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Bildende Kunst

Zeitgenössische Kunst in Schloss Wiligrad: Sommersalon 13 – Sommergäste

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Donnerstag, den 20. Juni 2013 um 10:23 Uhr
Zeitgenössische Kunst in Schloss Wiligrad: Sommersalon 13 – Sommergäste 4.1 out of 5 based on 224 votes.
Zeitgenössische Kunst in Schloss Wiligrad: Sommersalon 13 – Sommergäste

Der Kunstverein Wiligrad e.V. stellt in seiner Ausstellung "Sommersalon 13 – Sommergäste" die Leipziger Künstlerin Gudrun Petersdorff und ihren Malerkollegen Michael Kunert vor.
Als Gegenpol zur Malerei zeigt die Schau kleinformatige Plastiken der Bildhauer Michael Jastram aus Berlin und Winni Schaak aus Lübeck. Die Schau oszilliert sozusagen zwischen Skulptur und Malerei.
Bleibt für den interessierten Besucher nur die Frage, wo liegt Schloss Wiligrad?

In Westmecklenburg, nördlich von Schwerin, befindet sich der kleine Ort Lübsdorf. Ende des 19. Jahrhunderts errichtete der Hannoversche Architekt Albrecht Haupt für Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg-Schwerin und seine Gattin Elisabeth das Schloss Wiligrad. Direkt am Steilufer des Schweriner Sees gelegen, ist das Schloss ein Neomix aus gotischen Treppen- und Renaissance-Giebeln, barocken Kuppeln, rotem Backstein sowie Terrakottaschmuck. Ein Architekturstil, der dem Zeitgeist der Wilhelminischen Ära entsprach. Ein weiterer Aspekt für die Kaisertreue seines Bauherrn, ist die schwarz-weiß-rote Farbgebung des Schlossensembles, welche die Nationalfarben des Kaiserreiches von 1871 zitiert. Zeitgleich mit dem Schloss wurden Gärtnereien, Nebengebäude gebaut und ein großer Landschaftsgarten angelegt, in dem heute Skulpturen zeitgenössischer Künstler stehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte das herzogliche Anwesen eine wechselvolle Geschichte. Seit der Wende gehört die Schlossanlage dem Land Mecklenburg-Vorpommern. Das inzwischen detailgetreu restaurierte Schloss strahlt heute wieder in alter Pracht und wird für Kulturveranstaltungen und Ausstellungen genutzt.

Tritt der Besucher durch das imposante Schlossportal, empfängt ihn eine zweigeschossige, neobarocke Eingangshalle: raumhohe, braune Kassettenvertäfelungen, eine geschwungene Treppe, welche auf eine Empore mit Säulen und Arkadenbögen führt. Durch hohe Oberlichter flutet das Sonnenlicht und taucht die ersten Exponate der Ausstellung in ein warmes Licht. Voller Neugierde geht es weiter in den großen, weiß gestrichenen Ausstellungsraum, dessen große Fenster einen Blick auf den Schweriner See ermöglichen. Wow, denkt man unwillkürlich beim Betreten des Raumes, denn die farbintensiven Bildkompositionen der beiden Leipziger Künstler Petersdorff und Kunert beherrschen den Raum. Als ruhende Kontraste zu diesen Farbexplosionen erweisen sich die Bronzeplastiken von Michael Jastram und Schaaks Objekte aus Cortenstahl.

Mit Gudrun Petersdorff und Michael Kunert stellt die Schau zwei prominente Vertreter der Neuen Leipziger Schule vor, welche in Norddeutschland weitgehend unbekannt sein dürften. Petersdorff hält die Impressionen ihrer Reisen in deutsche Städte und nach Israel, Frankreich, Florida, Vietnam, Italien oder in die Schweiz in knallbunten Landschaftsbildern auf der Leinwand fest. Ihre Bildsprache ist gegenständlich, wobei sie Häuser, Brücken, Gegenstände, Bäume und Pflanzen sowie Personen stark abstrahiert. Die meist pastos aufgetragenen Farbflächen sind klar voneinander abgegrenzt. Entweder harmonisieren sie farblich miteinander oder sie stehen im starken Kontrast zueinander. Bei all der expressiven Farbigkeit strahlen ihre Bilder - speziell die des städtischen Lebens – dennoch eine atmosphärische Ruhe aus.

Ein Kontrast zu Petersdorffs Bilderwelt sind die farbenfrohen Malereien von Michael Kunert. Seine Bildsprache ist provokant, düster, geheimnisvoll und voller Symbolik. Die narrativen Kompositionen fangen das nächtliche Großstadtleben ein. Ein Mann mit Hut - eins seiner Lieblingsmotive – durchstreift Straßen, Bars, Cafés, Hotels oder Ballhäuser auf der Suche nach Zweisamkeit und erotischen Abenteuern. Die Frau als Objekt männlicher Lust und Begierde? In ganz eigenem Duktus arrangiert, agieren Interieur und Personen wie auf einer Bühne und involvieren den Betrachter als voyeuristischen Zuschauer.

Weitere Bilder der beiden Leipziger Maler befinden sich auf der Empore. Beide Künstler sind längst über die Grenzen Leipzigs bekannt, ihre Werke in zahlreichen Sammlungen, auf Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland vertreten.

