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Film

„Eine neue Freundin”. Mama ist tot, es lebe Mama

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Donnerstag, den 26. März 2015 um 09:53 Uhr
„Eine neue Freundin”. Mama ist tot, es lebe Mama 4.9 out of 5 based on 259 votes.
Eine neue Freundin Film Trailer

In seinem bezaubernden Spielfilm „Eine neue Freundin” erzählt der französische Regisseur François Ozon von Verlust, von Liebe, einem Mann, der sich wie eine Frau kleidet und einer Frau, die ihre Weiblichkeit erst noch entdecken muss.
Eine Welt ohne Laura (Islid Le Besco) kann Claire (Anais Demoustier) sich nicht vorstellen. Sie waren beste Freundinnen, wuchsen Seite an Seite auf, teilten alle schönen und traurigen Erfahrungen. Zumindest glaubte das Claire. Sie, die Unscheinbare stand immer im Schatten ihres strahlenden blonden Idols. Nun ist Laura tot.

Auf der Beerdigung hat sie unter Tränen versprochen, sich um das Baby und David (Romain Duris) den Ehemann, zu kümmern. Doch die Trauer lähmt sie. Endlich hat Claire sich überwunden, steht vor der prächtigen Villa, klingelt, keiner öffnet, aber sie hört das Weinen des Kindes. Ohne lange zu zögern tritt sie ein und erschrickt. Dort auf dem Sofa sitzt eine hochgewachsene Blondine in einem Kleid von Laura mit dem Baby im Arm. Es ist David, geschminkt, mit Perücke. Er versucht der ungebetenen Besucherin die Situation zu erklären, das Kleid seiner Frau, er trägt es nur, um die Kleine zu beruhigen. „Das muss unter uns bleiben, bitte sag niemandem etwas davon.” Claire reagiert ablehnend. Will David bis zur Einschulung der Tochter vormachen, er sei ihre Mutter? Sie hält so was für „pervers”.

François Ozons Leidenschaft galt von jeher den Außenseitern, oft sind es starke, sehr eigenwillige, aber auch sehr einsame Frauen. Gleich welchen Alters, sie riskieren alles ohne Rücksicht auf Konventionen so wie Isabelle in „Jung & Schön” (2013): Die wohlbehütete 17jährige Tochter aus gutem Haus, entscheidet sich eines Tages heimlich als Escort zu arbeiten. Sie geht weiter brav zur Schule, das Geld hortet sie, rührt es nicht an. Rebellion im 21. Jahrhundert? Dies ist kein radikales ostentatives Ausbrechen, mehr ein sanftes diskretes Aufbrechen, Ziel unbekannt. Isabelle fasziniert Erotik als Geheimnis, Gefahr, nicht als menschliche Nähe. Es geht um Macht, weniger um Sex, sie genießt die Kontrolle, die sie über Männer erlangt. Später wird sie es als “Spiel“ bezeichnen. Beim Akt selbst fühlt sie nicht viel, aber wenn Isabelle daheim oder in der Schule daran denkt, weiß sie, sie wird es wieder tun. Selbstfindung durch Selbstzerstörung? Tod, Abschied, spielt bei Ozon immer wieder eine entscheidende Rolle, wird zum Wendepunkt im Leben seiner Protagonisten. David ist ein fürsorglicher Vater, doch weibliche Garderobe bevorzugte er schon während der Ehe. Laura akzeptierte das, solange er dergleichen nur im Haus trug. Claire fühlt sich verraten, begreift, wie wenig sie eigentlich von der Freundin wirklich wusste. Und der Zuschauer begreift, dass die junge etwas verhuschte Frau sich selbst vielleicht noch viel weniger kennt. Ihre Gefühle und Sehnsüchte hat sie immer verdrängt. Die Beziehung zu Gilles (Raphael Personnaz) macht sie wahrlich nicht glücklich, eigentlich heiratete sie nur, weil Laura es getan hatte.

Im Gegensatz zu Isabelle sucht David menschliche Nähe, mit Claire wagt er sich zum ersten Mal als Frau auf die Straße. Zu zweit ziehen sie kichernd durch die Boutiquen, der Kaufrausch packt die Beiden, High Heels, ausgeschnittene Kleider, die aufregendsten Dessous. Die Suche nach Klamotten ebnet den Weg zur neuen Identität. Abends gehen sie in einer Lesben-Disco tanzen. Daheim flunkert Claire ihrem Gatten etwas von einer neuen Freundin vor. Sie bewundert David wegen seiner Wandelbarkeit, seines Muts, nennt ihn Virginia und fühlt sich unwillkürlich zu ihm/ihr hingezogen, auch wenn sie es sich anfangs noch nicht einzugestehen wagt. Doch die Protagonistin genießt das Gefühl, wirklich wichtig für einen Mensch zu sein, vielleicht mehr als sie es je für Laura war. Gilles wird langsam misstrauisch. Ihm bleibt die Veränderung an Claire nicht verborgen. Sie ist eigenständiger, fröhlicher, selbstbewusster geworden und vor allem auch weiblicher. Claire liebt David/Virginia dieses wundervolle facettenreiche Wesen, und der Zuschauer kann sie nur zu gut verstehen. Aber die erste wirkliche Umarmung endet fast tragisch. Plötzlich erschrickt Claire wie damals in der Villa, nur dieses Mal weil David ein Mann ist. Hatte sie es vergessen? Plötzlich ist sie wieder die verklemmte kaltherzige Frau. Der Einfluss von Pedro Almodovar wird immer wieder spürbar. Der Film basiert lose auf einer Kurzgeschichte von Ruth Rendell. Bei der Krimiautorin geht, wie zu erwarten, der Konflikt nicht ohne Mord ab. François Ozon dagegen lässt seine Cross-Dressing-Romanze als idyllisches Märchen ausklingen. Die Wirklichkeit in Frankreich eine Andere, beim Thema Homo-Ehe kommt es wieder zu erbitterten Auseinandersetzungen.

