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Bildende Kunst

André Attias: La vie - das Leben malen

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Donnerstag, den 12. Mai 2011 um 19:10 Uhr
André Attias: La vie - das Leben malen 4.7 out of 5 based on 162 votes.
La vie - das Leben - André Attias

Das malerische Repertoire von André Attias ist weit gefächert. Kein Wunder, denn der 1946 in Marokko geborene Maler schaut auf ein vielfältiges, ereignisreiches und von unterschiedlichen Einflüssen geprägtes Leben.
In Rabat aufgewachsen, verließ die jüdische Familie in den frühen 1960er-Jahren ihre Heimat. Es ging zunächst nach Frankreich, später zog Attias über Israel nach Deutschland. Allein dieser – im wahrsten Sinne des Wortes – wandernde Lebensweg spiegelt sich im Werk des Malers an vielen Stellen der künstlerischen Thematik und in Form zahlreicher Ausdrucksmittel wider.

André Attias ist der europäischen, insbesondere französischen Kunst verpflichtet, man findet aber ebenso deutliche Anzeichen von Einflüssen aus dem Maghreb und dem Orient in der Farbigkeit und Motivwahl.
Europäisch sind die teils kubistisch angelehnten, expressiven, auch abstrahierenden Stilmittel, die der Künstler konsequent, aber nicht plakativ anwendet. Künstlerische Vorbilder sind zwar spürbar, aber nicht übermächtig oder gar aufdringlich.
Orientalisch wirkt in einigen Werken die Palette ungebrochener Farben sowie seine Themenauswahl, die Rückschlüsse auf seine Herkunft zulässt oder sich auch aus dem jüdischen Themenkanon ergibt. Immer wieder sind offene oder versteckte Anspielungen auf Geschichten oder Geschehnissen der Thora zu entdecken. Ein Zyklus beschäftigt sich mit den zwölf Stämmen Israels. Ein weiterer mit Ritualen jüdischer Feiertage, mit Gesetzen und Geboten. So taucht in einigen Bildern ein Hahn auf. Vor Jom Kippur, dem jüdischen Versöhnungsfest, ist es üblich, ärmeren Familien ein Stück Federvieh zu schenken. Es gibt Bilder die israelische Orte oder Gegenden benennen: Golan etwa oder Negev. Es gibt Titel wie „Nefesch“, das hebräische Wort für Seele, Lebewesen oder „Ja’ar“ für Wald.
Immer wieder fokussiert Attias auch rätselhafte, mythologische Bezüge, die möglicherweise kabbalistische Hintergründe haben könnten und seiner Bildsprache eine Tiefgründigkeit vermitteln.

Neben den geistigen Schwerpunkten existieren scheinbar ganz profane und banale Themenbereiche. In den 1980er-Jahren malte André Attias beispielsweise jahrelang über hundert Bilder einer klassischen, italienischen Bialetti-Kaffeemaschine. Obwohl es sich immer um die identisch gleiche Kaffeemaschine handelt, ist keines der Bilder und Zeichnungen wie das andere.
In der gehängten Reihung einer Ausstellung entsteht für den Betrachter ein Sinnbild des täglichen Lebens, das sich jeden Tag neu konstituiert. Auch wenn sich die Maschinen an bestimmten Merkmalen ähneln, entstehen immer wieder neu definierte Sichtweisen und unterschiedliche Zustandsbeschreibungen des Gegenstands. Übertragen auf das Leben heißt das: Kein Tag ist wie der andere, alles erscheint in anderem Licht, Ausdruck, und anderer Stimmung sowie Farbigkeit, wird perspektivisch und formal verschoben und in seinen Sichtachsen immer wieder neu hinterfragt. Das geht soweit, dass regelrecht Metamorphosen entstehen und sich die Kaffeemaschine in andere Gegenstände und Wesen verwandeln kann.

Seine Freude an Maschinen und Technik zeigt sich in verschiedener Weise. In einer Serie beschäftigt sich der Künstler mit Motorrädern, in einer anderen mit Landmaschinen und in wieder einer anderen mit mechanischen „Reibemaschinen“. Letzt genannte sind auch in dieser Ausstellung zu sehen.
Wir alle kennen die Situation in Fußgängerzonen, Passagen, Einkaufszentren oder im Werbefernsehen: Da steht ein Händler, ein Präsenter und verkauft mit vielen Worten, Gesten, Vorführungen und Handgriffen seine Allzweckmaschine. André Attias ziehen diese Vorstellungen an, er stellt sich zu der Gruppe der Zuschauenden und hört gebannt von den verschiedenen Einsatzmöglichkeiten der Vielzweckapparatur, die raspelt, schneidet oder den Obstsaft ausdrückt. Er ist fasziniert von den Einzelteilen und der Struktur dieser Apparaturen.
Aus den Bildern der Vorführung kreiert der Maler dann seine eigenen Maschinen, zeigt in der Serie die Dynamik, die Kraft und ein wenig auch eine humorvolle, augenzwinkernde Seite der Materie. Auch das nicht ganz definierbar Gefährliche des Instrumentariums ist ebenso immer wieder spürbar. Bei seinen Maschinen können durchaus auch mal die Fetzen fliegen. Und genau hier liegt einer der wesentlichen Reize dieser Werke: die Gleichzeitigkeit von verschiedenen Gefühlsstimmungen. Der Grobheit, die durch den malerischen Stil und Duktus veranschaulich wird, steht eine gleichzeitig gedachte funktionale Präzision und Detailfaszination gegenüber, mit der der Künstler seine Atmosphäre schafft.

