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Bildende Kunst

Norbert Bisky „Zentrifuge" in der Kunsthalle Rostock

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Montag, den 22. Dezember 2014 um 11:14 Uhr
Norbert Bisky „Zentrifuge" in der Kunsthalle Rostock 4.5 out of 5 based on 84 votes.
Norbert Bisky - Kunsthalle Rostock

Zerfetzte Körper und Gesichter, Explosionen, Flutkatastrophen, Zerstörung und Gewalt – der Bilderkosmos des 1970 in Leipzig geborenen Künstlers Norbert Bisky ist aus den Fugen geraten.
Angefangen hat seine Künstlerkarriere mit hübschen, blonden Jünglingen im Stil des Sozialistischen Realismus. Doch Bisky hat sich weiter entwickelt. Statt stereotyper DDR-Ideologie rückt das globale Weltgeschehen mit seinen Naturkatastrophen, Terroranschlägen, Folter und Gewalt in den Fokus seiner Malerei. Auffallend ist, dass christliche, mythologische und kunsthistorische Zitate in die apokalyptischen Szenarien einfließen. Seine aktuellen Werke zeigen dagegen einen erneuten Stilwechsel: keine Gewaltszenen mehr, die figurative Malerei ist abgelöst durch abstrakte Kompositionen.
Die Kunsthalle Rostock präsentiert in der Ausstellung „Zentrifuge" rund neunzig bunte, farbintensive Gemälde, die Einblick geben in Norbert Biskys Schaffensperiode der letzten Dekade sowie neu entstandene Arbeiten.


„Die Ausstellung heißt wie ein Gemälde von mir aus dem Jahr 2008 „Zentrifuge"'. Im übertragenen Sinne spielt dieses physikalische Prinzip in vielen meiner Bilder eine große Rolle. Vom Zentrum ausgehend, wirken Kräfte, Formen explodieren, Massen werden beschleunigt und an den Rand gedrückt. Da löst sich etwas auf, die Dinge werden malerisch zersetzt", erklärt Bisky seine Arbeiten.
„Zentrifuge" heißt auch die begehbare, kinetische Installation, die im Atrium der Rostocker Kunsthalle steht und den Besucher empfängt. Alles ist weiß: das in der Ecke stehende Zelt, Eisschollen aus Styropor türmen sich auf. An einem schiefen Mast rotiert ein Lautsprecher in Form eines Gesteinsbrockens aus dem Technomusik des Berliner Komponisten Henrik Schwarz ertönt. Vis-à-vis hängt „Abzug", ein Ölgemälde von 2007, welches ein düsteres Szenario in leuchtenden Blautönen zeigt: Zwei Felsen mit gefolterten und gefesselten Männern, drei Jünglinge tragen ein Kreuz. Im Vordergrund ein Mann in japanischer Ritualfesselung, ein umgestürztes Gerüst, ein zerquetschtes, blutiges Gesicht fliegt durch den Raum.
 

Riesige, leuchtend bunte Bilder von magischer Anziehungskraft empfangen den Besucher der oberen Ausstellungsräume, die von dem Künstler und der Kuratorin Dorothée Brill konzipiert worden sind. Thematisch geordnet, belegt die Schau unterschiedliche Schaffensphasen und Sichtweisen des Vierundvierzigjährigen, dessen farbintensive Gemälde um die Zerstörung fester Gefüge, um Dynamisierung und Auflösung von Körpern kreisen und sich zwischen Figuration und Abstraktion bewegt.

Bisky ist neunzehn Jahre alt, als die Mauer fällt. Er ist vierundzwanzig, als er sich 1994 an der Berliner Hochschule der Künste einschreibt. Er wird Meisterschüler von Georg Baselitz, der ihm rät, seine Erlebnisse in der ehemaligen DDR zu malen. Erinnerungen, die ihn geprägt haben. Eine Art künstlerischer Exorzismus beginnt. In hellen, zarten Farbtönen malt Bisky sich seine kommunistisch geprägte Kindheit, die SED-Ideologie, kurzum seine innere Bilderwelt von der Seele und aus dem Kopf. Bilder, die er später als „mit ‚Lenor’ gewaschen" bezeichnen wird: Strand- und Ferienlageridylle, athletische blonde, blauäugige Knaben und Jünglinge beim Sport, in Uniform oder in sozialistischen Jugendgruppen. Sie ringen und kämpfen miteinander, rennen, springen oder fallen. Biskys Bilderwelt ist männlich geprägt. Frauen spielen – wenn überhaupt dargestellt – keine Rolle. Es sind „... idealisierte Situationen einer imaginären Glückseligkeit. Bilder einer Welt, die es nie gegeben hat", kommentiert er 2007 seine zwischen 1998 und 2004 entstandenen Werke. „Fluchtversuch" von 2003 mutet an wie eine spielende und tobende Gruppe von Jugendlichen. Aber, der Schein trügt. „Hier sind keine Individuen zu sehen, sondern nur das uniforme ‚Wir'. Auf dem Bild sind ganz viele weiße, unbemalte Flächen. Auch der Mund des Mannes in der Mitte öffnet sich ins Leere". so Bisky. Gerade diese Leerstellen sind charakteristisch für seine Malereien dieser Jahre. Sollen sie den Betrachter animieren, die freien Stellen mit eigenen Vorstellungen und Assoziationen zu ergänzen?

