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Bildende Kunst

Karl Schmidt-Rottluff: expressiv, magisch, fremd

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Freitag, den 16. Februar 2018 um 10:23 Uhr
Karl Schmidt-Rottluff: expressiv, magisch, fremd 4.1 out of 5 based on 84 votes.
Karl Schmidt-Rottluff: expressiv, magisch, fremd BKF F Ulrich Perrey

Gut Ding will Weile haben, heißt es. Manchmal erstaunlich lange Weile: Zum ersten Mal untersucht eine Ausstellung den Einfluss außereuropäischer Kunst auf das Werk Karl Schmidt-Rottluffs (1884-1976).
Dabei hat William Rubin in seinem Standartwerk über den „Primitivismus in der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts“ die Anregungen exotischer Stammeskunst auf die europäische Moderne schon vor über 30 Jahren aufgezeigt. Zahlreiche Gruppenausstellungen zu diesem Thema gab es seitdem. Einzelausstellungen weitaus seltener. Dennoch verwunderlich, dass dieser Aspekt im Oeuvre des berühmten „Brücke“-Künstlers erst jetzt unter die Lupe genommen wird. Nicht etwa in Berlin, sondern im Bucerius Kunstforum in Hamburg: „Karl Schmidt-Rottluff: expressiv, magisch, fremd.“

Vor einem halben Jahr erst war am Rathausmarkt Max Pechstein zu sehen. Auch ein Brücke-Künstler, auch farbstark, auch südseeverliebt. Doch was für ein Unterschied! Während bei der Betrachtung von Pechsteins Bilder ständig die Vorbilder der großen Franzosen im Kopf herumspukten – Cézanne, van Gogh, Gauguin, Matisse – wird man nun unversehens hineingezogen in einen ganz eigenen, spirituell aufgeladenen Bilderkosmos, der nur so vor Energie zu vibrieren scheint. Nicht allein die Gemälde mit ihren fast poppig zu nennenden Farbkontrasten, den starken Linien und der kubisch reduzierten Formensprache pulsieren, nein, der ganze Raum scheint aufgeladen mit einer eigentümlichen Kraft, selbst da, wo man nur Landschaften sieht.

Das liegt zweifellos an den afrikanischen und ozeanischen Objekten, die vielen Bildern zur Seite gestellt sind und die Zwiesprache mit ihnen zu halten scheinen. Sie stammen ausnahmslos aus Schmidt-Rottluffs eigener Sammlung, einige Skulpturen stammen auch von ihm selbst, geschnitzt nach afrikanischen Vorbildern. Allesamt großartige Artefakte, die früher einmal in seinem Wohnzimmer standen. Da ist zum Beispiel ein Pfeifenkopf in Gestalt eines Menschen aus dem Kamerun, eine Zwillingsfigur der Yoruba, mehrere Ahnengestalten oder ein imposantes Kampfschild aus der Sepik-Region, Neu-Guinea. Kultgegenstände, deren Ausstrahlung man sich nicht entziehen kann und die in ihrer doppelten Erscheinung – einmal im Original und einmal als Bild-Sujet – diese Ausstrahlung noch zu steigern scheinen. Schmidt-Rottluff ging es in seiner Malerei nie nur um formalästhetische Aspekte. Ihm ging es immer um das Wesen hinter den Dingen. Das Transzendentale, die Magie – und die wird in dieser sehenswerten Ausstellung ganz besonders spürbar.

