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Bildende Kunst

Kunst gegen Gewalt; die kolumbianische Künstlerin Doris Salcedo in der Kunsthalle St. Annen

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Dienstag, den 10. September 2019 um 07:41 Uhr
Kunst gegen Gewalt; die kolumbianische Künstlerin Doris Salcedo in der Kunsthalle St. Annen 4.4 out of 5 based on 73 votes.
Kunst gegen Gewalt-die kolumbianische Kuenstlerin Doris Salcedo in der Kunsthalle St Annen

Eine „der bedeutendsten Künstlerinnen des 21. Jahrhunderts“ – Kurator Oliver Zybok lehnte sich ziemlich weit aus dem Fenster, als er die kolumbianische Künstlerin Doris Salcedo anpries, die in diesem September den erstmals verliehenen internationalen Kunstpreis der Possehl-Stiftung bekommt und in der Kunsthalle St. Annen Lübeck mit einer großzügigen Werkschau vorgestellt wird.

Salcedo, geboren 1958 in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá, thematisiert in ihren raumgreifenden Installationen Gewalt jeder Art, besonders aber gegen Frauen; und natürlich steht jener blutige Bürgerkrieg, der seit vielen Jahrzehnten ihre Heimat gefangen hält, im Mittelpunkt ihrer Arbeiten. Dabei versteht sie sich nicht als Einzelkämpferin, sondern als Teil eines Ensembles, und legt Wert darauf, zahlreiche andere Menschen in ihre Projekte einzubinden – in Projekte, die sie zwar leitet, aber eben nicht alleine realisiert. „Das bin nicht ich“, sagt Salcedo selbst über eines ihrer Projekte in einem Interview, das man im Katalog findet, „es ist zu hundert Prozent eine kollektive Arbeit.“

Das Ergebnis ist eine sehr puristische und zusätzlich erklärungsbedürftige Kunst. Puristisch, denn alle Arbeiten konzentrieren sich auf einzige Symbolik; erklärungsbedürftig, denn kaum etwas wird der Betrachter ohne Hilfe verstehen können. Und nicht allein der Europäer.

Zum Beispiel „A flor de piel“, Schon der spanische Titel der Arbeit deutet eine große Emotionalität an (die Nerven liegen blank…), und wirklich handelt es sich um eine Installation, die die Leiden einer zu Tode gefolterten Krankenschwester darstellt – nein, nicht darstellt, sondern thematisiert. Es sind Tausende von behandelten Rosenblättern, die von Salcedos Mitarbeiterinnen zusammengenäht wurden und an die menschliche Haut und die Qualen einer Frau erinnern sollen. In Lübeck nimmt diese Haut aus Blüten einen ganzen großen Raum ein, in Wellen und Falten niedergelegt auf dem Boden.

Ähnlich steht es um „Plegaria muda“, der „stillen Fürbitte“. Dabei handelt es sich um aufeinandergelegte Tische, als habe jemand diese Möbel nach dem Ende des Unterrichts oder in einem Restaurant aufgestellt, um unter ihnen den Boden wischen zu können. Tatsächlich aber symbolisieren diese Tische – in der Broschüre der Possehl-Stiftung als „sarg-groß“ bezeichnet – das Leiden uns unbekannter Menschen aus Los Angeles. Und die Installation bringt noch zusätzlich die Hoffnung ins Bild, denn eine dünne Schicht Erde zwischen den Tischplatten lässt Gras emporwachsen. Aber von der Erde muss man hören oder lesen – sehen kann man allein das feine Gras.

„Disremembered“ zeigt zarte Stoffe aus Rohseide, die insgesamt 12.000 Nadeln enthalten, die von Salcedos Mitarbeiterinnen eingesetzt wurden – eine Art Nessos-Hemd, das die Qualen symbolisieren soll, die Mütter von ermordeten Kindern erleiden mussten. Der Titel deutet daraufhin, dass den jugendlichen Opfern von Gewaltverbrechen in Chicago die Anerkennung durch den Staat verweigert wurde. Salcedo, zu deren sehr ernsthaften Herangehensweise Erforschungen aller Art gehören, hat mit betroffenen Müttern Interviews geführt. Spontan oder gar leichtfertig ist an ihren Arbeiten wenig bis nichts. Allerdings weiß ich nicht, in welcher Weise die Interviews Eingang in ihre Kunst gefunden haben. Hätten nicht alle Projekte ohne derartige Interviews ebenso aussehen können? Was hatte sich verändert?

