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Kulturgipfel zwischen Römersteinbruch und Neusiedler See

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Montag, den 20. Juli 2015 um 10:37 Uhr
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Kulturgipfel zwischen Römersteinbruch und Neusiedler See

„Urlaub mit Sonne drin“, lautet der Slogan von Burgenland-Tourismus. Den Premierengästen der beiden größten Open-Air-Festspiele im östlichsten Bundesland Österreichs blieb nur die Sonne im Herzen: Eine schwere Wetterfront machten „Tosca“ in St. Margarethen und die „Nacht in Venedig“ im benachbarten Mörbisch zu einem in jeder Hinsicht unvergesslichen Erlebnis.

Nirgendwo ist Österreich so flach wie im Burgenland, dem an seiner Einwohnerzahl gemessen kleinsten Bundesland der Alpenrepublik. Im Vergleich mit den Skihochburgen im Westen Österreichs ist die Wirtschaftskraft des ehemaligen „Deutsch-Westungarn“ entsprechend schwach. Doch was dem vom Weinbau geprägten Gebiet rund um den Neusiedler See an Berggipfeln fehlt, macht es mit Gipfeln kultureller Art wieder wett.

Die Opernfestspiele im Römersteinbruch Sankt Margarethen gehören fraglos dazu. Seit ihrer Gründung 1996 sind sie weit über Landesgrenzen bekannt geworden. Doch das imposante Bühnenbild der „Tosca“ in diesem Jahr setzt zweifellos neue Maßstäbe. Schon von der Ferne, aus dem Auto heraus, sieht man den 25 Meter großen „Tosca-Engel“ neben der Steilwand aufragen. Ein Torso auf einem opulenten Federrock, der sich abends zum Baldachin der bildmächtigen Inszenierung von Robert Dornhelm öffnet. Es scheint, als hätte NS-Bildhauer Arno Breker selbst für diesen Koloss Pate gestanden. Muskelbepackt, kraftstrotzend und von antikem Ebenmaß fügt er sich nahtlos in die Reihe des monumentalen Neoklassizismus ein, den größenwahnsinnige Diktatoren (auch heute noch) als „wahre Kunst“ preisen. Man fragt sich, was die junge Bühnenbildnerin Amra Bergman, ehemals Assistentin von Erich Wonder, damit bezwecken wollte. Aufmerksamkeit um jeden Preis? Ein trotziges, allüberragendes Statement gegen den Konkurs der Festspiele im vergangenen Jahr, die dann von einer neuen Gesellschaft gerettet wurden? (Österreichische Kritiker deuteten den ausgestreckten Arm schon als Fingerzeig Richtung Bregenz) Oder doch eine Anspielung auf das Stück, die Übermacht des Polizeistaates, den der römische Geheimdienstchef Scarpia auf so grausame Weise verkörpert?

Wie dem auch sei, der heldenhafte Schönling hat alle Optionen als weltgrößte Open-Air-Figur in das Guinness- Buch der Rekorde zu kommen. Aber auch unter dem ausladenden Flügelkleid wartet Spektakuläres. Der aus Rumänien stammende US-Regisseur Dornhelm installierte hier einen Dreiklang aus riesigen LED-Flächen, deren suggestive Bilder die Zuschauer in ihren Bann ziehen. Dunkle Wolken vor glutrotem Himmel, schattenhafte, in die Tiefe stürzende Figuren, die den Selbstmord von Tosca vorwegnehmen. Dazu Projektionen von den Originalschauplätzen in Rom, von der die Kirche Sant Andrea della Valle, dem Palazzo Farnese und der Engelsburg. Immer wieder überblendet mit den Gesichtern der Sänger, deren Minenspiel im Close-up ihre ganze Dramatik und innere Zerrissenheit entfalten.

Hollywoodreif ist das, ein überbordend-barockes Spektakel mit allen Hightech-Raffinessen, die heutzutage möglich sind. Ganz sicher auch im Stande, in den Kitsch abzurutschen, hätte die Musik Pomp und Pathos noch verstärkt. Doch Michael Güttler, seit August 2013 Chefdirigent der Finnischen Nationaloper Helsinki, steuert außerordentlich klug dagegen. Ohne überschwängliche Emphase, dafür sehr klar, fast sachlich führt er das Prager Staatsopernorchester durch Giacomo Puccinis Polit-Thriller – allerdings nicht Open Air, das würden die Instrumente nicht verkraften, sondern wohlbehütet in einem Nebenbau und durch Monitor zugeschaltet.

