Neue Kommentare

Stipe Gojun zu „La Vérité” Hirokazu Kore-eda und der Mythos Familie : Ach, wie gern würde ich heute ins Kino gehen. Ob...
Frank-Peter Hansen zu Frank-Peter Hansen: Die Heidegger-Dekomposition: Im Spätherbst letzten Jahres anlässlich einer S...
bbk berlin zu Dortmund geht neue Wege bei der Kunst-Förderung: Die Berliner Künstler*innen freut es sehr, dass ...
Markus Semm zu Frank-Peter Hansen: Die Heidegger-Dekomposition: Sehen Sie: Der Unterschied zw. Heidegger und Cass...
Karin Schneider zu Frank-Peter Hansen: Die Heidegger-Dekomposition: Ein großartiger Artikel! Stefan Diebitz schafft ...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Festivals, Medien & TV

Hamburger Theater Festival: „Heilig Abend“ – ein als Krimi getarntes philosophisches Werk

Drucken
(63 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Freitag, den 17. Mai 2019 um 09:34 Uhr
Hamburger Theater Festival: „Heilig Abend“ – ein als Krimi getarntes philosophisches Werk 4.3 out of 5 based on 63 votes.
Hamburger Theater Festival: „Heilig Abend“ – ein als Krimi getarntes philosophisches Werk

Packendes Kammerspiel mit zwei exzellenten Schauspielern, die nach dem Schlussapplaus strahlten wie nach einem gelungenen Coup: Sophie von Kessel und Michele Cuciuffo brillieren in „Heilig Abend“, Daniel Kehlmanns „Stück für zwei Schauspieler und eine Uhr“ im St. Pauli Theater.
Einhellige Begeisterung für das Gastspiel des Münchner Residenztheaters, das Nikolaus Besch zum Hamburger Theater Festival an die Elbe holte.

Ein karger Raum mit schlampig abgeklebten Fensterscheiben und einem kleinen Waschbecken mit Spiegel. Hinter einer Plastikfolie lugt eine Leiter hervor. Eine Baustelle also. Und hier soll ein Verhör stattfinden? Am späten Heiligabend? Ja, ganz offensichtlich. Die Frage ist nur, ob das Kommissariat gerade umgebaut wird und tatsächlich keine anständigen Räume zur Verfügung hat oder ob der Polizist gar keiner ist - vielmehr ein Kidnapper und Psychopath, der an diesem einsamen, unwirtlichen Ort unschuldige Opfer quält. Wer kettet seine Verdächtige schon am Siphon an?! Schon gar eine so elegante Erscheinung wie Judith, die attraktive Philosophieprofessorin. Da hockt sie wie ein Häufchen Elend, während hoch über der Bühne eine Digitaluhr die Zeit ansagt: 22.30 Uhr. Noch 90 Minuten bis Mitternacht. Noch 90 Minuten bis zum Showdown. Dann soll irgendwo eine Bombe platzen.
Anfangs erscheint dieser Verdacht, dass die junge Intellektuelle etwas mit Terrorismus zu tun haben soll, völlig absurd. Judith ist schließlich Inhaberin eines Lehrstuhls für Philosophie. Eine kultivierte, gebildete, überaus begabte Frau, die sich mit struktureller Gewalt auseinandersetzt. Rein theoretisch, natürlich. Sie hat über den farbigen französischen Psychiater und revolutionären Politiker Frantz-Fanon (1925-1961) geforscht, sich mit einer Arbeit über dessen Hauptwerk „Die Verdammten dieser Erde“ habilitiert, einem Werk, das auch heute noch als Manifest des Antikolonialismus gilt. Intellektuell ist sie dem Polizisten Thomas, der sich über „Frantz mit tz“ mokiert, aber noch nicht mal den Nachnamen korrekt aussprechen kann, haushoch überlegen.

Hamburger Theater Festival: „Heilig Abend“ – ein als Krimi getarntes philosophisches WerkSophie von Kessel spielt die Judith mit der subtilen Noblesse der Oberschicht, die das Selbstbewusstsein ihres Standes mit der Flasche aufgesogen hat. Sie braucht ihre Überlegenheit gar nicht groß zur Schau stellen, es scheint anfangs völlig klar, dass sie hier im falschen Film gelandet ist, bloß, weil auf ihrem Computer das Szenario mit der Bombe um Mitternacht auftaucht, begleitet von dem Satz „Wir bekennen uns zu dieser Aktion“. Alles ein riesiges Missverständnis – oder etwa nicht?
Michele Cuciuffos Polizist Thomas ist der kongeniale Gegenspieler. Ein Bauchmensch, ein Kraftmensch, ein Gewaltmensch, ein Genussmensch. Ein Mann aus dem Volk, bauernschlau, gewieft, routiniert und – wenn es sein muss – gnadenlos brutal. In ihm spiegeln sich alle Facetten bekannter TV-Bullen, seine netten Seiten erinnern an Commissario Brunetti, Colombo, auch Leonetti und Gallien (für alle, die sich noch an Lino Ventura erinnern). Die weniger netten an irgendwelche durchgeknallten US-Cops. Das Katz-und-Maus-Spiel beherrscht er perfekt, die Eröffnung des Verhörs mit Kaffee und Zigaretten. Harmloses Geplauder über die geschiedene Frau und die Tochter, philosophische Fragen zum Sein an sich. Man weiß lange nicht, vorauf das Ganze hinausläuft. Mal scheint Judith die Oberhand zu gewinnen, mal Thomas, der ihre Habilitationsschrift in Fetzen zerreißt, demonstriert, dass er auch ohne Probleme zu Foltern versteht, aber offenbar alles, einfach alles über Judiths Leben weiß.

