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Bildende Kunst

Friendly Footage – Kunst und Spielfilm

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Montag, den 06. Juni 2016 um 10:32 Uhr
Friendly Footage – Kunst und Spielfilm 4.7 out of 5 based on 116 votes.
Nils Kasiske gehört zu jenen Künstlern, die genreübergreifend innerhalb der visuellen Künste arbeiten. Bildende Kunst, Grafik, Illustration, Comic sind ebenso Elemente, wie Medienkunst, Storyboards, Skulptur und Objekt. Mit einer gehörigen Portion an Kritik, Zynismus mit gleichzeitiger Ironie verarbeitet er Phänomene der Unterhaltungskultur per se. Er fokussiert in seinen hier ausgestellten Werken Beziehungsgefüge zwischen Fernseh-, Spielfilm und gesellschaftlichen Konventionen zu uns Betrachtern. Immer wieder tauchen bei ihm Symbole und Vorstellungen der Religion auf. Er macht die neuen Glaubensbekenntnisse mit Hilfe alter Symbole sichtbar, die sich durch unser tägliches Verhalten längst verändert zu haben scheinen. Die Sehnsucht nach höheren Instanzen und Autoritäten wird bei Kasiske geradezu ins Lächerliche gezogen.
Sein digitaler Cyborg „Distopia (Postbeta)“ könnte einer dieser futuristischen Zukunftsvisionen aus Filmen wie „iRobot“, „Tron“, „Terminator“ oder „Krieg der Sterne“ entsprungen sein. Es geht dem Künstler jedoch nicht um eine Perfektionierung eines menschenähnlichen Wesens und dessen Machtphantasien bis zur Übernahme und Kontrolle des Menschen selbst, sondern sein Roboter scheint eher dem Woody Allen-Modell des „Der Schläfer“ zu ähneln, dessen beste und aktivste Lebenszeit sichtbar weit zurückliegt. Es geht um die Lebensdauer und um die Überschneidungskomponenten eines Cyborgs zum Menschen. Eine Sinnfrage, die bei Ridley Scotts Film „Blade Runner“ gestellt wird. Die Vergänglichkeit ist nicht nur bei uns Menschen vorprogrammiert, sondern auch bei den Avataren. Von der Vergänglichkeit des Gros der Spielfilme, ganz zu schweigen.

Armin Mühsam malt Landschaften, die nie reine Natur-, sondern immer Kulturlandschaften sind. Jedes seiner Bilder zeigt menschliche Hervorbringungen: architektonischer, symbolischer, zivilisatorischer Art. Seine klinisch-gesäuberte Malweise und die scharfen Konturen, Lichtführungen und Schatten lassen eine modellhafte Auffassung vermuten.
Bei allen Bildern hat der Betrachter das Gefühl etwas nicht sehen zu können. Als ob es ein Geheimnis, etwas Mystisches, Unsichtbares, Verborgenes gibt. Warum ist der Raum ausgestorben? Welche Natur existiert noch? Gibt es die Hoffnung eines anderen, nicht entleerten Raumes? Um welche Matrix handelt es sich? Woher rührt die merkwürdig und eigenartig religiöse Anmutung einiger Bilder?
Auf der Suche nach Antworten werden Assoziationen und Erinnerungen zu den Filmen des russischen Regisseurs und Künstlers Andrei Tarkowskij relevant. Wenn man davon ausgeht, dass Mühsam in gebetsmühlenartiger Weise eine Art „Zone“ malt, vergleichbar der im Film „Stalker“ von 1979, so vermengen sich die künstlerisch-kunsthistorischen, filmisch-assoziativen und politisch-kritischen Sichtweisen in seinen Bildern miteinander und führen zu Ergebnissen die gesamtgesellschaftlicher Natur sind.
Ein Gebiet wurde evakuiert, abgesperrt und steht unter militärischer Bewachung. Der „Stalker“, eine Art Pfadfinder oder Kundschafter, verdient sich seinen Lebensunterhalt damit, Leute illegal durch den Sperrgürtel zu bringen und sie innerhalb der Zone zu führen. Mühsam obliegt in seinen Werken die Aufgabe des Stalkers, die Betrachter sind diejenigen, die er in die „Zone“ führt.
Auch in der Realität, mit den Atomkatastrophen von 1986 und 2011, den verlassenen Landstrichen in der Ukraine, rund um die Städte Tschernobyl und Pripjat sowie Fukushima in Japan, finden wir Beispiele. Legen wir die filmischen und realen Katastrophen als Ausgangspunkte fest, dann scheinen sich unsere dumpfen Ahnungen, die wir in die teils kontemplativen Bilder legen, zu bestätigen. Die Zeit in den Bildwerken ist eingefroren wie im Dornröschenschlaf.
Kunst bekommt – auch im Sinne Tarkowskijs – eine hohe Aufgabe, nämlich die der Vermittlung von Erkenntnis und des Begreifens. Der Endzeitstimmung steht die Wahrheitsfindung gegenüber. Der Künstler Mühsam ist wie der Künstler Tarkowskij ganz uneigennützig und sieht sich und seine Kunst in einem Geflecht von Aufklärungen. Nur den Vorgang des Erkennens überlassen beide uns.