Die Sänger hingegen sind immer Wind und Wetter ausgesetzt und nach dem Wolkenbruch am Premierenabend wären Auswirkungen, zumindest technische, nicht verwunderlich gewesen. Doch davon keine Spur. Die Akustik war einwandfrei und die Sänger, allen voran Martina Serafin in der Titelrolle, von einer fantastischer Präsenz. Die Rolle der gefeierten Operndiva Floria Tosca ist eine Sahnepartie für jede Sängerin von internationalem Format und Martina Serafin füllt diese Rolle voll und ganz aus. Wenn Sie in ihrem blutroten, bodenlangen Samtkleid auf die Bühne rauscht und ihren warmen, dramatischen Sopran anstimmt, entfaltet sie einen geradezu magnetischen Sog, neben dem selbst die stärksten Bilder verblassen. Ihr zur Seite stehen der junge Tenor Andrea Caré, der stimmlich wie spielerisch als Geliebter und Maler Cavardossi rundum zu überzeugen vermag und der perfide Polizeichef Scarpia (tadellos: Davide Damiani), der Tosca leidenschaftlich begehrt, sie erpresst und durch ihre Hand stirbt. Lediglich Clemens Unterreiner als Cavardossis aus dem Gefängnis geflohener Freund Angelotti wirkte in hohen Tonlagen gelegentlich etwas gepresst, aber das mag den widrigen Umständen geschuldet sein.
Einzige kleine Einschränkung dieser rundherum spektakulären Inszenierung betrifft Toscas Sprung in den Tod, diesmal nicht von der Engelsbrücke herab, sondern von der Steilwand des Steinbruchs. Was da fliegt, ist kaum als Frauenkörper auszumachen, eher als ein umwickelter Fetzen Stoff. Nein, wirklich, die abschließende Selbstmordszene hätte man ruhig etwas sorgfältiger ausarbeiten können.
Ansonsten lässt Robert Dornhelm den Römersteinbruch, immerhin Europas größte Naturbühne und seit 2001 UNESCO-Welterbe, in diesem Jahr nicht weiter bespielen. Verständlich, es passt nicht in sein Konzept, doch eigentlich auch etwas schade, denn eine schönere Kulisse ist kaum vorstellbar. Die Steilwände erinnern an die Tafelberge in Utah/ Arizona, hier lassen sich Aufführungen aller Art produzieren. Die Einheimischen haben das auch längst erkannt und entsprechend genutzt. Seit 1961 finden im Römersteinbruch alle fünf Jahre die Passionsspiele St. Margarethen statt, in denen mehr als 600 Laiendarsteller Leben, Leiden und Auferstehung Jesu Christi nachzeichnen. Ein Riesenspektakel, das zuletzt rund 70.000 Besucher anzog.

Doch auch anderen Kunstsparten bietet der Steinbruch ein faszinierendes Betätigungsfeld. Der österreichische Bildhauer Karl Prantl entdeckte als erster die Schönheit dieser kargen Gegend und wie befreiend es ist, unmittelbar in der Natur zu arbeiten. 1959 rief er mit Kollegen ein Bildhauersymposion ins Leben, das in abgewandelter Form auch heute noch vor Ort stattfindet. Junge Kreative aus aller Welt, Bildhauer, Keramiker, interdisziplinär arbeitende Künstler, tauschen hier ihre Erfahrungen und Techniken aus. Sie wohnen und schlafen in dem 1967 von Architekt Johann Georg Gsteu entworfenen Bildhauerhaus, einem langgestreckten, flachen Pavillon, der sich organisch in das Gelände fügt. Wer die Wege oberhalb dieses Hauses erkundet, findet überall am Berg Skulpturen. Mehr als 50 Stück, die sich über den südwestlichen Ausläufer des St. Margarethener Kogels verteilen und auf ihre (Wieder)Entdeckung warten.

Doch zurück zu den Opernfestspielen. Trotz ihres wachsenden Renommees blieben sie in den vergangenen Jahren wirtschaftlich unter den Erwartungen. Nachdem 2014 der Veranstalter Konkurs anmelden musste und eine Nachfolgegesellschaft den Spielbetrieb übernahm, wurden die Opernfestspiele völlig neu aufgestellt und Maren Hofmeister, zuletzt Casting-Chefin unter Jürgen Flimm und Daniel Barenboim an der Staatsoper Unter den Linden, Berlin, als neue Intendantin verpflichtet.

Ein guter Griff, wie es scheint, denn die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin verfügt nicht nur über ein umfangreiches Netz an hochkarätigen Künstlern, sie meisterte ihren vom Wettergott vermiesten Start in St. Margarethen auch mit Herzlichkeit und Einfühlungsvermögen.

Statt langer Reden lud sie die durchnässten Opernfans, die nach einstündiger Verspätung noch ausgeharrt hatten, kurzerhand auf ein Pausengetränk ein. So macht man sich Freunde.

