Neue Kommentare

Lothar Hamann zu „Cold War – Der Breitengrad der Liebe” - Oder die Magie einer schwarzen Leinwand: GEWINNER DES EUROPÄISCHEN FILMPREISES 2018!...
Rafael Gunnarsson zu „Climax”. Die unwiderstehlichen Abgründe des Gaspar Noé: Zeit, Bild und KulturPort sind sich alle einig? D...
Cornelie Müller-Gödecke zu 100 Jahre Lettland: Handschuh-Daumen hoch: Danke für diesen Artikel!
Und Danke für...

Herby Neubacher zu Peter de Vries – Hut- und Urnenhüllen-Macher: Mal auf die Website des Hutmachers geguckt? 500 E...
Hedi Schulitz zu Thomas Mann Preis 2018 für Mircea Cărtărescu: Was für ein wirklich gut geschriebener Artikel! ...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2015


Bildende Kunst

Michael Jäger und Wilhelm Mundt: „Jetzt nicht“

Drucken
(203 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Donnerstag, den 26. Juli 2012 um 07:02 Uhr
Michael Jäger und Wilhelm Mundt: „Jetzt nicht“ 4.5 out of 5 based on 203 votes.
Michael Jäger und Wilhelm Mundt: „Jetzt nicht“

Die Doppelausstellung von Michael Jäger und Wilhelm Mundt „Jetzt nicht“ in der Kirche St. Petri zu Lübeck zeigt Hinterglasmalereien von Michael Jäger und Skulpturen von Wilhelm Mundt.
Jägers explodierende Farbkompositionen korrespondieren mit Mundts auf dem Boden liegenden monochromen Objekten aus poliertem Aluminium. Eine effektvolle Symbiose, die den weißen Innenraum der Kirche erstrahlen lässt.

Die Hinterglasmalerei, häufig als bäuerliche Volkskunst belächelt, hat eine Jahrhundert alte Tradition, die auf die Antike zurückgeht und sich durch alle kunsthistorischen Epochen zieht. Jäger erweckt diese alte Kunstform zu neuem Leben und stellt sie in einen modernen Kontext. Seine leuchtenden, farbintensiven Figurationen sind sozusagen die zeitgenössische Variante der tradierten Hinterglasmalerei mit ihren häufig sakralen Motiven.

Der in Köln lebende Künstler hat anlässlich der Ausstellung in Lübeck sechs, etwa 60 x 280 cm hohe abstrakte Hinterglasbilder konzipiert. Eine wichtige Komponente war für ihn das Zusammenspiel, der Dialog von Kirchenraum und Bildern. Wie ist die visuelle Präsentation der Exponate? Harmonisieren Raum und Malerei miteinander? Oder divergieren sie?

Seine abstrakten Kompositionen bestehen aus geometrischen Mustern von Rechtecken und Rauten, Gittern und Streifen, die er mit kräftigen Farbflächen und -schleifen kombiniert. Mit Lack- oder Ölfarben auf Acrylglaspaneele aufgetragen, bleiben die spiegelverkehrt von vorn nach hinten konstruierten Farbgründe entweder sichtbar oder verschwinden hinter vorgelagerten Schichten. Somit ist der erste Farbauftrag zugleich die Sichtfläche des Bildes. Die schmalen Exponate zeigen ein Feuerwerk von Farben, die sich entweder kaskadenartig über die Bildfläche ergießen oder in Flächen von berstender Farbigkeit gefangen sind. Assoziationen an Eva und die Schlange kommen in den Sinn, schlängelt sich doch bei einem Bild eine braun geschuppte Farbschlange aus einem gitterartigen Muster heraus. Neben diesen Abstraktionen sind vier großformatige, monochrome Bilder ausgestellt.

