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Bildende Kunst

Axel Loytved: „Blockchain”

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Donnerstag, den 22. November 2018 um 08:27 Uhr
Axel Loytved: „Blockchain” 4.1 out of 5 based on 110 votes.
blockchain Axel Loytved foto volker renner

Der Titel „Blockchain“ ist irreführend und macht außerdem gleich zu Anfang klar, was mein Problem gerade ist: Denn es ist natürlich ein bisschen merkwürdig, wenn ein Laie wie ich, in einer Firma wie die PPI AG, die sich u.a. mit Datenverschlüsselung und elektronischer Buchführung befasst, eine Ansprache hält zu einer künstlerischen Intervention, die aus „kaputten“ Daten entstanden ist, deren „Kaputtheit“ aber eben vom Künstler Axel Loytved zu neuer, abstrakt ornamentaler Bildhaftigkeit umgedeutet wurde. Und nun auch noch „Blockchain“ heißt.

Ich werde also vor allem Ungenauigkeiten im allgemeinen Sprachgebrauch folgen, und dieser Titel ist ein guter Anfang weil „Blockchain“ ist eben ein „falscher“ Titel, weil diese Folien auf Wand nichts mit kryptographischen Verfahren, Streuwerten, Zeitstempeln und Transaktionsdaten zu tun haben.
Nein – auch nicht entfernt.

So etwas wie ein „falscher“ Titel kann passieren und liegt vor allem daran, dass man bei der Namensgebung von Schiffen, Kindern und auch Kunstwerken sich von seinen Gefühlen leiten lässt und nicht von Logik. Was meistens auch gar nicht anders zu machen ist, denn Kinder z.B. können nicht nach vorne in die Zukunft hinein entschlüsselt werden, so dass man den präzisen Namen für sie festlegen kann, und von Kunstwerken weiß man anfangs auch noch nichts über ihre Wirksamkeit.
Es gibt außerdem tatsächlich Titel die wirksamer sind, als z.B. das Buch welches sie betiteln. Der Roman „Die Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss ist so ein Titel, der ungeahnte Gefühle und Empathie auslöst, wirklich gelesen haben die rund 1000 Seiten nur sehr wenig Menschen... auch dieser Titel ist also in gewisser Weise „falsch“, weil er die Erwartungen der Leser nicht erfüllt, die das Buch bald weglegen, sich den Titel aber für immer merken.

Dieser spezielle Titel „Blockchain“ wurde „falsch“, weil wir (also der Künstler Axel Loytved, Sebastian Reuss und ich) stark fasziniert waren von der inhaltlichen Spannung die wir zwischen der datenpflegerischen Tätigkeit der PPI-AG in Hamburg und den kaputten Daten sahen, (allerdings kann strenggenommen keine Firma mit kaputten Daten etwas anfangen) – nur Künstler können mit kaputten Sachen oder Daten produktiv weiterarbeiten.

Was klebt an der Wand?
Ich habe mir im Vorfeld noch mal erklären lassen, dass kaputte Daten, wirklich kaputt sind, d.h. wenn ich mit einem Laster über meinen Computer fahre, sind die Daten hinterher nicht verschlüsselt, sondern kaputt. Ich hatte mir das fast gedacht, aber es ist besser man lässt sich das noch mal erklären. Etwas vergleichbares ist mit diesen schwarzen Klebefolien passiert, denn die Formen entstanden aus Überresten von Wandtexten, wie sie z.B. in Museen am Anfang des Ausstellungsrundgangs an der Wand kleben. Irgendwer muss diese Folien aufkleben und vor der nächsten Ausstellung auch wieder abknibbeln. Der Künstler Axel Loytved hat Zwischenstadien des Abknibbelns solcher Textflächen fotografiert – also zerstörte, kaputte Texte – und sie dann nach Gutdünken, (Gutdünken, Willkür oder Ideenflucht gehören zu den besonderen Fähigkeit von Künstlern, die allerdings stark anfällig sind für Irritationen)... also, Axel Loytved hat die Fotos nach Gutdünken durch allerlei Bildprogramme gejagt hat, was auch die sonderbar feinen Ziselierungen der Ränder der Folien erzeugte.

