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Das 7. Zebra Poetry Film Festival – Über die Dichtkunst im Kurzfilms

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Montag, den 27. Oktober 2014 um 09:25 Uhr
Das 7. Zebra Poetry Film Festival – Über die Dichtkunst im Kurzfilms 4.9 out of 5 based on 159 votes.
ZPFF The Masters Revenge

Zum siebten Mal startete das ZEBRA Poetry Film Festival in Berlin vom 16. bis 19. Oktober 2014.
Das alle zwei Jahre stattfindende Filmfestival der Dichtkunst wird von der Literaturwerkstatt Berlin durchgeführt und genießt mittlerweile einen guten internationalen Ruf. Das zeigt sich nicht allein an der Auswahl der Bewerber, sondern auch daran, dass das „Zebra“ als Gast auf anderen Festivals eingeladen wird und sich dort großer Beliebtheit erfreut. Und dies zu Recht!

Der Poetry-Film ist eine kleine Sparte unter vielen oder vielleicht sollte man besser von einem Schatzkästchen sprechen, das die Medien der Literatur und des Films produktiv zusammenbringt.
Schon der Eröffnungsabend des Poetry Film Festivals im Babylon-Kino verhieß viel: Neben den Eröffnungsreden und einer guten Moderation von Shelly Kupferberg hatte das diesjährige Gastland Norwegen den Autor Øyvind Rimbereid auf die Bühne geschickt. Dieser las Texte aus einem seiner Gedichtbände und wurde hierbei, geradezu performance-artig auf der alten Stummfilmorgel des Babylon-Kinos begleitet. Wie passend, hatte Rimbereid doch in den vergangenen Jahren ein ganzes Konvolut von Orgelgedichten geschrieben!

Und bereits die ersten Filme, die die Veranstaltung eröffneten, kündigten weitere Highlights des Festivals an: so bezog der Vierminüter „The Thing with Feathers“ (2014), eine deutsche Produktion von Rain Kencana, Jalaudin Trautman und Miguel Angelo Pate, auch noch ein weiteres Kulturfeld mit ein – den Tanz. Grundlage für den kurzen Film ist ein Gedicht von Emily Dickinson. (Trailer).

Am Ende des Festivals hat schließlich der Film „La’eb Al Nard“ (Der Würfelspieler) von Regisseur Nissmah Roshdy aus Ägypten (2013), nach dem Gedicht „La’eb Al Nard“ von Mahmoud Darwish, den ersten Preis gewonnen.

Weitere Sieger der Jury sind: „Pipene“ (Die Pfeifen); Regie: Kristian Pedersen aus Norwegen (2014), nach dem Gedicht „Pipene“ von Øyvind Rimbereid. Außerdem „essen – stück mit aufblick“, Regie von Peter Böving aus Deutschland (2013), basierend auf dem Gedicht „essen – stück mit aufblick“ von Ernst Jandl, sowie „The Aegean or the Anus of Death“ unter der Regie von Eleni Gioti aus Griechenland (2014), nach dem gleichnamigen Gedicht „The Aegean or the Anus of Death“ von Jazra Khaleed.

Der ebenfalls im Wettbewerb startende Film des Iren Lanka Haouche Perren „Closed Wounds“ (2014) widmet sich einem Gedicht von Michael Harding. Die poetische Studie über Vernachlässigung und Verlassenheit in einer Kindernervenheilanstalt in Weißrussland hat es in sich und lässt niemanden die elf Minuten schnell vergessen.

Die im „Prisma“ – außerhalb des Wettbewerbs – laufenden Filme waren in verschiedene Themenbereiche aufgeteilt: „Parallelwelten“, „Stadt, Land, Flucht“, „Kopfzerbrechen“, „Ich und Ihr“, etc.

Einige weitere Filme haben es verdient, im Einzelnen genauer vorgestellt zu werden:
Over Toast“ (2013) des britischen Regisseurs Chris Keenan interpretiert auf feinsinnige Weise und in einfühlsamer Bildsprache das gleichnamige Gedicht von Deborah ‚Debris’ Stevenson, welches sie als Hommage an Martin Luthers Kings „I have a Dream“ schrieb. Eine Mutter, gespielt von Debris Stevenson, und deren Tochter Emma machen eine Fahrt in die Naturlandschaft Mittelenglands und entdecken beim Picknick die Wichtigkeit, sich gegenseitig Fragen zu stellen. Wie bei einem Ausflug kommen die beiden Frauen in ihrem Gespräch auf neu zu entdeckendes Territorium und kommen einander über Lebensweisheiten und Ratschläge näher.

Again and Again“ (2014) ist ein warnendes, bildstarkes und zeitpolitisches Gedicht von Igor Andreevski in englischer Sprache und im Ambiente eines niederländischen Hafens gedreht. Der in Amsterdam lebende Andreevski ist auch gleichzeitig der Regisseur des Films.

Inhaltlich geht es im Gedicht um die Bedeutung aktueller Protestkultur, welche oftmals die Hoffnungen der Bürger auf Veränderung enttäuscht und vielmehr zu noch größerer Unterdrückung führt. Der rezitierende Ton in diesem bemerkenswerten Film ist in einer Sprache verfasst, die auch der Verachtung und der rohen Gewalt Rechnung trägt. Auch wenn die Musik von Vencislav Smakoski manchmal die vortragende Stimme zu übertönen droht, arbeiten Text, Bild und Sound überaus passend miteinander. Fantastisch wie der Schauspieler und Jack-Nicholson-Typ Samir Omerčić das Gedicht in seiner Selbstverständlichkeit fast gesanglich-rhythmisch vorträgt und seine Gesichtsmimik einsetzt. Er wird dabei eins mit Ort, Inhalt und Zeit. Theodor Adornos Aussage, er habe keine Angst davor, dass nach der Demokratie der Faschismus wiederkäme, sondern davor, dass Faschismus in der Form von Demokratie entstünde, erhält durch dieses Film-Gedicht eine ungeahnt aktuelle Bedeutung.