Etwa ab 2006 findet der Künstler neue Bildthemen: Erdbeben auf Haiti, Sturm- und Flutkatastrophen in Pakistan oder Louisiana, Großbrände in Moskau, Terroranschläge, Folter und Opfer von Verbrechen. Die Vorlagen findet er in Filmen, im Fernsehen und Internet oder den Printmedien. Vorlagen, welche er als ganze Bilder oder für einzelne Bildsegmente nutzt. Seine Farbpalette wird aggressiver, von geradezu leuchtender Intensität. Orange, Rosa, Rot, Grün, Gelb und Violett, ein strahlendes Blau oder düsteres Schwarzbraun dominieren jetzt seine Kompositionen. Farben, die häufig im Gegensatz zur Thematik stehen.

Nicht nur das aktuelle Weltgeschehen sondern auch die Rezeption der Kunstgeschichte spielen in seinem Bilderkosmos eine Rolle, explizit die Malerei des ausgehenden 16. Jahrhunderts, in deren Tradition er sich sieht. „Wenn ich mit Pinsel und Ölfarbe vor der Leinwand stehe, beziehe ich mich einfach auf eine viele Jahrhunderte alte Kulturtradition", sagt er. In „Sündenbock" von 2008 greift er das Thema „Saturn verschlingt seinen Sohn" aus der römischen Mythologie auf. Im Museo National del Prado in Madrid hat er während eines Studienaufenthaltes Anfang der 90er-Jahre die gleichnamigen Gemälde von Francisco de Goya und Peter Paul Rubens studiert. In Biskys rot-orangefarbener Komposition ist Saturn allerdings keine animalische Gottheit, sondern ein blonder, blauäugiger Jüngling, der mit einem Messer zwergenhafte junge Männer zerteilt und verspeist.

Neben der Kunstgeschichte und Mythologie zitiert der Künstler aber auch christliche Symbole. Jedes seiner Bilder enthalte einen religiösen Kern, sagt er. Er halte religiöse Momente für unabdingbar um ein gutes Bild zu malen. So erinnert ein in ein Tuch gewickelter Leichnam an die Grablegung, durch die Luft fliegende Strommasten an das Kreuz Christi, Kreuze tragende junge Männer an die Passionsgeschichte, eine Frau mit Heiligenschein an eine Madonna, die – statt Jesuskind – einen Wolf im Arm hält. Der Wolf, ein beliebtes Motiv in Biskys Arbeiten, symbolisiert den Teufel, das Böse.

Ein weiterer Aspekt in Biskys Malerei ist die Auflösung der vormals perfekten, schönen Körper, die zu abgerissenen Gliedmaßen, blutenden Leichnamen sowie zerfetzten und entstellten Gesichtern degenerieren.
Bisky hat viele Katastrophen, die er in seinen Bildern abarbeitet selbst erlebt, sei es der Tsunami in Thailand oder der Anschlag auf das Nobelhotel ‚Taj Mahal Palace’ in der indischen Metropole Mumbai. Der Künstler, der zu diesem Zeitpunkt eine Einzelausstellung in Mumbai vorbereitet, wird Augenzeuge der schrecklichen Terroranschläge von 2006, bei dem 174 Menschen ums Leben kommen. Erst Jahre später, 2009, gelingt es ihm die traumatischen Erlebnisse künstlerisch zu verarbeiten. In der Serie „Colaba" – benannt nach dem portugiesischen Kolonialviertel in der das Hotel liegt – malt er sich seine Albträume von der Seele und transportiert sie in die Malerei: die blutbesudelte Wand eines Badezimmers, zerschossene Gesichter, blutbeschmierte Matratzen, auf denen Opfer erschossen wurden, ein auseinandergerissenes Sofa mit roten Fransen.

