Neue Kommentare

Maggie zu Walter-Kempowski-Literaturpreis 2019: Guten Abend,
Gibt es denn schon irgendeine...

Lothar Segeler zu Filmtonschaffende erstmals als Urheber*innen an Kinoerlösen beteiligt: Großartig - wie lange haben wir darauf gewartet!...
Alf Dobbertin zu Henri Bergson: Die beiden Quellen der Moral und der Religion: Ein großes Lob dem Rezensenten Stefan Diebitz, d...
Maximilian Buchmann zu „Apocalypse Now - Final Cut”. Der Höllentrip des Francis Ford Coppola: Uff! Nur heute im Kino? Hoffentlich bekomme ich n...
Klaus Schöll zu Am 12. Juli 2019 wird die James-Simon-Galerie eröffnet – in Anwesenheit von Bundeskanzlerin Angela Merkel: Ich finde das die Treppe zur James-Simon-Galerie ...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Bildende Kunst

Océane Moussé: „Gesang der Dünen“

Drucken
(170 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Freitag, den 25. April 2014 um 10:06 Uhr
Océane Moussé: „Gesang der Dünen“ 4.8 out of 5 based on 170 votes.
Oceane Mousse - Gesang der Duenen

Das Werk der französischen Künstlerin Océane Moussé wirkt auf den ersten Blick filigran, fein und präzise.
Auf weißen, unterschiedlich großen Papierbögen zeichnet sie akribisch kleine Tuschefäden und Schraffuren, die sich zu räumlichen Strukturen, Körpern, Architekturen und Landschaften mit Hügeln und Senken zusammenfügen. Schließlich wird daraus ein Bild oder eine Bildserie.
Auffällig sind die entleerten Räume. Als ob eine Reduktion und Reinigung stattgefunden hätte, sind die Bildmotive auf das Wesentliche begrenzt. Eine Horizontlinie verdickt sich im Bildmittelgrund, der Himmel ist eine weiße, unbearbeitete Fläche. Keine Wolke, keine Sonne, kein Vogel und kein Flugzeug sind zu sehen. Der hügelige Raum darunter ist mit Rasen oder Wiese überzogen.
Die 1980 in Toulouse geborene Künstlerin stellt bis Mitte Juni im Kunstforum Markert Gruppe in Hamburg ihre Werke aus.

Aus Erdspalten klettern Menschen mit Gepäck, Taschen und Rucksäcken: Sie „sprießen“ regelrecht aus der Wiese und ziehen in einer langen, unendlich scheinenden Karawane ins Nichts. „Les Migrants“ (2011) – so der Titel der Serie – sind auf dem Weg irgendwohin.
Menschenströme sind auch auf einer anderen Bildserie zu sehen, die mit „Les Touristes“ (2010-2011) betitelt ist. Sie erklimmen einen Hochstand, wie es sie früher an der Berliner Mauer gab, und schauen – ins Nichts. Die Künstlerin bietet uns Betrachtern einen in die Weite schweifenden Blick, eine scheinbar unendliche Weite, aber nichts Sichtbares, auf das es sich zu starren lohne. In unseren Fokus rücken im Bild die Beobachter (Touristen) selbst, und wir wundern uns, woher sie kommen und wohin sie gehen, sie verschwinden einfach wieder im Boden.
Oder der Freizeitmensch steht geduldig in einer langen Reihe an und wartet darauf, einmal mit einem Kettenkarussell fahren zu können, um aus demselben irgendwann wieder herausgeschleudert zu werden wie bei „Saturne“ (2012).

