Neue Kommentare

NN zu Das Chimei – ein Museum für eine einmalige Privatsammlung in Taiwan: Lasst Euch nicht blenden! Es gibt nichts Gutes, a...
Peter Schmidt zu Verleihung der Goldenen Kamera – mit Bruno Ganz und ohne Friede Springer: Und noch einmal zur Goldenen Kamera
Im Fol...

Hans Joachim Schneider zu Tina – das Tina Turner Festival: Was soll aus einem Stück werden, wenn die Dame, ...
Marion Sörensen zu Leipziger Buchmesse – Impressionen: Das ist wieder einmal ein wunderbar geschriebener...
Dagmar Reichardt zu Ennio Morricone: Farewell-Tour 2019: Danke, lieber Herr Cvek! Ja, das war ein wirklich...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Festivals, Medien & TV

Aspekte Festival für Musik unserer Zeit 2018 – eine Annäherung

Drucken
(105 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Mittwoch, den 04. April 2018 um 08:41 Uhr
Aspekte Festival für Musik unserer Zeit 2018 – eine Annäherung 4.3 out of 5 based on 105 votes.
Aspekte Festival 2018

Seit 42 Jahren findet zum 36. Mal das Aspekte Festival für Musik unserer Zeit statt. Das seit 2006 im Biennale-Rhythmus stattfindende Festival widmet sich in diesem Jahr unter dem Titel „Moving Pictures“ der Welt des Films und der Filmmusik im Besonderen.

Ludwig Nussbichler, Komponist, Musikdramaturg, Pädagoge am Musikum und künstlerischer Leiter der Aspekte Salzburg ist davon überzeugt, dass in der Verbindung zweier unterschiedlicher künstlerischer Genres wie Film und Musik ein großes Potential für beide Seite steckt. „Mir ist es hierbei wichtig, dass sich beide Kunstformen gleichberechtig und auf Augenhöhe begegnen.“ Ihn interessiert also nicht, „wo die Musik ein rein dienendes Element für den Film und dessen Erzählung ist. Das ist natürlich abhängig von den jeweiligen künstlerischen Protagonistinnen und Protagonisten, die da aufeinandertreffen und zusammen arbeiten.“
Der Titel für das diesjährige Programm ist pragmatisch, nüchtern beschreibend: Bewegte Bilder. Für Nussbichler beinhaltet der Titel nicht nur die üblicherweise narrative Richtungs- und Bewegungsbezogenheit eines Films, sondern auch den Effekt, „dass Bilder uns bewegen. Das steckt bereits im englischen Begriff für Gefühle – emotions. Da wird etwas in uns bewegt.“

Der Film, beinahe egal welcher Untergattung er angehört, erreicht in unserer permanenten Bilderflut ein immens großes Publikum und ohne es besonders zu provozieren, erreicht auch damit die Musik ihr Publikum und ebenso Neue Musik – oft eigens für den Film komponiert. Dies ist eine große Chance für die Musik unserer Zeit, für Komponistinnen und Komponisten sich gleichberechtigt an Orten und Stellen Gehör zu verschaffen, die Ihnen sonst verschlossen sind. Außerdem kann neue Musik – wie viele andere Musik sicherlich auch – innere Bilder produzieren, unser Kopfkino speisen, unsere Vorstellung und Phantasie anregen. Hier verweben sich die einzelnen Fäden der Begrifflichkeit aus Bewegung, Gefühlen und künstlerischen Botschaften miteinander.

Die Geschichte zeigt uns ebenso, dass zeitgenössische Musik Ausgangspunkt für Film und Bilder sein kann, angefangen von den Filmen von Hans Richter (1888-1976) und Oskar Fischinger (1900-1967), die sich bereits zu Beginn des Tonfilms in der 1920er-Jahren Gedanken machten wie sich Musik und Film mittels visueller Effekte verbinden ließen. Oder Edgard Varéses (1883-1965) Versuch in der 30er-Jahren eine Simultaneität zwischen Musik und Film zu erarbeiten bis zu Dimitri Terzakis (*1938) mit seiner „Musik für einen imaginären Film“. Selbst der Klavierzyklus „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgski aus dem Jahr 1874, gehört in diesen Bereich. Die einzelnen Sätze beschreiben Gemälde und Zeichnungen seines im Jahr zuvor gestorbenen Freundes Viktor Hartmann, die Mussorgski auf einer Gedächtnisausstellung gesehen hatte. Die Bewegtheit der Musik ändert die Bewegungen der Bilder. Man muss die Bilder von Hartmann gar nicht kennen, um vor seinem inneren Auge von einem Bild zu anderen gleiten zu können. Die Vorstellung der bildproduzierenden Klangwelt ist also eine, die auf Tradition basiert.