„Alles wird gut" ist ein weiteres Katastrophenbild. Mit 280 mal 500 Zentimetern – 14 Quadratmeter – erinnert das Format an die großen Tableaus eines Peter Paul Rubens oder an Historienbilder. Fast zwei Jahre hat der Künstler daran gearbeitet: Menschen, zerstörte Holzhütten, ein Fahrrad, der Rest einer Ampel fliegen explosionsartig durch die Luft. Ein Boot liegt am Ufer, ein nackter Jüngling klammert sich an einem Felsen fest, ein anderer junger Mann springt mit einer Rauchrakete vom Himmel herab. Am Bildrand beobachtet ein Wolf das Szenario. Biskys Bild lässt viele Interpretationen zu. Ist es der biblische Weltuntergang? Und Gottvater springt vom Himmel, um die Welt zu retten?
Bisky wäre nicht Bisky, wenn er sich nach Jahren der Horror- und Katastrophenbilder nicht künstlerisch weiterentwickeln würde. Denn die Darstellung von Gewaltszenen ist für ihn zeitlich begrenzt gewesen. In den aktuellen Werken von 2014 findet sich kein Gewaltpotential mehr. Seine einst figurative Malerei tendiert jetzt zur Abstraktion mit wenig Gegenständlichem.

Norbert Bisky ist einer der wichtigsten zeitgenössischen deutschen Künstler. Er gilt als Vertreter eines Neuen Realismus der Postmoderne. Innerhalb der modernen Kunstrichtungen zählt er zu den figurativen Malern, der ausnahmslos mit Ölfarben auf Leinwand oder Baumwollgewebe arbeitet. Bisky blickt auf zahlreiche nationale und internationale Ausstellungen zurück. Seine Arbeiten sind in wichtigen Sammlungen und Museen vertreten, unter anderem im New Yorker Museum of Modern Art, Palm Springs Art Museum, Frissiras Museum Athen, Museum Ludwig Köln.

Die empfehlenswerte und hervorragend kuratierte Ausstellung „Norbert Bisky. Zentrifuge" ist noch bis zum 15. Februar 2015 in der Kunsthalle Rostock, Hamburger Straße 40, 18069 Rostock zu besichtigen.
Die Öffnungszeiten sind Dienstag bis Sonntag von 11-18 Uhr. Montag geschlossen
Zur Ausstellung erscheint im Verlag Hatje Cantz eine Publikation mit Essays von Kathleen Bühler, Hubertus Gaßner, Jeanette Zwingenberger und Dorothée Brill sowie zahlreichen Abbildungen, deutsch/englisch
www.kunsthallerostock.de


Abbildungsnachweis:

Header: Norbert Bisky. Foto: Michaela Kühn
Galerie:
01. Blick in die Ausstellung
02. Zentrifuge 2008, Öl auf Leinwand, 130x110 cm. © VG Bild-Kunst, Bonn 2014. Foto: Bernd Borchard
03. Ganz schön runter, 2004, Öl auf Nessel, 210x150 cm. © VG Bild-Kunst, Bonn 2014. Foto: Bernd Borchardt
04. Stadt des Teufels, 2007, Öl auf Leinwand, 150x100 cm. © VG Bild-Kunst, Bonn 2014. Foto: Bernd Borchard
05. Abzug, 2007, Öl auf Leinwand. Ausstellungsdansicht. Foto: Christel Busch
06. Colaba 4, (aus der Serie Colaba), 2009, Öl auf Leinwand, 70x50 cm. © VG Bild-Kunst, Bonn 2014. Foto: Bernd Borchard
07. Colaba 5, (aus der Serie Colaba), 2009, Öl auf Leinwand, 70x50 cm. © VG Bild-Kunst, Bonn 2014. Foto: Bernd Borchard
08. Befall, 2010, Öl auf Leinwand, 160x160 cm. © VG Bild-Kunst, Bonn 2014. Foto: Bernd Borchard
09. Blick in die Ausstellung. Foto: Christel Busch
10. Alles wird gut, 2009-11, Öl auf Leinwand, 280x500 cm. © VG Bild-Kunst, Bonn 2014. Foto: Bernd Borchardt
11. Quasar, 2014, Öl auf Leinwand, 300x250 cm. © VG Bild-Kunst, Bonn 2014. Foto: Bernd Borchardt. Courtesy: Galerie Crone, Berlin
12.Blick in die Ausstellung. Foto: Christel Busch

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