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Film

„Herz aus Stahl”. Die durch die Hölle gingen

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(306 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Mittwoch, den 31. Dezember 2014 um 11:08 Uhr
„Herz aus Stahl”. Die durch die Hölle gingen 4.8 out of 5 based on 306 votes.
Herz aus Stahl

Beklemmendes archaisches Panzer-Epos. Eindrucksvoll: Brad Pitt als todesmutiger Anti-Held bei der Demontage eines Mythos.
Präsident Dwight D. Eisenhower nannte den Zweiten Weltkrieg einen „Großen Kreuzzug gegen das Böse der Welt”. Der Kampf gegen die Nationalsozialisten und Japan blieb im Bewusstsein der amerikanischen Bürger immer „The Last Good War”. Regisseur David Ayer schildert nun diesen Krieg differenzierter, realistischer, in all seiner Grausamkeit. Weder die moralische Berechtigung der Mission noch die eigenen Skrupel schützen die US-Soldaten davor, sich in scheinbar unerbittliche Killer zu verwandeln. Vertrauen tun sie nur dem Kameraden an ihrer Seite.

April 1945, die Alliierten sind auf dem Vormarsch, Hitlers Befehl lautet, Widerstand zu leisten bis zum letzten Mann. Army Sergeant Don Colliers (Brad Pitt), mit Spitznamen „Wardaddy”, ist Panzer-Kommandant. Er ähnelt ein wenig Lt. Aldo Raines, jenem Nazi-Jäger, den der Schauspieler in Quentin Tarantinos Film „Inglorious Basterds” (2009) verkörperte. Don und seine vierköpfige Besatzung haben schon in Nordafrika zusammen gekämpft, sie sind eine verschworene Gemeinschaft: Boyd „Bible” Swan (Shia LaBoeuf), der tiefreligiöse Schütze zitiert oft aus der Heiligen Schrift, der Glaube hindert ihn nicht an seiner blutig-brutalen Pflichterfüllung. Grady „Coon-Ass” Travis (Jon Bernthal), der streitlustige Ladeschütze, wird schnell aufsässig, Trini „Gordo” Garcia (Michael Pena), der mexikanische Fahrer, betrinkt sich gern. Den Richtschützen hat es beim letzten Gefecht erwischt, Ersatz steht schon bereit. Norman (Logan Lerman) soll für ihn einspringen. Der Zuschauer erlebt den Krieg aus seiner Perspektive. Der junge Soldat wirkt wie ein verschrecktes Kind, das sich verirrt hat. Bis jetzt war er Schreibkraft bei der Armee, hat noch nie einen Panzer von innen gesehen.

Norman ist naiv, idealistisch, ein wenig widerspenstig, klammert sich voller Angst an seinen Pazifismus. Den Finger am Abzug, kann er sich nicht überwinden abzudrücken. Ein amerikanischer Panzer explodiert, Menschen sterben in den Flammen, mit dieser Schuld muss er fortan leben. Der Feind, ein Hitlerjunge hat nicht gezögert, seine Panzerfaust einzusetzen. Wardaddy lehrt Norman das Töten, auf die harte Tour. Noch ein solcher Patzer würde das Ende für sie alle bedeuten. Don zwingt den Rekruten, einen Strafgefangenen zu exekutieren. Er bricht den Willen des Jungen mit aller Gewalt. Das ist seine Art, einen Mann aus ihm zu machen, einen, auf den sie sich verlassen können. Gewalt wird nie verherrlicht, sie ist ekelerregend, schmutzig, erschreckend, unerträglich. Wenn die Panzer sich langsam durch den Morast schieben, begreift der Zuschauer einen Moment zu spät, das ist kein Schlamm, es sind zerfetzte Leichtenteile, platt gewalzt zu Matsch. Die Szene erinnert an Roland Joffés „The Killing Fields” (1984).  Auf dem Landstraßen Flüchtlingsströme, am Baum der Leichnam eines Jungen, von SS-Schergen erhängt, eine Papptafel um den Hals: „Ich wollte nicht kämpfen”, hundert Meter weiter eine gelynchte Frau, „Ich wollte meine Kinder nicht kämpfen lassen”. “Fury” heißt David Ayers Film im Original. „Fury” haben die Soldaten ihren Panzer getauft. Es steht in großen Lettern auf dem Schussrohr. Der Zorn, die Wut, sie ist wahrlich nicht unbegründet, aber der Hass verselbstständigt sich, zerstört Don und seine Männer.

