Wettbewerb des Konzerns das große Los gezogen. Er darf für sieben Tage seinen öffentlichkeitsscheuen Chef auf dessen Hightech-Anwesen besuchen. Den legendären Milliardär und IT-Guru kriegt angeblich noch nicht mal der Präsident ans Telefon.
Wenig später schon fliegt ein Hubschrauber den aufgeregten glücklichen Gewinner vorbei an schneebedeckten und zerklüfteten Felsenschluchten in eine entlegene Wildnis. Den letzten Rest des Weges muss Caleb sein Köfferchen durchs waldige Dickicht zerren, dann steht er plötzlich vor einem eher unauffälligem Eingang. Dahinter verbirgt sich ein spektakuläres architektonisches Gebilde aus Chrom, Stahl, Beton und viel Glas. Es wird zum Zentrum des Films wie einst das labyrinthische Hotel in Stanley Kubricks Horrorthriller „Shining”. Himmel, Wiesen, Berge bleiben durch die riesigen Fenster als Außenwelt immer präsent, suggerieren Nähe und sind doch am Ende unerreichbar.

Der bärtige Nathan (Oscar Isaac) gibt sich branchenüblich lässig: „Lassen wir den ganzen Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Scheiß”. Schriftsteller und Drehbuchautor Alex Garland (“Der Strand”, „28 Days Later”) versteht das verwirrende Spiel heimlicher Sprachcodes: Der Konzernchef bedient sich kurz, aber hemmungslos beim billig banalen „krass”-und-“cool”-Vokabular. Das passt zu Flip-Flops und enormen Bier-Konsum, suggeriert Vertrautheit wie auch unkomplizierte Hipster-Mentalität, um dann unerwartet seine intellektuellen philosophischen Pirouetten zu drehen. Er liebt Zitate, insbesondere von Robert Oppenheimer, Noam Chomsky und Ludwig Wittgenstein. Letzterem zu Ehren hat er seine heute marktführende Suchmaschine ‚Blue Book’ genannt. Bescheidenheit ist ganz offensichtlich nicht sein Ding. Er führt den leicht verunsicherten Besucher durch das weitläufige, zum Teil unterirdische bunkerartige Refugium, erklärt ihm, dies sei kein normales Haus sondern eine Forschungseinrichtung: „Ich will mit Dir über das größte wissenschaftliche Ereignis in der Geschichte der Menschheit reden”. Caleb strahlt, das ist mehr als der talentierte Computerfreak sich zu erträumen gewagt hat: „Entwickelst Du eine künstliche Intelligenz?“

Wenn Ava (Alicia Vikander), durch Glasscheiben von Caleb getrennt, zum ersten Mal langsam den Raum durchquert, stockt nicht nur dem schüchternen Jungen der Atem. Sie ist ein zauberhaftes Wesen von seltsamer Vollkommenheit. Ein makelloses Kunstwerk. Bei einer Frau könnte man von Grazie sprechen, aber Charme, Anmut all diese Begriffe treffen es noch nicht mal im Ansatz, das hier ist mehr, eine andere Dimension. Das feinmaschige Metallgewebe, ihr durchsichtiges Membran, die Leuchtdioden, das leise Surren der Elektromotoren geben Ava eine Spur von Verwundbarkeit. Die geschmeidigen Bewegungen erinnern an eine Ballerina und rühren uns durch jene leicht mechanische Abweichung, die den Ursprung als künstliche Intelligenz nicht verleugnen kann. Ava, ihr Name setzt sich zusammen aus Eva und Adam. Sie hat eine kühle, und trotzdem sinnliche, ein wenig verschlafene Stimme und die geistige Kapazität eines Rechenzentrums. Was davon ist Nathans Kreation, wo beginnt Ava Eigenleben? Diese entwaffnende Simplizität, wenn sie Caleb anspricht: „Ich bin noch nie jemandem Neuen begegnet.” Er auch nicht, zumindest niemandem wie ihr. So geht es uns auch. Fritz Langs „Metropolis” wird nie seine Magie verlieren, aber viele der unzähligen Roboter, Androide, Klone, die unseren Weg kreuzten, waren einfach nur nervig oder lächerlich wie jüngst Neil Blomkamps „Chappie”. Andere haben uns zutiefst gerührt wie die etwas heisere unwiderstehliche Stimme von Samantha in Spike Jonzes „Her”.

Zurück zu “Ex_Machina”, ist es Liebe auf den ersten Blick? Die Atmosphäre wirkt vom ersten Moment an düster, bedrohlich wie einem Neo-Noir. Hier beginnt keine herzzerreißende, melancholische Lovestory, ganz im Gegenteil, aber davon ahnt Caleb nichts. Er ist die menschliche Komponente in Avas Turing-Test (benannt nach dem britischen Informatiker Alan Turing „The Imitation Game”). Der Versuch soll feststellen, ob die Maschine einem Menschen den Eindruck vermitteln kann, sie sei selbst ein Mensch. Zwischen Ava und Caleb besteht bald schon eine tiefe Vertrautheit. Der Beschützerinstinkt des Jungen wird geweckt. Mit erstaunlicher Schnelligkeit entwickelt sich Ava auch äußerlich immer mehr zu einem weiblichen Wesen, Perücke, Make Up, Kleider. Sie gibt sich unerfahren, geht behutsam mit Caleb um: „Möchtest Du mein Freund sein? Denkst Du an mich?” Im nächsten Moment zeigt sie ihre Krallen: „Ich merke, wenn Du lügst”. Doch er würde nie merken, wenn sie lügt. Der schlaksige, naive Junge ist der schillernden Femme Fatale völlig unterlegen: „Du hast das Gebäude noch nie verlassen?" Sie reagiert sofort: “Wir könnten das zusammen machen.” Er, der immer Unscheinbare, fühlt sich plötzlich zum Helden berufen, will sie befreien. Aber das gläserne Imperium des Internetmoguls ist wie ein riesiges Aquarium, dem keiner entkommen kann. Telefonieren nach draußen kann Caleb nicht, viele Türen sind für ihn verschlossen. Allgegenwärtige Kameras beobachten jede Bewegung. Nur Ava hat ihre Tricks, sie verursacht einen kurzen Stromausfall, um Caleb vor Nathan zu warnen.

