Neue Kommentare

Herby Neubacher zu Es läuft und läuft und läuft: 15 Jahre „Heiße Ecke“ im Schmidt's Tivoli: Rund 42000 Kondome, 25 000 Würstchen, 16800 Wasc...
Patrick Dissinger zu „Foxtrot”. Samuel Moaz und das Konzept des Zufalls: Ein exzellenter, sehr kluger Film. Danke für den...
erlenmeier zu Historische Tankstellen – auf Spurensuche in Hamburg : Ich arbeite seit vielen Jahren beim Forum geschic...
Bartholomay zu Berliner Mauer 57. Jahrestag: Gedenkfeier ? Um von ihren Taten gegen die ehemal...
Herby Neubacher zu Eindringlicher Holocaust-Roman von Affinity Konar: „Mischling“ – keine leichte, aber lohnende Lektüre: Das hat uns jetzt eigentlich noch gefehlt - Erinn...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2015


Bildende Kunst

Raymond Pettibon: „Homo Americanus“

Drucken
(86 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Mittwoch, den 04. Mai 2016 um 10:00 Uhr
Raymond Pettibon: „Homo Americanus“ 4.4 out of 5 based on 86 votes.
Pettibom - Slg Falckenberg

Ein wütender Punk mit Gitarre und erigiertem Riesenschwanz. Darüber in Kinderschrift die Worte: „homo americanus“.
Ein Blatt wie hingerotzt von irgendeinem pubertären Knaben, sollte man meinen. Doch der Schöpfer ist bereits 59 Jahre alt: Raymond Pettibon, gefeiert als Kultzeichner der amerikanischen Punkbewegung. Die Sammlung Falckenberg, Harburger Dependance der Deichtorhallen, hat dem Autodidakten nun erstmals eine umfassende Retrospektive ausgerichtet: Rund 1200 Arbeiten, Zeichnungen, aber auch Flyer, Plakate und Plattenhüllen.


„Make me come“ heißt ein Bild von 1981, darauf ein Polizist, dem eine Pistole in den Mund geschoben wird. Und über dem Gesicht einer alten Frau, die an einer Tube Klebstoff schnüffelt: „1967 war das beste Jahr meines Lebens, als ich noch Venen hatte“.
Tintenschwarz sind nicht nur die Zeichnungen von Raymond Pettibon, tintenschwarz ist auch sein Humor. Was an seinen Arbeiten fasziniert, ist weiß Gott nicht die Technik. Man kann wirklich nicht behaupten, dass dieser Mann ein begnadeter Zeichner ist. Auch kein begnadeter Comic-Zeichner. Aber seine Radikalität, der Zorn und Zynismus, mit denen er seine Fantasien zu Papier bringt, die sind schon irgendwie genial. Doch was heißt hier Fantasien? Im Grunde zeichnet der studierte Betriebswirt aus Los Angeles nur ein Abbild der verkorksten US-Gesellschaft: Rassismus, religiöser Fanatismus, Lynchjustiz, Gewaltexzesse, Folter und Drogen, Sexismus und Superman, Hippies, Terror und Massenmörder, Baseballspieler und Atomexplosionen - all die Traumata und Alltags-Phänomene eben, die Amerika ausmachen und die ganz und gar nicht zu dem Saubermann-Image der selbsternannten Welt-Polizei passen.

Bekannt wurde Raymond Pettibon Ende der 70er Jahre durch Plattencover für verschiedene Punkbands, insbesondere für Black Flag, einer Hardcore-Punkband, die sein älterer Bruder Greg Ginn 1976 mitbegründete. Über dessen Plattenlabel SST (produzierte auch Sonic Youth) vertreibt er zunächst auch seine Künstlerhefte, die erstmals 1978 erscheinen. Mitte der 80er Jahre ist er in der kalifornischen Undergroundszene bereits ein Star, seine wilden, vulgären Zeichnungen zieren unzählige Poster und T-Shirts.
Es soll aber noch 20 Jahre dauern, bis auch die etablierte Kunstwelt den Rebellen wahrnimmt: 2001 verleiht ihm die Gesellschaft für Moderne Kunst des Museums Ludwig in Köln den renommierten Wolfgang-Hahn-Preis, 2002 nimmt er an der Documenta 11 in Kassel teil.

