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Nordische Filmtage Lübeck 2016: die Sieger, das Publikum, die Gespräche

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Dienstag, den 08. November 2016 um 10:58 Uhr
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Nordische Filmtage Lübeck 2016

NDR Filmpreis für isländisches Spielfilmdebüt „Herzstein“ und Publikumsliebling ist der dänische Film „Der Tag wird kommen“.

Insgesamt 186 Filme in 250 Vorführungen präsentierten die 58. Nordischen Filmtage Lübeck (NFL) den rund 30.000 Besuchern vom 2. bis 6. November 2016. „Wir haben die ganze Kinogeschichte abgedeckt“, resümiert Linde Fröhlich, Künstlerische Leiterin der NFL. Vom Stummfilm mit Musikbegleitung bis hin zum 360 Grad-Kino und Virtual Reality reichte die filmische Bandbreite. „Es sind Themen der Zeit, die von den Filmemachern reflektiert werden“, ergänzt NFL-Manager Christian Modersbach. Die meisten der 17 Spielfilme im Wettbewerbsprogramm vereint ein großes Thema unserer Zeit: die Sehnsucht nach Heimat, verbunden mit der Suche nach Identität, Geborgenheit und Liebe.

Dies gilt auch für das Spielfilmdebüt „Herzstein“ (Hjartasteinn) des isländischen Regisseurs Guðmundur Arnar Guðmundsson, dessen Coming-Out-Film den mit 12.500 Euro dotierten NDR-Filmpreis gewann. Erzählt wird eine dramatische Pubertätsgeschichte und zugleich eine starke und harte Liebesgeschichte mit eindrucksvollen jugendlichen Darstellern in berührenden Szenen. Auslöser für das Machen dieses Films bot ein Traum: ein Freund von Regisseur Arnar verließ den gemeinsamen Lebensraum. Dieser Albtraum war für Arnar Anlass genug, sich filmisch mit dem Thema Homosexualität auseinanderzusetzen. Die Haltung in Island habe sich hierzu in den letzten zehn Jahren verändert, sie sei weitaus offener geworden, erzählte der Regisseur dem Publikum der Lübecker Filmpremiere.

Aus Dänemark kommt Publikumspreisgewinner „Der Tag wird kommen“ (Der kommer en dag). Über den mit 5.000 Euro ausgestatteten Publikumspreis des Medienpartners Lübecker Nachrichten entschied die größte Jury des Festivals mit weit über 4.000 abgegebenen Stimmzetteln. Dieser Film über zwei Brüder, die in einem Jungenheim der 60er Jahre unter einem despotischen Heimleiter Angst und Gewalt erleben müssen, sei „ein garstiges Märchen“, hat Regisseur Jesper W. Nielsen selbst einmal über seinen Film gesagt. Mit dem Baltischen Filmpreis wurde „Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki“ von Regisseur Juho Kuosmanen aus Finnland geehrt. Dieser Film über das Boxen, das Leben und die Liebe basiert auf einer wahren Geschichte und vertritt Finnland im Oscar-Rennen. In Cannes wurde er bereits mit dem Hauptpreis der Reihe „Un Certain Regard“ ausgezeichnet. Ein Film, der in Schwarzweißbildern und lakonischem Humor die Geschichte einer jungen Liebe erzählt.

Das Thema Liebe, die Suche nach Identität, Heimat und Geborgenheit stand auch im Mittelpunkt des diesjährigen NFL-Eröffnungsfilms „Rosemari“ (Framing Mom). Die norwegische Regisseurin Sara Johnsen schrieb auch das Drehbuch. Für diesen Film erhielt sie den mit 2.500 Euro ausgestatteten Interfilm-Preis der kirchlichen Jury. Erzählt wird die Geschichte vom Findelkind Rosemarie auf der Suche nach den leiblichen Eltern. Der Film behandelt zudem das grundsätzliche Problem, Klarheit in das eigene Leben zu bringen. „Egal welches Problem jemand hat, man muss darüber reden“, so das Credo von Sara Johnsen. „Wir können die Vergangenheit nicht ändern, aber mit dem Wissen um die Vergangenheit können wir die Zukunft ändern.“

