Neue Kommentare

Maggie zu Walter-Kempowski-Literaturpreis 2019: Guten Abend,
Gibt es denn schon irgendeine...

Lothar Segeler zu Filmtonschaffende erstmals als Urheber*innen an Kinoerlösen beteiligt: Großartig - wie lange haben wir darauf gewartet!...
Alf Dobbertin zu Henri Bergson: Die beiden Quellen der Moral und der Religion: Ein großes Lob dem Rezensenten Stefan Diebitz, d...
Maximilian Buchmann zu „Apocalypse Now - Final Cut”. Der Höllentrip des Francis Ford Coppola: Uff! Nur heute im Kino? Hoffentlich bekomme ich n...
Klaus Schöll zu Am 12. Juli 2019 wird die James-Simon-Galerie eröffnet – in Anwesenheit von Bundeskanzlerin Angela Merkel: Ich finde das die Treppe zur James-Simon-Galerie ...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Festivals, Medien & TV

Aspekte Festival für Musik unserer Zeit 2018 – eine Annäherung

Drucken
(105 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Mittwoch, den 04. April 2018 um 08:41 Uhr
Aspekte Festival für Musik unserer Zeit 2018 – eine Annäherung 4.3 out of 5 based on 105 votes.
Aspekte Festival 2018

Seit 42 Jahren findet zum 36. Mal das Aspekte Festival für Musik unserer Zeit statt. Das seit 2006 im Biennale-Rhythmus stattfindende Festival widmet sich in diesem Jahr unter dem Titel „Moving Pictures“ der Welt des Films und der Filmmusik im Besonderen.

Ludwig Nussbichler, Komponist, Musikdramaturg, Pädagoge am Musikum und künstlerischer Leiter der Aspekte Salzburg ist davon überzeugt, dass in der Verbindung zweier unterschiedlicher künstlerischer Genres wie Film und Musik ein großes Potential für beide Seite steckt. „Mir ist es hierbei wichtig, dass sich beide Kunstformen gleichberechtig und auf Augenhöhe begegnen.“ Ihn interessiert also nicht, „wo die Musik ein rein dienendes Element für den Film und dessen Erzählung ist. Das ist natürlich abhängig von den jeweiligen künstlerischen Protagonistinnen und Protagonisten, die da aufeinandertreffen und zusammen arbeiten.“
Der Titel für das diesjährige Programm ist pragmatisch, nüchtern beschreibend: Bewegte Bilder. Für Nussbichler beinhaltet der Titel nicht nur die üblicherweise narrative Richtungs- und Bewegungsbezogenheit eines Films, sondern auch den Effekt, „dass Bilder uns bewegen. Das steckt bereits im englischen Begriff für Gefühle – emotions. Da wird etwas in uns bewegt.“

Der Film, beinahe egal welcher Untergattung er angehört, erreicht in unserer permanenten Bilderflut ein immens großes Publikum und ohne es besonders zu provozieren, erreicht auch damit die Musik ihr Publikum und ebenso Neue Musik – oft eigens für den Film komponiert. Dies ist eine große Chance für die Musik unserer Zeit, für Komponistinnen und Komponisten sich gleichberechtigt an Orten und Stellen Gehör zu verschaffen, die Ihnen sonst verschlossen sind. Außerdem kann neue Musik – wie viele andere Musik sicherlich auch – innere Bilder produzieren, unser Kopfkino speisen, unsere Vorstellung und Phantasie anregen. Hier verweben sich die einzelnen Fäden der Begrifflichkeit aus Bewegung, Gefühlen und künstlerischen Botschaften miteinander.

Die Geschichte zeigt uns ebenso, dass zeitgenössische Musik Ausgangspunkt für Film und Bilder sein kann, angefangen von den Filmen von Hans Richter (1888-1976) und Oskar Fischinger (1900-1967), die sich bereits zu Beginn des Tonfilms in der 1920er-Jahren Gedanken machten wie sich Musik und Film mittels visueller Effekte verbinden ließen. Oder Edgard Varéses (1883-1965) Versuch in der 30er-Jahren eine Simultaneität zwischen Musik und Film zu erarbeiten bis zu Dimitri Terzakis (*1938) mit seiner „Musik für einen imaginären Film“. Selbst der Klavierzyklus „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgski aus dem Jahr 1874, gehört in diesen Bereich. Die einzelnen Sätze beschreiben Gemälde und Zeichnungen seines im Jahr zuvor gestorbenen Freundes Viktor Hartmann, die Mussorgski auf einer Gedächtnisausstellung gesehen hatte. Die Bewegtheit der Musik ändert die Bewegungen der Bilder. Man muss die Bilder von Hartmann gar nicht kennen, um vor seinem inneren Auge von einem Bild zu anderen gleiten zu können. Die Vorstellung der bildproduzierenden Klangwelt ist also eine, die auf Tradition basiert.