Die Bildwerke von Marcel Petry bestehen aus semantischen und narrativen Elementen, als wollten sie uns, über einen kurzen malerisch festgehaltenen Moment, umfängliche Geschichten erzählen. Es müssen Alltagssituationen sein. Durchgängig sind allerdings nur wenige Zusammenhänge sichtbar gemacht: Stile von Ambiente, immer wieder auftauchende Gegenstände, Lichtnuancen und Farbtemperatur sowie scheinbar gleichwertige und belanglose Situationen. Anfangs glauben wir, wir wären selbstverständlich eingebundene Zeugen eines bestimmten Geschehens und wissen genau was da vor uns abläuft. Doch schon nach kurzer Zeit merken wir, dass dem gar nicht so. Nicht allein, dass allen Bildern eine gewisse Unbehaglichkeit und eine indifferente Gefahr ausstrahlen, sondern es entsteht auch das Gefühl Täuschungen zu erliegen. In vielen Bildern Petrys gibt es malerische Eingriffe in die vermeintliche Handlung, zeitliche Verschiebungen, die die Realitätsebene aufbrechen, die einen Eindruck des Unwirklichen stärken. Die Bildgründe haben selten einen räumlichen Bezug, sind Projektionen, Traumbilder oder regelrecht Visionen. Versatzstücke sind fragmentarisch zusammengefügt. Wir sind auf unsere Assoziationen, Gefühle und Interpretationen angewiesen. Eine Eindeutigkeit ist auch deshalb kaum möglich, weil der Künstler zwischen Dokument und eigener poetischer Kommentierung oszilliert. Die Inhalte beziehen sich häufig auf filmische Atmosphären, Schauspieler und eine Ästhetik von Rainer Werner Fassbinder und dennoch zeigt uns der Künstler Augenblicke, deren Geschichte wir nicht wirklich kennen. Seine Momente sind so gewählt, dass sie weder schnell decodierbar, noch rekonstruierbar sind und überwiegend rätselhaft bleiben. Und doch ist die Ähnlichkeit zur täuschenden Realität eines Films verblüffend. Film und Performance sind Inspiration für den Künstler: er verbindet erkenntnistheoretische Fragen nach Wahrheitsgehalt und Lüge zwischen Spielfilm und Kunst.

Die Werkgruppe „Unter Tage“ der Künstlerin Tina Winkhaus fokussiert auf unterschiedliche sichtbare und unsichtbare Gegebenheiten, die sich in einer Welt unter der Erdoberfläche abspielt. Für die aus dem Ruhrgebiet stammende, fotografisch und digital arbeitende Winkhaus, ist der Arbeitsplatz in der Tiefe ein Teil der kulturellen Herkunft. Die Künstlerin inszeniert diesen Ort, der gewöhnlich voller Lärm und Staub besetzt ist, vollkommen anders. Der Arbeitsraum ist bei ihr Lebensraum. Die düstere, licht-entfernte Gesamtatmosphäre verfestigt sich in allen Bildern der Serie, jedoch wird diese durch Einzelfiguren oder Figurengruppen regelrecht kontaminiert. Gleich Stillleben oder Film-Stills zeigen die einzel-betitelten Werke skurrile bis rituelle Szenen in einer Schattenwelt. „Unter Tage“ verweist in seiner inszenatorischen Haltung auf jene Filme in denen sich eine Unterwelt – aus was für Gründen auch immer – konstituiert hat und ihr Eigenleben führt. Gleichzeitig verweist die Unterwelt aber auch kontrapunktisch auf eine unsichtbare Oberwelt. In unserer Vorstellung als Publikum wollen wir uns nicht damit zufrieden geben, uns in einer lichtlosen Welt zurecht finden zu müssen und erahnen Unterdrückungsmechanismen. Der vermeintliche Kampf zwischen Unter- und Oberwelt ist ein klassisches Film- und Science-Fiction-Thema wie bei „Matrix“, „Die Zeitmaschine“, „Snowpiercer“: Menschen die in der Kanalisation von Städten leben, in unterirdischen Höhlen und Systemen oder ausgebeutet unter Tage für eine soziale Oberschicht arbeiten müssen. Das Phänomen und die Kritik daran stecken in den Bildwerken von Winkhaus. Die krassen Unterschiede von Umgebung zur Inszenierung rütteln uns als Betrachter zunächst indifferent auf, denn wir kennen diese aufgeputzten, modischen, ethnologischen oder kostümierten Menschen nur – wenn überhaupt, aus völlig anderen Zusammenhängen. Die Nähe zur flämischen Barockmalerei wird ebenso überdeutlich, nicht allein durch die Dramatik im Licht und den Kontrasten, sondern auch in der Art und Weise der Zurschaustellung der Protagonisten.
Das platonische Höhlengleichnis steht auch hier Pate für die Fragestellungen, die sich aus dem Zyklus ergeben. Was ist real, was ist der Unterschied zwischen meiner Wahrnehmung und der Wahrheit an sich. Grundsatzfragen des Lebens stellen sich über Zeit, Vergänglichkeit und Umgang damit.