Mit der Berufung von Maren Hofmeister sind nun beide großen burgenländischen Festspiele in Frauenhand. Kammersängerin Dagmar Schellenberger, ebenfalls gebürtige Deutsche, leitet seit 2012 die nur wenige Kilometer entfernten Seefestspiele Mörbisch am Neusiedler See. Mit über 6.000 Sitzplätzen und rund 150.000 Besuchern im Jahr sind sie das weltweit größte Festival der Gattung Operette. Allen, die bei diesem Stichwort gleich die Nase rümpfen, sei versichert: Auf der Seebühne Mörbisch, dem „Mekka der Operette“, wird diese oftmals geringschätzte Kunstform zum Erlebnis. Nicht ohne Grund buchen viele Musikfreunde Opernfestspiele und Operettenfestspiele gleich als Paket. So macht es auch Sinn, die Premieren an aufeinanderfolgende Abende zu legen. In diesem Fall bedeutete es jedoch erneutes Zittern und Bangen. Zwar hielt das Wetter - von Schellenberger anfangs regelrecht beschworen - doch ein heftiger Wind machte nicht nur den Tontechnikern zu schaffen, sondern auch dem hochsommerlich gekleideten Publikum, das sich in der Pause im neuen, überdachten Foyer-Bereich mit Decken versorgte.

Auch wenn diese „Eine Nacht in Venedig“ ein wenig verkühlt war, das Festival Orchester Mörbisch und das Ensemble zeigten sich unter der musikalischen Leitung von Andreas Schüttler bestens aufgelegt - angefangen bei der Intendantin, die als lebenslustige Senatoren-Gattin Barbara mit ihrem warmen Sopran begeisterte, bis zu den spielfreudigen Buffo-Paaren Pappacoda (prima: Jeffrey Treganza) und Ciboletta (große Klasse: Verena Barth-Jurca). Nicht zu vergessen natürlich Herbert Lippert als frauenvernaschender Kapitän der „Herzog von Urbino“: Ein samtweicher Tenor ohne Fehl und Tadel.

Johann Strauss siedelte die komische Operette im Venedig des 18. Jahrhunderts, zur Karnevalszeit an. Regisseur Karl Absenger und Kabarettist Joesi Prokopetz transportierten die turbulente Verkleidungs- und Verwechslungskomödie in die Gegenwart, allerdings nicht immer überzeugend. Zwar wird in Handys und Gegensprechanlangen gesungen, doch die Reime der Herren Senatoren wirken seltsam altbacken und bemüht. Zudem versprüht die venezianische Marktplatz-Kulisse von Bühnenbildner Walter Vogelweider anfangs merkwürdig morbiden 50er-Jahre-Charme, den die klamottigen Karnevals- und Gauner-Kostüme von Susanne Thomasberger noch unterstreichen.
Das alles jedoch sind kritische Petitessen im Vergleich zu dem Überraschungs-Coup des Regisseurs und seines Bühnenbildners. Kaum hat man sich an die Papphäuser gewöhnt, schon drehen sie sich und geben den Blick frei auf einen riesigen schneeweißen Schiffsbug, der fortan die Szenerie dominiert: Auf der supermodernen „Herzog von Urbino“ nehmen nun die Liebesverwicklungen ihren Lauf. Diese Verwandlung ist so phantastisch, das Schiff, das hier all die ungezählten Luxusliner aufs Korn nimmt, die heute in der Lagunenstadt vor Anker gehen, so großartig, dass es alle Kritikpunkte in den Schatten stellt.

Egal, wie man nun zum Walzerkönig und seinen sattsam bekannten Hits steht, diese Inszenierung bietet – bei allem Kitsch – Unterhaltung vom Feinsten. So macht Operette einfach Spaß.


Tosca“, Oper im Steinbruch St. Margarethen, bis 15. August, Karten und alle Informationen
Eine Nacht in Venedig“, Seefestspiele Mörbisch, bis 22. August 2015, Karten und alle Informationen
Informationen zum Skulpturenpark St. Margarethen


Abbildungsnachweis:
Header: Szenenbild "Eine Nacht in Venedig". Foto: Isabelle Hofmann

Galerie:
01. Der "Tosca-Engel", Bühnenbild von Amra Bergmann. Foto: Roland Schuller
02. Eröffnungsszene zu "Tosca". Bühnenbild von Amra bergmann. Foto: Andreas Tischler
03. Martina Serafin (Tosca) und Davide Damiani (Scarpia). Foto: Armin Badel
04. Andrea Caré (Caravadossi) und Clemens Unterreiner (Angelotti). Foto: Armin Bardel
05. Besucherrampe zum Steinbruch St. Margarethen. Foto: OFS
06. Bildhauerhaus im Steinbruch. Foto: Isabelle Hofmann
07. Land-Art-Skulptur am Steinbruch. Foto: Isabelle Hofmann

08. Ouverturenszene "Eine Nacht in Venedig". Foto: Seefestspiele Mörbisch
09. Ballett Tarantelle. Foto: Seefestspiele Mörbisch
10. Szene mit Samek Martin. Foto: Seefestspiele Mörbisch.

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