Neue Kommentare

Lydia zu 19. Lange Nacht der Museen in Hamburg. Meine Reise durch die Nacht: Durch die persönliche Darstellung ist der Artike...
Hans Maschek zu 19. Lange Nacht der Museen in Hamburg. Meine Reise durch die Nacht: Wunderbar atmosphärische Beschreibung. Ich habe ...
Matthijs van de Beek zu „Stan & Ollie”. Oder die schmerzliche Seite der Komik : Das klingt wunderbar und wird ganz sicher angesch...
Dr. Frank-Peter Hansen zu Die Wittgenstein-Dekomposition: Frank-Peter Hansens Antwort auf Martin A. Hainz...
NN zu Das Chimei – ein Museum für eine einmalige Privatsammlung in Taiwan: Lasst Euch nicht blenden! Es gibt nichts Gutes, a...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Festivals, Medien & TV

Chilly Gonzales in Lübeck – atemberaubend mitreißend

Drucken
(106 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Freitag, den 11. August 2017 um 09:41 Uhr
Chilly Gonzales in Lübeck – atemberaubend mitreißend 4.0 out of 5 based on 106 votes.
Chilly Gonzales Foto Alexandre Isard

Der Schlafrock war schwarz und nicht rot, wie am Vorabend in der Elbphilharmonie. Entsprechend seriös, ganz leise und melodisch der Einstieg.
Chilly Gonzales ließ es bei seinem Schleswig-Holstein Musik Festival-Konzert (SHMF) in der Lübecker Musik- und Kongresshalle ungewöhnlich ruhig angehen. Entsprechend verhalten reagierten anfangs die Zuhörer. Doch zum Schluss riss der kanadische Entertainer auch sie von den Sitzen! Standing-Ovations für einen Ausnahmekünstler und ein Ausnahmekonzert.

Ein Steinwayflügel in der Mitte, schräg gegenüber vier Stühle, in der Ecke steht ein Schlagzeug. Chilly Gonzales kommt allein auf die Bühne, setzt sich ohne Umschweife ans Klavier und fängt wie beiläufig an zu spielen. Eine einfache kleine Komposition, doch in einer Intensität, die an Magie grenzt. Schon klar, dass er auf dieser Bühne nicht lange allein bleiben wird. Zwei, drei Stücke später gesellt sich das hervorragende Hamburger Kaiserquartett dazu, mit dem er seit Jahren eng zusammenarbeitet. Noch später landet Percussionist Joe Flory einen Überraschungscoup: Fast unmerklich geht er über die Bühne, haut einmal ohrenbetäubend laut auf die Drums – und verschwindet wieder.

„Wer von Ihnen mag Glen Miller? Ich wette, hier im Saal gibt es sogar die eine oder andere Dame, die mit ihm geschlafen hat”, witzelt Chilly Gonzales mit Blick über die vielen grauen und weißen Häupter im Saal. „Glen Miller war doch als Soldat in Deutschland, wussten Sie das? Ob die Damen und Herren im Publikum es nun wissen oder nicht – sie hatten von diesem Konzert bestimmt etwas Anderes erwartet. Im dicken Programmheft, das sich als reiner Werbeprospekt erweist, stehen nämlich auf Seite 5, unter ‚Programm’ die drei Worte: „Chambers – Keine Pause”.
Kammermusik also… Doch das führt auf die falsche Fährte.

Gemeinsam mit dem Kaiserquartett, das zwischendurch auch zwei eigene Stücke spielt, während es sich der Star-Pianist demonstrativ mit einem Kissen auf dem Boden bequem macht, bietet Chilly Gonzales auf seiner aktuellen Tour vielmehr als Kammermusik: Gut zwei Lehrstunden über Geschichte und Entwicklung eklektischer Musik. Ein paar Takte Chopin, ein paar pulsierende Rhythmen aus “Sacre du Printemps” von Strawinsky, ein paar Takte Beatles und Skorpions – Chilly Gonzales lässt alle Elemente von den Streichern vorspielen – um dann in einer unglaublich dynamischen, mitreißenden Komposition alles zu einem unverkennbaren Gonzales zu verbinden. Dabei plaudert er immer wieder charmant mit dem Publikum, erzählt, mal deutsch, meistens englisch, wie sehr er sich mit Musikern unterschiedlicher Epochen verbunden fühlt: dem Barock, der Romantik, dem Pop.

