Neue Kommentare

Stephan Thieken zu Symposium in Weimar: „Wie stabil ist unsere liberale Grundordnung? Internationale Perspektiven zur Zukunft demokratischer Verfassungen“: Dieses Symposium war das furchtbarste welches ic...
Hermann Funk zu Goethe-Institut begrüßt neues „Zentrum für digitale Lexikographie der deutschen Sprache“: Mehr Geld und Infrastruktur für die digitale Lex...
dominique zu Ennio Morricone: Farewell-Tour 2019: hallo, frau reichhardt.
vielen herzlichen d...

Morten Hansen zu „The Favorite – Intrigen und Irrsinn”. Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo : Zehn Oscar-Nominierungen? Da habt Ihr uns ja gena...
Peter Schmidt zu Hamburger Autorenvereinigung: Erinnern und Gedenken – zum 27. Januar 2014: Stadthaus- Gedenkstätte? Da fragt man sich heute...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2015


Bildende Kunst

Ilya Kabakov: Eine Rückkehr zur Malerei

Drucken
(95 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Samstag, den 18. Februar 2012 um 08:03 Uhr
Ilya Kabakov: Eine Rückkehr zur Malerei 4.6 out of 5 based on 95 votes.
Ilya Kabakov: Eine Rückkehr zur Malerei - Sprengel Museum Hannover

Das Sprengel Museum in Hannover stellt erstmals das malerische Werk des mit zahlreichen Ehrungen ausgezeichneten Künstlers Ilya Kabakov aus. Sein Thema ist die Zeit des Totalitarismus in der Sowjetunion.
Gleich neben der Eingangshalle des Museums werden drei riesige, in dunklen Farben gehaltene Tableaus präsentiert, auf denen Kabakov vielfach ineinander verschränkte und unterschiedlich fokussierte imaginierte Szenen von den Feierlichkeiten zur Verleihung des „Premium Imperiale“ 2008 in Japan darstellt. Dabei spart er, wie auch in manch anderen seiner Bilder, die Mittelzone aus, verlegt das Geschehen in die Ecken und in die Nähe der Ränder. Er kehrt damit die Erfahrung um, dass in der Mitte gemeinhin eine besondere Raumtiefe wahrgenommen wird. Der Künstler weiß, dass eine Bildmitte, die nichts zeigt, einen irrationalen Stellenwert gewinnt.

„Sie schauen“ nennt Kabakov seinen Gemäldezyklus nach den wenigen erhaltenen Fotografien seiner Familie, greift damit zurück auf die kunstgeschichtliche Tradition der Gruppenbildnisse. Auf einem Bild schweben in geradezu heraldischer Anordnung Porträtköpfe. Die stehenden Figuren „Mutter, Tante Riva, Tante Busia“ auf einem anderen Hochformat sind in Form eines Dreiecks einander zugeneigt und von irritierenden weißen Stufen umrahmt. Über ihnen erscheinen wiederum Personen aus dem Kreis der Familie – aus dem Grün der Landschaft in das Blau des Himmels emporsteigend.

Im Zusammenhang mit dieser Bildfolge sprach Kabakov von den Verlusten, die jede dieser Personen für ihn darstellt. Er wurde 1933 in Dnjepropetrovsk in der südlichen Ukraine als Sohn eines Schlossers und einer Buchhalterin geboren und wurde während des Krieges mit seiner jüdischen Familie ins usbekische Samarkand umgesiedelt. Nach dem Studium in Moskau arbeitete der diplomierte Grafiker als Kinderbuchbuchillustrator; seine eigenen Arbeiten konnte er lange Zeit nur als Feierabendbeschäftigung ausführen. Sein Dachatelier im Zentrum der Hauptstadt wurde alsbald zu einem Anlaufpunkt der abweichenden Kulturszene. 1987 verließ Kabakov das Land freiwillig, lebte zuerst überall in Europa, wohnt seit 1992 mit seiner Frau Emilia auf Long Island in den USA. Die beiden verarbeiten alte Materalien, Dokumente, Zeichnungen und Gemälde in Arrangements und Installationen. Fakten und Fiktionen dienen ihnen dazu, sich des Erinnerns zu gewärtigen.

Mit der zwanzigteiligen Folge „Fliegend“ von 2009, auch sie ist im Besitz des Künstlers, tritt diese Erinnerungsarbeit in eine neue Dimension. Anders als Malewitsch mit seinen weißen Quadraten schätzt Kabakov das Bild-im-Bild-Verfahren: Seine großen Hoch- und Querformate bemalte er mit kleineren Bildern. Die fliegen seitlich, drehen sich in der weißen Leere, manchmal verblassen sie oder lösen sich gar auf im weißen Raum. Dargestellt sind Heroen und gestählte Sportler, werkelnde Hausbesorger, lächelnde Kinder, wohlfrisierte Frauen, glückliche Alte – das Paradiesversprechen eines sozialistischen Optimismus, der offiziell Realismus genannt wurde.

