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Internationales Sommerfestival 2019 auf Kampnagel zu Ende. Ein letzter Blick und das Rimini Protokoll

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Mittwoch, den 28. August 2019 um 07:08 Uhr
Internationales Sommerfestival 2019 auf Kampnagel zu Ende. Ein letzter Blick und das Rimini Protokoll 3.8 out of 5 based on 45 votes.
Internationales Sommerfestival 2019 auf Kampnagel Rimini Protokoll

Mit der Rekordbilanz von insgesamt 35.000 Besucher*innen ist das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel vergangenen Sonntag zu Ende gegangen.
Unter den vielen ausgezeichneten Tanz- und Theateraufführungen der zweiten Halbzeit hat vor allem das Ensemble Rimini Protokoll bleibenden Eindruck hinterlassen, das dem ungläubig-staunendem Publikum den Stand der Technik humanoider Roboter vor Augen führte. Wer das Programmheft nicht studiert hatte, rätselte bis zum Schluss, ob hier nun ein Mensch Maschine spielt, oder tatsächlich die Maschine das Original – in diesem Fall den Autor Thomas Melle – ersetzt.

Thomas Melle, bekannt als Schriftsteller und Dramatiker („Die Welt im Rücken“), sitzt im Halbdunkel auf einem Sessel neben Leinwand und Laptop, die Hände entspannt auf der Armlehne, ein Bein lässig über das andere geschlagen. Als er freundlich sein Publikum zu seinem Vortrag „Uncanny Valley“ begrüßt und dabei Kopf und Arme bewegt, ertönt das Quietschen einer ferngesteuerten Hydraulik. Das kann natürlich Fake sein, extra eingeblendeter Sound, der uns täuschen soll. Und auch die Kabel, die aus seinem Kopf herausschauen, könnte das Werk eines hervorragenden Maskenbildners sein. Doch auf der Bühne sitzt tatsächlich ein Roboter. Eine Melle-Maschine, abgeformt mit Gips und Silikon vom Körper des Autors, wie die Leinwand-Dokumentation zeigt, gespickt mit Kopf- und Barthaaren, angezogen mit Hemd, Pulli und Hose des Autors und programmiert mit seiner Stimme und seinem Text. Ein perfektes Double also, von Stefan Kaegi so brillant in Szene gesetzt, dass es einem körperlich schmerzt, wenn der humanoide Roboter – gleichsam zum Beweis seiner Künstlichkeit – den Fuß einmal um seine eigene Achse rotieren lässt. Au, das tut weh!
Der ‚echte‘ Melle erscheint derweil im Großformat auf der Leinwand und sinniert über die Maschine als Projektionsfläche. Er spricht über seine bipolare Störung, eine psychische Krankheit mit ausgeprägten Stimmungsschwankungen. „Wenn Sie bipolar sind, hat ihr Leben keine Kontinuität mehr“, schreibt Melle in seinem autobiografischen Werk „Die Welt im Rücken“: „Die Krankheit hat Ihre Vergangenheit zerschossen, und in noch stärkerem Maße bedroht sie Ihre Zukunft“. Und später: „Sie fangen nicht bei null an, nein, Sie rutschen ins Minus, und nichts mehr ist mit Ihnen auf verlässliche Weise verbunden“.

Foto: Daniela NeebVerständlich, dass der Autor Angst vor Kontrollverlust hat, insbesondere bei öffentlichen Auftritten. Er weiß ja nie, wann wieder ein manischer oder depressiver Schub kommt. Bei seinen Auftritten, so steht im Programmheft, habe er sich „oft wie ein Automat verhalten, um die eigene Panik zu überwinden“. Was also liegt näher, als gleich einen Automaten dem Publikum zu präsentieren?! Ein emotionsbefreites Alter Ego, das ruhig, sachlich und hochinformativ über den Stand der Technik referiert. Im Laufe des Abends auch die Geschichte des genialen Mathematikers und Informatikers Alan Turings erzählt, dem Pionier der künstlichen Intelligenz, der im Zweiten Weltkrieg maßgeblich an der Entschlüsselung der ENIGMA beteiligt war und die Grundlagen des später nach ihm benannten „Turing-Tests“ legte, mit dem man Menschen von Maschinen unterscheiden soll. Was weniger bekannt ist: Turing war homosexuell, Anfang der 50er Jahre noch eine Straftat in Großbritannien. Er wurde zur chemischen Kastration verurteilt, in Folge der Hormonbehandlung depressiv und nahm sich das Leben.
Melles Vortrag, besser gesagt, der Vortrag des Melle-Humanoiden, ist unglaublich spannend und reich an dokumentarischen Details. So etwa Melles (Leinwand)-Interview mit einem Gehörlosen, der Dank eines Implantates hören kann und von der absoluten Stille schwärmt, wenn er das Gerät abstellt. Hochinteressant auch die Tatsache, dass menschenähnliche Roboter schnell gruselig wirken, sobald es kleine Abweichungen vom menschlichen Erscheinungsbild gibt. Genau darauf spielt auch der Titel „Uncanny Valley“ an. Es ist tatsächlich noch ein „Unheimliches Tal“, dieses Zwischenreich von Mensch und Maschine, dessen Zukunft (wie man hier sehen konnte) schon längst begonnen hat.

Aber vor allem ist dieser unvergessliche Abend, erst Monolog, dann später Dialog zwischen Leinwand-Melle und Maschinen-Melle, ein Spiel mit der Wirklichkeit und berührt damit die grundsätzliche Thematik des Theates. Wie künstlich darf Theater sein? Oder, anders ausgedrückt, im klassischen Sinne: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“.

Internationales Sommerfestival Kampnagel 2019

Weitere Informationen


Abbildungsnachweis:
Fotos: Gabriela Neeb

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