Ein wenig Kammermusik gibt es allerdings auch: „Cello Gonzales” (für den Titel entschuldigt er sich grinsend), seine erste Komposition für Cello und Klavier fällt in diese Kategorie. Es ist ein Mix zwischen Romantik, Easy Listening und Avantgarde, gewidmet Martin Bentz, dem Gründer und Cellisten des Kaiser Quartetts.
Keine Frage: Chilly Gonzales ist ein Ausnahmetalent – als Sänger, Pianist, Komponist, wie auch als Entertainer. Ob elektronischer Indipop, Jazz oder Klassik – er beherrscht alles und schafft es mit verblüffender Leichtigkeit, alle Stile zu vermengen. Er sei Musiker geworden, weil er seine Eltern so hasst, verrät der Kanadier dem Publikum. Und er wünsche sich nichts mehr, als dass auch er geadelt wird, indem ein anderer seine Melodien klaut. Ein Rapper, natürlich! „Sample This” habe er ein Stück extra betitelt. Leider wäre noch niemand dieser Aufforderung nachgekommen.
Rap ist die Musik unserer Zeit. Und Chilly Gonzales ist ein Musiker am Puls unserer Zeit. Also rappt er! Und schafft es, die graumelierten Damen und Herren mitzunehmen in eine für viele sicher völlig fremde musikalische Welt. Gonzales doziert, erzählt von Bach, Mozart und den Beatles, stellt ein Metronom auf den Flügel und fängt an, selbst mit atemberaubender Lässigkeit und Geschwindigkeit los zu rappen. Einfach grandios.

Zum Schluss singt das Lübecker Publikum. Und das will schon etwas heißen!

Schleswig-Holstein Musik Festival
Weitere Informationen


Abbildungsnachweis:
Header: Chilly Gonzales. Foto: Alexandre Isard

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Festivals, Medien & TV > Chilly Gonzales in Lübeck – atemberaubend ...

Mehr auf KulturPort.De

„Tolkien”. Schlachtfelder zwischen Realität und Phantasie
 „Tolkien”. Schlachtfelder zwischen Realität und Phantasie



Frankreich, Juli 1916. Durch Nebelschwaden von Giftgas taumelt ein junger englischer Offizier auf der verzweifelten Suche nach seinem vermissten Freund. Im Fiebe [ ... ]



Inge Brandenburg: I love Jazz
 Inge Brandenburg: I love Jazz



Der deutsche Jazzpapst Joachim-Ernst Berendt schrieb über Inge Brandenburg: „Endlich hat der deutsche Jazz seine Stimme!“. „Time Magazin“ verglich sie m [ ... ]



Privattheatertage: Kleiner Mann, was nun – Figurentheater mit Live-Musik
 Privattheatertage: Kleiner Mann, was nun – Figurentheater mit Live-Musik



Ach, wie schön ist es doch, Weltliteratur einmal auf diese poetische Art und Weise erzählt zu bekommen! Begeisterter Beifall für das hinreißende Gastspiel de [ ... ]



Frau Architekt
 Frau Architekt



Architektur ist immer noch eine Männerdomäne, selbst heute, im 21. Jahrhundert.
Wie sich Frauen diesen Beruf erkämpft haben, was sie an hervorragenden Bauwe [ ... ]



Daniel Fuhrhop: Verbietet das Bauen! Eine Streitschrift.
 Daniel Fuhrhop: Verbietet das Bauen! Eine Streitschrift.



In diesen Tagen ist die Wohnungsnot eines der wichtigsten Themen der Politik. Sonst kann man sich ja auf überhaupt nichts einigen, aber hier kennt man über all [ ... ]



Giving Art a Face von Michael Knepper in der Galerie Kunstraum Hamburg
 Giving Art a Face von Michael Knepper in der Galerie Kunstraum Hamburg



Wie schreibt man eine Kunstkritik, wenn man mit dem Künstler seit Kindertagen befreundet ist? Vielleicht lieber gar nicht!? Gerade auch, weil sich die Kunst ein [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.