Werbung

Neue Kommentare

Michaela zu „Midsommar”. Die sonnendurchfluteten Abgründe des Ari Aster: Einer der magnetisierendsten Filme, die ich seit ...
Hampus Jeppsson zu „Der Distelfink“. Kühle Eleganz als Metapher für Schmerz: Interessant. Ein sehr guter Roman, dessen Verfilm...
Elvana Indergand zu Snøhetta: Architektur – Landschaft – Interieur: Ich bin begeistert von der Biblioteca Alexandrina...
Martin Kostinak zu DFG-Schwerpunktprogramm „Das digitale Bild“: Förderzusage für neues Forschungsprojekt des Fachbereichs Kunstwissen­schaft & Medienphilosophie: Welche Förderzusage für das KIT ist hier gemein...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Bildende Kunst

Raymond Pettibon: „Homo Americanus“

Drucken
(87 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Mittwoch, den 04. Mai 2016 um 10:00 Uhr
Raymond Pettibon: „Homo Americanus“ 4.4 out of 5 based on 87 votes.
Pettibom - Slg Falckenberg

Ein wütender Punk mit Gitarre und erigiertem Riesenschwanz. Darüber in Kinderschrift die Worte: „homo americanus“.
Ein Blatt wie hingerotzt von irgendeinem pubertären Knaben, sollte man meinen. Doch der Schöpfer ist bereits 59 Jahre alt: Raymond Pettibon, gefeiert als Kultzeichner der amerikanischen Punkbewegung. Die Sammlung Falckenberg, Harburger Dependance der Deichtorhallen, hat dem Autodidakten nun erstmals eine umfassende Retrospektive ausgerichtet: Rund 1200 Arbeiten, Zeichnungen, aber auch Flyer, Plakate und Plattenhüllen.


„Make me come“ heißt ein Bild von 1981, darauf ein Polizist, dem eine Pistole in den Mund geschoben wird. Und über dem Gesicht einer alten Frau, die an einer Tube Klebstoff schnüffelt: „1967 war das beste Jahr meines Lebens, als ich noch Venen hatte“.
Tintenschwarz sind nicht nur die Zeichnungen von Raymond Pettibon, tintenschwarz ist auch sein Humor. Was an seinen Arbeiten fasziniert, ist weiß Gott nicht die Technik. Man kann wirklich nicht behaupten, dass dieser Mann ein begnadeter Zeichner ist. Auch kein begnadeter Comic-Zeichner. Aber seine Radikalität, der Zorn und Zynismus, mit denen er seine Fantasien zu Papier bringt, die sind schon irgendwie genial. Doch was heißt hier Fantasien? Im Grunde zeichnet der studierte Betriebswirt aus Los Angeles nur ein Abbild der verkorksten US-Gesellschaft: Rassismus, religiöser Fanatismus, Lynchjustiz, Gewaltexzesse, Folter und Drogen, Sexismus und Superman, Hippies, Terror und Massenmörder, Baseballspieler und Atomexplosionen - all die Traumata und Alltags-Phänomene eben, die Amerika ausmachen und die ganz und gar nicht zu dem Saubermann-Image der selbsternannten Welt-Polizei passen.

Bekannt wurde Raymond Pettibon Ende der 70er Jahre durch Plattencover für verschiedene Punkbands, insbesondere für Black Flag, einer Hardcore-Punkband, die sein älterer Bruder Greg Ginn 1976 mitbegründete. Über dessen Plattenlabel SST (produzierte auch Sonic Youth) vertreibt er zunächst auch seine Künstlerhefte, die erstmals 1978 erscheinen. Mitte der 80er Jahre ist er in der kalifornischen Undergroundszene bereits ein Star, seine wilden, vulgären Zeichnungen zieren unzählige Poster und T-Shirts.
Es soll aber noch 20 Jahre dauern, bis auch die etablierte Kunstwelt den Rebellen wahrnimmt: 2001 verleiht ihm die Gesellschaft für Moderne Kunst des Museums Ludwig in Köln den renommierten Wolfgang-Hahn-Preis, 2002 nimmt er an der Documenta 11 in Kassel teil.

