Neue Kommentare

Stipe Gojun zu „La Vérité” Hirokazu Kore-eda und der Mythos Familie : Ach, wie gern würde ich heute ins Kino gehen. Ob...
Frank-Peter Hansen zu Frank-Peter Hansen: Die Heidegger-Dekomposition: Im Spätherbst letzten Jahres anlässlich einer S...
bbk berlin zu Dortmund geht neue Wege bei der Kunst-Förderung: Die Berliner Künstler*innen freut es sehr, dass ...
Markus Semm zu Frank-Peter Hansen: Die Heidegger-Dekomposition: Sehen Sie: Der Unterschied zw. Heidegger und Cass...
Karin Schneider zu Frank-Peter Hansen: Die Heidegger-Dekomposition: Ein großartiger Artikel! Stefan Diebitz schafft ...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Bildende Kunst

Ermüdende Dauerdestruktion. Malerei von Justine Otto im Zehntspeicher in Gartow

Drucken
(111 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Dienstag, den 30. August 2016 um 09:00 Uhr
Ermüdende Dauerdestruktion. Malerei von Justine Otto im Zehntspeicher in Gartow 4.4 out of 5 based on 111 votes.
Ermüdende Dauerdestruktion. Malerei von Justine Otto im Zehntspeicher in Gartow

Heimelig ist sie nicht, die Welt der Justine Otto. Das springt den Betrachter förmlich an, wenn er die Ausstellung im Zehntspeicher Quarnstedt in Gartow im Osten des Landkreises Lüchow-Dannenberg betritt.

Der Eindruck des Unbehagens verdichtet sich bei der Begegnung mit der „Zimmer Installation": Ein gutbürgerliches Interieur, so scheint es, Sessel, Gemälde, dicht an dicht, in Petersburger Hängung. Ein Jagdzimmer vielleicht mit ausgestopften Tieren. Deren Zahl ist allerdings irritierend groß. Zu groß für Gemütlichkeit. Und die kleinen Ölformate an der Bretterwand zeigen Irritierendes: Schafe in den Betten eines Krankenhaussaales – „Weide meine Lämmer" ist der Titel. Ein Tanz um einen Maibaum, an dem schemenhaft eine Figur zu sehen ist, möglicherweise gefesselt? Ist der fröhliche Tanz in Wirklichkeit ein Autodafé? Das Bild eines einzelnen Menschenauges in einem Rahmen-oval, das eines Eulenauges in einem anderen. Eine Prozession, Mädchen in Weiß, vor toter Natur.

Malerei von Justine Otto im Zehntspeicher in GartowWie unter einem Brennglas sind in diesem Zimmerraum im Zehntspeicher bei der aktuellen Ausstellung im Programm des Westwendischen Kunstvereins bis Mitte September die Welten zu sehen, die Justine Otto in Bilder bannt. Welten, die sich zwischen zerstörtem Märchen, dalieskem Alptraum, science-fictionesken Landschaften und in katastrophischen Räumen bewegen, die aussehen wie die verlassene Zentrale von Tschernobyl nach dem GAU. Beunruhigende Welten – in Serie. Gereiht wie Perlen des Abseitigen auf einer Schnur. Ganz unterschiedlich scheinbar, alle gleich im Kern.

So weit, so gut. Aber Dauerdestruktion ist ermüdend. Vielschichtigkeit kennen diese Bilder zwar im Detail, in der ausgefeilten malerischen Technik, aber nicht im Affekt. So fremd die Welt in den Bildern Justine Ottos wird, so eindimensional ist sie. „Alles geht kaputt, alles geht in Schutt, und ich lach’?“, wie es die Punkband Hans-A-Plast aus Hannover vor 30 Jahren sang. Wenn Neo Rauch, mit dem Kritiker die Malerin aus Hamburg des öfteren vergleichen, den Magischen Realismus pflegt, fokussiert Justine Otto einen Magischen Obstruktionismus. In diesen Räumen der Bilder, die wirken, als sei in ihnen das Reale und das Surreale in eins gefallen, bewegen sich Menschen, Frauen zumeist. „Stonemilker" heißt ein Bild nach einem Song von Björk und könnte eine Szene aus dem Volksmärchen von „Gretel und Gretel" zeigen, zwei Mädchen, verloren in einem Ruinen-Urwald. Der „Letzte Tanz" zeigt eine Gruppe weiblicher Naturderwische, „Gesangverein Liederkranz" lässt die Schatten einer biedermeierlichen Welt aufscheinen. Eine Art malerisches Regietheater (das war mal provokativ – war) in gebrochenen braungrünen Farben. Ein Betrachter der Bilder schrieb lyrisch ins Gästebuch: „Ich wusste gar nicht, dass auch Farben ein Skelett haben.“