Vier Filme bilden den Nukleus des Aspekte Festivals 2018: eine psychodelische Video-Oper namens „An Index of Metals“ (2003) für Sopran, Ensemble, Multiprojektion und Elektronik des jung verstorbenen italienischen Komponisten Fausto Romitelli (1963-2004). Dieses knapp 50-minütige vielseitige futuristische Stück ist eine Zusammenarbeit mit der Poetin Kenka Lèkovich und dem Video-Dreiklang von Paolo Pachini.
Das 1988 vom amerikanischen Minimalmusiker Steve Reich komponierte Werk „Different Trains“ bildet den Ausgangspunkt neuer Stücke diverser Komponistinnen und Komponisten sowie einer Videoinstallation für die Aspekte.
Zugfahren ist nicht gleich Zugfahren – die Differenz zwischen Reise und Transport rhythmisiert sich. Als Jude reiste Reich in den Jahren von 1939 bis 1942 öfters mit dem Zug von New York nach Kalifornien während gleichzeitig Juden in Europa in den Holocaust transportiert wurden.

Zu den Anfängen des Films führt „Orlac’s Hände“. Im Horror-Stummfilm von Robert Wiene aus dem Jahr 1924 geht es um einen Konzertpianist namens Paul Orlac, der bei einem Zugunglück beide Hände verlor und dem die, eines hingerichteten Mörders angenäht werden. Schon bei diesem ersten Satz wird die Phantasie beflügelt.
Der aus Köln stammende und in Wien lebende Komponist Johannes Kalitzke (*1959) erarbeitete eine „Partitur der Ängste“, die mit dem Stuttgarter Kammerorchester uraufgeführt wird. Gespannte Erwartung wie Film (damals) und Musik (heute) sich symbiotisch verhalten und die Geschichte anders erzählen mögen.

Experimentaler wird es wohl bei „frozen gestures“ zugehen. Das Ensemble NAMES entwickelt gemeinsam mit der in Wien lebenden Video- und Digitalkünstlerin Conny Zenk bewegungsfrohe Klang- und in der Regel Gitter- und Netz-artigen Bildräume für audio-visuelle Experimente.

Ludwig Nussbichler Foto Magdalena LepkaNicht nur im Kontext des Aspekte Festivals steht die Musikvermittlung als zentrale Säule in der Arbeit von Ludwig Nussbichler. Auf die Frage, die wir uns auch als Publikum stellen sollten: „Wo ist die Neugierde geblieben, wo die Entdeckungssehnsucht, wo unser Mut und wo unser Pioniergeist?“ antwortet der künstlerische Leiter: „Jedes einzelne Konzertprogramm ist so erdacht, dass es für ein Publikum mit offenem Geist und Ohren ein besonderes Hörerlebnis sein kann. Die programmatische Einbeziehung der agierenden Künstlerinnen und Künstler steht auch deswegen an oberster Stelle.“ Diese Verantwortung verteilende Haltung ist eine überaus nachvollziehbare Antwort auf die im Musik- und Konzertgeschäft häufig vorherrschende hierarchische Struktur. Die konkrete inhaltliche Einbindung der Agierenden bedeutet nämlich, dass auch das Publikum an der Verantwortung teilnehmen darf und muss. Durch die kommunikative Verantwortung kann dem Publikum – das beim diesjährigen Themenschwerpunkt über das Mittel Bewegtbild noch vielseitiger eingebunden wird – auch eine Verantwortung am jeweiligen Werk an sich übertragen werden.

