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Swarovski und die Avantgarde

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Dienstag, den 15. Dezember 2015 um 11:00 Uhr
Swarovski und die Avantgarde 4.4 out of 5 based on 60 votes.
Swarovski und die Avantgarde

Unter Tirols am häufigsten besuchten Touristenattraktionen kommen gleich nach Schloss Schönbrunn die „Swarovski Kristallwelten“. Ist es gelungen, dort auch zeitgenössische Musik und Bildende Kunst zum Funkeln zu bringen?

„Mechanical Theatre“ – da war doch mal was an der Hamburger Moorweide? „Luna Luna“ hatte Andre Heller jenen avantgardistischen Vergnügungspark genannt, den sich der Mondfetischist 1987 unweit vom Dammtor-Bahnhof leistete. Mit viel Künstlerprominenz von Beuys bis Baselitz und Rebecca Horn bis zu eben jener Installation des seit 1995 mit „Bimbo Town“ auch in Leipzig prominent vertretenen Jim Whiting, dessen Begeisterung für mechanische Konstruktionen dazu führt, dass sich in seinem mechanischen Theater Hemden oder Hosenbeine wie von Zauberhand bewegen. Seit 2007 ist Whitings mechanisches Theater in Wattens bei Tirol zu sehen, in einer jener Wunderkammern, für die wiederum Andre Heller einen grasgrünen Riesen in die Landschaft gelagert hat. Der speit Wasser und führt mit seinem für Heller typischen Fantastik-Kitsch ästhetisch in die Irre: kein Einhorn weit und breit. Im Inneren des Riesen, in den „Kristallwelten“ der ortsansässigen, einschlägig bekannten Firma Swarovski, sind spannende Werke zeitgenössischer Künstler und Designer zu sehen, Welten entfernt vom Kunsthandwerk im Shop nebenan.

Fünf von 16 Schatzkammern wurden 2015 neu eröffnet – zeitgleich mit einer spektakulären Kristallwolke über schwarzem Spiegelwasser vor dem Eingangsbereich. Besonders spannend ist der Koreanerin Lee Bul mit „Into Lattice Sun“ ihr Bezug zum Thema Kristall geraten. Buls utopische Stadtlandschaft schafft mit changierendem Licht und raffinierten Spiegelungen ein intensives Raumerlebnis.

Überhaupt scheint Irritation ein naheliegendes Mittel für „kristalline“ Kunst. Im „Kristalldom“ mit seinen 595 Spiegeln geht jegliche Orientierung facettenreich verloren. Die „Eisgasse“ von Oliver Irschitz ist auf den ersten Blick ein „toter“ Gang, den erst Besucher beleben: Unter dem Druck ihrer Schritte entstehen kristalline Formen – ganz individuell und nur für einen Moment. Auch „Eden“, ein kühler Wald aus Messingstäben und Wandspiegeln, den das Künstlerduo Fredrikson Stallard geschaffen hat, verwirrt den Orientierungssinn.

„Papa, muss der Riese kotzen, wenn so viele Menschen in seinem Bauch rumlaufen?“ Für einen fünfjährigen Besucher von Tirols zweitbeliebtester Touristenattraktion mag die Frage naheliegen. Vielleicht beruhigt den Wasserspeier ja im Mai das Kammermusikfestival „Musik im Riesen“, spannend programmiert von Thomas Larcher, der seit der Gründung der „Klangspuren Schwaz“ bei Freunden Neuer Musik als gute Adresse gilt.

Weniger gut dürfte dem sanften Monster Ende November das „fmRiese – Forward Music Festival“ bekommen sein, ein zum vierten Mal von Christof Dienz kuratiertes Treffen vorwärts weisender Musiker an der Schnittstelle von Pop und Neuer Musik. Die Neue Musik wünscht sich Dietz „intuitiv und körperlich wahrnehmbar“. Der Ex-Wiener-Staatsopern-Musiker hat mit Marc Ribot gespielt, Fagott bei „Die Knödel“ und die Zither in der Lorenz Raab: xy Band. Für die vierte Runde unter dem Motto „Pop Here.Pop Now“ brachte er die neben „Wanda“ derzeit angesagteste Austria-Band nach Wattens. „Bilderbuch“-Sänger Maurice Ernst verkündete augenzwinkernd: „Heute funkeln wir wie Kristalle“. Rein in den Luxus und mit ihm zugrunde gehen?