„Du meinst, schlimmer kann es nicht werden, es kann. Und es wird. Das Sterben ist noch nicht zu Ende, das Töten ist noch nicht zu Ende.” Dons Dialoge sind nie ganz ohne Pathos, perfekt für einen Trailer. Wardaddy ist intelligent, sensibel, moralisch und doch hat er etwas von einem Psychopathen. Brutalität wurde seine Form der Weisheit, der raue Charme, wenn er ihn denn zulässt für einen Moment, ist unwiderstehlich. Die Augen erzählen, dass er Grauenvolles gesehen und getan hat. Augen sind ein Symbol, ein Bild, das David Ayer und Kameramann Roman Vasyanow als Leitmotiv immer wieder einsetzen. Augen spähen durch den schmalen Spalt des Panzers. Nur wer die Gefahr rechtzeitig erkennt, kann überleben. Das gilt für Akteure wie Zuschauer. Erkennen, heißt auch, die Sinnlosigkeit, den Wahnsinn des Krieges zu begreifen, zu akzeptieren, dass er manchmal unvermeidbar ist oder war. Dons Mitstreiter verbergen Zuneigung und Verbundenheit hinter Obszönitäten, Spott, radikalen Sprüchen und Galgenhumor. Man spürt eine seltsame Zärtlichkeit, die Männer scheinen roh, grausam, ungehobelt, sind nichtsdestotrotz von jener todesmutigen großherzigen Loyalität, wie sie nur der Krieg hervorbringt. Oder Hollywood. Ganz möchte der Regisseur auf Heldenglorifizierung nicht verzichten, doch Heroismus wird hier fast eine Notwendigkeit, um zu überleben oder falls nicht, dem eigenen Tod einen Sinn zu geben. Miteinander, füreinander.

Was in „Herz aus Stahl” vielleicht rüde klingen mag, die markigen Sprüche von General George S. Patton während des 2. Weltkriegs fielen härter aus (wenn man der Überlieferung glauben darf): "Wir knallen die Hundesöhne nicht nur ab. Wir schneiden ihnen bei lebendigem Leib die Gedärme heraus und schmieren damit unsere Panzerketten." Patton, angeblich erfolgreichster Panzer-Kommandeur seiner Zeit, galt als rücksichtslos, aber er verstand sich darauf, seine Männer zu Höchstleistungen anzutreiben. David Ayer selbst hat in der Navy gedient, und zwar auf einem U-Boot. Er ist einer, der viel erlebt hat, lange recherchiert, scharf beobachtet. Wie Gewalt den Menschen verändert, war schon Thema seines ersten Films „Harsh Times”(2005). Seinen Durchbruch hatte er mit dem Drehbuch für „Training Day” (2001). Ayer und Vasyanow verzichten auf ihren Video-Doku-Stil wie in „End of Watch”(2012), entscheiden sich außerhalb des Panzers stattdessen für ästhetisch virtuos inszenierte Bilder in Braun-, Ocker-, Grün- und Grautönen. Selbst die Natur hat hier ihre Unschuld verloren, ist zum Kriegsschauplatz verkommen, überall Schlamm, Blut, Kotze, Tränen, Leichen. Doch das fiktive Macho-Drama zelebriert nie selbstgefällig eine Ästhetik des Untergangs wie manche Science-Fiction-Epen. Der Matsch, der ewige Regen, irgendwann packt einen die Verzweiflung. Alles ist in Auflösung begriffen, Moral, Integrität. Frieden wird unvorstellbar. Ayer zeigt die grotesk tragische Seite des Krieges. “Herz aus Stahl” erreicht nie die klaustrophobisch gnadenlose Intensität von Samuel Maoz' Film „Lebanon”, wo der Zuschauer mitgefangen ist in dem stinkenden, engen, dunklen Panzer, aber der Film hat einzelne atemberaubende Szenen. Die Stille scheint noch unheilvoller als der Beschuss. Schmerz, innere Leere, Angst, selbst jene verzweifelte Loyalität zwischen den Männern, wird für den Zuschauer fast körperlich spürbar.

