Neue Kommentare

Patrick Dissinger zu „Foxtrot”. Samuel Moaz und das Konzept des Zufalls: Ein exzellenter, sehr kluger Film. Danke für den...
erlenmeier zu Historische Tankstellen – auf Spurensuche in Hamburg : Ich arbeite seit vielen Jahren beim Forum geschic...
Bartholomay zu Berliner Mauer 57. Jahrestag: Gedenkfeier ? Um von ihren Taten gegen die ehemal...
Herby Neubacher zu Eindringlicher Holocaust-Roman von Affinity Konar: „Mischling“ – keine leichte, aber lohnende Lektüre: Das hat uns jetzt eigentlich noch gefehlt - Erinn...
Ada Rompf zu „The Rider”. Die zärtlich-raue Poesie der Chloé Zhao : Besser kann man meinen Lieblingsfilm dieses Früh...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2015


Bildende Kunst

Überwältigend kühn. Der ganze Rohlfs in Kiel.

Drucken
(277 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Freitag, den 01. Februar 2013 um 10:59 Uhr
Überwältigend kühn. Der ganze Rohlfs in Kiel. 4.6 out of 5 based on 277 votes.
Überwältigend kühn. Der ganze Rohlfs in Kiel.

Die Kunsthalle zu Kiel ehrt den Maler Christian Rohlfs anlässlich seines 75. Todestages mit einer umfassenden Ausstellung seiner Zeichnungen, Aquarelle, Grafiken, Skizzenbücher und Gemälde.
Ein langes Krankenlager brachte den 1849 im holsteinischen Niendorf geborenen Christian Rohlfs zur Kunst. Unglücklich vom Apfelbaum gefallen, führte eine spätere Entzündung zur Amputation des rechten Beines. Der behandelnde Arzt, ein Schwager Theodor Storms, erkannte das zeichnerische Talent des jungen Mannes und empfahl ihn an die Weimarer Akademie, an der sich Rohlfs 30 Jahre lang des großherzoglichen Mäzenatentums sicher sein konnte. Er malte naturalistisch, akademisch-realistisch, rezipierte van Gogh und die Pointillisten, wandte sich der Freilichtmalerei zu und verfolgte – unabhängig von den französischen Impressionisten – eine dennoch vergleichbare Richtung.

Auf Einladung des Industriellen und Kunstsammlers Karl-Ernst Osthaus bezog er im neu gegründeten Hagener Folkwang-Museum ein Atelier. Wohl auf Anregung des Architekten und Designers Henry van der Velde entwarf Rohlfs Ornamente, die für die Gestaltung von Innenräumen gedacht sein konnten. Rohlfs lernte Edvard Munch kennen und Emil Nolde, den späteren Freund. Sein Werk gewann an Leichtigkeit und Frische. Er, der Sechzigjährige, fühlte sich den jungen Expressionisten geistesverwandt, ihnen zugehörig. Zehn Jahre später gab er sein Junggesellenleben auf und heiratete die wesentlich jüngere Helene Vogt. Mit ihr zog er auf ärztlichen Rat nach Ascona am Lago Maggiore. Die „verführerische Süße“ des Südens hatte Rohlfs bis dahin gemieden. Nur drei Monate im Winter arbeitete er weiterhin in seinem Hagener Atelier.

Das ungewohnte Erleben der Landschaft im südlichen Licht, die mediterrane Vegetation und das milde Klima waren Voraussetzungen eines letzten Wandels. Das Alterswerk Rohlfs ist wohl seine bedeutendste Schaffensphase; es widerspricht der Vorstellung vom erlahmten, schöpferisch ausgemergelten Greis.

Ein merkwürdiges, mystisch lichtes Schimmern geht von den Blüten, Blumen, Häusern und Figuren aus. Die Konturen scheinen zu verschwimmen, etwas Mehrschichtiges, Transparentes, beinahe Entmaterialisiertes tut sich auf. Die Bilder sind weniger Ansichten von Sujets, eher Erscheinungen von Licht, das nicht auf den Dingen liegt, vielmehr aus ihnen heraus zu strahlen scheint.

Rohlfs benutzte jetzt ungemischte Temperafarben. Leuchtendes Zinnoberrot, tiefes Ultramarin, sattes Umbra steigern sich gegenseitig, werden durch benachbarte Farben wie Chromoxydgrün, Cadmiumgelb und Orange variiert. Rohlfs trug die Farben auf schweres italienisches Bütten oder grobfaseriges Japanpapier auf, ließ die Papierstruktur am Bild mitwirken. Manchmal wusch er unter der Dusche mit dem Pinsel die Konturen hell heraus, zog sie mit wenigen Kreidestrichen nach. Oder er löste die Konturen mit einer Bürste vollkommen auf, so dass die Formen wie durch ein feines Netz schimmern.