Das ungestüme Quartett deckt weite Bereiche des Dietzschen Festivalideals ab: "ernsthaft, verspielt und ironisch, intellektuell unterfüttert, elektrisierend, sexy, in Richtung Rock, Songwriting, HipHop oder Trance ausstrahlend“. Mit ganz eigener Exzentrik auf den Spuren von Falko und Prince groovend, taugen die Jungs zur Ablösung für Attwenger, überzeugen als neue Vorzeigeband des derzeit insbesondere in Deutschland blühenden Austropop-Hypes. Nach 25 Jahren auf Dauertour hatte das als Punker der Volksmusik bekannt gewordene Attwenger-Duo trotz Drum-Power und heftigem Akkordeon Mühe mit der Energie von einst.

„Wir spielen jetzt erst mal so dahin – und dann kommen unsere Gäste.“ Das „so dahin“ traf leider das Altherrenmäßige ihrer etwas lieblosen Routine. Die Gäste: eine Abordnung der Swarovski Musik Wattens, gegründet vor 115 Jahren als Werksmusik. Die Abwechslung tat gut, weil not.

Wer wird NICHT glücklich mit einem Bilderbuch-Publikum? Nun, es taugte leider gar nicht fürs subtile „Vorprogramm“ mit der Sängerin Mira Lu Kovacs und ihrem Trio Schmieds Puls. Selbst wenn sie die Stahlseiten ihrer Gitarre wütend traktiert, wird im Saal munter weiter gequasselt. Kein Gespür für ihre handverlesenen Akkorde, ihr ungeschützt intimes Auftreten, das gelegentlich an Rickie Lee Jones erinnert, an Joni Mitchel oder Sophie Hunger – allesamt in jungen Jahren.

Musikalisch weitaus am interessantesten war gleich als Festivaleinstieg ein weiterer Jungspund – autodidaktisch-genialisch als Komponist und Katalysator für das Zusammentreffen von nerdiger Synthie-Raffinesse, kreischendem Gitarrensound, freien Jazzbläser-Soli, Pop-naher Verspieltheit und taumelnden Rhythmen. Nicht umsonst wird Dorian Concept (jüngste CD bei Ninja Tunes) von Flying Lotus als Sideman geschätzt. Die Kombination der Elektroakustiker mit dem Jazzwerkstatt Wien New Ensemble entwickelt hypnotischen Sog, der jede Aufmerksamkeit verdient. Believe the hype!

Ein kleiner Rat noch für Konzertbesuche im Gebirge: Tagsüber auf den Berg, aber anschließend nicht mit WANDAschuhen zu BILDERBUCH gehen. Besonders zu empfehlen ist der panoramastarke Zirbenweg oberhalb von Wattens.

Weitere Informationen zu den Kristallwelten Wattens


Abbildungsnachweis: Alle Fotos © Swarovski Kristallwelten
Header: Wunderkammer Into Lattice Sun der südkoreanischen Künstlerin Lee Bul; utopische Spiegelandschaft mit Kristall. Foto: Klaus Vyhnalek
Galerie:
01. Blick vom Garten auf den Spielturm; entworfen vom Architekturbüro Snøhetta; verschiedenste Spiel- und Klettererlebnisse auf mehreren Ebenen. Foto: David Schreyer
02.
Café & Restaurant; lichtdurchfluteten Pavillon; entworfen von norwegischen Architekturbüro Snøhetta; Außenansicht. Foto:: David Schreyer
03. Store; konzipiert von s_o_s architekten; Kuppel: Bisazza. Foto: Joachim Haslinger
04. Kristalldom blau-rosa. Foto: Walter Oczlon
05. Kristallwald Leviathan. Foto: Stefan Oláh
06. Wunderkammer Eden des schwedisch-britischen Designerdusos Fredrikson Stallard; fantastische archaische Urwelt; im Inneren der Wunderkammer Dickicht aus Messingstäbe, darin versteckte Kristallskulpturen von Swarovski als fremdartige, exotische Vögel, Reptilien, Blüten oder Früchte mit einer Größe von bis zu 1,86 Metern. Foto: Klaus Vyhnalek
07. Riese bei Dämmerung. Eingang zu den Konzert- und Festivalräumen.Foto: Anatol Jasiutyn
08. Konzert; Bilderbuch 35. Foto: Gerhard Berger
09. FM Riese Attwenger. Foto: Gerhard Berger
10. FM Riese Gemüseorchester. Foto: Gerhard Berger.

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