So kommt es nun zu diesen neuen Klebefolien, denen man gerade noch ansehen kann, dass es sich vermutlich um lateinische Buchstaben gehandelt haben muss, und nicht etwa um QR-Codes oder Blümchentapete. Es bleibt aber dabei – diese Daten sind kaputt, denn es gibt keinen Schlüssel für sie. Es würde sehr viel restauratorische, archäologische Arbeit erfordern den Ur-Text dieser Grafischen Elemente wieder lesbar zu machen und darum geht es auch nicht. Sehr viele Museumstexte sind außerdem so schlecht geschrieben, dass man gar nicht versuchen sollte sie wieder lesbar zu machen.
So sind diese Bilder also aus kaputtem Ausgangstext erzeugt. Sie könnten vielleicht Teil einer steganografischen, geheimen Informationsübermittlung sein. Bei der Steganografie werden Informationen in Bildern versteckt, mir ist für diese Klebefolien auf ihren Wänden allerdings ebenfalls kein Schlüssel dieser Art bekannt.

Es ist grundsätzlich so, dass für Kunstbetrachtung und Kunstbewertung kein Schlüssel existiert, es gibt keine Möglichkeit die Wirksamkeit von Kunst „diskret“ zu beschreiben, weshalb Bilder eben gerade ein gutes Versteck für diskrete Informationen sein können, weil alle Welt übereinstimmt in der Annahme, dass Kunst keine Kryptografie ist – was zweifellos richtig ist.
Meistens sind Bilder nur Bilder und keine steganografischen Koffer für andere Informationen.

Verbergen tut Kunst natürlich doch etwas, es reicht, um uns immer sofort misstrauisch zu machen, ob es sich überhaupt um Kunst handelt. Eben weil es keinen Schlüssel gibt, kann das abschließend niemals geklärt werden und was eine Generation für höchste Kunst hielt, wird nach wenigen Jahrzehnten z.B. als Kitsch abgetan. Kunst hat also etwas mit Vertrauen zu tun, man vertraut hier einem Geheimnis welches sich nicht entschlüsseln lassen kann, anders als bei Datenverschlüsselung, deren Geheimnisse natürlich entschlüsselt werden müssen, aber eben nur von Personen denen man vertraut.

Wenn man hier sprachlich genau wird, kann man bei elektronischer Datenübertragung nicht von „Vertrauensverhältnissen“ sprechen, sondern kann nüchtern nur von „Autorisierungsverhältnissen“ sprechen. Denn jemandem zu „vertrauen“ im empathischen Sinne ist zu einem hohen Grad von Enttäuschung bedroht, eine Autorisierung hingegen, ist gegen die ausführenden Personen neutral – sie sind lediglich autorisiert, ob die Personen dazu geeignet sind, ob sie die Autorisierung verstehen und sinnvoll gebrauchen, steht auf einem anderen Blatt, und kann von der Kryptografie nicht beantwortet werden.
Ob Daten zur Zündung einer Atomrakete übermittelt werden oder nur meine Steuererklärung ist völlig egal – also ohne jedes moralische, ethische Problem – Hauptsache die Daten kommen vollständig an und bei der richtigen Stelle.

Wenn das fehlt, also diese unergründlichen und unendlichen feinen Schattierungen moralischer Integrität, nähert man sich den Sphären »diskreter Beschreibungen«, also präzise, genau, unmissverständlich und ohne jedes soziale oder asoziale Wimpernzucken.
„Diskretion“ ist bekanntlich auch ein Wort aus dem Alltagswortschatz und wird genauso „falsch“ verwendet wie das Wort »vertrauenswürdig« in meinem Mailprogramm. Ob ich der Person der ich die Mail sende vertraue, ist, wie schon gesagt, gar nicht die Frage, ich möchte nur sicher gehen, dass nur diese bestimmte Person eine Nachricht bekommt und nicht alle möglichen anderen auch.