Ein faszinierender Aspekt von Jägers Hinterglasmalereien ist, dass die bis zu 18 aufgetragenen Farbschichten bei Lichteinfall einen tiefgründigen und spiegelnden Effekt auf der Sichtfläche der Bilder erzeugen. Spiegelungen, die den realen Kirchenraum oder Menschen wiedergeben.
Die nach bekannten Musikern benannten Arbeiten hängen nicht, vielmehr lehnen sie an Pfeilern und Wänden des weiß gestrichenen Kirchenraums. Wie Gläubige des Mittelalters, denn zu jener Zeit war der Kirchenraum noch unbestuhlt.

Jäger und sein Kollege und Freund Wilhelm Mundt – beide studierten in den 1980er-Jahren an der Düsseldorfer Kunstakademie – waren bereits auf mehreren Ausstellungen gemeinsam vertreten. Gleichwohl ist die Ausstellung in einer mittelalterlichen Kirche eine Premiere für beide Künstler.

Aus Mundts Werkkomplex „Trashstone“ präsentiert die Schau klein- und großformatige Skulpturen. Darunter sein 1000 kg schweres, silberfarbenes Objekt Nr. 553, welches erstmals in der Kunsthalle Düsseldorf zu sehen war und jetzt den Lübecker Kirchenraum dominiert. Mit seiner zerklüfteten Oberfläche und amorphen Form erinnert der Stein an Findlinge oder an einen vom Himmel gefallenen Meteoriten. Abenteuerlich ist der Herstellungsprozess, denn die Skulpturen sind, wie der Name es bereits verrät, aus Müll hergestellte Produkte. In einem intensiven Arbeitsprozess wird Müll jeglicher Art und Form - bis auf organischen Abfall - nach einem vorher festgelegten Schema durch Pressung komprimiert, gebunden und verklebt. Anschließend mit Lagen von farbigem Kunststoff oder Polyesterharz ummantelt, geschliffen, poliert und mit einer Produktionszahl nummeriert. Letztendlich kann nur der Künstler anhand der Seriennummer feststellen, welche Art von Müll im Inneren verborgen ist.

Im Fall der Lübecker Objekte, sind die „Trashstones“ silberfarben. Nach einem Tauchbad in flüssigem Aluminium, wurden sie anschließend mit der Schleifmaschine bearbeitet und auf Hochglanz poliert. In der kalt-glänzenden Oberflächenstruktur spiegeln sich die Malereien Jägers sowie die Besucher und der Kirchenraum mit seinen Terrakotta-Bodenfliesen, den Fenstern, den hohen Pfeilern und dem Kreuzrippengewölbe. Spiegelungen, die anders als in Jägers Bildern, keine reale Bildwelt, sondern eine irrationale, grotesk verzerrte Spiegelwelt zeigen.

Unwillkürlich stellt sich die Frage, ist Mundt, der bereits 1989 seinen ersten Stein mit der Nummer 001 produziert hat, im Sinne der akademischen Bildhauerkunst ein Bildhauer? Nicht natürliche Gesteinsarten wie Sandstein oder Marmor stehen für ihn im Fokus, sondern ein aus recyceltem Abfall gefertigter, künstlicher Stein. Ein Stein, der eigentlich kein Stein ist. Sein von ihm entwickeltes, gestalterisches Konzept bricht damit alle tradierten Konventionen und revolutioniert die Bildhauerei. Als einer der innovativsten zeitgenössischen Bildhauer erhielt der Künstler 2007 für seine Werkgruppe „Trashstone“ von der Royal Academy in London den Jack Goldhill Award for Sculture.

Der Titel der Doppelausstellung „Jetzt nicht“ ist eine zufällige Wortfindung ohne inhaltliche Relevanz. Man sollte die ironisch gemeinte Titulierung nicht wörtlich nehmen, denn diese Schau ist unbedingt sehenswert. Obwohl Michael Jäger und Wilhelm Mundt unterschiedliche künstlerische Positionen vertreten, stehen die präsentierten Exponate mit ihrer Farbigkeit und ihren facettenreichen Spiegelungen in einem kompositorischen Dialog: Bilder und Objekte von ästhetischer Schönheit, die miteinander kommunizieren.