Nach einem erfolgreichen Feuergefecht nimmt Wardaddy den verwirrten benommenen Norman unter seine Fittiche. In der Wohnung zweier Deutscher, Mutter (Anamaria Marinca) und Tochter Emma (Alicia Rittberg) ruhen sie sich aus, essen zusammen mit den Bewohnern. Don spricht Deutsch, Norman spielt Klassisches auf dem Piano, trotzdem verliert die Szene nie an Bedrohlichkeit, auch wenn sie sich völlig entgegen den Stereotypen von Vergewaltigung oder Plünderung entwickelt: Norman und Emma verlieben sich. Wenn Wardaddy sein verdrecktes Hemd auszieht, wir seinen mit Brandnarben übersäten Rücken sehen, ist es, als ob er auch Härte, Brutalität abstreift. Und doch explodiert die Situation fast vor verhaltener Spannung, Begehren, Gefahr, Angst. Ayer besitzt eine faszinierende Mischung aus Intellekt und filmischen Instinkt. Als Grady hereinplatzt, droht alles zu eskalieren. Hass ist die zweite Natur dieser Männer. Jeder Antikriegsfilm nach 1998 muss sich messen an Terrence Malicks „Der schmale Grat” und Steven Spielbergs “Der Soldat James Ryan”. Da kann Ayer weder als Autor noch als Regisseur mithalten. Bei ihm wird der Krieg noch einmal zur Stätte menschlicher Bewährung. Nichts ist vergleichbar mit Malicks überbordender Bilderflut oder Spielbergs unvergesslicher Eingangssequenz von der Landung der amerikanischen Soldaten. Das apokalyptische Ausmaß schrumpft hier wieder zusammen auf ein Kriegs-Drama über Mut, Tapferkeit, Kameradschaft, den Glauben vom Kampf bis zum letzten Mann. Ayer macht Schluss mit der Illusion vom guten Krieg, aber es bleibt die Freiheit des Einzelnen sich zu entscheiden. Ein junger deutscher Soldat entdeckt Norman, der sich unter einem Panzer im Schlamm versteckt. Ein kurzer Blickwechsel, dann verschwindet er. Norman verdankt ihm sein Leben, so endet der Film, verzweifelt bemüht um eine Spur von Hoffnung. Doch in Erinnerung behalten wir jenes Bild, wo ein Reiter auf einem Schimmel aus dem Nebel auftaucht, auf uns zutrabt. Don springt aus dem Hinterhalt, reißt den Mann vom Pferd, rammt ihm unbarmherzig sein Messer in das Auge.

Vietnam, später Afghanistan und Irak, das waren die Schauplätze für ambitionierte kritische Filmemacher: Michael Ciminos „The Deer Hunter”(1978), Oliver Stones „Platoon” (1986) und Francis Ford Coppolas „Apokalypse Now”(1979), jener Höllentrip durch die Absurditäten eines sinnentleerten Krieges. Aber wo auch immer, ob in Deutschland oder auf der Salomonen-Insel Guadalcanal im Pazifischen Ozean, Kampf, Hass, Waffen bedeuten Wahnsinn schlechthin, damals wie heute. „Durch den Krieg werden die Menschen nicht edler, er macht sie zu Hunden, vergiftet die Seele,” sagt Private Witt in “Der schmale Grat”. Der Vorgesetzte von Don: “Wenn Sie diese Truppen nicht aufhalten, sind wir am Arsch. Sie sind alles, was wir haben.” Der Einsatz entwickelt sich zum Himmelfahrtskommando, plötzlich stehen die fünf Mann dreihundert Deutschen gegenüber. Deren Panzer sind stabiler, den amerikanischen überlegen. Wardaddy ist keiner, der von seinen Männern verlangt, mit ihm zu sterben. Doch einer nach dem Anderen entscheidet sich dafür. „Wir sind noch nie weggelaufen, warum jetzt.” Sie machen kein Geheimnis daraus, dass sie Angst haben. „Immerhin wir kriegen 1,35 Dollar pro Tag”. Die Männer lachen. “Der beste Job, den ich je hatte.” Jeder wiederholt es wie einen Schwur: „Der beste Job, den ich je hatte”. Markige Sprüche bis zuletzt. „Ideale sind friedlich, Geschichte ist gewalttätig,” hat Don am Anfang des Films seinem Schützling erklärt.  



Originaltitel: Fury    
Regie/Drehbuch: David Ayer   
Darsteller: Brad Pitt, Logan Lerman, Shia LaBeouf, John Bernthal, Michael Pena, Alice Rittberg, Anamaria Marinca      
Produktionsland: USA, Großbritannien, China   
Länge: 134 Minuten   
Verleih: Sony Pictures Germany  
Kinostart: 1. Januar 2015 

Fotos & Trailer: Copyright Sony Pictures Germany  

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