In diesem futuristischen Kammerspiel hat jeder seine Geheimnisse, benutzt den Gegenüber, um ihn zu täuschen, auszutricksen oder auf seine Seite zu ziehen. Der Zuschauer versucht zu erahnen, was sich unter der Oberfläche wirklich abspielt. Keine Chance. Stumm, scheinbar unbeteiligt verfolgt derweil Nathans Dienerin, die schöne Kyoko (Sonoya Mizuno) die Ereignisse. Sie wird erst ganz am Ende eingreifen. Der Kampf zwischen Alpha- und Beta-Männchen verschärft sich. Caleb misstraut Nathan, hat er Ava programmiert, damit sie mit Ihm flirtet? Der Milliardär provoziert ihn: „Vielleicht tut sie nur so, als würde sie Dich mögen”. „Warum sollte sie das machen?” Der Computer-Nerd ist in seiner Naivität rührend. Er hasst es, wenn ihm Nathan die erotischen Funktionen aufzählt, mit denen er seinen Roboter ausgestattet hat. Warum er der künstlichen Intelligenz Sexualität gegeben hat, will Caleb wissen. Die Streitgespräche und Plänkeleien zwischen den beiden machen zum Teil den Reiz des Science Fiction Dramas aus. Der ominöse IT-Guru hat immer eine Antwort parat. Alle in der Natur haben ein Geschlecht, und Attraktivität sei nach wie vor der Schlüsselreiz zur Interaktion. Wenn eine Maschine den Punkt erreichen soll, wo sie nicht mehr unterscheidbar ist vom Menschen, ist Sexualität unverzichtbar. Und mit besonderer Gehässigkeit fügt er hinzu, Sex mache doch auch Spaß. „Wenn Du sie flachlegen willst, würde sie es genießen”. Dr. Frankenstein im 21. Jahrhundert.

Ava sorgt sich mehr darum, ob sie abgeschaltet wird, weil sie nicht funktioniert, wie man es erwartet. Zu Recht, denn Nathan erklärt seinem Besucher, dass erst das nächste Modell den wahren Durchbruch bringt. Das alte wird dann entsorgt oder recycelt. Zeitgeist des modernen Kapitalismus, gleichgültig, ob iPhones oder langbeinige Models an der Seite erfolgreicher Männer. Doch was geschieht, wenn die künstliche Intelligenz die menschliche übersteigt? Nathan prophezeit, dass irgendwann die KIs (künstliche Intelligenzen) auf uns herabsehen wie auf aufrecht gehende Affen, dazu verdammt auszusterben. Können Roboter aufrichtig sein, wollen sie es? Man wünscht sich, der IT-Guru würde noch länger furchtlos über Jackson Pollock, den Unterschied zwischen Mensch und Maschine oder Wittgenstein dozieren. Was macht den Menschen menschlich? Wo sind die Grenzen zwischen Wissenschaft und Macht. Grandios wie Oscar Isaac (“A Most Violent Year”) den machthungrigen muskelbepackten Milliardär verkörpert. Der hält sich für eine Art Gottheit der Gegenwart. Sein skrupelloser Größenwahn ist immer spürbar, ob er auf den Sandsack einboxt oder seinen seltsamen Gelüsten frönt. Davon unabhängig. Der Turing Test ist bestanden. Caleb weiß, dass Ava ein Roboter ist und glaubt trotzdem, dass sie ein Bewusstsein hat. Es sind eher die Menschen, denen es daran mangelt. Alex Garland ist einer der faszinierendsten Geschichtenerzähler unserer Zeit. Und als Caleb seiner Traumfrau gestehen muss, dass er keinen Einfluss darauf hat, dass sie abgeschaltet wird, I stellt Ava die entscheidende Frage: „Wieso hat jemand darauf Einfluss?” Niemand gibt ihr eine Antwort, wir verzeihen der posthumanen Heldin, dass sie ihr Schicksal in die eigenen Hände nimmt. Auf den Schöpfer ist kein Verlass. So muss das psychologische Kammerspiel notgedrungen wie ein blutiger Albtraum enden. Der Showdown ist phantastisch und Garland sieht in Ava keinen Killer-Roboter sondern technischen Fortschritt, der möglicherweise den nächsten Schritt der menschlichen Evolution darstellt.




Ex_Machina
Regie/Drehbuch: Alex Garland
Darsteller: Domhnall Gleeson, Alicia Vikander, Oscar Isaac, Sonoya Mizuno
Produktionsland: Großbritannien Länge: 108 Minuten
Verleih: Universal Pictures Germany
Kinostart: 23. April 2015

Fotos & Trailer: Copyright Universal Pictures Germany

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