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Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2015


Bildende Kunst

ars viva 2014/15

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Freitag, den 02. Januar 2015 um 11:14 Uhr
ars viva 2014/15 4.5 out of 5 based on 110 votes.
Ars Viva

Der Eingang der Hamburger Kunsthalle war schon immer ein Ärgernis: Zu eng, und zu nüchtern.
Nun wird mit Hilfe einer 15-Millionen-Spende von Shoppingmall-König Alexander Otto endlich ein stolzes Entree geschaffen, doch anstatt die dem Hauptbahnhof gegenüberliegende Säulenrotunde dafür zu nutzen, wird der neue Eingangsbereich in den Altbau vis-à-vis der Galerie der Gegenwart gelegt. Ob das ein geschickter Schachzug ist, bleibt abzuwarten.

Die Museumsinsel jedenfalls ist derzeit gepflastert mit großen (bereits preisgekrönten) gelben Plakaten, die den Schriftzug „Weiter offen“ tragen und den Weg in die Galerie der Gegenwart weisen. Dieser Weg lohnt sich, denn dort sind derzeit die spannenden Arbeiten von Aleksandra Domanovic, Yngve Holen und James Richards, zu sehen. Die drei jungen Künstler, die ursprünglich aus Serbien, Norwegen und Wales stammen, sind alle Anfang 30, leben heute in Berlin und haben den diesjährigen „ars viva-Preis“ erhalten, eine Auszeichnung für Newcomer, die der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft seit 1953 alljährlich vergibt.

Aber damit noch nicht genug der Gemeinsamkeiten. Alle drei sind „Digital Natives“, wie Kuratorin Brigitte Kölle sagt, geboren in eine Welt, in der Computertechnologie und das Räubern des unerschöpflichen Bilderfundus aus dem World Wide Web so selbstverständlich sind, wie die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Doch wie sie damit umgehen ist ebenso erstaunlich wie spannend. Hat man erst einmal den Schock überwunden, in dieser Ausstellung in eine fast schon steril anmutende Laborsituation einzutauchen, entfalten die Videos, Objekte und Installationen eine ungeheure Assoziationskraft.

So setzt Aleksandra Domanovic in ihren Arbeiten über Geschlechterrollen, Medizintechnik und Science-Fiction-Filme auf das kollektive Gedächtnis, in dem Märchensymbole wie der rote (giftige) Apfel ebenso gespeichert sind, wie Bilder aus „Aliens“ oder „Blade Runner“. Ihre größte Arbeit füllt einen ganzen Raum aus: Der Besucher muss sich den Weg durch sieben riesige, von der Decke hängende, mit Satelliten und Rollstühlen bedruckten Folien den Weg bahnen. Das weckt Erinnerungen an intergalaktische Raumschleusen, aber auch an die grässlichen Plastiktrennwände in Schwimmbädern, an Schlachthallen und Krankenhäuser, an alle unwirtlichen Orte, an denen die transparenten Kunststoffbahnen Türen ersetzen.

Yngve Holen hingegen treibt mit seinen Objekten und Installationen die Perfektion und Anziehungskraft industrieller Produkte und Produktionsweisen zynisch auf die Spitze: Rinderrücken, per 3D-Scanner in Marmor gefräst, präsentiert er auf Laufbändern. Edelstahlglänzende Waschmaschinentrommeln als Skulpturen auf Sockeln. Schwarze Stoßdämpfer, gespickt mit den Nadeln, die man zur Taubenabwehr benutzt, verwandelte er im Handumdrehen in Fledermäuse, die mit ausgebreiteten Flügeln dem Besucher entgegen zu schweben scheinen. Holen führt hier nicht nur die unterkühlte Ästhetik der Industrieteile vor Augen, er führt mit seinem Witz und der Lust an Absurdität auch die Tradition von Dada und Marcel Duchamps Ready-mades ins 21. Jahrhundert.

James Richards, Jahrgang 1983 und damit der Jüngste im Bunde, ist Filmemacher. Doch er erzählt keine linearen Geschichten, sondern setzt aus gefundenem Material, oft auf Flohmärkten ergatterten Videos und DVDs, atmosphärisch einprägsame Filmcollagen zusammen. Visuelle Mosaike voller Poesie, die direkt aus dem Unbewussten schöpfen: Wolkenfetzen, Wassertropfen, eine amöbenartige Ursuppe, die rasche Fahrt kopfüber durch Baumwipfel, ein ständig einnickendes Schulmädchen und die Erklärungen einer strengen Kunstlehrerin, wie ein Auge zu zeichnen ist, verschwimmen so zu Traumsequenzen, die eine diffuse Unruhe hinterlassen. Man muss sie sehen, man muss sich damit beschäftigen, wie auch mit den anderen Kunstwerken dieser Schau. Doch je mehr man sich mit ihnen befasst, umso stärker entfalten sie ihren Reiz.

Die Preisträger ars viva 2014/15
Aleksandra Domanović, 1981 in Novi Sad (Serbien) geboren, hat an der Architekturfakultät der Universität Ljubljana und an der Universität für angewandte Kunst Wien studiert. In ihren Videoarbeiten, Skulpturen und Drucken beschäftigt sich die Künstlerin mit der Rezeption und Verbreitung von (Bild-) Informationen sowie dem Einfluss kulturgeschichtlicher Phänomene auf die eigene und kollektive Identität. Ihre Arbeiten erzeugen dabei häufig assoziative Ketten und setzen sich konsequent mit den digitalen Medien und der Geschichte Jugoslawiens auseinander, indem sie diese zitieren, archivieren und in neue Zusammenhänge setzen.

