Neue Kommentare

Maggie zu Walter-Kempowski-Literaturpreis 2019: Guten Abend,
Gibt es denn schon irgendeine...

Lothar Segeler zu Filmtonschaffende erstmals als Urheber*innen an Kinoerlösen beteiligt: Großartig - wie lange haben wir darauf gewartet!...
Alf Dobbertin zu Henri Bergson: Die beiden Quellen der Moral und der Religion: Ein großes Lob dem Rezensenten Stefan Diebitz, d...
Maximilian Buchmann zu „Apocalypse Now - Final Cut”. Der Höllentrip des Francis Ford Coppola: Uff! Nur heute im Kino? Hoffentlich bekomme ich n...
Klaus Schöll zu Am 12. Juli 2019 wird die James-Simon-Galerie eröffnet – in Anwesenheit von Bundeskanzlerin Angela Merkel: Ich finde das die Treppe zur James-Simon-Galerie ...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Bildende Kunst

„Zur Nachahmung empfohlen – Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit“

Drucken
(94 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Samstag, den 08. Oktober 2011 um 09:31 Uhr
„Zur Nachahmung empfohlen – Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit“ 4.6 out of 5 based on 94 votes.
„Zur Nachahmung empfohlen – Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit“

„Nur noch kurz die Welt retten“, Tim Bendzkos Rap ist nicht allein wegen der locker flockigen Melodie zum Sommerhit des Jahres geworden.

Der Song trifft den Nerv unserer Zeit: Eine Klimakatastrophe jagt die nächste, wer wünschte sich da nicht einen Supermann, der die Erde bewahrt. Es gibt allerdings auch Möglichkeiten, selbst etwas zu tun. Wie, das zeigt die Ausstellung „Zur Nachahmung empfohlen – Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit“ in der Hamburger HafenCity.

Das Fahrrad ist verrostet und die Waschmaschine stammt aus vordigitaler Zeit. Doch beides zusammen funktioniert. Die „Pedal powered Waschmaschine“ (2002) von Christian Kuhtz ist eine echte Provokation in der schicken HafenCity. Auf der einen Seite der neuen Osakaallee wachsen sündhaft teure Betonkötze in die Höhe, die beanspruchen, nach ökologischen Gesichtspunkten errichtet worden zu sein, auf der anderen Seite demonstriert diese kleine Maschine, was Nachhaltigkeit tatsächlich heißt: Mit Hilfe eines schrottreifen Fahrrads genug Strom zu erzeugen, um eine altersschwache Waschmaschine anzutreiben. Kuhtz, der geniale Erfinder aus Kiel, hat sich seit den frühen 70er-Jahren einem energie- und ressourcenschonenden Leben verschrieben. Mit seinen urigen Windrädern für Selbstverssorger ist der alternative Ingenieur und Designer mittlerweile über Schleswig-Holsteins Grenzen hinweg bekannt. Vor allem aber durch seine „Einfälle statt Abfälle“-Reihe, in denen er selbstgezeichnete Bauanleitungen für Laien vertreibt. Statt mit Patenten Geld zu scheffeln, macht er seine nützlichen Erfindungen zum Allgemeingut: „Zur Nachahmung empfohlen“.
Allein diese Aufforderung weist daraufhin, dass es sich nicht um eine der üblichen Ausstellungen handelt. Normalerweise erhält die Kunst ihren Wert durch ihre Einmaligkeit. Die von Adrienne Goehler vereinten 40 kreative Köpfe rund um das Überseequartier treibt jedoch etwas ganz anderes um: Die Sorge um den Zustand der Welt.

Goehler, den Hamburgern noch gut in Erinnerung als streitbare Präsidentin der Hochschule für bildende Künste, engagiert sich seit ihrer Zeit bei den Grünen für Nachhaltigkeit. Warum also nicht Kunst und Umwelt zusammenbringen? „Künste und Wissenschaften sind Geschwister, die allmählich begreifen könnten, was sie aneinander haben, statt sich unentwegt voneinander abzugrenzen“. Wie wenig Bewusst dafür vorhanden ist, erfuhr sie auf der Suche nach Unterstützung: „Die Umwelt-Stiftungen sagten, mein Projekt sei Kunst. Die Kunststiftungen meinten, es gehört in die Abteilung Umwelt“. Erklärtes Ziel ist deshalb ein eigener Fonds, um Querdenker zu fördern, die ansonsten durch alle Raster fallen. Das Nürnberger Duo Zwischenbericht mit ihrer Trinkwasseraufbereitungsanlage zum Beispiel. Oder die Koreanerin Jae Rhim Lee, die Menschen, diese „Sondermülldeponien auf zwei Beinen“ (Goehler), mit Hilfe eines hybriden Pilzes nach ihrem Tod in nutzbares Biomethangas und sauberen Kompost umwandeln will.

„Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“, erkannte schon der Künstler Francis Picabia. Das wird gerne vergessen. Stattdessen Schubladendenken und immer weitere Spezialisierungen. Doch Adrienne Goehler will die Welt nicht mehr den Experten überlassen. Auf keinem Gebiet: Was dabei rauskommt, hätte man ja gesehen: Beim Umweltgipfel in Kopenhagen, bei der Finanzkrise, bei der PISA-Studie. Stattdessen setzt sie auf die „Entfesselung der Phantasie“ – und auf Leute wie Richard Box, der auf verblüffende einfache Weise Elektrosmog sichtbar macht: Er steckte 1300 Leuchtstoffröhren unter einer 440-Kilovolt-Hochspannungsleitung in gleichmäßigem Abstand 10 cm tief in einen Acker – und sie begannen wie von Zauberhand zu leuchten.
Box und all die anderen arbeiten interdisziplinär, sind auch Biologen, Physiker oder Ingenieure – so, wie einst Leonardo Da Vinci Maler, Bildhauer, Architekt, Anatom, Ingenieur und Philosoph in einer Person war. An dieses universale Kunstverständnis der Renaissance knüpft das hier versammelte Ideen-Pool an. Und an Umwelt-Pioniere wie Joseph Beuys natürlich, dessen Pflanzaktion „7000 Eichen für Kassel“ (1982-1987) rückblickend ebenso sinnfällig wie notwendig erscheint. Sein Verständnis eines erweiterten Kunstbegriffs ist angesichts des Raubbaus, den wir mit unserer Erde betreiben, aktueller denn je. In diesem Sinne arbeitet Ursula Schulz-Dornburg, die mit ihrer Fotoinstallation „Ewiger Weizen“ darauf aufmerksam macht, dass es vor 100 Jahren noch über 60 000 Weizenrassen gab und Agrochemiekonzerne wie Monsanto heute die Vielfalt auf ein paar Dutzend Sorten reduziert haben. Ihre Profitgier hat Millionen von Bauern in Armut und Abhängigkeit gestürzt.

In diesem Sinne forscht auch Cornelia Hesse-Honegger, die seit 1967 mutierte Insekten malt, die im Labor bestrahlt oder vergiftet wurden. Nach dem Reaktor-Unglück von Tschernobyl begann die Schweizerin 1987 ihre Langzeituntersuchung an Wanzen in radioaktiv verseuchten Gebieten und den Umgebungen von Atomkraftwerken. Das Ergebnis ist erschreckend: 30 Prozent der über 16 000 untersuchten Tiere weisen Schäden auf: Asymmetrische Flügel, deformierte Beine, verkürzte Fühler. Jetzt sind die verkrüppelten Kreaturen in wunderschönen großformatigen Aquarellen zu betrachten.

Vielleicht wird das ja mal unsere schöne neue Welt: Ein Stück intakter Natur in einem gigantischen Glasmuseum. So sieht bereits der finnische Fotograf Illkka Haslo die Zukunft. Doch wenn jeder einzelne bewusster konsumiert, wäre schon viel getan: Wer Nana Petzets wandfüllende Installation mit dem Jahresabfall einer vierköpfigen Familie sieht, geht danach jedenfalls mit anderen Augen durch den Supermarkt.

Bis 30.10. 2011, Di-So 12-19 Uhr, Virginia Haus/Überseequartier, Osakaallee 16-18. Eintritt 5 Euro, erm. 3 Euro, Familienticket 12 Euro. Weitere Infos unter: www.z-n-e.info

Abb.: Petra Maitz: "Lady Musgrave Reef"

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Bildende Kunst > „Zur Nachahmung empfohlen – Expeditionen ...

Mehr auf KulturPort.De

„Paranza – Der Clan der Kinder”. Das Erbe von Berlusconi und Camorra
 „Paranza – Der Clan der Kinder”. Das Erbe von Berlusconi und Camorra



Sie wollen Designer-Sneaker, Motorroller und das schnelle Geld. In ihrer Heimatstadt Neapel ist ein Machtvakuum entstanden, die Bosse der Camorra sind erschossen [ ... ]



Vilnius und die Nutzung postindustrieller Gebäude als alternative Zentren für Kultur und Nachtleben
 Vilnius und die Nutzung postindustrieller Gebäude als alternative Zentren für Kultur und Nachtleben



In den letzten Jahren haben viele osteuropäische Städte Projekte gestartet, um ehemalige Industriegebäude und bislang ungenutzte Flächen in Zentren städtisc [ ... ]



Der öffentliche Raum und seine Nutzungen – Plätze in San Fernando del Valle de Catamarca, Argentinien
 Der öffentliche Raum und seine Nutzungen – Plätze in San Fernando del Valle de Catamarca, Argentinien



Wie sieht es in anderen Ländern mit dem öffentlichen Raum aus? Bei uns gibt es ihn kaum noch, denn jeder freie Quadratmeter wird dem Auto gewidmet. Können wir [ ... ]



Theater-Horror vom Feinsten – „Mummy Brown/Mumienbraun“ der norwegischen Gruppe Susie Wang schockte beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel
 Theater-Horror vom Feinsten – „Mummy Brown/Mumienbraun“ der norwegischen Gruppe Susie Wang schockte beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel



Das Programmheft hat nicht zu viel versprochen: Eine derart blutige, ins Groteske überzogene Horror Picture Show hat man in Hamburg noch nicht geboten bekommen. [ ... ]



Rainer Mausfeld: „Angst und Macht. Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien“
 Rainer Mausfeld: „Angst und Macht. Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien“



Die Zitterpartie der Macht
Welch ein Glück im Unglück. Wie üblich nach einem Zwischenfall auf Leben und Tod so auch diesmal, wie erwartet: Kaum war das Kind  [ ... ]



„I Am Mother” Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo
 „I Am Mother” Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo



Grant Sputores post-apokalyptischer Science-Fiction Thriller „I Am Mother” beginnt als intimes Kammerspiel in einem, hermetisch von der Welt abgeschlossenen  [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.