Überhaupt ist die 360°-Drehbewegung offensichtlich von zentraler Bedeutung. Es gibt eine Bildserie, namens „1M2“ (2009), die aus einem Triptychon besteht und dem Betrachter alsbald durch die drei verschiedenen Aufhängungsmöglichkeiten verdeutlicht, dass sie eine unendliche, kreisförmige Geschichte erzählt. Distanziert durch eine angedeutete, halbhochgezogene Jalousie im Vordergrund, schauen wir durch verschiedene Fenster in eine Landschaft mit unterschiedlich hohen Kegelbergen, die erloschene Vulkane suggerieren. Menschen mit Rasenmähern weißen die Zeichenspuren, sie radieren das Bild an einigen Stellen quasi wieder aus. Die Vergänglichkeit der Szenerie und der Augenblick des Konstrukts sind die bedeutsamen Verweise auf zyklische Existenz per se und auf die Veränderlichkeit jedweden Daseins und Zustands. Dieser Fokus liegt auch auf dem Bild „Dans le regard d’acier, l’horizon“ (2011). Hier sind es eine Reihe von Mähdreschern, die die Motivik vermeintlich negieren, auslöschen und zurückführen in einen jungfräulichen Urzustand: das weiße, unberührte Blatt Papier.

Eine weitere Drehbewegung konstituiert sich in der Arbeit „ediejnesaH“ (2013), nur diesmal horizontal. Sie zeigt eine Wiesenfläche und am unteren Bildrand Sitzbänke und eine Ansammlung von Bäumen – auf dem Kopf. Hier geht es nicht um eine Adaptation von Baselitz-Bildern oder die Irritation der Sehgewohnheit, sondern um den eingefrorenen Zeitpunkt einer 360°-Bewegung. Der kindliche Begriff Purzelbaum für eine Rolle vorwärts oder rückwärts beschreibt den Augenblick sehr passend: „Sturz und Aufbäumen“. Das Bild zeigt also jenen Moment während eines Purzelbaums, in dem die Welt kopfüber steht.

„Porteurs de paysage, Mont Calvo“ (2011) ist eine der ungewöhnlichsten Zeichnungen der Künstlerin. Eine Hügelkette wird von Menschen getragen. Wie einzelne Atlasfiguren der Mythologie stemmen unzählige Frauen und Männer die Landschaft in die Höhe. Welche Energieströme diesen Hebekraftakt mit der Materie verbinden, zeigt sich nicht nur in der Anschauung, sondern auch in der Vorstellung: Diese Landschaft ist versetzbar, „rekomponierbar“, ihr taxonomischer Rang ist der menschlichen Macht untergeordnet. Das Werk zeigt allegorisch unsere Auffassung wie wir mit Natur, Landschaft und unserer Umwelt umgehen. In dem wir alles nach unseren (unnatürlichen) Standards verändern, folgen wir nach Moussé lediglich nachgeahmten Mustern. Die Personen tun alle das gleiche, mit den gleichen Gesten und Utensilien. Sie sind aber alle eigentlich Fremde, lediglich Besucher, weil die Künstlerin sie in einem Stadium der Durchreise zeigt.

All diese Zeichnungen und Zyklen der Künstlerin definieren eine zeitliche und räumliche Entgrenzung und in gleicher Weise eine Entschleunigung. Dadurch verlieren sie jedoch nichts an thematischer Brisanz, denn nicht nur die Titel verraten es, sondern insbesondere die Machart: Océane Moussé beschäftigt sich inhaltlich mit dem Zeitphänomen von Wanderungen und zyklischen Systemen. Zwar tut sie dies mit einer gehörigen Portion an darstellerischer Poesie, in uns Betrachtern entsteht aber immer auch ein leichtes Unbehagen, denn wir fragen uns, warum in einem derartig weiten Raum, die humane Spezies sich so geballt an einem Ort aufhält. Wir fragen uns welcher Logik die Menschen folgen, woher die Massen kommen und wohin sie entschwinden. Es gibt keine Antwort darauf. Wir sind aber nur scheinbar distanzierte Betrachter, die keine ausreichenden Informationen von der Künstlerin erhalten, und merken bald, dass die widerständige Oberfläche uns nur kurzfristig darin unterstützt, nicht selbst in unsere Phantasien eintauchen zu müssen. Wir sind aufgefordert, unser Handeln zu reflektieren: Wir sind Begleiter des Systems und werden schließlich gewahr, dass nichts unschuldig, unwissend oder fügsam ist.

