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Bildende Kunst

Helmut Rieger: „Afrika in mir“

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Mittwoch, den 23. Januar 2013 um 10:32 Uhr
Helmut Rieger: „Afrika in mir“ 4.5 out of 5 based on 281 votes.
Helmut Rieger - Afrika in mir - Lübeck

Kann ein Maler, der den afrikanischen Kontinent nur aus Büchern kennt und nie bereist hat, Bilder über Afrika malen? 
Die Kunsthalle St. Annen in Lübeck zeigt rund 30 Afrikabilder aus dem umfangreichen Œuvre des Malers und Zeichners Helmut Rieger. Seine figurativ-expressiven Malereien bilden einen intensiven Kontrast zu den ausgestellten Artefakten der Lübecker Völkerkundesammlung sowie aus der Sammlung von Lothar und Christel Fischer. Ein spannender Dialog zwischen europäischer Malerei und Skulpturen afrikanischer Naturvölker.

Der Grund für Riegers Interesse am „schwarzen Kontinent“ ist eine schwere Krankheit und ein langer Krankenhausaufenthalt zu Anfang der 1970er-Jahre gewesen. In dieser für ihn lebensbedrohenden Phase beschäftigt er sich erstmals mit afrikanischer Kunst und Kultur. Ein Interesse, das ihn nach seiner Genesung weiter fesseln sollte. In seiner Fantasiewelt entwickelt er irreale, fast mythisch-verklärte Fiktionen von Afrika, die er dann - ganz dem Expressionismus verpflichtet - in teils farbintensiven, teils schwarz-weiß-braun Tönen oder Erdfarben malt. Mit wildem, kräftigem, fast aggressivem Pinselduktus zaubert er stark abstrahierte schwarze Menschen oder Tiere auf die Leinwand. Ein Klischeebild von Afrika? Vielleicht. Der Künstler jedoch sieht sein inneres Afrika als Metapher für die existentiellen Kämpfe des Menschen gegen eine unberechenbare Natur. Riegers ausdrucksstarke Bilderwelt thematisiert daher archaische Urinstinkte von Liebe, Leben und Tod sowie der Sehnsucht nach dem Paradies. Daneben zeigen seine Jagdszenen den Existenzkampf in einer bedrohlichen Umwelt: den Mann als Jäger im Kampf mit wilden Tieren und - ist er Sieger - mit der von ihm erlegten Beute.

Riegers Afrikabild findet in den ethnologischen Sammlungen der Naturkundemuseen weitere Inspirationsquellen. Er ist fasziniert von schwarzafrikanischen Plastiken, insbesondere von deren figürlicher Grazie, die Eingang in seine - anatomisch nicht korrekten - Figurationen findet. Gleichwohl ist seine Malerei der subjektive Blick des Europäers auf eine fremde Kultur. Ein eher oberflächlicher Blick, der nicht die Jahrhunderte alten Traditionen des afrikanischen Kulturraumes hinterfragt.

Die Ausstellung präsentiert unter anderem zahlreiche Jagdszenen, schwarze Akte, darunter die „Niendorfer Venus“ sowie Arbeiten aus den Zyklen „L' âge d'or“ und „Die Angst der Erde um ihre Kinder“. Charakteristisch für Riegers dynamische Jagdszenen sind düstere Farbtöne, die er mit kräftigem Weiß, Blau, Gelb oder Rot kombiniert. „Ornament mit Beute“ zeigt die Trophäen eines mit weißer Maske bekleideten Jägers. Als Beute hängen kopfüber ein gelbgefleckter Leopard, ein schwarzweißes Zebra und eine nackte Frau. Eine überaus erfolgreiche Jagd! Voll intensiver, strahlender Farbigkeit ist dagegen „L' âge d'or“ - das goldene Zeitalter. Der Titel wirft Fragen auf, ob das an einem See sitzende Paar Adam und Eva im Paradies symbolisieren soll. Atmosphärisch düster sind hingegen die schwarzen Akte, welche in abgestuften Schwarztönen gemalt sind. Eine Ausnahme ist die „Niendorfer Venus“ - der Maler besitzt in Niendorf an der Ostsee ein Haus, daher der Bildtitel. Im schwarzen, sich kräuselnden Wasser baden zwei nackte Frauen, deren fleischfarbene Körper einen starken Kontrast zu dem feuchten Element bilden. Quasi als Eyecatcher wird der Blick des Betrachter auf einen roten Balken im oberen Bildrand gelenkt. Bedrückend ist der Zyklus „Die Angst der Erde um ihre Kinder“, der die existenziellen Fragen der Menschheit anspricht. Eine Frau, vielleicht eine Erdgöttin, artikuliert mit weit geöffnetem Mund, an den Kopf gelegten Händen und leeren Augen schreiend ihre Angst um die Erde. Ein Motiv, dass stark an Munchs „Der Schrei“ erinnert.