Dass es so lange gedauert hat, liegt sicherlich auch an Pettibon selbst. Wie Harald Falckenberg in einem Interview mit dem Monopol-Magazin sagt, wollte der Künstler weder Personenkult noch Kommerz. „Wenn man Pettiobon nicht nur als Künstler, sondern auch als Menschen verstehen will, dann sind das die Kernpunkte“, so der Hamburger Unternehmer, der Pettibons Arbeiten seit den 90er Jahren sammelt. Er wehrt sich dagegen, den Zeichner in irgendwelche Schubladen zu stecken, das Etikett „Punkkünstler“ werde ihm ebenso wenig gerecht, wie die Einordnung als Gesellschaftskritiker: „Seine Arbeit ist eher eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der Paranoia der amerikanischen Welt, mit Themen die ihn aufgeregt und geärgert haben und die er sich von der Seele zeichnen und schreiben musste.“

Raymond Pettibon: „Homo Americanus“
Zu sehen bis zum 11. September 2016 in der Sammlung Falckenberg, Phoenix Fabrikhallen Hamburg-Harburg, Wilstorferstraße 71, 21073 Hamburg.
Eintritt: 10 Euro, erm. 6 Euro., bis 18 Jahren frei.
Weitere Informationen
Neu: Erstmals ist die Ausstellung jeden 1. Sonntag im Monat von 12-17 Uhr gehöffnet. Keine Anmeldung notwendig. Kurzführungen (auch ohne Anmeldung) finden um 13 und 15 Uhr statt.



Abbildungsnachweis:
Header: Raymond Pettibon: No title, 1986. Schreibstift und Tusche auf Papier. © Raymond Pettibon
Galerie:
01. Raymond Pettibon, No Title (My first ride), 1983. Schreibstift und Tusche auf Papier, 22,9x30,5 cm. © Raymond Pettibon
02. Raymond Pettibon, No Title (When the going…), 2007. Schreibstift, Tusche und gouache auf Papier, 52.7x62.2 cm. Courtesy David Zwirner, New York. © Raymond Pettibon
03. Plattencover Black Flag »Slip It In«, 1984. Foto: Egbert Haneke. sammlung stefan thull.
04. Raymond Pettibon: No title (In all of), 1983. Schreibstift und Tusche auf Papier, 11x8,1/2 inches. © Raymond Pettibon
05. Raymond Pettibon, No Title (Make me come,…), 1981. Schreibstift auf Tusche und Papier, 27.9x21.6cm. Courtesy David Zwirner, New York. © Raymond Pettibon
06. Raymond Pettibon: untitled (Self-portrait with eye-patch), 1998. Schreibstift und Tusche auf Papier. 57,1x38,1cm. © Raymond Pettibon
07. Raymond Pettibon, No Title (homo americanus), 2015. Schreibstift und Tusche auf Papier. 66x48.1cm. Courtesy David Zwirner, New York. © Raymond Pettibon
08. Raymond Pettibon, untitled (I ran a), 1984. Schreibstift und Tusche auf Papier 35,5x26 cm. © Raymond Pettibon

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Bildende Kunst > Raymond Pettibon: „Homo Americanus“

Mehr auf KulturPort.De

„Doing the Document“: Die Welt durch die Kameralinse
 „Doing the Document“: Die Welt durch die Kameralinse



Von Diane Arbus über Walker Evans und August Sander bis zu Piet Zwart: Über 200 Werke der bekanntesten Fotograf*innen des 20. Jahrhunderts sind dank einer Sche [ ... ]



„Carte Blache“ in der Galerie Hengevoss-Dürkop
 „Carte Blache“ in der Galerie Hengevoss-Dürkop



Wann bekommt man schon mal eine Carte Blache – zumal von einer Galeristin? Doch Kerstin Hengevoss-Dürkop hatte volles Vertrauen zu dem belgischen Künstler Va [ ... ]



Die Stunde der Matrosen – Kiel und die deutsche Revolution 1918
 Die Stunde der Matrosen – Kiel und die deutsche Revolution 1918



Zehn Tage dauerte der Aufstand. Gemeint ist der Matrosenaufstand in Kiel. Der Aufstand brach Ende Oktober 1918 auf den Schiffen der Hochseeflotte vor Wilhelmshav [ ... ]



Es läuft und läuft und läuft: 15 Jahre „Heiße Ecke“ im Schmidt's Tivoli
 Es läuft und läuft und läuft: 15 Jahre „Heiße Ecke“ im Schmidt's Tivoli



Von solchen Zahlen kann man nicht einmal träumen. Rund 42000 Kondome, 25 000 Würstchen, 16800 Waschmaschinenladungen und 12600 Bierdosen wurden in sage und sch [ ... ]



Ludwig und Benyamin Nuss: Songs & Ballads
 Ludwig und Benyamin Nuss: Songs & Ballads



Zwei Instrumente, zwei Musiker – Vater und Sohn – ein Duo-Debüt-Album mit Liedern und Balladen. Zwei die sich verstehen und sich offensichtlich mit musikali [ ... ]



„Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm”. Dialektik für Genießer
 „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm”. Dialektik für Genießer



In „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm” schildert Regisseur Joachim A. Lang die Querelen um jenes nie gedrehte Leinwand-Epos, während er es zugleich [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.