Rohlfs, der in Künstlerkreisen als „der Patriarch“ bekannt war, stellte in den dreißiger Jahren in Hagen, Essen, Wuppertal, Hannover sowie im Detroit Institute of Arts aus. 1937 wurden seine Werke im Rahmen der Schand-Aktion „Entartete Kunst“ aus den Museen entfernt, er selbst wurde aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen. Christian Rohlfs starb am 8. Januar 1938 in Hagen.

Die Kunsthalle zu Kiel, Hort des weltweit größten Rohlfs-Schatzes aus eigenen Erwerbungen und Schenkungen, stellt jetzt in einer fein arrangierten Ausstellung Werke aller Schaffensphasen des eigenwilligen, einzelgängerischen und experimentierfreudigen Meisters vor.


"Überwältigend kühn. Der ganze Rohlfs in Kiel."
Bis zum 24. Februar zu sehen in der Kunsthalle zu Kiel, Düsternbrooker Weg 1 in 24105 Kiel
Zur Ausstellung ist ein Bestandskatalog im Hirmer Verlag. Hrsg.: Anette Weisner, Peter Thurmann und Anette Hüsch. Texte: Anette Hüsch, Peter Thurmann, Annette Weisner, Jens Christian Jensen und Julia Schönfeld-Rau. 606 Seiten; 1800 Farb- und s/w-Abb.
ISBN 978-3-937208-37-4 für 39 Euro erschienen. Der Kurzkatalog kostet 5 Euro.

Fotonachweis: Alle © Kunsthalle zu Kiel
Header: Dtaiel aus Verblühte Sonnenblumen, 1932, Tempera, Tintenstift, schwarze Kreide auf Büttenpapier, 28,4 x 39,8 cm, Erworben 1948, Schenkung Helene Rohlfs
Galerie:
01. Christian Rohlfs Ende August 1937 in Ascona. Foto: Alexander Graf Brockdorff
02. Friedhofsmauer in Weimar, 1899, Öl auf Leinwand, 40,5 x 50,5 cm. Erworben 1951 von Prof. Dr. Arthur Haseloff, Kiel. © Kunsthalle zu Kiel, Martin Frommhagen
03. Eingeborener, um 1913, Aquarell auf Papier, 11,1 x 14,5 cm
04. Allee im Belvedere von Weimar (Ausschnitt) 1899, Pastell, 22,5 x 29 cm. Erworben 1926 von Architekt Hans Arp
05. Verblühte Sonnenblumen, 1932, Tempera, Tintenstift, schwarze Kreide auf Büttenpapier, 28,4 x 39,8 cm, Erworben 1948, Schenkung Helene Rohlfs
06. Rote Tulpen, 1925, Tempera auf bräunlichem Papier, 69,8 x 50,1 cm, Erworben 1925 von Christian Rohlfs
07. Mondnacht über Soest, um 1932, Öl auf Leinwand, 69 x 45 cm, Dauerleihgabe Karl-Walter Breitling und Charlotte Breitling Stiftung 2011. © Kunsthalle zu Kiel, Martin Frommhagen

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Bildende Kunst > Überwältigend kühn. Der ganze Rohlfs in Ki...

Mehr auf KulturPort.De

Die Stunde der Matrosen – Kiel und die deutsche Revolution 1918
 Die Stunde der Matrosen – Kiel und die deutsche Revolution 1918



Zehn Tage dauerte der Aufstand. Gemeint ist der Matrosenaufstand in Kiel. Der Aufstand brach Ende Oktober 1918 auf den Schiffen der Hochseeflotte vor Wilhelmshav [ ... ]



Heiße Ecke 15 Jahre
 Heiße Ecke 15 Jahre



Von solchen Zahlen kann man nicht einmal träumen. Rund 42000 Kondome, 25 000 Würstchen, 16800 Waschmaschinenladungen und 12600 Bierdosen wurden in sage und sch [ ... ]



Ludwig und Benyamin Nuss: Songs & Ballads
 Ludwig und Benyamin Nuss: Songs & Ballads



Zwei Instrumente, zwei Musiker – Vater und Sohn – ein Duo-Debüt-Album mit Liedern und Balladen. Zwei die sich verstehen und sich offensichtlich mit musikali [ ... ]



„Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm”. Dialektik für Genießer
 „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm”. Dialektik für Genießer



In „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm” schildert Regisseur Joachim A. Lang die Querelen um jenes nie gedrehte Leinwand-Epos, während er es zugleich [ ... ]



Lana Cenčić: Sama
 Lana Cenčić: Sama



Ein Soloalbum, dass vom ersten Song an besticht. Die Kroatin Lana Cenčić, mit Wohnsitz in New York und beeindruckender Stimme nennt ihre neue Platte „Sama“ [ ... ]



Die Liebe stirbt zuletzt. „Orpheus – eine musische Bastardtragödie“ begeistert im Hamburger Thalia Theater
 Die Liebe stirbt zuletzt. „Orpheus – eine musische Bastardtragödie“ begeistert im Hamburger Thalia Theater



Mit einem berauschend sinnlichen, wunderbar poetischen und philosophischen, dabei total abgedrehten Pop-Techno-Bühnenmärchen begeistert Theatermagier Antú Rom [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.