„Thou-Less“ – der Titel ist altenglisch und bedeutet „Ohne Dich“ – erinnert an einen terroristischen Überfall auf das Justizgebäude von Bogotá im Jahr 1985. „Bereits im Jahr 2002“, so lese ich in der Broschüre der Possehl-Stiftung, „ließ Doris Salcedo zur Erinnerung an die Todesopfer ab der Uhrzeit der Ermordung des ersten Opfers für jeden getöteten Menschen einen Stuhl an der Fassade des mittlerweile abgerissenen und neu aufgebauten Justizgebäudes hinabgleiten.“ In Lübeck kann man nun Stühle aus Metall anschauen, die kunstvoll mit einer holzähnlichen Maserung versehen und in ähnlicher Weise wie die Tische aufgestellt sind. Aber ohne den Kommentar stünde man auch dieser Arbeit ratlos gegenüber; von sich aus spricht nichts zum Betrachter. Erst der Blick in den Katalog oder in die Broschüre der Possehl-Stiftung informiert über die Zusammenhänge.

Auch „Tabula rasa“ bleibt ohne Erklärungen stumm. Es handelt sich dabei um die titelgebende Arbeit, die man im Erdgeschoss anschauen kann – es sind Tische, die an die von Folter und Vergewaltigungen begleitete Verhöre erinnern sollen. Sie wurden zerstört und wieder neu zusammengesetzt – das soll symbolisieren, das keine Gewalttat jemals ungeschehen gemacht werden kann. Spuren hinterlässt ein solches Geschehen immer.

Bei der Präsentation der Ausstellung wurde wiederholt an Jonathan Meeses Riesenausstellung im Frühjahr erinnert. Meese hatte, von Fernsehkameras verfolgt, seinen Kram einfach so verteilt, nicht ohne zu erläutern, dass es nicht darauf ankomme, was wo hing. Hauptsache, es war irgendwie Kunst. Salcedo dagegen hat jedes Kapitel ihrer Ausstellung sorgfältig geplant und vorbereitet, und so war und ist überhaupt nichts spontan. Auch stand der aufdringlichen Egozentrik des Ahrensburger Meisters die zurückhaltende Bescheidenheit der sehr ernsten kolumbianischen Künstlerin sympathisch gegenüber. Für mich ist es nur ein wenig merkwürdig, dass von den Ausstellungsmachern – es waren praktisch dieselben Leute – ein Zusammenhang hergestellt wurde, als seien es ganz ähnliche Vorhaben, die nacheinander am selben Ort präsentiert wurden. Auf beiden Ausstellungen und dem von ihnen erreichten Niveau lasse sich aufbauen, versicherte Frau Mählmann, die Leiterin der Kunsthalle. Nun, auf Salcedos Projekten vielleicht schon; im Zweifel ist es ein Schritt in die richtige Richtung.

„Doris Salcedo – Tabula Rasa“

zu sehen bis zum 3. November in der Kunsthalle St. Annen, Lübeck.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 – 17 Uhr
Katalog: Doris Salcedo Tabula Rasa. Herausgegeben im Auftrag der Possehl-Stiftung von Oliver Zybok. Verlag der Buchhandlung Walther König
- Weitere Informationen zur Ausstellung und zum Rahmenprogramm
- Weitere Informationen zum Kunstpreis der Possehl Stiftung


Abbildungsnachweis:
Header: (links) Doris Salcedo: A Flor de Piel, 2013-2014, Kunsthalle St. Annen, Lübeck 2019. Foto: Stefan Hirtz (
rechts) Doris Salcedo, 2015. Foto. David Heald. © the artist. Courtesy White Cube
Galerie:
01. A Flor de Piel, 2011-2012, Rose petals and thread. © the artist. Courtesy White Cube
02. und 03. Plegaria Muda, 2008-2010, Wood, mineral compound, cement and grass
Dimensions variable. © the artist. Courtesy White Cube. Foto2: Stefan Hirtz
04. Disremembered VIII, 2016, Sewing needles and silk thread. © the artist. Courtesy White Cube
05. Thou-Less, 2001-2002, Kunsthalle St. Annen, Lübeck 2019. Fotos: Stefan Hirtz
06. Tabula Rasa I, 2018, Wood. © the artist. Courtesy White Cube

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