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Bildende Kunst

Vergessen und wiederentdeckt: „Ludwig Meidner – Im Nacken das Sternemeer“

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Montag, den 09. Juli 2018 um 08:41 Uhr
Vergessen und wiederentdeckt: „Ludwig Meidner – Im Nacken das Sternemeer“ 4.0 out of 5 based on 96 votes.
Ludwig Meidner – Im Nacken das Sternemeer

Der Titel der Ausstellung „Im Nacken das Sternemeer“ verweist auf das Buch mit Texten von Ludwig Meidner, das 1918 in Leipzig erschien. Meidner (1884-1966), Maler, Grafiker und Dichter gehörte damals zu den bekannten Künstlerpersönlichkeiten in Deutschland. Er erfasste in seinen literarischen Werken und malerischen Bildschöpfungen die atmosphärischen Stimmungen seiner Zeit.
Die Schau im Jüdischen Museum Rendsburg thematisiert seine Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg und der Weimarer Republik, dem Judentum und den Repressalien im nationalsozialistischen Deutschland, der Flucht ins englische Exil und die Nachkriegsjahre. Ludwig Meidner, ein Künstler, der fast in Vergessenheit geraten wäre, erlebt heute ein Comeback.

Die Schau präsentiert rund achtzig Exponate aus der Kunststiftung Dr. Hans-Joachim und Elisabeth Bönsch und gibt Einblick in Meidners literarisches und künstlerischen Œuvre: seine malerische Kontinuität, seine Brüche und Neuorientierungen. Einen Schwerpunkt der Ausstellung bilden die Lithographien zu seinen Publikationen „Im Nacken das Sternemeer“ (1918) und „Septemberschrei“ (1920). Im Fokus der Schau stehen aber auch seine apokalyptischen Werke, seine Selbstbildnisse und Portraits von Freunden, religiöse Werke und Zeichnungen aus dem englischen Exil. Sein Malstil wechselt, variiert vom Impressionismus über Kubismus und Futurismus bis zum Expressionismus.

Ludwig Meidner, 1884 als Sohn jüdischer Eltern im schlesischen Bernstadt geboren, absolvierte zunächst ein Studium der Malerei an der Kunstschule in Breslau. Sein künstlerischer Werdegang führte ihn nach Berlin und Paris, wo er die Malerei von Edouard Manet, Paul Cézanne und Vincent van Gogh studierte. Mit Amedeo Modigliani war er befreundet.
Nach einjährigem Paris-Aufenthalt kehrte er nach Berlin zurück. Seine Frühwerke stehen noch im Stil des Impressionismus. Er malte Plätze, Straßen und Caféhäuser mit flanierenden Passanten. Er dokumentierte den technischen Fortschritt: Fabriken und Gasometer, Laternen, Brücken und Hochhäuser. Seine Farbskala zeigte gedämpfte, großflächig aufgetragene Farben, ohne koloristische Effekte. Sein Stil sollte sich jedoch ändern: Mit seinen Künstlerkollegen Richard Janthur und Jacob Steinhardt gründete er 1912 die Gruppe „Die Pathetiker“, die sich allerdings noch im selben Jahr wieder auflöste. Die erste gemeinsame, aber erfolglose Ausstellung machte ihn jedoch bekannt und begründete seinen Ruf als Maler. In dieser Zeit entstanden farbintensive, apokalyptische Stadt- und Naturbilder in dramatischen Farbkontrasten, mit denen er seinen Ruhm als deutscher Expressionist festigte. Seine Stadtansichten und Landschaften zeigen das Inferno: Bombenexplosionen, Kometenschweife, brennende Häuser, panisch irrende Menschen.
Neben der Malerei publizierte er eigene Texte. Er arbeitete für verschiedene expressionistische Zeitschriften, wie „Der Sturm“ oder „Die Aktion“.

Das Aufkommen des italienischen Futurismus und des französischen Kubismus ändern seinen Malstil und führen zu einer Dynamisierung des bildnerischen Geschehens. Geometrische Elemente und zergliederte Architektur, variierende Perspektiven, stürzende Linien deuten einen erneuten Stilbruch an. Vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs sah er sich von Untergangsszenarien verfolgt: „Mein Hirn blutete in schrecklichen Geschichten. Ich sah nur immer Gräber und verbrannte Städte. Ein schmerzhafter Drang gab mir ein, alles Gradlinig-Vertikale zu zerbrechen. Dramatische Linien bringen Dynamik in die Statik.“ Meidners expressionistischer Stil findet auch Eingang in seine Selbstportraits, in Portraits von Freunden aus der deutsch-jüdischen Berliner Bohème, von Politikern, Publizisten und Künstlern wie Max Herrmann-Neisse, Willie Zierath oder Erna Schilling, der Partnerin des Malers Ernst Ludwig Kirchner. „Man müsse sich in ein Gesicht hineinfressen wie ein Wurm“ – erst dann dürfe man ein Porträt ausführen, schreibt er später.

