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Film

„The Drop – Bargeld”. Etwas Pitbull steckt in uns allen

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Mittwoch, den 03. Dezember 2014 um 11:26 Uhr
„The Drop – Bargeld”. Etwas Pitbull steckt in uns allen 4.8 out of 5 based on 271 votes.
The Drop – Bargeld

Michael R. Roskam inszeniert seinen melancholisch mysteriösen Neo-Noir als eigenwilliges Schuld- und Sühnedrama. Wieder atemberaubend: Tom Hardy

Der Titel des Thrillers bezieht sich auf die Gepflogenheit der Gangster, ihre nächtlichen Einnahmen aus Prostitution, Drogendeals oder illegalen Wetten kurzfristig in zwielichtigen Kneipen zu deponieren. Auf diese Weise verliert sich die Spur des schmutzigen Geldes, es wechselt ungesehen den Besitzer, die Gesetzeshüter tappen im Dunkel. Der schweigsame höfliche Bob (Tom Hardy) steht in so einer Bar hinter den Tresen, „Cousin Marv’s” heißt sie und tatsächlich ist Marv auch sein Cousin (James Gandolfini), ein sehr unleidlicher obendrein. Hier in Brooklyn wurde er früher mal respektiert, gefürchtet.
Heute nörgelt Marv nur noch an allem rum, die Weihnachtsdekoration soll verschwinden genau wie die zahnlose Millie, der Bob schon wieder unerlaubt einen Drink spendiert hat. Auch wenn sein Name über der Tür steht, er zwar den Chef mimen darf, der Laden gehört längt der tschetschenischen Mafia, Resultat horrender Spielschulden. Daheim streitet der zynische, notorische Besserwisser mit seiner älteren Schwester Dottie (Ann Dowd), ob oder wann die lebenserhaltenden Maschinen des Vaters endlich abgestellt werden sollen. Es ist der letzte Film mit James Gandolfini, er starb 2013 an einem Herzinfarkt. Mit Marvs reaktionären Tiraden und tragischen Racheplänen demonstriert der Schauspieler noch einmal sein ganzes Können.

Der eigentliche Protagonist aber ist Bob, der uns am Anfang einige Spielregeln dieser Gegend erklärte. Er wohnt in dem Haus seiner verstorbenen Eltern. Die Zeit scheint hier stehen geblieben zu sein, alles ist düster, dunkel, eng, deprimierend, Endstation Sehnsucht. Auf den ersten Blick scheint der Junge nicht besonders clever, vielleicht eher ein bisschen einfältig? Er ist geduldig, freundlich, nur seltsam verschlossen. Nach dem Dienst geht er morgens immer zur Frühmesse in die nahe gelegene Kirche doch nie zur Kommunion. Etwas Geheimnisvolles umgibt den ungelenken einsamen Helden. Wir sind uns sicher, dieser schwermütige wortkarge Bursche hat Schlimmes durchlitten, zum Täter taugt so einer nicht, der könnte keinem etwas Böses zufügen. Auf dem Heimweg hört Bob ein klägliches Winseln. In einer Mülltonne entdeckt er zwischen dem Abfall einen misshandelten, blutigen, verdreckten Welpen. Er ruft die Mieterin des Grundstücks zur Hilfe. Nadia (Noomi Rapace) hat Angst vor dem eigenartigen Fremden, aber der ausgesetzte klägliche Winzling erobert ihr Herz im Sturm. Unseres auch. Ein Pitbull, Bob hat seine Zweifel, die sind gefährlich. Alles nur Vorurteile, behauptet die junge Kellnerin. Das winselnde Bündel verändert Bobs Leben für immer. Der Protagonist macht sich die Entscheidung nicht leicht, er weiß, welche Verantwortung so ein Tier bedeutet. Welche Gefahren in diesem Fall damit verbunden sind, ahnt er nicht. „The Drop” ist ein fesselnder betont unglamouröser Film Noir: Grautöne statt der sonst üblichen grellen Neonreklamen, keine Femme Fatale in regennassen Gassen, nur Obdachlose, die ihre Zeche schuldig bleiben. Schmuddelige Hinterhöfe, Stacheldraht, Schneematsch, Angst, Verzweiflung und fast vergessene Träume. Doch selbst hier trügt noch der Schein, Gewalt lauert unterschwellig überall. Akteure wie Zuschauer verirren sich unweigerlich in dem Mikrokosmos des amerikanischen Autors Dennis Lehanes. Aus dessen Kriminalromanen entstanden faszinierende Thriller: Clint Eastwoods „Mystic River”(2003), Ben Afflecks „Gone Baby Gone”(2007), Martin Scorseses „Shutter Island”(2010). Zum ersten Mal hat Lehane das Drehbuch selber geschrieben, es basiert auf seiner Kurzgeschichte „Animal Rescue”.