Verwandtschaften zum Stil von Neo Rauch in diesen Bildern zu entdecken ist nicht schwer, auch Edward Hopper ist ihnen kontrapunktisch verwandt, Pop Art ein Bezugspunkt der Bilder, deren Farben so stark wie sinister sind. Oft entstehen die Bilder Justine Ottos nach Fotovorlagen, indem sie malt, kehrt sie die Bilder hinter den Bildern heraus, die Schatten des Heimeligen. „Für mich muss Kunst immer einen Haken haben", sagt die in Polen aufgewachsene Justine Otto, die sich als „immer eine Vollblutmalerin" versteht.

Den Blick vom Dargestellten auf die Maltechnik zu lenken macht deutlich, was Justine Otto meint, wenn sie sagt, dass es „mir immer schon um die Malerei, um den Duktus ging". Der bewegt-expressive Strich, das Spiel der sich mischenden Farben, die sich je nach Distanz zwischen Betrachter und Bild zu neuen Tönen vereinen oder beim Näherkommen in ihre Bestandteile zerlegen, sie werden besonders deutlich in den beiden Portrait-Folgen, einer unbetitelten mit Frauenköpfen und der „Napoleon-Serie", dem männlichen Pendant dazu.

Justine Otto: Hidden Persuaders
noch bis 18. September 2016 zu sehen im Westwendischen Kunstverein Zehntspeicher, 29471 Gartow-Quarnstedt
Geöffnet: Freitag 16-18 Uhr, Samstag 12-16 Uhr, Sonntag 12-16 Uhr
www.westwendischer-kunstverein.de


Abbildungsnachweis:
Header: Detail aus Plakatmotiv
Justine Otto beim Aufbau der Ausstellung. Foto: Thomas Janssen.

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Bildende Kunst > Ermüdende Dauerdestruktion. Malerei von Just...

Mehr auf KulturPort.De

BuchDruckKunst 2020 – Das Magazin
 BuchDruckKunst 2020 – Das Magazin



Menschen, Bücher, Sensationen: An diesem Wochenende, vom 27. bis 29. März 2020, sollte die renommierte BuchDruckKunst im Museum der Arbeit stattfinden. Ein Hig [ ... ]



Eoin Moore und Anika Wangard – eine Begegnung
 Eoin Moore und Anika Wangard – eine Begegnung



Eigentlich bin ich nicht besonders scharf auf Krimis. Wenn sie allerdings sehr gut sind, relativiert sich das. Wahrscheinlich befinde ich mich tief im Mainstream [ ... ]



„Waves” – Trey Edward Shults’ Opulenz der Emotionen
 „Waves” – Trey Edward Shults’ Opulenz der Emotionen



„Waves” ist ein visuell waghalsiger Kraftakt, überwältigend, mitreißend, voller Zärtlichkeit, trügerischer Hoffnungen und zerborstener Träume. US-Regis [ ... ]



Egon Friedell: Der Schatten der Antike
 Egon Friedell: Der Schatten der Antike



82 Jahre nach dem Freitod Egon Friedells liegt – endlich! – das letzte Kapitel seiner „Kulturgeschichte des Altertums“ vor, und jeder, dem die Gedanken d [ ... ]



Horst Hansen Trio: Live in Japan
 Horst Hansen Trio: Live in Japan



Nix da Japan – Krefeld (クレーフェルト). In solchen pandemischen Zeiten reist man nicht und wenn, dann nur virtuell. Spielerisch, alles ist spielerisch  [ ... ]



Literarische Neuentdeckung aus alter lettischer Zeit: Das Prosapoem „Straumēni“
 Literarische Neuentdeckung aus alter lettischer Zeit: Das Prosapoem „Straumēni“



Was für ein Glücksfall: Ein Antiquariatsfund in Rīga führte 2018 dazu, dass das Prosapoem „Straumēni“ von Edvarts Virza nun auch für deutschsprachige L [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.