In dieser fein arrangierten, sehr sehenswerten Ausstellung werden auch Gemälde aus früheren Zeiten präsentiert. Etwa jenes im konstruktivistischen Stil gehaltene, die von Cézanne inspirierte Landschaft oder der hochzuziehende Kommunalwohnungskomplex mit den Versprechen der Baubrigaden und applizierten Schaufeln. Manchmal taucht auf Bildern die gewöhnliche Stubenfliege auf, mal winzig, mal in hundertfacher Vergrößerung. Kabakov weiß, dass „Fliege sein bedeutet, nicht jemand zu sein, es bedeutet, sich in einem besonderen Zustand zu befinden“.

Sprengel Museum, Kurt-Schwitters-Platz, 30169 Hannover. www.sprengel-museum.de
Bis 29. April. Der im Kerber-Verlag erschienene Katalog kostet im Museum 29 Euro.

Fotonachweis: Alle Ilya Kabakov © VG Bild-Kunst, Bonn 2012
Header Detail aus: "Sie schauen #1", 2010, Öl auf Leinwand, 172 x 284 cm. Sammlung Kabakov
Galerie:
01. - 02. Installationsansichten - Ilya Kabakov. Foto: Michael Herling / Aline Gwose, Sprengel Museum Hannover
03. "Sie schauen #2", Mutter, Tante Riva, Tante Busia, 2010, Öl auf Leinwand, 284,5 x 175 cm. Sammlung Kabakov
04. "Gemälde mit Tür #1", 2010, Öl auf Leinwand, 71 x 174 cm, Tür: 205 x 89,5 cm. Sammlung Kabakov
05. "Der Fischer", 2009, Öl auf Leinwand, 123 x 138,5 cm. Sammlung Kabakov
06. "Satellit über der Landschaft", 2002, 112 x 56 x 20 cm, Plexiglashaube: 96,5 x 42 x 37 cm, Objekt: 159 x 80 x 80 cm. Sammlung Kabakov
07. "Meines Vaters Haus", 2002, 144 x 114,5 x 48 cm, Plexiglashaube: 134,5 x 107 x 63,5 cm, Objekt: 159 x 80 x 80 cm. Sammlung Kabakov
08 - 10. Installationsansichten - Ilya Kabakov. Foto: Michael Herling / Aline Gwose, Sprengel Museum Hannover

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Bildende Kunst > Ilya Kabakov: Eine Rückkehr zur Malerei

Mehr auf KulturPort.De

Vladyslav Sendecki & Atom String Quartet: Le Jardin Oublié/My Polish Heart
 Vladyslav Sendecki & Atom String Quartet: Le Jardin Oublié/My Polish Heart



Das Jahr mit ein paar Tüpfelchen aus anderen Musikstilen zu bereichern, das passt gut in unsere Zeit. Vladyslav Sendecki, Pianist der NDR-BigBand, versucht, mit [ ... ]



Heimat, Gefangenschaft, Freiheit. Verdis Freiheitsoper Nabucco in der Neuinszenierung von Kirill Serebrennikov
 Heimat, Gefangenschaft, Freiheit. Verdis Freiheitsoper Nabucco in der Neuinszenierung von Kirill Serebrennikov



Am 22. August 2017 lässt das Ermittlungskomitee der Russischen Föderation den Theater-, Kino-, Opern- und Ballettregisseur Kirill Serebrennikov wegen des „Ve [ ... ]



15 kurze Fragen an Nesrine Belmokh
 15 kurze Fragen an Nesrine Belmokh



Jazz und Chanson, Soul und Pop, World und traditionelle arabische Musik: Die Klänge des Trios NES sind so vielfarbig, dass sich keine Schublade für eine Katego [ ... ]



„Frühes Versprechen”. Romain Gary und die monströse Liebe einer Mutter
 „Frühes Versprechen”. Romain Gary und die monströse Liebe einer Mutter



Er war Schriftsteller, Kampfflieger für die Luftwaffe der France libre, Generalkonsul in Los Angeles, Filmregisseur und Ehemann von Jean Seberg: Romain Gary (19 [ ... ]



Heinrich Reinhold – Der Landschaft auf der Spur
 Heinrich Reinhold – Der Landschaft auf der Spur



Es mag am Geist dieser Zeit liegen, dass wir uns wieder verstärkt dem Biedermeier zuwenden. Die Sehnsucht nach Frieden und Besinnlichkeit nimmt Allerortens zu,  [ ... ]



Cæcilie Norby: Sisters in Jazz
 Cæcilie Norby: Sisters in Jazz



Die US-amerikanische Schauspielerin Katherine Hepburn sagte den schönen Satz: „Frauen von heute warten nicht auf Wunder – sie inszenieren sie selbst!“ Das [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.