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Film

„Sehnsucht nach Paris”. Isabelle Huppert und die Rindviecher

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Mittwoch, den 11. Februar 2015 um 11:21 Uhr
„Sehnsucht nach Paris”. Isabelle Huppert und die Rindviecher 4.6 out of 5 based on 264 votes.
Sehnsucht nach Paris

Der französische Spielfilm “Sehnsucht nach Paris” von Regisseur Marc Fitoussi ist eine bezaubernde Fabel über die Tücken der Ehe.
Ein Hommage an die romantisch ironischen US-Komödien der Vierziger Jahre wie “Die Nacht vor der Hochzeit” mit Cary Grant und Katharine Hepburn.

Brigitte (Isabelle Huppert) war immer schon etwas kapriziös, eine Träumerin. Grade deshalb verliebte sich Xavier (Jean-Pierre Darroussin) damals auf der Landwirtschaftsschule in sie. Noch heute erzählt er gern Freunden beim Abendessen von jener Studentin, die nach ihrem Berufswunsch gefragt, mit großem Ernst antwortete: „Schäferin”. „Ma petite bergère”, der Kosename ist geblieben.

Das Paar lebt seit Jahrzehnten als Rinderzüchter in der Normandie. Sie teilen Alltag und Arbeit. Man hat sich wohlig eingerichtet zwischen Tradition und Moderne. Die Kinder sind aus dem Haus, die Geschäfte laufen prächtig, und doch, irgendetwas fehlt. Nicht dass Brigitte von Abenteuern phantasiert oder einem Märchenprinzen, nur manchmal treibt die hinreißende Landfrau den Gatten mit ihren Extravaganzen zur Verzweiflung. Sie will Ben Hur, den riesigen Zuchtbullen für die Leistungsschau mit einem Diadem schmücken. Xavier reagiert empört: „Willst Du, dass sie uns disqualifizieren? Striegel weiter.” Sein Herz hängt an diesen Rindviechern und die sind auch etwas ganz Besonderes. Experimente gleich welcher Art hasst der biedere Pragmatiker, gegrillter Tofu kommt ihm nicht auf den Teller. Er mault, Brigitte nimmt es mit spöttischer Gelassenheit

Am Wochenende feiern junge Leute auf dem Nachbargrundstück eine Party, schon Nachmittags tauchen die ersten Gäste auf. Die Mädchen aus der Stadt schauen gebannt zu, wie Brigitte und Xavier ein Kälbchen zur Welt bringen. Auch Stan (Pio Marmai) gesellt sich dazu. Zu nächtlicher Stunde, als der Ehemann schon schläft, überredet der schlagfertige Beau Brigitte, rüberzukommen auf das Fest. Am Anfang fühlt sie sich ob ihres Alters unbehaglich, fremdelt, doch dann genießt sie die Komplimente, die Musik, den Flirt unterm Sternenhimmel. Und plötzlich verspürt die attraktive Mittfünfzigerin den unbändigen Wunsch, aus der gewohnten Routine auszubrechen. Unter dem Vorwand einen Dermatologen aufzusuchen, fährt sie für zwei Tage und Nächte nach Paris. Nach einem eher enttäuschenden Wiedersehen mit Stan trifft sie auf den charmanten Dänen Jesper (Michael Nyqist). Daheim bei den Charolais Rindern hat Xavier entdeckt, dass jener Hautarzt schon längst in Pension gegangen ist. Beunruhigt macht er sich mit seinem grünen klapprigen Auto auf in Richtung Hauptstadt. Als er Brigitte zusammen mit dem Dänen lachend und gelöst aus dem Hotel treten sieht, überkommt ihn tiefe Verzweiflung. Aber statt die Beiden in der Metro weiter zu verfolgen, geht er ins Museum.

Regisseur Marc Fitoussi spielt mit den Elementen der ‚comedy of remarriage’, einem Subgenre der amerikanischen Screwball-Komödie aus den Dreißiger und Vierziger Jahren. Der damalige ‚Hays Code’, die Richtlinien über die Herstellung von Spielfilmen in den USA, untersagte jede Form expliziter Darstellung außerehelicher Sexualität. Mit diesen Rom-Coms umgingen Regisseure und Produzenten geschickt den Auflagen der Behörden: Die Protagonisten ließen sich scheiden, flirteten mit Fremden, aber riskierten nicht den Zorn der Zensur, weil sie irgendwann wieder zusammenkamen, um erneut zu heirateten. Zu den bekannten Klassikern dieses Genres gehören Howard Hawks’ „Leoparden küsst man nicht” (1938), George Cukors „Die Nacht vor der Hochzeit” (1940), Howard Hawks’ „Sein Mädchen für besondere Fälle” (1940), Ernst Lubitsch’ „Ehekomödie (1941) und George Cukors „Ehekrieg” (1949). Fitoussi nimmt seinem bitter-süßen Melodram nicht die Traurigkeit, erspart uns jenes einfältige Wohlfühlkino, das sich zunehmender Beliebtheit erfreut. Er gibt den Akteuren jene Freiheit, die für sie so völlig ungewohnt ist, fast märchenhaft und doch real. Brigitte lässt sich treiben, ihr gehört die Sympathie des Regisseurs, seine Achtung gehört aber dem Ehemann. Xavier begreift, er hat etwas falsch gemacht: auf alles nur mit Unverständnis reagiert, was nicht seinen Vorstellungen entsprach. Auch bei seinem Sohn, der auf eine Akrobaten-Schule geht. Jetzt besucht er Grégoire (Clément Métayer), sieht zum ersten Mal, welches Talent er besitzt, wie hart dessen Training ist. Die betörende Pantomime des Jungen und die Reaktion des Vaters darauf gehören vielleicht zu den berührendsten Szenen der melancholischen Fabel.