Kunerts kantige Bildsprache korrespondiert mit der rauen Oberflächenstruktur von Michael Jastrams kleinformatigen Bronzen. Räder, Wagen, Leitern, Brücken oder Häuser weisen zum einen auf die technische Evolution des Menschen hin. Zum anderen signalisieren die Titel der acht archaisch anmutenden Plastiken das Interesse des Künstlers für Archäologie und keltische Mythologie. "Fisherman's House" mit der auf hohen, langen Stelzen stehender Hütte erinnert an vorgeschichtliche Pfahlbauten am Bodensee. Bei "Keltischer Wagen" erweckt der spitze Helm Assoziationen an den bei Schifferstadt gefundenen Goldhut aus der Bronzezeit. "Brückenwagen III" beeindruckt - trotz der Schwere des grün-oxidierenden Materials - durch seine filigrane Leichtigkeit. Immer wieder sind kleine, menschliche Figuren in die Objekte integriert, welche allerdings beim Betrachter einen einsamen, verlorenen Eindruck erwecken.
Jastrams Skulpturen befinden sich in diversen Sammlungen, im Deutschen Bundestag oder als Kunst im Öffentlichen Raum.

Favorisiert Jastram als Gestaltungsmedium Bronze, bevorzugt der gelernte Schmiede- und Schlossermeister Winni Schaak wetterbeständigen Cortenstahl. Um die von ihm gewünschte geometrische Form zu erreichen, biegt, verformt, schneidet, bohrt, schweißt und schleift er den Stahl. Mit unglaublicher Präzision glättet er die geschweißten Linien, Kanten und gewölbten Bögen, bis der Körper eine homogene Fläche hat. Je nach Blickwinkel des Betrachters können die räumlichen Objekte auch flächig erscheinen. "Mich fasziniert die Zweidimensionalität in der Dreidimensionalität.", so der Künstler. Trotz der Schwere des Materials vermitteln die mal breiteren mal schmaleren Skulpturen "Perspektiv" oder "Kopfkarton" durch das Guckloch eine spielerische Leichtigkeit. Seine Indoorskulpturen behandelt der Künstler mit einem chemischen Verfahren, das auf der Oberfläche eine feinporige Oxidschicht erzeugt. Geglättet und poliert, zaubert das einfallende Licht eine changierende Struktur auf der Oberfläche.
Seit 1989 ist Schaak auf Ausstellungen im In- und Ausland vertreten. Seine großformatigen Skulpturen stehen auf der NordArt in Büdelsdorf, im Skulpturenpark der Galerie Müller&Petzinna in Groß Grönau, im öffentlichen Raum in Hamburg, Schleswig-Holstein und in Riga/Lettland.

Der Kunstverein Wiligrad e.V. hat für die Ausstellung "Sommersalon 13 – Sommergäste" je zwei renommierte Künstler aus Malerei und Bildhauerei eingeladen. Als Kritik sei anzumerken, dass die Hängung der einzelnen Bilder im großen Ausstellungsraum zu überladen ist. Die farbfrohen Arbeiten bedrängen sich gegenseitig und erschlagen geradezu die Plastiken der beiden Bildhauer. Eine sparsamere oder solitäre Präsentation würde den einzelnen Exponaten mehr Raum zur Entfaltung lassen.

Die sehr interessante Ausstellung bis zum 4. August 2013 in Schloss Wiligrad, Wiligrader Str. 17, 19069 Lübstorf zu sehen.
Die Öffnungszeiten sind Dienstag bis Samstag von 10 bis 18 Uhr, Sonntag von 11 bis 18 Uhr.
www.kunstverein-wiligrad.de


Fotonachweis: © Christel Busch
Header: Sommersalon 13 – Sommergäste
Galerie:
01. und 02. Schloss Willigrad
03. Schlosspark. Thomas G. Andersson, Skulptur-Tendenz 2000
04. Schlosspark. Uwe Kampf, Pavillon
05. Gudrun Petersdorf vor einem ihrer Bilder
06. Gudrun Petersdorf: „Berlin“, Öl auf Leinwand, 2010
07. Gudrun Petersdorf: „Spaziergang im Park“, Öl auf leinwand, 2011
08. Bildhauer Michael Jastram
09. Michael Jastram, „Mondwagen III“ (La Luna), Bronze, 2006
10. Michael Jastram: „Drei-Räder-Wagen“, Bronze, 2006
11. Michael Kunert vor seinen Bildern
12. Michael Kunert: „Fremder Mann“, Acryl auf Leinwand, 2013
13. Kunerts Werke in der „oberen Galerie“
14. Winni Schaak: „Perspektiv I“, Cortenstahl
15. Winni Schaak: „Wellenlauf“, Cortenstahl, 2013

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avatar Dr.Heinrich Heldt, POGEEZ
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Der kompetente Artikel macht Lust auf einen Besuch nicht nur der ausgestellten Künstler,
sondern auch des Schlosses Wiligrad! Ein vorzüglicher Artikel - Danke!
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avatar Christoph Sandig
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Sehr geehrte Frau Busch,
mit Interesse habe ich Ihren interessanten Artikel gelesen.
Zwei Beschreibungen empfinde ich nicht ganz zutreffend. Die Korespondenz zwischen den Gemälden und den Plastiken beeinflusst sich nicht negativ. Es kommt doch auf den Betrachter an.
Wenn ich mir die Kunstwerke anschau, konzentriere ich mich doch auf das Werk und schau doch nicht abwechselnd auf Werk und Umfeld. Die Farbigkeit beider Künstler ist unterschiedlich, was ich in der Zusammenstellung angenehm finde. Unter „knallbunt" - bezüglich Petersdorff - wird auch in der Kunstgeschichte etwas anderes verstanden. Mit dieser Farbikkeit verbinden sich für mich positive Gefühle - oder anders einfach gesagt, mit so einem Gemälde an meiner Wand kann ich
sehr gut Leben . Christoph Sandig
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