Im geistigen Kosmos des Höhlengleichnisses schließt sich in der inhaltlichen Choreographie der Ausstellung der Kreis und führt zyklisch zum eingangserwähnten Jürgen Albrecht zurück.

Die Ausstellung „Friendly Footage – Kunst und Spielfilm“ ist bis zum 9. September, in der Herbert Gerisch-Stiftung,
Brachenfelder Straße 69, 24536 Neumünster zu sehen.
Eintritt: Erw. 8 €, erm. 5 €, Jahreskarte 30 €. Führung: 9 € p.P.
Geöffnet: Mi.-So. 11-18 Uhr, Apr.-Sept. Sa+So 11-19 Uhr.
Sonntagsführungen: jeweils um 12 Uhr
Tel.: 04321-55512-0
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.
www.gerisch-stiftung.de


Die Ausstellung wird gefördert durch die Kulturstiftung des Landes Schleswig-Holstein.

Parallel zur Ausstellung wird ein Rahmenprogramm das Publikum genreübergreifend ansprechen:
Sonntag, 26. Juni, 16 Uhr
Lesung mit Dagmar Seifert
Anlässlich der „Friendly-Footage“-Ausstellung liest die Schriftstellerin Dagmar Seifert aus ihrer Geschichte über den fiktiven deutschen Regisseur Adam Koschwitz.
Eintritt 12 € (Reservierung erbeten)

Sonntag, 10. Juli, ab 14 Uhr
„Friendly Foo(d)age“ – Picknick im Park
Wer inszeniert das schönste Picknick zu seinem Lieblingsspielfilm? Die Stiftung schreibt einen Wettbewerb aus: Selbst mitzubringen sind alle Utensilien, die für ein gutes, außergewöhnlich inszeniertes Picknick-Thema notwendig sind. Ob „Jenseits von Afrika“, „Star Wars“ oder „Manche Mögens Heiß“ – der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Getränke sind über das Café Harry Maasz erhältlich. Die ersten drei Gewinner erhalten Preise. Jeder andere Picknick-Gast ist selbstverständlich ebenfalls willkommen! (Anmeldung unter: Tel.: 04321-555 120)

Sonntag, 4. September, 12 Uhr
Filmvorführung und Gespräch: Peter Sempel – „Die Ameise der Kunst“
Deutschland 2010, 94 Min. Regie: Peter Sempel, Mitwirkende: Jonathan Meese, Daniel Richter, Neo Rauch, Bazon Brock, Blixa Bargeld u.a.
Im Anschluss: Künstlergespräch in der Zebra-Bar. ArtLounge mit Nane v. Stülpnagel und Claus Friede im Gerisch-Kino.
Eintritt 12 € inkl. Ausstellungsbesuch (Reservierung erbeten Tel.: 04321-555 120)
Die Filmvorführung wird gefördert vom Verein zur Förderung der Kunst in Neumünster e.V.

Hinweis: Der Autor dieses Artikels ist der Kurator der Ausstellung.


Abbildungsnachweis:
Header: Einladungskarten-Motiv © Janos Erdmann
Galerie:
01. Blick in die Ausstellung. Werke von Marcel Petry und Viviane Gernaert. Foto: Claus Friede
02. und 03. Jürgen Albrecht: Lux Mobilis, 2016, Mixed Media
04. Gabriele Aulehla: o.T. 2016, Öl auf Hanf, 30x50cm. Foto: Wolfgang Günzel
05. Wim Bosch: Pavillion, 2011 - archival pigment print on Hahnemühle Alu-Dibond
06. Peter Boué: Stalker Still II, 2015, Fettkreide auf Flies
07. Viviane Gernaert: Dem Unendlichen Folgen, 2016, Stoff, Metall, Polystyrol. Foto: Claus Friede
08. Blick in die Ausstellung. Werke von Gabriele Aulehla und Viviane Gernaert. Foto: Claus Friede
09. Thomas Judisch: too many birds, 2014/16, Kunststoff. Foto: Claus Friede
10. Thomas Judisch: too many birds, 2014/16, Kunststoff. Foto: Wilhelm Bühse
11. Nils Kasiske: Distopia, 2015, Mixed Media. Foto: Claus Friede
12. Armin Mühsam: House of Plans, 2010, Öl auf Leinwand. Privatsammlung Hamburg
13. Blick in die Ausstellung. Marcel Petry: Yung align 1 und 2, 2016, Acryl auf Leinwand. Foto: Claus Friede
14. Blick in die Ausstellung. Marcel Petry: Rainerle, 2016, Tusche auf Büttenpapier. Foto: Claus Friede
15. Tina Winkhaus:Unter Tage (Babylon), 2012, Metallicprint hinter Acryl.
16. Bleick in die Ausstellung. Werke von Tina Winkhaus, Viviane Gernaert und Wim Bosch. Foto: Claus Friede.
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