„Sehnsucht in Paris” ist ein leiser, stiller Film, subtil, einfühlsam mit wenigen, entscheidenden Dialogen und wunderschönen hintergründigen Pointen. Unberechenbar und voller Überraschungen. Die unglamourösen Helden zerreden weder ihr Leben noch ihre Emotionen. So tapst denn der unbeholfene, gutherzige Rinderzüchter wie ein schwermütiger Bär durch die Seine Metropole. Er ist der Situation nicht gewachsen, aber er schlägt sich tapfer. Seine wirklichen Empfindungen hatte er bisher selten gezeigt, eigentlich nur, wenn sein Zuchtbulle bei der jährlichen Leistungsschau den ersten Preis holte. Brigitte und dieser elegante Fremde, sie scheinen füreinander gemacht. Xavier steht vor dem Gemälde mit der kleinen Schäferin, glaubt sie für immer verloren zu haben. Derweil entdeckt Brigitte nicht nur die Sinnlichkeit sondern auch sich selbst. Jesper nimmt ihr Scheu wie Scham, lehrt sie, sich zu akzeptieren, auch ihre Schwächen. Das Ekzem, das sie immer versteckte, sie macht nun kein Geheimnis mehr daraus. Xavier kehrt zurück auf den Bauernhof, sein Gehilfe beruhigt ihn: „Keine Sorge, sie kommt bald wieder”. Und das tut sie, keine der beiden Eheleute verliert ein Wort darüber, was geschehen ist, erstaunlich in einer Zeit, wo Reden als Allheilmittel gilt. Natürlich kommt es zu Turbulenzen, doch der unbeholfene schwerfällige Bauer findet eine Lösung, die uns lächeln lässt und für die Beziehung hoffen. Im Stall streichelt Brigitte eines der Charolais Rinder und fragt ihren Mann: „Was hat denn Big Jim?” “Wohl so was wie eine Depression,” antwortet der, „Wir haben Bora Bora von ihm getrennt. Jetzt denkt er, sie hat ihn verlassen. Und das hat ihn aus der Bahn geworfen.” „Aber sie ist wieder da, alles ist wieder in Ordnung,” entgegnet seine Frau. „Bist Du Dir da sicher?” Ganz sicher sein kann man sich in der Liebe nie, das will der Film auch nicht suggerieren, grade oder wegen seines bezaubernden Endes fern der Normandie und den Rindviechern.

Isabelle Huppert als Brigitte erinnert mit ihrer russischen Fellmütze ein wenig an Greta Garbo in “Anna Karenina” oder Julie Christie in „Doktor Schiwago”. Es verstärkt den märchenhaft geheimnisvollen Charakter des eigentlich realistischen Films. Die fragile französische Schauspielerin ist in dieser Rolle sanfter, verwundbarer, strahlt eine Wärme aus, die wir so nicht bei ihr kannten. Das Alter, 61 Jahre – man kann es kaum glauben – ihre Schönheit ist eine selbstverständliche, natürliche. Wenn da ein Arzt nachgeholfen haben sollte, ist auch der ein wahrer Künstler. „Actrice intellectuel” nennen sie ihre Landsleute. Die einstige Muse von Claude Chabrol, spielt meist die Kühle, Kantige, Verschlossene, Undurchschaubare. Ihr gelingt das scheinbar Unmögliche, durch abweisende Distanz große Nähe zu schaffen. Das zarte blasse Gesicht mit den Sommersprossen beherrscht die Leinwand. Mit minimalen Mitteln erzählt Huppert von den Empfindungen der Frauen, die sie verkörpert. Auch ihre Brigitte versteckt die Gefühle meist, die bodenständige Rinderzüchterin bleibt immer auch eine zarte eigenwillige Diva, fast als hätte sie sich nur in der Location geirrt. Erst in Paris lernt sie durch Jesper trotzdem glücklich zu sein. Kleine Fluchten sind oft hilfreich. Ihren Durchbruch hatte die Schauspielerin als 23jährige mit „Die Spitzenklöpplerin”. Sie entschied sich von da an oft für radikale, extreme Rollen, wie in Claude Charbrols „Eine Frauensache” (1988) oder in Michael Hanekes „Die Klavierspielerin” (2001), dort tritt sie auf als voyeuristische Pianistin mit einer perversen Beziehung zu ihrem Schüler. Die abgründigen willensstarken Charaktere stehen im krassen Gegensatz zu ihrer zerbrechlichen Erscheinung. “Sehnsucht nach Paris” ist der zweite Film, den Fitoussi mit Isabelle Huppert dreht. Auch die Protagonistin in „Copacabana”(2010) träumte von einem anderen und abenteuerlicheren Leben, doch bei der flippigen Babou mit ihrer überbordenden Fantasie war das wenig verwunderlich. Brigitte wird nie zu einer Madame Bovary, sie hat keine Schuldgefühle, genießt die Tage in der Stadt der Liebe, kann selbst ein Fiasko wie mit Stan gut verkraften. Ohne Traurigkeit verabschiedet sie sich von dem Dänen. „Distanz und Humor” erklärt Isabelle Huppert in einem Interview, bewahren sie davor abzustürzen. „Du willst immer was Besonderes sein,” nörgelt Xavier, er hat Recht, aber sie ist auch etwas Besonderes, seine kleine Schäfern.



Originaltitel: La Ritornelle
Regie: Marc Fitoussi
Darsteller: Isabelle Huppert, Jean-Pierre Darroussin, Michael Nyqvist
Produktionsland: Frankreich, 2014
Länge: 98 Minuten
Verleih: Wild Bunch Germany
Kinostart: 12. Februar 2015

Fotos & Trailer: Copyright Wild Bunch Germany

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