Die Umstände, wie und in welcher Reihenfolge Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976) seine Sammlung aufbaute, lassen sich bis heute nicht klären. In Hamburg, wo der gebürtige Chemnitzer von 1910-1912 ein Dachatelier besaß, könnte er die ersten Masken und Skulpturen von Seeleuten erstanden haben. Auch bei seiner Mutter, die mit Exotika handelte, soll er gekauft haben. Es lag ja auch im Trend: Überall in Europa setzten sich die Künstler der Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit den Artefakten der Naturvölker auseinander. Die Brücke-Künstler verbanden damit (wie so viele) nicht nur eine neue Formsprache, sondern auch die Sehnsucht nach dem paradiesischen Naturzustand. Ihre Ateliers waren gefüllt mit Stammeskunst und die Kollegen tauschten ihre Objekte gern untereinander. So mag auch Schmidt-Rottluffs Sammlung gewachsen sein. Alles nur Vermutungen. Belegt ist hingegen, dass die malerische und bildhauerische Auseinandersetzung mit Masken, Schilder und Figuren aus Neuguinea, dem Kongo oder der Elfenbeinkünste keine Episode waren. Sie faszinierten den Maler ein Leben lang, über alle Schaffensperioden hinweg. Das erste Mal taucht 1909 eine kleine „Kamerun-Figur“ als Tuschezeichnung auf einer Postkarte an seinen Freund Erich Heckel auf, ein halbes Jahrhundert später gehört die „Negerfigur mit weißem Ginster“ (1966) zu den letzten Gemälden. Und da Karl Schmidt-Rottluff in der „dunklen Zeit“ ab 1933 besonders intensive Masken- Stillleben malte, darf man das wohl auch als Statement lesen: Als einen stillen, aber überaus deutlich artikulierten Protest gegen Nazi-Ideologie und Rassenwahn.

Karl Schmidt-Rottluff: expressiv, magisch, fremd
Zu sehen bis 21. Mai 2018, im Bucerius Kunst Forum, Rathausmarkt 2, Hamburg
Geöffnet täglich 11-19 Uhr, Do. bis 21 Uhr
Eintritt 9 Euro, ermäßigt 6 Euro, Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren frei.

YouTube-Video:
Karl Schmidt-Rottluff: expressiv, magisch, fremd


Abbildungsnachweis:
Header: Ausstellungsansicht, „Karl Schmidt-Rottluff: expressiv, magisch, fremd". © Bucerius Kunst Forum, 2018, Foto: Ulrich Perrey
Galerie:
01. Karl Schmidt-Rottluff: Schräge Maske, 1961. Brücke-Museum Berlin. © VG Bild-Kunst, Bonn 2018
02. Karl Schmidt-Rottluff: Masken, 1938. Brücke-Museum Berlin. Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung. © VG Bild-Kunst, Bonn 2018
03. Karl Schmidt-Rottluff: Die schwarze Maske, 1956. Brücke-Museum Berlin. Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung. © VG Bild-Kunst, Bonn 2018
04. Karl Schmidt-Rottluff: Geweihfarn in der Mitte, 1957. Brücke-Museum Berlin. Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung. © VG Bild-Kunst, Bonn 2018
05. Ausstellungsansicht. © Bucerius Kunst Forum, 2018, Foto: Ulrich Perrey
06. Karl Schmidt-Rottluff: Afrikanisches, 1954. Brücke-Museum Berlin. © VG Bild-Kunst, Bonn 2018
07. Unbekannter Künstler: Büffelmaske der Babanki, (undatiert). Brücke-Museum Berlin. Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung. © VG Bild-Kunst, Bonn 2018
08. Ausstellungsansicht. © Bucerius Kunst Forum, 2018, Foto: Ulrich Perrey
09. Karl Schmidt-Rottluff: Mädchen aus Kowno, 1918. Brücke-Museum Berlin. © VG Bild-Kunst, Bonn 2018
10. Karl Schmidt-Rottluff: Stillleben um Glaskugel, 1952. Brücke-Museum Berlin. Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung. © VG Bild-Kunst, Bonn 2018
11. Karl Schmidt-Rottluff: Spiegelnder See, 1936. Museum Folkwang Essen. © VG Bild-Kunst, Bonn 2018
12. Ausstellungsansicht. © Bucerius Kunst Forum, 2018, Foto: Ulrich Perrey

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