Um diskret beschreibbar zu sein, muss es verschwiegen, abgesondert und vor allem zählbar sein. Eine »indiskrete« Mathematik gibt es nicht. Wohl aber soziale Indiskretion – ganze Zeitschriftenkonzerne leben nur dafür – also von unsrer Gier nach Indiskretion und Geheimnisverrat. Das ist also eine ganz besonders tolle, sehr starke Bedeutungsverschiebung des Wortes »diskret«, was alltagssprachlich »geheim« bedeutet und fachsprachlich „zählbar“.

Ich hatte es schon kurz erwähnt, es gibt verschiedene Geheimnisformen.
Es gibt Geheimnisse die ich herauskriegen kann, das sind dann Entschlüsselungen. Egal ob es sich um Bankdaten oder private Geheimnisse handelt, beides kann entschlüsselt, also aufgedeckt werden.

Aber es gibt noch eine große Gruppe Geheimnisse die ich nicht herauskriegen kann, obwohl immer mal wieder jemand behauptet, man könnte es doch herauskriegen, eine wiederholbare Schlüsselkombination konnte aber bisher nicht gefunden werden. Zu diesen Geheimnissen, die geheim bleiben aber durch ihr Geheimbleiben nichts von ihrer Anziehung verlieren – vielleicht sogar noch hinzugewinnen an Attraktivität – gehört: Die Liebe. Die Kunst. Die Religion und noch ein paar andere Sachen, die sehr groß und sehr mysteriös sind.

Bei der Religion wurde schon oft versucht ein Gottesbeweis zu führen – es hat bisher nicht geklappt, aber das ist nicht schlimm für die Gläubigen, denn sie brauchen keinen Beweis, sie brauchen ihren Gott nicht abzählbar.

Ähnlich verhält es sich mit der Kunst, hier ist es spielerischer, es brechen deswegen keine Bürgerkriege aus. Aber man kann sagen, dass unsere Spezies ein verrücktes Hobby hat, sich mit Geheimnissen zu beschäftigen deren Geheimnis immer verdeckt bleiben wird, weil es keinen Schlüssel dafür gibt, was auch jeder weiß, was uns aber nicht abhält darüber nachzudenken was z.B. das Geheimnis von Kunst ist.

Für diese Klebefolie an ihrer Bürowand heißt das konkret, dass meine Erklärung wie es zu diesen Formen kam – also: kaputte Daten, ehemalige Textflächen, etc. keinen Schlüssel zur Erkenntnis liefert, sondern allerhöchstens dem Verständnis dienen kann.

So bleibt mir zum Schluss nur zu hoffen, dass Sie von diesen schwarzen Fetzen an der Wand irgendwie affiziert werden, in dem Sinn, dass es Sie amüsiert, zu Gesprächen anregt und im allerbesten Fall – aufgrund der Wirrheit der Formen und ihrer Unentschlüsselbarkeit, ihrer Willkür – ein verblüffender Kontrast zu ihrer täglichen Arbeit entsteht. Handelt es sich um Inseln, um Territorien, oder stehen die Klebefetzen sinnbildlich für die diversen Fachsprachen die in diesen Räumen gesprochen werden, und die im Fall der Klebefolien an der Wand explodiert sind?

Axel Loytved: „Blockchain”

zu besichtigen im Rahmen der "add art 2018"
Sa, 24.11.: 15:00-17:00
So, 25.11.: 15:00-17:00
bei der PPI AG, Moorfuhrtweg 13, 22301 Hamburg

Weitere Informationen

Weiterführende Lektüre zu den im Text genannten zwei Geheimnissorten: Florian Hadler, G – Geheimnis, (Taschenbuch) 12 €,
ISBN: 978-3-941613-88-1, Textem Verlag 2014

Nora Sdun ist Autorin und arbeitet u.a. für den Textem Verlag, die taz, Kunstforum International, The Thing u.a.


Abbildungsnachweis Blockchain: Alle Fotos Volker Renner

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