Das damalige Credo seiner Kunst lautete „Den Bildern einen großen erregenden Inhalt geben, nicht nur ästhetische Bedürfnisse einer kleinen elitären Schicht befriedigen.“ Dem zufolge dominierten auch seine Bildthemen: die Einsamkeit des Menschen in der Großstadt, die Auswirkung des Stadtlebens auf den Einzelnen, die Sintflut, der Krieg und Weltuntergang. Von 1916 bis 1918 leistete er seinen Militärdienst als Dolmetscher in einem Kriegsgefangenenlager bei Cottbus an. Hier entstanden neben zahlreichen Zeichnungen auch seine beiden Bände expressionistischer Prosa „Im Nacken das Sternemeer“ und „Septemberschrei“.

Desillusioniert vom Gemetzel des Ersten Weltkrieges, wandte er sich im Laufe des Krieges vom Expressionismus ab und suchte eine neue Identität im orthodoxen Judentum mit seinen strengen Ritualen und Vorschriften. Er wandelte sich vom revolutionären Atheisten zum gottgläubigen Juden. Diese Veränderung spiegelte sich stilistisch in seinen Werken wider. In zahlreichen Selbstportraits sieht er sich als jüdischen Beter, als Propheten und als Schriftgelehrten.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Meidner als jüdischer Künstler gebrandmarkt, sein Werk 1937 auf der berüchtigten Ausstellung in München „Entartete Kunst“ ausgestellt und diffamiert. Im Zuge von Berufsverbot und Isolation emigrierte er zwei Jahre später mit Ehefrau und Sohn nach London, wo die Familie ein ärmliches Dasein fristete. Er war in England künstlerisch nicht erfolgreich und konnte nicht an seine expressionistische Phase in den 1910er-Jahren in Berlin anknüpfen. Nach Kriegsende kehrte der Sechzigjährige alleine nach Deutschland zurück. Er vermisste Deutschland und schrieb an einen Freund: „Ich weiß nicht, ob Deutschland noch der Ort sein kann, wo Juden in größerer Zahl existieren und mitarbeiten können. Aber ich selber kann nur leben, wo man deutsch spricht und schreibt; noch immer liebe ich das, da ist nichts zu machen.“

Zunächst wählte er als Wohnsitz Hofheim im Taunus, später Darmstadt, wo er seine letzten drei Lebensjahre verbringen sollte. Betrachtet man seinen Werdegang, blieb auch nach Kriegsende sein künstlerisches Werk in Deutschland weitgehend unbekannt. Er ist als Maler nicht mehr en vogue gewesen. Der einstige Vertreter des Expressionismus geriet angesichts der abstrakten und informellen Nachkriegskunst in Vergessenheit. Erst in den späten 80er-Jahren kehrten der deutsch-jüdische Künstler und sein expressionistisches Werk wieder in das kulturelle Bewusstsein der deutschen Kunstszene zurück. Zwar erinnern zahlreiche Ausstellungen und Ehrungen an den Maler, der zum Beispiel 1964 das Bundesverdienstkreuz erhielt. Meidner aber nur auf seine expressionistische Phase zu reduzieren, wird diesem großartigen Künstler nicht gerecht.

Ludwig Meidner starb 1966, im Alter von 82 Jahren. Er fand seine letzte Ruhe auf dem Jüdischen Friedhof in Darmstadt.

„Ludwig Meidner – Im Nacken das Sternemeer“

Die Ausstellung ist bis zum 21. Oktober im Jüdischen Museum, Prinzessinstraße 7-9, 24768 Rendsburg zu besichtigen.
Die Öffnungszeiten sind Di bis Sa von 12 bis 17 Uhr. So von 10 bis 17 Uhr.
Ein Katalog ist erschienen.
Weitere Informationen: www.landesmuseen.sh


Abbildungsnachweis:
Header: Ludwig Meidner „Im Nacken das Sternenmeer“
Galerie:
01. Mädchen im Samtkleid
02. Im Nacken das Sternenmeer
03. Prophet vor apokalyptischer Landschaft
04. Septemberschrei
05. Selbstbildnis
06. Tanja en face
07. Erinnerungen Leipziger Straße
08. Schlacht
09. Emporheben der Thora
10. Apokalypse

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