In „Der fremde Himmel“ muss sich eine polnische, nach Schweden emigrierte Familie mit dem Jugendamt auseinandersetzen und um ihre Tochter kämpfen. Thematischer Auslöser für Regisseur Darjusz Gajewski bildete ein Ereignis aus seinem einstigen Umfeld. „Vor allem die schwedischen Darsteller waren an der Realisierung dieses Films sehr interessiert“, erzählte Regisseur Gajewski dem Kinopublikum in Lübeck. Im Laufe der Dreharbeiten habe sich herausgestellt, dass den Schauspielern derartige Fälle ebenfalls bekannt waren.

Eine dänische, jüdische Familie auf der Flucht vor den Nazis steht im Zentrum des dänischen Films „Die Vögel über dem Sund“ von Regisseur Nicolo Donato. Die Rolle der Dänen in der Besatzungszeit aufzuarbeiten, dies war Regisseur Donato wichtig. Wer ist Helfer? Wer ist Verräter? Zu sehen ist ein eindringliches Drama, das auf historischen Ereignissen beruht.

In „Kleinstadt“ geht es unmittelbar um Familiengeschichte. Ein Vater hinterlässt seinen Kindern Videobotschaften. In die fiktiven Filmparts spielte er real gedrehte Familien-Videos ein. „Vor zehn Jahren hatte ich die Idee, hieraus einen Dokumentarfilm zu machen. Jetzt ist es ein Fiction-Film geworden“, gestand der schwedische Regisseur Johan Löfstedt dem Publikum im Cinestar im Beisein seiner fast vollzähligen Familien-Crew. Denn: Das Besondere an diesem Film ist, ob Filmemacher oder Darsteller, sie alle sind miteinander verwandt. „Es hat während der Entstehung des Films viele Familiengespräche gegeben. Das hat uns noch näher zusammengebracht“, so Johan Löfstedt.

Auseinandergerissen hat es hingegen die fiktive Familie am Ende des estnischen Films „Mutter“ von Regisseur Kadri Kousaar. In dieser Krimi-Komödie führt ein unaufgeklärtes Verbrechen dazu, dass das halbe Dorf sich verdächtig macht und ungeahnte Seiten zeigt. Der Zuschauer sollte „nicht nach dem urteilen, was sichtbar ist“, fordert die estnische Schriftstellerin, Filmregisseurin und Journalistin Kadri Kousaar. „Nichts ist offensichtlich richtig.“ Offen zu sein für all die Möglichkeiten, wie ein Mensch sein kann – mit dieser Option spielt der Film.

Was für normal gehalten wird, dies zu hinterfragen, damit beschäftigt sich auch der schwedische Film „Eine schöne Bescherung“ von Helena Bergström. Er tut dies auf sehr komische und zugleich ernsthafte Weise. Diese familiäre Weihnachtskomödie hat bereits einen deutschen Verleih gefunden. Start ist am 22. Dezember 2016 in 50 Kinos. Anfang Januar 2017 kommt „Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki“ in unsere Kinos. Einen deutschen Verleih gefunden – und das dank der NFL – hat zudem der isländische Film „Der Eid“.