Dass es so lange gedauert hat, liegt sicherlich auch an Pettibon selbst. Wie Harald Falckenberg in einem Interview mit dem Monopol-Magazin sagt, wollte der Künstler weder Personenkult noch Kommerz. „Wenn man Pettiobon nicht nur als Künstler, sondern auch als Menschen verstehen will, dann sind das die Kernpunkte“, so der Hamburger Unternehmer, der Pettibons Arbeiten seit den 90er Jahren sammelt. Er wehrt sich dagegen, den Zeichner in irgendwelche Schubladen zu stecken, das Etikett „Punkkünstler“ werde ihm ebenso wenig gerecht, wie die Einordnung als Gesellschaftskritiker: „Seine Arbeit ist eher eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der Paranoia der amerikanischen Welt, mit Themen die ihn aufgeregt und geärgert haben und die er sich von der Seele zeichnen und schreiben musste.“

Raymond Pettibon: „Homo Americanus“
Zu sehen bis zum 11. September 2016 in der Sammlung Falckenberg, Phoenix Fabrikhallen Hamburg-Harburg, Wilstorferstraße 71, 21073 Hamburg.
Eintritt: 10 Euro, erm. 6 Euro., bis 18 Jahren frei.
Weitere Informationen
Neu: Erstmals ist die Ausstellung jeden 1. Sonntag im Monat von 12-17 Uhr gehöffnet. Keine Anmeldung notwendig. Kurzführungen (auch ohne Anmeldung) finden um 13 und 15 Uhr statt.



Abbildungsnachweis:
Header: Raymond Pettibon: No title, 1986. Schreibstift und Tusche auf Papier. © Raymond Pettibon
Galerie:
01. Raymond Pettibon, No Title (My first ride), 1983. Schreibstift und Tusche auf Papier, 22,9x30,5 cm. © Raymond Pettibon
02. Raymond Pettibon, No Title (When the going…), 2007. Schreibstift, Tusche und gouache auf Papier, 52.7x62.2 cm. Courtesy David Zwirner, New York. © Raymond Pettibon
03. Plattencover Black Flag »Slip It In«, 1984. Foto: Egbert Haneke. sammlung stefan thull.
04. Raymond Pettibon: No title (In all of), 1983. Schreibstift und Tusche auf Papier, 11x8,1/2 inches. © Raymond Pettibon
05. Raymond Pettibon, No Title (Make me come,…), 1981. Schreibstift auf Tusche und Papier, 27.9x21.6cm. Courtesy David Zwirner, New York. © Raymond Pettibon
06. Raymond Pettibon: untitled (Self-portrait with eye-patch), 1998. Schreibstift und Tusche auf Papier. 57,1x38,1cm. © Raymond Pettibon
07. Raymond Pettibon, No Title (homo americanus), 2015. Schreibstift und Tusche auf Papier. 66x48.1cm. Courtesy David Zwirner, New York. © Raymond Pettibon
08. Raymond Pettibon, untitled (I ran a), 1984. Schreibstift und Tusche auf Papier 35,5x26 cm. © Raymond Pettibon

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Bildende Kunst > Raymond Pettibon: „Homo Americanus“

Mehr auf KulturPort.De

Indianerleben und Pflicht zum Ungehorsam
 Indianerleben und Pflicht zum Ungehorsam



„Wer anfängt, Rechtsstaatlichkeit zu beugen,“ schrieb am 7. Oktober Ulf Poschardt in der „Welt“, „sei es mit Boykott der Schulpflicht, Nötigung oder  [ ... ]



61. Nordischen Filmtagen Lübeck
 61. Nordischen Filmtagen Lübeck



Schade: Roy Andersson persönlich kommt nicht. Aber: Sein gerade in Venedig mit dem Regiepreis ausgezeichneter Film „Über die Unendlichkeit“ ist dabei, wenn [ ... ]



Wolfgang Bittner: „Der neue West-Ost-Konflikt“
 Wolfgang Bittner: „Der neue West-Ost-Konflikt“



Der Schriftsteller Wolfgang Bittner, Autor zahlreicher Bücher und promovierter Jurist, hat ein neues, den allgemeinen Konsens gefährdendes Sachbuch vorgelegt,  [ ... ]



„Parasite”. Bong Joon-ho und sein postmoderner Klassenkampf
 „Parasite”. Bong Joon-ho und sein postmoderner Klassenkampf



„Eine Komödie ohne Clowns, eine Tragödie ohne Bösewichte” nennt Bong Joon-ho seinen Film „Parasite”. Menschliches Drama, Horrorthriller oder Crime Sto [ ... ]



Königliche Geschenke: Porzellan und Rembrandt in der Staatlichen Kunstsammlung Schwerin
 Königliche Geschenke: Porzellan und Rembrandt in der Staatlichen Kunstsammlung Schwerin



„Etwas ärmlich, aber ganz gemütlich!“, meint ein schnoddriger amerikanischer Journalist in „Ein Herz und eine Krone“ angesichts der prachtvollen Fassad [ ... ]



„Orlando“ an der Berliner Schaubühne. Grandioser Saisonauftakt im Teamwork
 „Orlando“ an der Berliner Schaubühne. Grandioser Saisonauftakt im Teamwork



Wer die Chance nutzt, „Orlando“ an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin zu sehen, erlebt einen Theaterabend, der lange in Erinnerung bleibt.
Das St [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.