Vier Filme bilden den Nukleus des Aspekte Festivals 2018: eine psychodelische Video-Oper namens „An Index of Metals“ (2003) für Sopran, Ensemble, Multiprojektion und Elektronik des jung verstorbenen italienischen Komponisten Fausto Romitelli (1963-2004). Dieses knapp 50-minütige vielseitige futuristische Stück ist eine Zusammenarbeit mit der Poetin Kenka Lèkovich und dem Video-Dreiklang von Paolo Pachini.
Das 1988 vom amerikanischen Minimalmusiker Steve Reich komponierte Werk „Different Trains“ bildet den Ausgangspunkt neuer Stücke diverser Komponistinnen und Komponisten sowie einer Videoinstallation für die Aspekte.
Zugfahren ist nicht gleich Zugfahren – die Differenz zwischen Reise und Transport rhythmisiert sich. Als Jude reiste Reich in den Jahren von 1939 bis 1942 öfters mit dem Zug von New York nach Kalifornien während gleichzeitig Juden in Europa in den Holocaust transportiert wurden.

Zu den Anfängen des Films führt „Orlac’s Hände“. Im Horror-Stummfilm von Robert Wiene aus dem Jahr 1924 geht es um einen Konzertpianist namens Paul Orlac, der bei einem Zugunglück beide Hände verlor und dem die, eines hingerichteten Mörders angenäht werden. Schon bei diesem ersten Satz wird die Phantasie beflügelt.
Der aus Köln stammende und in Wien lebende Komponist Johannes Kalitzke (*1959) erarbeitete eine „Partitur der Ängste“, die mit dem Stuttgarter Kammerorchester uraufgeführt wird. Gespannte Erwartung wie Film (damals) und Musik (heute) sich symbiotisch verhalten und die Geschichte anders erzählen mögen.

Experimentaler wird es wohl bei „frozen gestures“ zugehen. Das Ensemble NAMES entwickelt gemeinsam mit der in Wien lebenden Video- und Digitalkünstlerin Conny Zenk bewegungsfrohe Klang- und in der Regel Gitter- und Netz-artigen Bildräume für audio-visuelle Experimente.

Ludwig Nussbichler Foto Magdalena LepkaNicht nur im Kontext des Aspekte Festivals steht die Musikvermittlung als zentrale Säule in der Arbeit von Ludwig Nussbichler. Auf die Frage, die wir uns auch als Publikum stellen sollten: „Wo ist die Neugierde geblieben, wo die Entdeckungssehnsucht, wo unser Mut und wo unser Pioniergeist?“ antwortet der künstlerische Leiter: „Jedes einzelne Konzertprogramm ist so erdacht, dass es für ein Publikum mit offenem Geist und Ohren ein besonderes Hörerlebnis sein kann. Die programmatische Einbeziehung der agierenden Künstlerinnen und Künstler steht auch deswegen an oberster Stelle.“ Diese Verantwortung verteilende Haltung ist eine überaus nachvollziehbare Antwort auf die im Musik- und Konzertgeschäft häufig vorherrschende hierarchische Struktur. Die konkrete inhaltliche Einbindung der Agierenden bedeutet nämlich, dass auch das Publikum an der Verantwortung teilnehmen darf und muss. Durch die kommunikative Verantwortung kann dem Publikum – das beim diesjährigen Themenschwerpunkt über das Mittel Bewegtbild noch vielseitiger eingebunden wird – auch eine Verantwortung am jeweiligen Werk an sich übertragen werden.