Auffallend ist beim Studium des Programms ein gewisser Eurozentrismus. Die Achse Wien – Paris zieht sich durch, wie ein gemeinsamer Nenner: Ausbildung, Wohnort, Orientierung, Tradition etc. Hier ist sicherlich eine musikalische und biographische Verortung des künstlerischen Leiters Nussbichler zu kartographieren. Das bedeutet im Umkehrschluss allerdings keineswegs, dass außereuropäische Auffassungen missbilligt würden. Vielmehr ist es eine Selbstverständlichkeit, dass auch dafür Platz vorhanden ist.

Ein Festival für Neue Musik – beinahe egal wo es stattfindet – hat es in der Regel schwer. Es hat es schwer neben öffentlicher Förderung auch private zu erhalten, es hat es schwer ein größeres Publikum anzusprechen, eben genau jene zu finden, die vor Neugierde schier platzen und dem nachzuspüren, was zeitgenössische Komponistinnen und Komponisten schaffen. Aber oft – kommt der Appetit beim Essen… Ich jedenfalls bin schon hungrig.

(Weitere KulturPort.De-Beiträge zum Aspekte Festival folgen in den nächsten Wochen.)

Aspekte Festival für Musik unserer Zeit

25. bis 29. April 2018
im republic – Kavernen 1595 – Solitär, A-5020 Salzburg
Kartenbestellungen: ticketcenter Salzburg
Festivalpass für alle Veranstaltungen: € 70,- / erm. 35,-
Kombiticket: Republic-Kavernen: € 30,- / € 15,- (gilt für beide Veranstaltungen des jeweiligen Abends)
Einzelkarten: € 20,- / €10,- *
Aspekte Spielräume 2018: € 10,- / € 5, *
* Der reduzierte Preis gilt für Schüler, Studierende bis 26 Jahre und Präsenz- und Zivildiener, nach Vorlage eines gültigen Nachweises.
Tickets unter www.oeticket.com
Informationen Konzert-Programm
Weitere Informationen zum Festival


Erstveröffentlichung im Blog von aspekte-salzburg.com


Abbildungsnachweis:
Header: Aspekte Visual. Grafik: Yiannos Christoforou
Foto Ludwig Nussbichler: Magdalena Lepka

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Festivals, Medien & TV > Aspekte Festival für Musik unserer Zeit 2018...

Mehr auf KulturPort.De

Der öffentliche Raum und seine Nutzungen – Plätze in San Fernando del Valle de Catamarca, Argentinien
 Der öffentliche Raum und seine Nutzungen – Plätze in San Fernando del Valle de Catamarca, Argentinien



Wie sieht es in anderen Ländern mit dem öffentlichen Raum aus? Bei uns gibt es ihn kaum noch, denn jeder freie Quadratmeter wird dem Auto gewidmet. Können wir [ ... ]



Theater-Horror vom Feinsten – „Mummy Brown/Mumienbraun“ der norwegischen Gruppe Susie Wang schockte beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel
 Theater-Horror vom Feinsten – „Mummy Brown/Mumienbraun“ der norwegischen Gruppe Susie Wang schockte beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel



Das Programmheft hat nicht zu viel versprochen: Eine derart blutige, ins Groteske überzogene Horror Picture Show hat man in Hamburg noch nicht geboten bekommen. [ ... ]



Rainer Mausfeld: „Angst und Macht. Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien“
 Rainer Mausfeld: „Angst und Macht. Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien“



Die Zitterpartie der Macht
Welch ein Glück im Unglück. Wie üblich nach einem Zwischenfall auf Leben und Tod so auch diesmal, wie erwartet: Kaum war das Kind  [ ... ]



„I Am Mother” Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo
 „I Am Mother” Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo



Grant Sputores post-apokalyptischer Science-Fiction Thriller „I Am Mother” beginnt als intimes Kammerspiel in einem, hermetisch von der Welt abgeschlossenen  [ ... ]



Letizia Battaglia: Retrospektive in Venedig
 Letizia Battaglia: Retrospektive in Venedig



Sie gilt als bekannteste „Mafia-Fotografin“ und als „eine der wichtigsten Fotografinnen unserer Zeit“, aber auch als politisch, ökologisch, sozial und f [ ... ]



DDR-Schlager, Weltraum-Fuzzys und Russische Rapper
 DDR-Schlager, Weltraum-Fuzzys und Russische Rapper



Das erste Wochenende nach der Eröffnung des Sommerfestivals auf Kampnagel
„Der Weltraum. Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200...“ Manchen mögen  [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.