St. Petri zu Lübeck ist eine der renommiertesten Adressen für zeitgenössische Kunst in der Hansestadt. Mit ihrem 108 Meter hohen Turm überragt die Kirche die mittelalterlichen Häuser an der Obertrave. Im 13. Jahrhundert als Hallenkirche in Backstein errichtet, blickt das Bauwerk auf eine bewegte Vergangenheit zurück: Brände, Einstürze und vor allen Dingen die Bombardierung am Palmsonntag 1942 zerstörten das Kirchengebäude. Bei der Restaurierung der Außenfassade 1962, erhielt der Innenraum einen weißen Anstrich. St. Petri ist heute die Universitätskirche der Universität zu Lübeck. Sie ist zudem ein Ort für kulturelle Veranstaltungen und für Ausstellungen zeitgenössischer Avantgarde und moderner Kunst. Moderne und Mittelalter? Kein Widerspruch, wie die aktuelle Doppelausstellung „Michael Jäger und Wilhelm Mundt - Jetzt nicht“
beweist.


Die Doppelausstellung Michael Jäger und Wilhelm Mundt: „Jetzt nicht“ ist bis zum 26. August 2012 in der Kirche St. Petri zu Lübeck, Am Petrikirchhof 1, 23552 Lübeck zu besichtigen.
Kuratiert von Valentin Rothmaler.
Ein Katalog ist erhältlich.
Öffnungszeiten: Di.-So. von 11 bis 16 Uhr
www.st-petri-luebeck.de


Fotonachweis:
Header: Wilhelm Mundt, „Trashstone“, Aluminium. Foto: Christel Busch
Galerie:
01. bis 03. Blick in die Ausstellung. Fotos: Valentin Rothmaler
04. bis 07. Blick in die Ausstellung. Fotos: Christel Busch
08. v.l.n.r.: Michael Jäger und Wilhelm Mundt. Foto: Christel Busch

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Bildende Kunst > Michael Jäger und Wilhelm Mundt: „Jetzt ni...

Mehr auf KulturPort.De

Biografischer Roman von Jana Revedin: „Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus – das Leben der Ise Frank“
 Biografischer Roman von Jana Revedin: „Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus – das Leben der Ise Frank“



1919 hat Walter Gropius die Kunstschule „Staatliches Bauhaus in Weimar“ gegründet. Obwohl die Bauhaus-Schule nur 14 Jahre bestand, wirkt sie bis in die heut [ ... ]



einfach gut. Design aus Dänemark
 einfach gut. Design aus Dänemark



Design aus Dänemark genießt einen sehr guten Ruf. Den Fragen „warum“ und „was ist einfach und deswegen gut“, geht das Wilhelm Wagenfeld Haus in Bremen  [ ... ]



Der Chor der Hamburgischen Staatsoper: Gute Stücke, gute Arbeit
 Der Chor der Hamburgischen Staatsoper: Gute Stücke, gute Arbeit



Ob Bach, Mozart, Verdi, Wagner, Schumann oder Ruzicka, das Spektrum der Aufgaben erscheint unermesslich und verlangt höchste Flexibilität: Der Chor der Hamburg [ ... ]



Das Bauhaus und seine Frauen. Die Avantgarde war auch weiblich
 Das Bauhaus und seine Frauen. Die Avantgarde war auch weiblich



Walter Gropius, Josef Albers, Lászlo Moholy-Nagy oder Wassily Kandinsky und Ludwig Mies van der Rohe gelten heute als Ikonen des modernen Designs und der Kunst  [ ... ]



Jasper Frederik: Beautiful
 Jasper Frederik: Beautiful



Er ist ein Mysterium – keinerlei Angaben wer sich hinter dem Pseudonym Jasper Frederik verbirgt. Nur so viel lässt sich, trotz intensiver Recherche herausfind [ ... ]



Weihnachtszeit – Messezeit
 Weihnachtszeit – Messezeit



Was, schon wieder Weihnachten? Jedes Jahr das gleiche Erstaunen, der innere Kalender will mit dem äußeren einfach nicht zusammenpassen. Doch wenn mit einem Sch [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.