„Gute Filme, nette Leute, gute Gespräche“, das steht für in- und ausländische Gäste sowie für das Festival-Team alle Jahre wieder im Zentrum der NFL. „Es waren starke Filme, die in ihrer Art des Geschichtenerzählens gleich stark waren“, bescheinigt Linde Fröhlich allen 17 im diesjährigen Festival gezeigten Spielfilmen. Doch nicht jeder Film kann einen Preis gewinnen. Wie so oft, gilt auch hier: nur einer kann gewinnen. Ein Mehrfachsieg ist möglich und schon dagewesen. Allerdings nicht in diesem Jahr. „Es hängt stark von der Zusammensetzung der Jury ab, was dabei herauskommt“, hat Linde Fröhlich erfahren. Sie selbst habe sich allzu oft vertan bei der Benennung ihrer Favoriten, gesteht sie. „Man trifft nie ins Schwarze“, bestätigt Christian Modersbach diese Erfahrung und bekräftigt das zuvor Gesagte: „Die einzelnen Jurys haben unterschiedliche Schwerpunkte. Und das ist gut so.“
Die beiden Festivalmacher gehen während der NFL nie ins Kino. „Ich lade ja auch nicht Freunde zu meinem Geburtstag ein und verschwinde dann in meinem Hobbyraum“, schmunzelt Festival-Manager Christian Modersbach. Die 59. Nordischen Filmtage Lübeck vom 1. bis 5. November 2017 haben sie schon jetzt im Blick. In wenigen Tagen, am 21. November 2016 wird Linde Fröhlich nach Tallin reisen, um die ersten Filme für das kommende Festival in Lübeck zu sichten.

Gut erzählte Geschichten sind es, die seit eh und je das Herzstück des Festivals bilden. Ein zentrales Thema der NFL wird sich also wie gewohnt und gehabt auch im kommenden Jahr wie von selbst ergeben. Sicher ist, Themen der Zeit werden auch 2017 im Zentrum stehen. Eine Themenvorgabe, das liegt den Machern grundsätzlich fern. Ihnen geht es um anderes: „Unsere Ausrichtung hat viel mit Emotion zu tun. Wir wissen, wie sich das anfühlen soll“, so Christian Modersbach. NFL-Fans wissen das auch und freuen sich daher schon jetzt auf das 59. Filmfestival vom 1. bis 5. November 2017 in Lübeck.

Weitere Informationen

Die NFL-Preis 2016 im Überblick:
- NDR Filmpreis (12.500 Euro): „Herzstein“ (Island), Regie: Guðmundur Arnar Guðmundsson
- Publikumspreis der Lübecker Nachrichten (5.000 Euro): „Der Tag wird kommen“ (Dänemark), Regie: Jesper W. Nielsen
- Baltischer Filmpreis (undotiert): „Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki“ (Finnland), Regie: Juho Kuosmanen
- Kirchlicher Filmpreis Interfilm (2.500 Euro): „Rosemari“ (Norwegen), Regie: Sara Johnsen
- Dokumentarfilmpreis der Lübecker Gewerkschaften (2.500 Euro): „Die Überfahrt“ (Norwegen), Regie: George Kurian
- CineStar-Preis (3.000 Euro): „Pauls Boot“ (Deutschland), Regie: Cyprien Clément-Delmas
- Kinder- und Jugendfilmpreis der Gemeinnützigen Sparkassenstiftung zu Lübeck (5.000 Euro): „Ich bin wir“ (Lettland), Regie: Renars Vimba
- Preis der Kinderjury (5.000 Euro), gestiftet vom Radsson Blue-Hotel: „Gilberts grausame Rache“ (Norwegen), Regie Hanne Larsen


Abbildungsnachweis:
Alle Fotos © NFL
Header: Eröffnung mit Moderator Steen Lorenzen
Galerie:
01. NDR-Gewinnerfilm: "Herzstein". © Roxana Reiss / Fræ Films / Join Moti
02. Zur fünfköpfigen NDR-Jury gehören die Schauspielerinnen Inger Nilsson und Helene Grass, der Regisseur und Drehbuchautor Marc Brummund („Freistatt“), Produzent Jörg Bundschuh, der im vergangenen Jahr den Wettbewerbsfilm „Die Kinder des Fechters“ mit produziert hat und NDR-Redakteurin Philine Rosenberg.
03. Regisseur Ralf Pleger and Opernstar Joyce Di Donato
04. Donna Leon im Radisson Blue Hotel
05. Siegerlachen: Guðmundur Arnar Guðmundsson
06. "Mit Sven Hedin durch die Wüste"
07. Mikko Rissanen and Kari Tenhunensuanen in einer Telefonzelle

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