Bildende Kunst
Gilbert&George

„Denkt nicht an Kunst, denkt an Euch selbst“, lautet die Botschaft von Gilbert & George.
In den Hamburger Deichtorhallen zeigt das zweifellos skurrilste Künstlerpaar der Gegenwart die Monster-Schau „Jack Freak Pictures“: Monströs die Ausmaße der 120 Arbeiten, monströs auch die Inhalte: In ihrer neuen Serie mosaikartiger Rosettenbilder wimmelt es nur so vor Götzen, Gespenstern und Grimassen: Ein Panoptikum der Muster und Ornamente, ebenso grotesk wie amüsant, mit dem sich das schwule Künstlerpaar einen Jux zu machen scheint auf die Ängste und Albträume, die sie quälen. Dieser Werkkomplex ist nichts weniger als ein Abgesang auf alles Weltliche, eine heitere Abrechnung mit Kirche, Staat und Religion. Und mit sich selbst. Denn eines ist klar: Die Körperfetischisten im Rentneralter haben auch mit der eigenen Vergänglichkeit zu kämpfen.

„Wir kochen nicht, wir gehen nicht ins Theater, wir hören keine Musik. Wir vermeiden Einflüsse von außen und verlassen uns ganz auf unseren eigenen Kopf“. Stocksteif sitzen Gilbert und George in ihren maßgeschneiderten Tweed-Anzügen und dezent gemusterten Krawatten nebeneinander. Zwei schrullige ältere Herren, die den Journalisten Rede und Antwort stehen, als hätten sie ihre Rollen einstudiert – mit einer Höflichkeit und einem Understatement, die jedes Klischee des britischen noch Gentleman übertrifft. Doch dann stecken sich die beiden, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, gegenseitig den Finger in den Mund. Verrückt, oder? Nein, für die beiden völlig normal. „Wir tragen mit unserer Kunst dazu bei, die Welt auf eine andere Art und Weise zu sehen“, erklärt Gilbert mit der freundlich undurchsichtigen Mine eines Butlers. „Und das Schöne ist: Unsere Kunst ist lesbar. Jeder versteht sie“.

Seit sich Gilbert & George 1967 als Studenten begegneten, inszenieren sich die beiden Künstler als Kunstwerke, genauer gesagt als „Lebende Skulpturen“. Unvergessen ihre frühen Performances, in denen sie stundenlang mit bronzenen Gesichtern auf Sockeln posierten. Der internationale Durchbruch kam später mit riesigen, schwarz gerasterten Fotomontagen, die mit ihren hell leuchtenden Farben an Glasmalereien und Kirchenfenster erinnern.

Amüsiert erinnert sich George noch an die erste Ausstellung in der Galerie Konrad Fischer in Düsseldorf, 1970. Die Eröffnung sei ein großer Erfolg gewesen, erzählt er, dennoch hätte der Galerist am nächsten Tag ausnehmend schlechter Laune gehabt. Auf seine Frage nach dem Grund hätte Fischer geantwortet: „Die Putzfrau mag Eure Arbeiten“. Was heute für allgemeine Heiterkeit sorgt, war vor 40 Jahren für ehrbare Galeristen durchaus ein Grund zum (Ver-)Zweifeln: Kunst war damals nur etwas für Intellektuelle. „Art for all“, wie Gilbert und George sie forderten, galt als suspekt und wertlos. „Farbe war ein Tabu. Figur war Tabu. Gefühle waren Tabu“, so George. „Unsere Kunst galt damals als absurd“.

Aber nicht lange. Gilbert & George erweiterten die Grenzen der Kunst immer wieder – Thematisierten Rasse, Religion, Geld und Sex, inklusive sämtlicher Körperöffnungen und -Ausscheidungen und erfanden sich dabei stets neu. Die exzentrischen Briten schufen in 40 Jahren einen eigenen Kunstkosmos, der sich einzig und allein um ihrer Gefühle und Befindlichkeiten dreht.

Selbstredend sind G&G auch in der neuen Serie die Hauptdarsteller: Verzerrt und verfremdet in deformierte Köpfe und Körperteile. Oder als tanzende Marionetten, behängt mit Orden und Medaillen. Union Jack, die britischen Nationalfahne, ist dabei immer gegenwärtig: Als rot-weiß-blaues Muster, Emblem oder Ganzkörperkostüm. Der „Freak“, der Sonderling, sei zuerst dagewesen, erzählen G&G, dann wäre erst Jack, „das Kreuz, die Kreuzigung“ hinzugekommen. Wobei sie betonen, dass „Jack“ in der englischen Umgangssprache die unterschiedlichsten Konnotationen hat, auf die sie ebenfalls anspielen. Beispielsweise „Jack off“ (vulgär für ornanieren) oder „Jacksie“ (vulgär für Hinterteil).

Wie beim Kaleidoskop die Mosaike, so schüttelt das Duo in seinem neuen Werkkomplex Gefühls- und Bedeutungsebenen durcheinander. Man kann sich amüsieren oder in den Abgründen verlieren, die Ornamentik bewundern oder einen Trip ins Unbewusste antreten, der schon fast transzendentale Züge hat. Dennoch, auch das muss gesagt werden, wirkt der Gesamteindruck der 120 Arbeiten fast ein wenig eintönig. Bei allem Respekt vor der enormen Produktivität und Vielfalt: Die ständig neuen Spielarten von Deformationen und Maskeraden verlieren irgendwann ihren Reiz. Man sieht sich satt. Spätestens nach der 40. Variante.


"Jack Freak Pictures", noch bis 22.5.2011 in den Deichtorhallen Hamburg, Deichtorplatz, 20095 Hamburg.

Fotonachweis:
Headerfoto: Isabelle Hofmann

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