Auffallend ist beim Studium des Programms ein gewisser Eurozentrismus. Die Achse Wien – Paris zieht sich durch, wie ein gemeinsamer Nenner: Ausbildung, Wohnort, Orientierung, Tradition etc. Hier ist sicherlich eine musikalische und biographische Verortung des künstlerischen Leiters Nussbichler zu kartographieren. Das bedeutet im Umkehrschluss allerdings keineswegs, dass außereuropäische Auffassungen missbilligt würden. Vielmehr ist es eine Selbstverständlichkeit, dass auch dafür Platz vorhanden ist.

Ein Festival für Neue Musik – beinahe egal wo es stattfindet – hat es in der Regel schwer. Es hat es schwer neben öffentlicher Förderung auch private zu erhalten, es hat es schwer ein größeres Publikum anzusprechen, eben genau jene zu finden, die vor Neugierde schier platzen und dem nachzuspüren, was zeitgenössische Komponistinnen und Komponisten schaffen. Aber oft – kommt der Appetit beim Essen… Ich jedenfalls bin schon hungrig.

(Weitere KulturPort.De-Beiträge zum Aspekte Festival folgen in den nächsten Wochen.)

Aspekte Festival für Musik unserer Zeit

25. bis 29. April 2018
im republic – Kavernen 1595 – Solitär, A-5020 Salzburg
Kartenbestellungen: ticketcenter Salzburg
Festivalpass für alle Veranstaltungen: € 70,- / erm. 35,-
Kombiticket: Republic-Kavernen: € 30,- / € 15,- (gilt für beide Veranstaltungen des jeweiligen Abends)
Einzelkarten: € 20,- / €10,- *
Aspekte Spielräume 2018: € 10,- / € 5, *
* Der reduzierte Preis gilt für Schüler, Studierende bis 26 Jahre und Präsenz- und Zivildiener, nach Vorlage eines gültigen Nachweises.
Tickets unter www.oeticket.com
Informationen Konzert-Programm
Weitere Informationen zum Festival


Erstveröffentlichung im Blog von aspekte-salzburg.com


Abbildungsnachweis:
Header: Aspekte Visual. Grafik: Yiannos Christoforou
Foto Ludwig Nussbichler: Magdalena Lepka

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Festivals, Medien & TV > Aspekte Festival für Musik unserer Zeit 2018...

Mehr auf KulturPort.De

Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance
 Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance



Wer sakrale Kunst schätzt, sollte eine bemerkenswerte Ausstellung in Berlin nicht versäumen. In Kooperation mit der National Gallery, London, präsentieren die [ ... ]



„Ein letzter Job”. Oder der diskrete Charme des Michael Caine.
 „Ein letzter Job”. Oder der diskrete Charme des Michael Caine.



Das Alter ist ein besonders tückischer gefräßiger Moloch, die Zeit drängt, doch Schauspieler wie der 86jährige Michael Caine in „Ein letzter Job” trotze [ ... ]



Joseph Haydn: Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze
 Joseph Haydn: Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze



„Die Aufgabe, sieben Adagios, wovon jedes gegen zehn Minuten dauern sollte, aufeinander folgen zu lassen, ohne den Zuhörer zu ermüden, war keine von den leic [ ... ]



Wolfgang Marx: Am grauen Meer
 Wolfgang Marx: Am grauen Meer



„Warum“, möchte „Der Freitag“ von einer erfolgreichen Drehbuchautorin wissen, warum „kommt bei Angst so viel Rosamunde Pilcher heraus?“ Mit Angst sp [ ... ]



Jean Molitor: BauhausGlobal – die Moderne in der Welt
 Jean Molitor: BauhausGlobal – die Moderne in der Welt



2019 werden in Hamburg zwei Jubiläen begangen, die eng mit der Architektur verknüpft sind, national und darüber hinaus: die Gründung des Bauhauses vor 100 Ja [ ... ]



Tomasz Różycki: „Der Kerl, der sich die Welt gekauft hat“ – Chaos mit Sprache gezähmt
 Tomasz Różycki: „Der Kerl, der sich die Welt gekauft hat“ – Chaos mit Sprache gezähmt



„Leben ist Chaos und die Sprache ein Mittel, dieses Chaos zu zähmen und zu ordnen. Dabei schafft jede Sprache eigene Ordnungen und Weltmodelle“, schreibt de [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.