Der Ausstellungstitel „La vie“ passt deswegen so gut zu der Werkschau im Kunstforum Markert, weil der Gefühlskanon mit dem der Künstler arbeitet und auch wir Betrachter ihn erleben weit gefächert ist und quasi das Leben mit all seinen Facetten, Gegensätzen, Kleinigkeiten und großen Momenten widerspiegelt. Wir stehen vor manchen Werken und müssen über den subtilen verspielten Humor schmunzeln.
Es gibt dann aber auch jene Spannungsbögen, die in seinen Bildern ambivalent sind. Wir wissen nicht so genau, ob es angenehm oder unangenehm werden wird; was sich aus der gespannten Form, aus einer Metamorphose möglicherweise ergeben kann. Explodiert das Ding da gleich, was wie eine Landwirtschaftsmaschine, Kaffeemaschine oder Reibemaschine daher kommt?
Und beim nächsten Bild stehen wir dann vor einem Rhythmus, der wie eine Musik erscheint. „Marokkanischer Gesang“, „Sinfonie“ und „Tanz der Signale“ sind Kompositionen, die uns mitnehmen und auch in uns einen Klang und Töne zum Schwingen bringen.

Den malerischen Duktus, den das Werk auf der Leinwand wiedergibt, findet man auch in den skulpturalen Werken wieder. Zwar durchbricht der Künstler manchmal durch eine sehr strenge, an die feste, geometrische Form angelehnte, monochrome Farbigkeit sein malerisches Konzept, doch durch die spätere Überarbeitung der Oberflächen: Abkratzen, Schleifen, Schmirgeln und Übermalen, gewinnen die maskenartigen Wandskulpturen wieder diesen luftig-malerischen Charme zurück.

André Attias ist ein ausgesprochen versierter Maler. Er kann sehr spontan sein, schnelle malerische und formale Setzungen vornehmen und im nächsten Moment hinterfragt er auch wieder sich selbst, sein Tun und sein Werk. Daher ist es nicht verwunderlich, dass er vermeintlich fertige Werke auch wieder übermalt. Man sieht an den Datierungen einer ganzen Reihe von Bildern, dass er manchmal über Jahre hinweg sich regelrecht an der Kunst und an einzelnen Leinwänden abarbeitet. So entstehen Schichtungen aus Geschichten, Räume aus Rhythmen, Motiven und Farben. Eben genauso, wie das Leben ist.


altAndré Attias: La vie – eine Werkschau
Im Kunstforum Markert
Droopweg 31 in 20537 Hamburg-Hamm
Noch bis 28. August 2011
Öffnungszeiten nach Vereinbarung. Tel.: (04321) 87010
Kuratiert von Claus Friede
Zur Ausstellung ist ein Katalogheft erschienen.
Sonderveranstaltung mit Einführung in die Ausstellung am So. 5. Juni 2011 um 17:30h (geöffnet von 17 bis 21h).

Fotonachweis:
Header: Detail aus „Tanz der Signale“, 1998/2005, Leimfarbe auf Leinwand, 80 x 100 cm
Galerie:
1. „jeux de boules“, 1994, Leimfarbe auf Leinwand, 115 x 90 cm
2. „Golem“, 1993, Leimfarbe auf Leinwand, 185 x 150 cm
3. „Gefäße“, Leimfarbe auf Leinwand,
4. „La mort du poêt“, 2003, Leimfarbe auf Leinwand, 185 x 150 cm
5. „Kartoffelernte“, 2002, Leimfarbe auf Leinwand, 150 x 185 cm
6. Kaffeemaschine „Rosmarie“, 1985, Leimfarbe auf Leinwand, 35 x 30 cm
7. Kaffeemaschine „Johanan“, 1983, Leimfarbe auf Leinwand, 85 x 74 cm
8. „Maske“, 2005, Holz, Leimfarbe, 46 x 25 x 14 cm
9. André Attias in seinem Atelier in Hamburg-Rissen, 2011. Foto: Klaus Markert
Alle Abbildungen © André Attias

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