Den malerischen Werken sind originale Skulpturen aus der Völkerkunde - Schilde, Hocker, Ahnenfiguren, Tiermasken - als perfekte Ergänzung gegenüber gestellt. Diese, teilweise sehr filigran geschnitzten Plastiken zeigen ein faszinierendes Bild afrikanischer Kunst. Wobei Kunst eine falsche Definition ist, denn diese Objekte wurden nur bei rituellen Handlungen benutzt.

Der 82-jährige Rieger gehört heute zu den prominentesten Vertretern des figurativen Expressionismus in Deutschland. Nach einer Ausbildung als Buchdrucker, folgt ein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München. Ende der 50er-Jahre ist er Mitbegründer der drei Münchner Künstlergruppen WIR, SPUR und Geflecht, deren Mitglied er bis zur Auflösung bleiben sollte. Unbeeinflusst von den aktuellen Kunstströmungen Mitte des 20. Jahrhunderts, verfolgt der Maler seinen individuellen, künstlerischen Weg. Seine Malerei ist beeinflusst von mythologischen und archaischen Themen, die er - wie in „Afrika in mir“ - in der ihm eigenen Bildsprache formuliert. Auch wenn er nie Schwarzafrika bereist hat, bildet seine Fantasie eine für den Betrachter überaus faszinierende Welt ab. Seit 1997 ist Rieger Ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen machten ihn in und über Europa hinaus bekannt. Der Künstler lebt und arbeitet in München. 


Die Ausstellung Helmut Rieger „Afrika in mir“ in der Kunsthalle St. Annen ist eine Reminiszenz an einen national und international geschätzten Künstler. Sie erfolgt in Kooperation mit dem Museum Lothar Fischer in Neumarkt/Oberpfalz.
Die Ausstellung ist bis zum 14. April 2013 zu sehen in der Kunsthalle St. Annen, St. Annen-Straße 15, in 23552 Lübeck. Ein Katalog ist erschienen.
Öffnungszeiten: Januar bis März: Dienstag bis Sonntag 11 – 17 Uhr. Ab April: Dienstag bis Sonntag 10 – 17 Uhr
Weitere Informationen unter: kunsthalle-st-annen.de


Abbildungsnachweis:
Header: Helmut Rieger; Detail aus „L’âge d’or, Adam und Eva“, 2005, Acryl auf Karton. Courtesy: Galerie van de Loo, München
Galerie:
01. Porträt von Helmut Rieger. Foto: © Stefan Moses
02. Niendorfer Venus, 1991/1992, Tusche, Acryl, Papier auf Holz, Besitz des Künstlers
03. L’âge d'or, Insel, 2005, Grafitstift, Tusche, Acryl auf Papier
04. Jäger – Gejagter, 1988, Acryl auf Papier, Privatsammlung
05. Blaue Wolke, 1989, Tusche, Acryl, Folie auf Holz, Privatsammlung Frankfurt/M.
06. Blick auf eine der Skulpturen. Foto: Christel Busch
07. Kopffüßlerfigur der Edo Nigeria (Königreich Benin), 19. Jh. © Völkerkundesammlung der Hansestadt Lübeck.
08. Blick in den oberen Ausstellungsraum. Foto: Christel Busch
 

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avatar Luisa Mangelsen
+5
 
 
Wie stets analysiert Christel Busch nicht nur Gestaltung, Technik und künstlerische Ausdruckskraft in eleganter und anschaulicher Sprache, sie versteht darüber hinaus, sich in die emotionalen und sozialisationsbedingten Vorstellungen des Künstlers einzufühlen. Vorstellungen, die hier Rieger - vielleicht ohne es zu wollen - in seinem Werk transportiert. Mit Recht fragt Busch, wie jemand Afrikabilder malen kann, ohne selbst je dort gewesen zu sein. Aus Riegers Bildern lassen sich Klischees von Afrika herauslesen wie das vom "schönen Wilden" und dem sexuell dem Europäer überlegenen Mann u.ä. Die Furcht vor dem Fremden generiert solche Klischees. Sie zu überwinden muss man dem Fremden in persona begegnen. Die Beschäftigung mit ethonologischen Kunstobjekten reicht dazu nicht.
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avatar Carmen del Pilar González Zaldívar
+2
 
 
Kann man eine fremde Welt in die Phantasie transportieren ohne das sie eine banale malerische Phantasie wird? oder an die Klischegrenze stößt?
Die interessante ,gelesene Rezention öffnet ein Fenster zueiner Wahrnehmung von Afrika. es ist ein persönlicher, fokusierter, malerischer Blick eines besonderen Künstlers.
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avatar Nicola Schmid
+1
 
 
Es gibt eine Monographie über Rieger "Bilder sind wie Batterien" im Logos Verlag - als Ergänzung zu den schon genannten Katalogen.
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