Eine überraschende Wendung nimmt das von Thomas Birkmeir mit präzisem Timing inszenierte Stück, als Judith erfährt, dass ihr Ex-Mann Peter, mit dem sie den Anschlag geplant haben soll, in der Zelle nebenan verhört wird. Da ist es mit der Souveränität auf einmal vorbei, da wird es persönlich, geht ins Eingemachte, da zeigt Sophie von Kessel, wie beredt Augen sprechen können. Und währenddessen verrinnt die Zeit, steigt die Nervosität von Sekunde zu Sekunde. Punkt Mitternacht zerreißt tatsächlich ein Anschlag den Heiligen Abend - doch ein ganz anderer als erwartet.

Hamburger Theater Festival: „Heilig Abend“ – ein als Krimi getarntes philosophisches WerkMit „Heilig Abend“ ist Daniel Kehlmann ein Stück gelungen, zu dem der Begriff „Krimi“ passt, wie ein schlechtsitzender Anzug. „Heilig Abend“ ist vielmehr ein als Krimi getarntes philosophisches Werk, in dem Fragen nach Wahrheit, Recht und Gerechtigkeit, staatlicher Gewalt und Menschenwürde angesprochen werden. Manche Zitate hören sich, wie Thomas zwischendurch bemerkt, tatsächlich an, als seien sie den 1970er Jahren entsprungen. Manche zeigen die extreme Zerrissenheit der Person Judiths. In jedem Fall aber regen sie zum Denken an - und zur Auseinandersetzung. Oder würden Sie Judiths Aussage, „vielleicht ist es manchmal besser, etwas Falsches zu tun als nichts zu tun“, widerspruchslos hinnehmen?

Heilig Abend

von Daniel Kehlmann
Ein Stück für zwei Schauspieler und eine Uhr. Eine Produktion des Residenztheaters München
Mit: Sophie von Kessel, Michele Cuciuffo,
Regie: Thomas Birkmeir, Bühne: Andreas Lungenschmid, Kostüme: Irmgard Kersting, Licht: Gerrit Jurda, Dramaturgie: Laura Olivi


Abbildungsnachweis:
Header und Fotos im Fließtext: Thomas Aurin

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Festivals, Medien & TV > Hamburger Theater Festival: „Heilig Abend...

Mehr auf KulturPort.De

The Henry Girls: Shout, Sister Shout
 The Henry Girls: Shout, Sister Shout



Sie sind Irish, sie sind Geschwister, sie sind gut!
In dem Dreihundert-Seelen-Nest Malin (Irish: Málainn), in der Grafschaft Donegal, ganz im äußersten Norde [ ... ]



Meine kleine Schwester im Herzen, Regy Clasen. Ein persönlicher Nachruf von Purple Schulz
 Meine kleine Schwester im Herzen, Regy Clasen. Ein persönlicher Nachruf von Purple Schulz



Meine kleine Schwester im Herzen, Regy Clasen, hat am vergangenen Samstag ihre Flügel ausgebreitet und ist davongeflogen wie das Rotkehlchen vor ihrem Fenster,  [ ... ]



Anime: Psycho Pass – Sinners of the System
 Anime: Psycho Pass – Sinners of the System



Ein spannender Cyperpunk-Thriller, angesiedelt im 21ten Jahrhundert und gepaart mit actiongeladener Science-Fiction erzählt von drei verschiedenen Fällen rund  [ ... ]



Die letzten zehn Tage im Leben einer Ikone: „Ach, Virginia“. Ein Roman über Virginia Woolf
 Die letzten zehn Tage im Leben einer Ikone: „Ach, Virginia“. Ein Roman über Virginia Woolf



Virginia Woolf (1882-1941) ist eine Ikone der literarischen Moderne. Wie kaum eine andere Frau ihrer Zeit steht sie für das Ringen um Eigenständigkeit und Raum [ ... ]



BuchDruckKunst 2020 – Das Magazin
 BuchDruckKunst 2020 – Das Magazin



Menschen, Bücher, Sensationen: An diesem Wochenende, vom 27. bis 29. März 2020, sollte die renommierte BuchDruckKunst im Museum der Arbeit stattfinden. Ein Hig [ ... ]



Eoin Moore und Anika Wangard – eine Begegnung
 Eoin Moore und Anika Wangard – eine Begegnung



Eigentlich bin ich nicht besonders scharf auf Krimis. Wenn sie allerdings sehr gut sind, relativiert sich das. Wahrscheinlich befinde ich mich tief im Mainstream [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.