Zwei bewaffnete Maskierte überfallen die Kneipe, erbeuten 5.000 Dollar. An diesem Abend hatte der Mob glücklicherweise keine hohen Summen deponiert. Die Tschetschenen sind nichtsdestotrotz erbost, lassen ihre Wut an Marvin aus. Sie wollen ihr Geld und die Täter. Einer findet sich bald an, zumindest der Arm von ihm. Inzwischen lernt Bob von Nadia alles Wissenswerte über Hundeerziehung. Er hat den Welpen Rocco getauft nach dem Schutzpatron der Pestkranken und Haustiere. Das Crime Drama erinnert an die Gangsterfilme der Siebziger Jahre, die religiöse Symbolik an Martin Scorsese. Die Nachbarschaft von „Cousin Marv’s” bietet wenig Chancen zum Aufstieg, weder legal noch illegal. Hier verkehren stämmige Dockarbeiter und unbedeutende Kriminelle. Einer von ihnen ist Eric (Matthias Schoenaerts), der sich rühmt, vor zehn Jahren einen Mann umgebracht zu haben. Später war er mit Nadia zusammen, sie trennte sich von ihm, Eric ist kein Typ, der so was akzeptiert. Nun macht der brutale Psychopath auch seine Besitzansprüche an Rocco geltend, verlangt 10.000 Dollar von Bob, andernfalls wird er den Barkeeper bei der Polizei wegen Diebstahl anzeigen, behaupten, dass dieser den Welpen so übel zugerichtet hat. Inzwischen taucht ein tückischer Detektiv namens Torres (John Ortiz) auf, der sich für den ungeklärten Mordfall vor zehn Jahren interessiert, vor allem aber warum Bob nie zur Kommunion geht. Auch Torres ist ein hingebungsvoller Kirchgänger. Offensichtlich hält der Ermittler Eric nicht für den Täter, der war zu dem Zeitpunkt in der geschlossenen Psychiatrie. Während die Spannung zunimmt, die Gewalt eher beiläufig eskaliert, wird aus dem Einzelgänger Bob ganz unmerklich ein anderer Mensch. Es ist rührend zu beobachten, wie der große Junge langsam aus seiner Erstarrung erwacht, zu sprechen beginnt. Rocco und er sind unzertrennlich, wenn sich der Barkeeper nicht um den Welpen kümmern kann, springt Nadia als Babysitter ein. Eine ungewöhnliche Romanze entwickelt sich. Beide haben in der Vergangenheit Verletzungen erlitten, beide quälen Ängste, Misstrauen, ihnen fehlt der Mut zur Bindung, vielleicht verstehen sie deshalb einander so gut. Der Hund symbolisiert Loyalität, Unschuld, bedingungslose Zuneigung. Er ist das geprügelte Opfer par excellence. Der Einfluss von Außen kann ihn zum Killer machen oder einem treuen Weggefährten. Lehane geht fast liebevoll um mit diesen Habenichtsen und Losern, die eigentlich nur Brutalität als Lösungsmöglichkeit kennen. In jeder seiner Figuren steckt unendlich viel Traurigkeit und unterdrückter Zorn. Selbst wenn Eric den Welpen in Nadias Mülltonne wirft, ist das irgendwo auch ein Hilfeschrei. Alle sehnen sich nach Erlösung. Dann geschieht etwas völlig Unerwartetes, das alle Hoffnungen zunächst zerstört.

Dennis Lehane versteht sich auf schicksalshafte Verstrickungen, er bezieht seine Suspense weniger aus der Handlung als aus den Emotionen, der inneren Entwicklung seiner Protagonisten. Wie einst der junge Marlon Brando beherrscht Tom Hardy jenes beredte grüblerische Schweigen (brooding). Ob als Bösewicht Bane in Christopher Nolans „The Dark Night Rises”, MI 6 Agent in dem Spionagefilm „Dame, König, As, Spion” (2011) oder verzweifelter Familienvater in dem spartanischen Ein-Mann-Kammerspiel „No Turning Back” (2014), kaum ein anderer Schauspieler ist so wandlungsfähig wie er. Hier wirkt der archaische Held neben dem winzigen Welpen wie ein sanfter schüchterner Riese. „Slow burn”, die lange im Verborgenen schwelenden Konflikte kommen irgendwann zum Ausbruch. Für einen dramatischen Thriller in diesem Milieu fließt verhältnismäßig wenig Blut. Leichen, ganz oder in Einzelteilen, werden säuberlich in Folie verpackt. Während Tom Hardy sich oft ohne, oder mit wenigen Worten, ausdrückt, brilliert James Gandolfini grade in den bissig eloquenten Dialogen. Marv nörgelt zwar an Bob herum, aber er beschützt ihn auch auf seine unverwechselbare ruppige Art. Ob er ihm eine Falle stellt oder andere vor ihm warnt, die wahren Beweggründe bleiben bis zuletzt ein wohl gehütetes Geheimnis. „The Drop” ist die erste englischsprachige Produktion des belgischen Regisseurs, der 2011 mit „Bullhead” ein verstörender wie fulminanter Film gelang, der für den Oscar nominiert wurde. Michael R. Roskam kommt aus der Malerei, für ihn und seinen Kameramann Nicolas Karakatsanis waren die Gemälde des aus Brooklyn stammenden George Wesley Bellows (1882-1925) die eigentliche Inspiration für ihren ästhetisch-virtuosen Neo-Noir. Brooklyn gilt als der am dichtest besiedelte Stadtbezirk New Yorks. Gedreht wurde In Windsor Terrace mit seinen Ziegelhäusern, dort leben die irischen, deutschen, polnischen und italo-amerikanischen Familien. Weitere Locations: die mit Bäumen gesäumten Straßen von Fort Greene, Bedford-Stuyvesant, wo hauptsächlich Afro-Amerikaner wohnen, die Küstengemeinden Sheepshead Bay und Marine Park. Das Ergebnis ist ein idealisiertes, fast mythologisches Brooklyn, das sich wie ein Mosaik aus den verschiedensten Vierteln zusammensetzt.

Das blutige Finale entlarvt die Geheimnisse der Schuldigen und Verzweifelten. Der Thriller endet als versöhnliches urbanes Märchen, denn erlösen können wir uns vielleicht nur selbst.



Originaltitel: The Drop
Regie: Michael R. Roskam
Darsteller: Tom Hardy, Noomi Rapace, James Gandolfini, Matthias Schoenaerts, John Ortiz
Produktionsland: USA, 2014
Länge: 107 Minuten
Verleih: Fox Deutschland
Kinostart: 4. Dezember 2014

Fotos & Trailer: Copyright 20th Century Fox Deutschland

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