François Ozon enthält sich jeglichen Urteils, nichts liegt ihm ferner als zu moralisieren. Er hat keine Botschaft, überlässt es dem Zuschauer, Antworten zu suchen. Der 47jährige Regisseur liefert Hinweise, die Schlüsse müssen wir selber ziehen. Isabelle bedient sich der Sehnsucht Anderer, da sie ihre eigene erst noch entdecken muss. Claire geht es ähnlich, sie muss lernen für ihre Freiheit zu kämpfen, Gefühle wirklich zuzulassen mit allen Konsequenzen. Da hat ihr David viel voraus, ein Mann als starke Frau. In älteren Filmen zum Thema Travestie wechseln die Figuren nicht aus einem inneren Drang heraus das geschlechtsspezifische Outfit, sondern nur auf Grund äußerer Faktoren: Die Musiker, die sich auf der Flucht vor der Mafia als Frauen verkleiden in Billy Wilders Komödie „Manche mögen’s heiß” (1959), der arbeitslose Schauspieler, der zur Schauspielerin wird, um endlich eine Rolle zu bekommen in Sydney Pollacks Film „Tootsie” (1982), oder die Sängerin, die sich als Damenimitator ausgibt in Blake Edwards Verwechslungsepos „Victor/Victoria” (1982). Das ist der grundlegende Unterschied zu Ozons anrührender manchmal fast grotesker Fabel. Hier geht es allein um Leidenschaft, Sinnlichkeit und Selbstverwirklichung, wobei Claire sich damit schwerer tut als David. Vielleicht ist sie nicht die Einzige ihrer Generation. Mit gewisser Ironie zitiert sie Simone de Beauvoir: „Man ist nicht als Frau geboren, man wird es”. Der Zuschauer lacht nie über David/Virginia sondern höchstens weil der Spaß am Verkleiden irgendwo ansteckend ist.

Romain Duris hat auf den ersten Blick wenig Feminines. Der französische Schauspieler wurde als Herzensbrecher in Cedrics Klapischs Komödie „L’ auberge espagnole” berühmt. Mit jenen scharfen, ausgeprägten Gesichtszügen ist er ganz einfach perfekt für die Rolle. Sensibilität, Fragilität wechseln mit Momenten von Überlegenheit, Stärke. Überschäumende Lebensfreude schlägt plötzlich um in tiefste Verzweiflung und Hilflosigkeit, als Claire ihn zurückstößt. Ein Wechselbad der Gefühle. David hat seine Identität bereits gefunden aber noch nicht seinen Stil. Am Anfang sind seine Versuche in Sachen Mode höchst ungelenk, übertrieben, die Bewegungen künstlich, forciert, zu forsch. Aber nach und nach entwickelt David/Virginia die Eleganz einer Hitchcock-Protagonistin. Der Film spielt ganz bewusst auf „Vertigo” an. Die Figuren spiegeln sich, Claires Verlangen erwacht durch David/Virginas Verlangen. Sie genießt es, seine Komplizin zu sein, die Freiheit, die durch das Verkleiden entsteht. Zugleich ist David auch so etwas wie eine Puppe für die junge Frau, sie gewinnt Macht über ihn, vor allem, weil sie als Einzige sein Geheimnis kennt. Lauras scheinbare Vollkommenheit hat die Freundin immer unterdrückt, David rettet sie aus dem Gefängnis ihrer Konventionen und Ängste. Ozon schiebt achtlos jegliche Kategorien wie schwul, lesbisch, heterosexuell beiseite, keine will mehr passen. Laura bleibt weiter präsent, jedoch nicht mehr als unerreichbares Idol: in David/Virginia darf Claire sie lieben und zum ersten Mal auch sich selbst. Ozon spielt gerne mit Genres. Die Protagonisten verwandeln sich und mit ihnen der Film: Melodram, Psychotriller, Romantische Komödie, zurück zum Melodram. Das Happy End inszeniert der Regisseur bewusst als Märchen. Was sagt das über unsere Gesellschaft? Dass Kinder und Familie für manche noch immer eine Utopie sind.


Originaltitel: Une nouvelle amie
Regie/Drehbuch: François Ozon
Darsteller: Romain Duris, Anais Demoustier, Raphael Personnaz,
Produktionsland: Frankreich, 2014
Länge: 107 Minuten
Verleih: Weltkino Filmverleih
Kinostart: 26. März 2015


Fotos & Trailer: Copyright Weltkino Filmverleih

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