„Sturz und Aufbäumen“ steht also symptomatisch für das Werk von Océane Moussé. Die Systemkritik ist in den Werken immanent spürbar und der leichte Strich der Zeichnung ist in Wahrheit die Idee von Flüchtigkeit – in mehrdeutigem Sinn.


Océane Moussé: „Gesang der Dünen“ zu sehen bis 15. Juni 2014 im Kunstforum Markert Gruppe, Dorrpweg 31 in Hamburg-Hamm.
Es erscheint ein Katalog.
Öffnungszeiten nach Vereinbarung unter Telefon: (04321) 87010
Finissage am 15.6.2014 von 18-20 Uhr


Abbildungsnachweis:
Header: „Porteurs de paysage, Mont Calvo“ (2011), Tusche auf Papier
Galerie:
01. Plakat zur Ausstellung
02. „"Les Migrants 1", 2009, Tusche auf Papier, 70x100 cm
03. "Elucubration 17", 2013, Tusche auf Papier, 10x15 cm
04. "Les Touristes 2", 2010, Tusche auf Papier, 40x60 cm
05. "Les Migrants 3", 2011, Malerei auf Wand (Austellungsblick Galerie GHP, Toulouse)
06. "Saturne", 2012, Tusche auf Papier, 80x116 cm
07. "Dans le regard d‘acier, l‘horizon", 2011, Tusche auf Papier, 70x100 cm
08. "ediehnesaH", 2013, Tusche auf Papier, 70x42 cm
09. Aus: "Das Waschmaschinen-Inferno", 2013
10. und 11. "Tohu-bohu", 2013, 36 Zeichnungen (jeweils 21x15 cm) (Detail unten), Tusche auf Papier, 86x140 cm
12. "Resonanz 1", 2014, Tusche auf Papier, 2-teilig, je 100x70 cm.

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Bildende Kunst > Océane Moussé: „Gesang der Dünen“

Mehr auf KulturPort.De

Der öffentliche Raum und seine Nutzungen – Plätze in San Fernando del Valle de Catamarca, Argentinien
 Der öffentliche Raum und seine Nutzungen – Plätze in San Fernando del Valle de Catamarca, Argentinien



Wie sieht es in anderen Ländern mit dem öffentlichen Raum aus? Bei uns gibt es ihn kaum noch, denn jeder freie Quadratmeter wird dem Auto gewidmet. Können wir [ ... ]



Theater-Horror vom Feinsten – „Mummy Brown/Mumienbraun“ der norwegischen Gruppe Susie Wang schockte beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel
 Theater-Horror vom Feinsten – „Mummy Brown/Mumienbraun“ der norwegischen Gruppe Susie Wang schockte beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel



Das Programmheft hat nicht zu viel versprochen: Eine derart blutige, ins Groteske überzogene Horror Picture Show hat man in Hamburg noch nicht geboten bekommen. [ ... ]



Rainer Mausfeld: „Angst und Macht. Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien“
 Rainer Mausfeld: „Angst und Macht. Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien“



Die Zitterpartie der Macht
Welch ein Glück im Unglück. Wie üblich nach einem Zwischenfall auf Leben und Tod so auch diesmal, wie erwartet: Kaum war das Kind  [ ... ]



„I Am Mother” Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo
 „I Am Mother” Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo



Grant Sputores post-apokalyptischer Science-Fiction Thriller „I Am Mother” beginnt als intimes Kammerspiel in einem, hermetisch von der Welt abgeschlossenen  [ ... ]



Letizia Battaglia: Retrospektive in Venedig
 Letizia Battaglia: Retrospektive in Venedig



Sie gilt als bekannteste „Mafia-Fotografin“ und als „eine der wichtigsten Fotografinnen unserer Zeit“, aber auch als politisch, ökologisch, sozial und f [ ... ]



DDR-Schlager, Weltraum-Fuzzys und Russische Rapper
 DDR-Schlager, Weltraum-Fuzzys und Russische Rapper



Das erste Wochenende nach der Eröffnung des Sommerfestivals auf Kampnagel
„Der Weltraum. Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200...“ Manchen mögen  [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.