Yngve Holen, 1982 in Braunschweig geboren, studierte Architektur an der Hochschule für Angewandte Kunst Wien. Anschließend folgte ein Studium der Bildhauerei an der Städelschule in Frankfurt, wo er Meisterschüler bei Tobias Rehberger war. Holen beschäftigt sich mit industriellen Verfahren, die er adaptiert und in eine bildhauerische Sprache überträgt. Ausgangspunkte sind technische Ersatzteile oder klassische Warenobjekte, die ein handwerkliches, künstlerisches Verfahren durchlaufen. Holens Praxis kennzeichnet sich durch die Aneignung komplexer und gegenwärtiger (digitaler) Technologien, die auf skulpturaler und ästhetischer Ebene untersucht werden.

James Richards wurde 1983 in Cardiff (Wales) geboren und studierte zunächst an der Cardiff School of Art and Design. Später absolvierte er ein Studium am Chelsea College of Art and Design. In seinen Videocollagen verarbeitet er gesammeltes und eigenes Filmmaterial verschiedener Gattungen und verbindet es mit selbst arrangierten Sounds. So entstehenBild-Ton-Kompositionen, die eine eigene, nur
schwer einzuordnende Sprache sprechen und beim Betrachter Eindrücke des Vertrauten und zugleich Unbekannten hervorrufen. Seine Videoarbeiten arrangiert der Künstler dabei installativ im Ausstellungsraum.


Die Ausstellung „Ars Viva“ ist bis 19.2.2015 zu sehen in der Galerie der Gegenwart, Glockengießerwall, 20099 Hamburg
Geöffnet: Di-So 10-17.30 Uhr, Do bis 20.30 Uhr.
Die nachfolgenden Ausstellungsstationen sind: Bonner Kunstverein (7. März bis 17. Mai 2015) und Grazer Kunstverein (13. Juni bis 2. August 2015).
Hamburger Kunsthalle
Weitere Informationen zu den Preisträgern ars viva 2914/2015


Abbildungsnachweis:
Header: Aleksandra Domanović, „Little Sister II“, 2014, Lasergesintertes PA, Polyuretan, Soft-Touch und Aluminiumfinish, 9x11x22cm. © Courtesy the Artist and Tanya Leighton, Berlin. Foto: Georg Gaul
Galerie:
01. Aleksandra Domanović (*1981). Foto: Stefan Heinrichs
02. Yngve Holen (*1982). Foto: Julia Burlingham
03. James Richards (*1983). Foto: Robin Sinha
04. Yngve Holen, Sensitive 3 Detergent, 2014, Laugenbehälter, SLS-Druck, Autoemblem,, Socken, Wabenplatte, Doming-Aufkleber, 138x60x65 cm. © Courtesy the Artist and Johan Berggren, Gallery, Malmö, Galerie Neu, Berlin, Neue Alte Brücke, Frankfurt am Main and Stuart Shave/Modern Art, London/Foto: Nick As
05. James Richards, The Misty Suite, 2009, (Videostill), Digitales Video, Farbe, Ton, 6:47 Minuten. © Courtesy the Artist and Rodeo, Istanbul and London
06. Aleksandra Domanović, Things to Come, 2014, UV-Flachbettdruck auf Polyesterfolie, Sieben Panele, jeweils fünf Teile, Ausstellungsansicht. Gallery of Modern Art, Glasgow International. © Courtesy the Artist and Glasgow International. Foto: Alan McAteer
07. Yngve Holen, Economy Class Legs, 2014, Bedruckte Fensterfolie, Stoßstange, Wabenplatte, Bolzen, Video, Lasergravierter LCD-Bildschirm, USB-Stick, Wandhalterung. Ausstellungsansicht 032c Workshop, Berlin 2014. © Courtesy the Artist and Johan Berggren Gallery, Malmö, Galerie Neu, Berlin, Neue Alte Brücke, Frankfurt am Main and Stuart Shave/Modern Art, London. Foto: Nick Ash
08. James Richards, Not Blacking Out, Just Turning The Lights Off, 2011, (Videostill). Digitales Video, Farbe, Ton, 16:16 Minuten. Commissioned by Chisenhale Gallery. © Courtesy the Artist and Rodeo, Istanbul and London
09. Aleksandra Domanović, From yu to me, 2014 (Videostill), HD-Video, Farbe, Ton, 35 Minuten. © Courtesy the Artist and Tanya Leighton, Berlin
10. Yngve Holen, Extended Operations, 2013, Marmor, Bordmagazin, Teppich, Fluchtwegmarkierungssystem, Wabenplatte,
Bühnenelement. Ausstellungsansicht: Fridericianum, Kassel 2013. © Courtesy the Artist and Johan Berggren Gallery, Malmö, Galerie Neu, Berlin, Neue Alte Brücke, Frankfurt am Main and Stuart Shave/Modern Art, London. Foto: Achim Hatzius
11. James Richards, Practice Theory, 2006, (Videostill), Digitales Video, Farbe, Ton, 2:18 Minuten. © Courtesy the Artist and Rodeo, Istanbul and London.

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