Die junge britische, ursprünglich aus dem Irak stammende Künstlerin Estabrak Al-Ansari ist mit ihrem Film „The Master’s Revenge“ (2013) vertreten. Ihre Filme laufen auf Festivals und in Ausstellungen, wie im Londoner Museum „Tate Britain" und zeigen damit, dass sie sowohl im Film- als auch im Kunstbereich ein Zuhause haben.

In ruhigen, entschleunigten Bildern geht es in der visuellen Erzählung und gleichzeitig rasant vorgetragenen Lyrik von Anthony Anaxagorou um Ungerechtigkeit, um verstummte historische Stimmen. Es geht um eine Welt, die sich durch transkulturelle Einflüsse selbst immer wieder neu erfindet, die aber das Vergessen seiner eigenen wahren Historie in sich trägt. Es geht um politische Beeinflussungen und etymologische Zusammenhänge und um die Bewahrung und die Anerkennung von historischen Leistungen weit jenseits jeglicher Religion, Kriege und Eroberungen.
Klavierbegleitung trägt das Gedicht sanft durch die Bilder. Von der Landschaft des Gesichts einer Frau gleitet der Film quasi rückwärts in die Landschaft einer barock, etwas aus der Zeit geworfen anmutenden Bühne. Hinein in ein Fragment eines Stückes der ganzen Welt mit vielen Menschen unterschiedlicher Herkunft. All das vorgetragen mit der leicht rauen Stimme des zypriotischen und in Nord-London lebenden Poeten selbst. Es endet schließlich mit seinen verstörend tiefsinnigen Worten: „Peace is the Master’s Revenge“.

Jasmine Kainy aus Israel zeigte schon beim vergangenen Zebra Filmfestival poetische Filme. Diesmal ist sie mit ihrem Kurzfilm „For Eternity, Prince" (2014) nach dem hebräischen Gedicht „Letzmitut, nasich“ aus den späten 1970er-Jahren der in Jerusalem lebenden Schriftstellerin Hedva Harechavi vertreten.

Brillant, wie Gedicht und visuelle Bildwelt einen eigenen und ganz persönlichen Kosmos bereiten! Die Kamera ist unentwegt in ruhigen Fahrten um die beiden Hauptdarsteller in Bewegung, der Schnitt ist vollendet. Das vermeintliche Zwiegespräch einer Frau und eines Mannes kommt letztlich weder sprachlich noch beziehungstechnisch von der Stelle, weil er immer, gebetsmühlen-artig mit dem gleichen Wort antwortet oder kommentiert: „Nasich“ (dt. Prinz). Egal welche sprachliche Wendung die Frau auch vorschlägt, welches Spiel sie erproben, welche Tätigkeit sie aufnehmen – es echot: „Prinz“. Sie sitzt barfuß auf einem Barhocker in einer kühl und modern ausgestatteten Küche, erinnert und resümiert die einstige Liebesbeziehung. Sie trägt noch die leicht verwischte Schminke der Nacht um ihre Augen und ein schwarzes Abendkleid, das eine durchtanzte Nacht oder erotisch aufgeladene Erinnerungen evoziert. Das Licht ist scharf, die Blicke der beiden aber sind es nicht fortdauernd. Da ist noch viel Gefühl zwischen den Worten.

Über einen Kassettenrekorder wird gleich zu Beginn des Films zurückhaltende Musik des wunderbaren Jazz-Klarinettisten Harold Rubin eingespielt.
Das aufgestapelte Kaffeeservice im Design der 70er-Jahre auf dem Küchentisch, eine alte weiße Emaille-Kaffeekanne mit Blumen auf der Anrichte und eine Sammlung von losen, ausgeschütteten Knöpfen zwischen den beiden Protagonisten, geben so etwas wie einen historischen Halt. Sie bilden einerseits eine gemeinsame familiäre Brücke, Geschichte und Vergangenheit, andererseits sind sie Symbole – für Verflossenes oder Zersplittertes. In der Traumdeutung stehen lose Knöpfe beispielsweise für Misserfolg oder für eine Loslösung von jemandem oder etwas. Zeitweise ist „Er“, der „Prinz“, schon aus den Bildern entschwunden und nur noch das Tonband echot seine Stimme weiter. Am Ende bleibt ein Tastendruck, ein leerer Platz am Küchentisch und im Herzen.



Weitere Informationen zum Zebra Poetry Filmfestival.

Abbildungsnachweis:
Header: Still aus "The Master’s Revenge"; Regie: Estabrak Al-Ansari, Text: Anthony Anaxagorou.
Galerie:
01. Plakat 7. Zebra Poetry Film Festival
02. "The Thing with Feathers"; Regie: Rain Kencane, Jalaudin Trautman, Miguel Angelo Pate, Text: Emily Dickenson
03. "Closed Wounds"; Regie: Lanka Haouche Perren, Text: Michael Harding
04. "Over Toast"; Regie: Chris Keenan, Text: Debris Stevenson
05. "Again and Again"; Regie und Text: Igor Andreevski
06. "The Master’s Reveng"; Regie: Estabrak Al-Ansari, Text: Anthony Anaxagorou
07. "For Eternity, Prince"; Regie: Jasmine Kainy, Text: Hedva Harechavi.

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